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ZWEITE ABTEILUNG FÜR GYMNASIALPÄDAGOGIK UND DIE ÜBRIGEN

LEHRFÄCHER

MIT AUSSCHLUSZ DER CLASS18CHEN PHILOLOGIE

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. RICHARD RICHTER.

1. ZUR ERSTEN ORIENTIERUNG ÜBER DEN GESCHICHTS.

UNTERRICHT.

Durch die allgemeinen lehrpläne vom j. 1892 werden zwar für die entsprechenden stufen aller arten böherer schulen in Preuszen dieselben geschichtlicben lehraufgaben festgesetzt, aber thatsächlich besteht, wie sich noch zeigen wird, insofern ein nicht ganz unerheblicher unterschied, als gymnasium und realanstalten nicht alle methodischen mittel gemein haben, um das für beide vorgeschriebene lebrziel zu erreichen.

Dieses selbst schlieszt in der amtlichen fassung eine doppelte aufgabe ein: die aneignung geschichtlicher kenntnisse und die entwicklung des historischen sinns.

Was die erstere anlangt, so nötigt natürlich die unermeszliche fülle dessen, was in dem der gescbichtswissenschaft zugänglichen zeitraum von 6 bis 7 jahrtausenden geschehen ist, zu einer einschneidenden auswabl. der allgemeine lehrplan låszt unter stillschweigender ausschlieszung aller prähistorischen thatsachen nur die epochemachenden ereignisse der weltgeschichte übrig, eine formulierung, die trotz der ibr anhaftenden dehnbarkeit doch eben möglichste energie in der einschränkung gebietet.

Gleicbe zustimmung verdient die besonders in der erhöhten zahl der jahrescurse zum ausdruck gebrachte bestimmung, wonach fortan die geschichte der neueren zeit und hier wieder besonders die unseres vaterlandes vor allen andern abschnitten der geschichte bevorzugt werden soll. hüten wir uns freilich, den nationalen gesichtspunkt allzu sehr auf kosten des pädagogischen zu betonen. das, was für die jugend das bestgeeignete und förderlichste ist, entspricht auch am meisten dem richtig verstandenen nationalen' interesse. dürfte es daber als ausgemacht gelten, dasz die geschichte des classischen altertums für die schüler verständN. jahrb. f. phil. u. päd. II. abt. 1895 hst. 1.

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licher und zugleich in ansehung ihrer gesamten geistigen entwicklung nutzbringender wäre, so müste ihr der lange gegönnte vorzug im unterricht auch fernerhin erhalten bleiben. nun glaube auch ich zwar, dasz sie sich in der that durch die gröszere übersichtlichkeit ihres begrenzten schauplatzes und durch gröszere einfachbeit ihrer erscheinungen auszeichnet, schlage aber im einverständnis mit dem lehrplan diese vorzüge nicht hoch genug an, um sie nicht durch das unmittelbare patriotische interesse an unserer eignen volksgeschichte für mehr als ausgeglichen zu erachten. denn der erste anspruch an die schule bleibt doch, dasz sie die zöglinge zur künftigen mitarbeit an den aufgaben ihres volkes vorbereite. um dies zu vermögen, wirkt sie planmäszig darauf hin, die geistigen und sittlichen anlagen des schülers zu wecken, zu stärken und zu veredeln. wenn nun an diesem obersten unterrichtszweck alle lebrfächer, das eine mehr, das andere weniger, beteiligt sind, so fällt dem geschichtsunterricht noch die besondere aufgabe zu, über die öffentlichen zu. stände der gegenwart zu orientieren, um damit zugleich ein verständnis für die erfordernisse der nationalen zukunft anzubahnen. soll aber hinwieder diese orientierung einigermaszen gründlich ausfallen, so musz auf die nähere und fernere vergangenheit zurückgegriffen werden, insbesondere auch auf die geschichte der Griechen und Römer, sofern diese völker zweimal, am anfang und am ende des mittelalters, die gesamtentwicklung Europas in politik und cultur entscheidend beeinfluszt haben und noch immer beeinflussen. allein immer bleibt doch das zu erklärende die neuere und neueste geschichte -- wichtiger als das erklärende, die ferner liegende vergangenbeit. genug, wenn es vor 1870 wohl üblich war, den unterricht mit dem Jahre 1815 abzubrechen und somit auf jede verbindung mit der näcbsten gegenwart zu verzichten, so mochte man diese unterlassungssünde allenfalls mit der unerquicklichkeit und unfertigkeit unserer öffentlichen zustände entscbuldigen, aber damit hörte sie doch nicht auf, eine unterlassungssünde und zwar eine gröbliche zu sein.

