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in hellem Gewande, jeßt halb verdedt, dann ganz verschwindend, dann wieder hervortauchend und vollkommen sichtbar, wie die glänzende Mondesfichel, die durch Wolfen segelt

. Sie büdte sich häufig nach feinen Gräsern und Moosen und schaute dann wieder an den Bäumen hinauf, in deren dichten Laubtronen hie und da noch ein Vöglein zirpte. So kam ste näher und trat jeßt aus dem Rande des Waldes in das rothe Abends licht, so daß sie wie von einer Glorie umflossen dastand. Dem Vater hüpfte das Herz beim Anblick seines Lieblings. So schön war sie ihm noch nie erschienen. Wie schlank und ziers lich die leichte Gestalt, und wie groß das dreizehnjährige Ding! Drdentlich wie ein erwachsenes Mädchen! Und wie kleidete fie der Eichenkranz, den sie lässig auf das hellbraune Haar gedrüdt hatte, das in fast zu üppiger Fülle anmuthiger Loden von dem schön geformten Haupte herabfloß!

Silvia, rief er, komm' her, Mädchen!

Komm' Du hierher, Papa, sagte das Kind, es ist hier viel schöner als vor der Thür; wir wollen noch ein wenig umherlaufen.

Der Förster hatte sich schon halb erhoben.

Du verziehst Deine Kinder, Friß, sagte der Anton in verweisendein Zone.

Ich glaube, Du hast Recht, erwiederte der Förster lächelnd, aber was ist da zu thun?

Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es, sagte der Andere.

Wenn der Onkel nicht mit will, so mag er bleiben, wo er ist, rief Silvia, die aus den Mienen der Männer den Inhalt ihres Gesprächs errathen hatte; ich habe ihn nicht zu kommen gebeten.

Schäme Dich, Silvia, rief der Förster.

In diesem Augenblice erschien eine kleine bewegliche Frauengestalt in der Hausthür. Das schmale, altjungferliche Gesicht, das von Gutmüthigkeit und dem Wiederschein des Küchenfeuers glänzte, war hie und da mit Mehlfleden betupft. Sie trug einen hölzernen Löffel in der Hand und rief, sos

fie die Schwelle betreten:

Frig, Anton, Silvia! Wo sind die Jungen? Das Essen ift in zehn Minuten fertig. Wo sind die Jungen?

Wo find die Jungen, Silvia? rief der Förster.

Dort, sagte Silvia, seitwärts in den Wald deutend, unter der großen Buche, ich will fie holen.

Thu' das, mein Mädchen! sagte der Förster. Komm', Anton, in der Laube ist gededt; ich wollte Dir meine Bienens stöde zeigen; wir haben noch eben Zeit.

Zweites Capitel. Leicht und anmuthig wie ein Reh lief Silvia in den Wald hinein, aber schon nach kurzer Zeit mäßigte sie ihre Schritte und blieb endlich stehen, unschlüssig, ob sie den ers haltenen Auftrag ausführen solle oder nicht. Hatte sie sich doch erst vor einer halben Stunde in hellem Zorn von den Knaben getrennt! glaubte sie doch vollauf Ursache zu haben, den Uebermüthigen zu zürnen! Freilich, der Leo war immer so stolz und hochmüthig, aber Walter, der sonst ohne die Schwester nicht leben konnte, der jeden ihrer Wünsche mit Freudigkeit erfüllte, ihr jede Laune nachsah, ja oft sich von ihr gutwillig quälen ließ – selbst Walter hatte den ganzen Nachmittag für fte feine Augen und Ohren gehabt. Das versteht ihr Mädchen nicht, hatte er mehr als einmal gesagt, wenn sie sich in das Gespräch hatte mischen wollen. Zulegt hatten sie sogar angefangen, lateinisch zu reden, blos, um sie zu fränken, blos, um sie ihre Unwissenheit fühlen zu lassen, denn sie konnten es offenbar selbst nicht, Leo noch so ungefähr, obgleich er auch nach jedem dritten Worte stodte; Walter aber

du lieber Himmel, was der Walter fich nur denkt? Auf der Censur, die er gestern mitgebracht hat, steht: Lateinisch mittelmäßig! Aber ich habe ihn auch daran erinnert, und da ift er roth geworden, und leo hat verächtlich gelächelt, wie er immer lacht, wenn er es nicht der Mühe werth hält, mir zu antworten. Und ich sollte den Ungezogenen wieder vor die Augen treten, mich noch einmal von ihnen verspotten und berhöhnen lassen? Nein, mag sie zu Tische rufen, wer mili, ich werde es nicht thun, ich nicht!

Silvia fühlte sich sehr beleidigt und dabei sehr zornig und sehr unglüdlich; fie nahm den Kranz, den sie vorhin, als sie durch den Forst schritten, gewunden hatte, von ihrem Haupte, zerriß ihn und warf die Blätter auf die Erde. Dann seßte sie sich in das Moos, drüdte das Gesicht in die flachen Hände und fing an zu weinen, bitterlich, leidenschaftlich.

Nach kurzer Zeit indessen erhob sie den Ropf wieder, schüttelte die Poden in den Naden und lachte: Die albernen Jungen, wie sie sich freuen würden, wenn sie mich könnten weinen sehen! Wie leicht hätte das geschehen können! Sie müssen hier vorbei!

Sie stand und lauschte. Sein Lüftchen regte fich. Die lautlose Stille hatte etwas Beängstigendes. Silvia legte die Þand auf das pochende Herz. Sollte sie wieder umwenden? Wenn die Knaben nicht mehr auf dem Plaße waren, wo sie fie verlassen hatte, und sie alein zurüdfehren müßte durch das dämmrige Revier? So hätten die Uebermüthigen doch Recht, daß alle Mädchen feig seien? Nicht Ade! Sie nicht!