Wenn dann ferner eine pragmatische behandlung des geschichtsstoffes verlangt wird, so klingt das wie eine selbstverständliche forderung, obne es jedoch zu sein; oder bat es an lehrern gefehlt, die sich mit dem traurig öden geschäft befaszten, ibren armen opfern eine obendrein wohl noch übermäszige summe von einzelnen daten, namen und zahlen in bequemem anschlusz an irgend eine dürre, mehr oder weniger zusammenbanglose geschichtstabelle gedächtnismäszig einzuquälen? man weisz, wie das schwesterfach der geschichte, die geographie, dieses loos tabellarischer misbandlung geteilt bat, heute scheint überall auch in der praxis dieses schulmartyrium der einsicht gewichen zu sein, dasz beide fächer erst durch ihre fähigkeit zur begründung der in ihren untersuchungskreis fallenden erscheinungen ein existenzrecht im stundenplan einer höheren schule gewinnen. dasz die verschiedenen classenstufen auch ein ganz verschiedenes masz von pragmatik fordern und vertragen, versteht sich von selbst. aber schon im einführenden unterricht der VI und V låszt sich das verständnis für geschichtliche zusammenhänge und wechselwirkungen anbabnen und pflegen. anderseits balte sich der lebrer in diesein bestreben auch auf den obersten stufen in den sachlich und didaktisch gegebenen grenzen. er vergesse nicht, dasz es eine erschöpfende begründung geschichtlicher thatsachen überhaupt gar nicht gibt, insbesondere soweit es sich um ibre psychologische vorgeschichte handelt. niemand vermochte oder vermag mit sicherheit in der seele eines menschen zu lesen, noch verdienst und schuld in seinem wollen und bandeln untrüglich zu würdigen, niemand mit sicherheit zu sagen, dieses oder jenes motiv, ob ebrgeiz oder patriotische hingebung oder beides, hat Caesar bewogen, über den Rubicon zu geben, niemand weisz das gebeimnis aufzudecken, wie und wie weit vererbung, erziehung und freier wille den charakter und das tbun des menschen bestimmen.

Aber auch abgesehen von diesen mängeln, die der geschichtswissenschaft als solcher anhaften, ist es aus gründen stofflicher schwierigkeit auch auf den obersten classenstufen nicht immer angängig, geschichtliche vorgänge und zustände zu anschaulichem verständnis zu bringen, es sei denn, dasz man eine ganz ungebührliche zeit darauf verwendete. denken wir beispielsweise an die voraussetzungen, die entstehung und die wirkungen des deutschen zollvereins. ich kenne kein schulbuch, worin diese verwickelte materie wirklich klar dargelegt würde, und ich glaube, es gibt auch keinen lehrer, der sie in der dafür höchstens verfügbaren zeit seinen schülern klar machte; setzt sie doch, um wirklich klar zu werden, viel zu viel bandels- und finanzgeschichtliche specialkenntnisse voraus. auf solcbe fälle aber, wo selbst in den höheren classen die behandlung notgedrungen unpragmatisch und undeutlich bleiben musz, wird der geschichtslehrer recht oft stoszen.

Die zweite forderung des allgemeinen lebrziels betraf die entwicklung des historischen sinns. was mag darunter verstanden sein? man könnte wohl antworten: 'bistorischer sivn' bedeute im grunde dasselbe wie philosophisches interesse, da er nicht blosz das wesentliche merkmal der ermittlung von ursache und wirkung mit dem letzteren begriff teile, sondern auch seinem umfange nach gleich diesem sich auf die totalität des seins richte, sofern es ja nichts gebe, was nicht eine geschichte bätte. aber im einklang mit dem sprachgebrauch schränken wir ihn doch in ansehung der erscheinungen, die er umfaszt, auf die schicksale und zustände der menschbeit ein und verstehen darunter nun zunächst die gewöhnung und neigung, aus eignem antriebe zu fragen, wie sie geworden sind. dieses selbstthätige und interessierte forschen wird nun zu der allgemeinen erkenntnis fübren, dasz, wenn einzelne episodische ereignisse oder ereignisgruppen von volks- oder weltgeschichtlicher bedeutung wohl von der willkür eines einzelnen oder einzelner geschaffen sein mögen (so etwa die vergewaltigung der Niederlande durch Philipp II, Ludwigs XIV eroberungskriege, die roben, mechanischen staatenbildungen Napoleons), so doch fast alle groszen geschichtlichen thatsachen und entwicklungen von dauer in den stimmungen und bedürfnissen eines volkes ihre breitere grundlage haben. so entsteht im allgemeinen ein wünschenswerter respect vor dem geschichtlich gewordenen als etwas tiefgewurzeltem, oder negativ ausgedrückt, eine gewisse scheu vor radicalem besserwissen und ändernwollen. es bat zeiten gegeben, denen dieser historische sinn so gut wie völlig abbanden gekommen war, so der generation, die in der französischen revolution rücksichtslos mit aller überlieferung brach; wir schätzen uns glücklich, dasz wir uns die guten früchte der revolution wenigstens groszenteils in den Steinschen reformen anzueignen verstanden, ohne einen gewaltsamen bruch mit der vergangenheit zu vollziehen, wenn man freilich nachmals in weiten kreisen unseres volks sich darin gefiel, an den französischen verfassungszuständen wie an einer allgemeingültigen schablone unsere heimischen einrichtungen zu messen, so verfiel man auch bei uns in den gleichen fehler ungeschichtlicher auffassung. aber eben der historische sinn unseres volkes, den es in reicherem masze als seine neuerungssüchtigen westlichen nachbarn von der natur mitbekommen hat, und den unsere groszen historiker, so Möser, Niebuhr, Savigny, Grimm, Dablmann, Ranke, Roscher und ihre nachfolger pflegten, hat es doch wenigstens vor thatsächlichen imitationen in dieser richtung glücklich bewahrt. 'eines schickt sich nicht für alle', musz der grundsatz für eine richtige individuelle auffassung der einzelnen menschen wie der einzelnen völker sein. wenn sich aber diese geschichtliche sinnesrichtung nicht mit radicalen anschauungen, wie der socialdemokratischen oder hier zu lande und anderswo der antimonarchischen, verträgt, so schlieszt sie doch keineswegs das entschiedene streben nach reform aus. anderseits verkennt sie auch nicht die gegenseitige abhängigkeit, die alle culturvölker der erde im austausch ihrer ideellen und materiellen güter umfaszt; frei von chauvinistischer selbstüberschätzung, aber auch frei von dem viel bäszlicheren und schädlicheren gegenteil, an dem leider weite kreise gerade unseres volkes trotz aller seiner siege und ebren in alter und neuer zeit noch immer kranken, wird sie in dem glauben gipfeln, dasz von gott der ganzen menschheit in ihrer allseitigen vervollkommnung eine einheitliche aufgabe gesetzt sei, an der ibre glieder, die völker und staaten, jedes an seinem teil gebend und nehmend mitzuwirken baben. ich denke, diese merkmale: die immer bereite teilnehmende frage nach dem werden geschichtlicher zustände und begebenbeiten, der bedingte respect vor dem gewordenen, die einsicht in die wechselseitige abhängigkeit aller culturvölker, die nationales selbstbewustsein zugleich begründet und einschränkt, der glaube an eine der ganzen menschbeit zugeteilte unendliche gesamtaufgabe machen wesentlich den begriffsinhalt dessen aus, was der lehrplan geschichtlichen sinn nennt.

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