So schritt sie weiter, und bald blickte das Zwielicht durch die hier am Rande weniger dicht stehenden Stämme. Sie hatte die Richtung gut getroffen. Da war die große Buche am Saum des Waldes, und da saßen auch die Knaben, wie fie sie verlassen hatte; leo, an den Stamm gelehnt, hinauss blidend in die Ebene, die im Abendschein verdämmerte; Walter, halb zu seinen Füßen in das Gras gelagert, den Kopf auf den gebogenen Arm stüßend, hinaufschauend in den lichten Himmel und in die dunklen Augen seines Freundes.

Und wo liegt denn dies land mit den armen, wilden Menschen?

Nördlich vom Orangefluß erstredt es sich in unendliche Ferne, erwiederte Leo und deutete mit der Hand nach dem Horizont; hier ein Dorf und da eins, aber alle meilenweit von einander entfernt, wie Inseln in diesem Ocean von grasigen Steppen, in denen Strauße und Antilopenheerden schweifen. Wer sich da hineinwagt, hinter dem schlägt das mannshohe Gras zusammen wie die Wellen über dem Ertrinkenden. Er muß sich auf Alles gefaßt machen; Leben und Tod müssen ihm wie zwei Brüder sein. So steht es in der Broschüre, die mir der Schulmeister geliehen hat. Die Zahl der Missionäre hat sich mit jedem Jahr verringert, und deshalb fordert der englische Missionsverein Ade, die den Beruf in fich fühlen, das große angefangene Werk fortzuseßen, auf, sich zu melden. Ich fühle den Beruf in mir, und ich werde mich melden, sobald meine Zeit gekommen ist.

Aber Du verstehst ja kein Englisch, Leo!
Ich werde es lernen.

Du wirst in jenen ländert, nicht leben können. Du kannst große Sonnenhiße gar nicht gut vertragen.

Ich werde mich abhärten.

Walter fonnte diesem neuesten Plane des planreichen Freuns des keinen Beifall schenken. Er konnte sich nicht denken, daß man außerhalb des Waldes, in welchem feines Vaters Haus lag, glüdlich leben könne. Wenn's aus den Ferien wieder zur Schule ging und der Leiterwagen mit den zwei munteren Braus nen luftig auf der Chaussee dahinrasselte, da hatten seine Blide sehnsuchtsvoll an dem sieben Wald gehangen, und an einer bestimmten Stelle, wo die Chaussee eine scharfe Biegung machte, und eine Hügelkette die Aussicht auf seine Heimath verdeckte, waren ihm noch jedesmal die Thränen in die Augen gekommen. Und dann wie hatte er sich stets von den Schulbänken und den engen Gassen der Stadt und aus den drückenden Wänden seines Zimmerchens hinaus gesehnt in das grüne Revier nach Sonnenschein und Regenrauschen und Faltenschrei! Wie hatte ihm das Herz geklopft, als er gestern mit dem Ränzel auf dem Rücken nach Hause wanderte, um nicht wieder zur Sc

zurüdzukehren, und endlich, endlich die langen vier Meilen durchmessen waren und der Bergrücken auftauchte mit dem weißschimmernden Schloß, das sich so prächtig abhob von dem Walde, der von hier aus meilenweit die Hügel bedeckte, dem dunklen Walde, seinem Walde — dem Walde, der in seinem kühlen Schatten Alles einschloß, was dem Anaben lieb und werth und schön und heilig war.

Ich könnte mich nicht von hier trennen, sagte Walter.

Du hast es auch nicht nöthig, erwiederte der Andere. Du hast ja hier, was Du bedarfst — für jeßt und für die Zukunft. Wenn Du ausgelernt und dann vielleicht dem Vater ein paar Jahre zur Seite gestanden hast, wird er sich zur Ruhe feßen und Dir sein Amt abtreten. Sollte es dann noch an etwas fehlen, so wird der gnädige Herr aushelfen. Nein, Walter, für Dich ist gesorgt; Du hast, wo Du Dein Haupt hinlegen kannst. Aber mit mir ist es anders. Mein Vater ist arın und kränklich; ich fürchte, er wird nicht lange mehr leben. Wenn er stirbt, so stehe ich allein; ich muß mir meinen Weg durch die Welt bahnen; ich will es und werde es. Aber nicht für mich; ich denke nicht an mich. Ich will gelehrt werden, damit ich Andere lehren; ich will stark sein, damit ich Andere stüßen; ich will klug sein, damit ich Andern rathen kann. Darum möchte ich der Bapst zu Rom sein, oder zum wenigsten Jes suiten-General. Da könnte man im Großen und Ganzen thun, mas wir Kleinen im Kleinen und Einzelnen thun müssen. Aber auch so darf man nicht müßig sein. Die Ernte ist groß, und wir Ade sind zu Schnittern berufen. Vielleicht, daß ich zu den wenigen Auserwählten gehöre. Ja, Walter, ich gestehe es Dir. Manchmal ist es mir, als ob ich eine grenzenloje Kraft in mir spürte, als ob ich nur zu wollen brauchte - und ich könnte Berge verseßen, es nur auszusprechen brauchte, und siehe, es müßte Alles so geschehen! Da pocht es mir in den Schläfen, meine Bruft ist voll, als wollte sie zerspringen, ich möchte weinen, ich möchte laut aufschreien vor Schmerz und Luft. Und ach, ich darf das Alles ja Niemandem sagen,

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