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einen völlig phantastischen Mythos schafft.1) Es ist die Brutalität, mit welcher alles frühere Denken, sei es metaphysisch oder ethisch, und alles historische Wissen auf den Kopf gestellt wird. So sehr Nietzsche die Metaphysiker als ,,Hokuspokusmacher," als,,wunderliche Schauspieler und Selbstbetrüger," ja als Hanswurste verhöhnt, so dogmatisch-spekulativ bleibt doch seine eigene Methode, mit der er die Thatsachen der Paläontologie und Soziologie vergewaltigt und ihnen sein Erklärungsprinzip in künstlicher Dialektik,,suggeriert." So sehr er selbst Schopenhauer als,,psychologischen Falschmünzer" schilt, so dilettantisch eifrig strebt er ihm doch nach; denn was ist sein,,Wille zur Macht" als Agens in der Natur anderes als eine Schopenhauer nachgebildete Phrase? Und während dieser mit dem ,,dummen, blinden Willen" den Weltprozeß beginnt, fängt Nietzsche mit der vollendetsten Ausprägung des,, Willens zur Macht" in der Urzeit an; denn damals war Leben Macht, d. h. „Aneignung, Verletzung, Überwältigung des Fremden und Schwachen, Härte, Aufzwängung eigener Formen, Ausbeutung," kurz Bosheit und raffinierte Grausamkeit. Das Unglück der Menschheit bestand in dem allmählichen Siege des Geistes über die,,blühende Leiblichkeit;",,die Instinkte bekämpfen müssen, das ist die Formel für Dekadence;" ,,Leidensehen thut wohl, Leidenmachen noch wohler;",,es ist zu Ende mit dem Menschen, wenn er altruistisch wird; es fehlt am Besten, wenn es an der Selbstsucht zu fehlen beginnt;" Mitleid ist Dekadence, ist,,Sklavenmoral." Die ,,blonde Bestie," die freilich nur in der kranken Phantasie Nietzsche's, nie in Wirklichkeit, gelebt hat, ist das Ideal; an seine Seite tritt die,,schwarze Bestie," der Verbrecher-Typus, ein krank gemachter starker Mensch, ein „Übermensch" wie Cesare Borgia, oder wie die ,,Synthesis von Unmensch und Übermensch," ,,das fleischgewordene Problem des vornehmen Ideals an sich," Napoleon!,,Nichts ist wahr, alles ist

1) Vgl. die trefflichen Aufsätze:,,Friedrich Nietzsche's Weltanschauung und ihre Gefahren" von Ludwig Stein, ,,Deutsche Rundschau" März und Mai 1893. Ich möchte aber Nietzsche's Lehre nicht ,,Neo-Cynismus“ wie Stein nennen, da die Kyniker doch immer die Tugend als Ideal festhielten, so karikiert das Bild des Sokratischen Weisen auch bei ihnen ist und so wenig sie auch auf das decorum im äußerlichen Sinne gaben, sondern Nietzsche's Lehre von der Herrenmoral ist nichts als aufgewärmte alte sophistische Weisheit, wie ich an anderer Stelle nachweisen werde.

erlaubt."

Das ist die Metaphysik, das ist die Geschichtspsychologie und die Sozialethik des neuesten deutschen Philosophen, dem bereits eine zahllose Jugend zujauchzt, als ob durch ihn nicht unser ganzes Deutschtum, unser ganzes geistiges Wesen auf das Schnödeste geschändet würde, als ob nicht die Sprache, in der ein Kant und ein Fichte geschrieben haben, trauernd ihr Haupt verhüllen müßte, weil ihrem edlen Instrumente mit so virtuoser, aber frevler Kunst die krassesten Disharmonien entlockt wurden! Freilich ist es leicht und bequem, zu sagen: Nietzsche hat nur ein pathologisches Interesse! Mögen bei ihm auch Genie und Wahnsinn ineinander rinnen, er beginnt eine Macht zu werden mit seinen Irrlehren, und darum beanspruchte er auch in unserer Betrachtung einen verhältnismäßig größeren Raum. Es gährt in unserer Jugend, und je weniger das „, verwüstete" Gymnasium noch in der Lage sein wird, festes Wissen, die Grundlage alles geistigen Seins, zu übermitteln, um so gefährlicher werden die blendenden Schlagwörter. Je unfertiger, unreifer ein Mensch ist, desto leichter erliegt er dem fanatischen Götzendienste falscher Propheten, mögen diese nun den Sozialismus oder Antisemitismus oder Materialismus oder die Herrenmoral Fr. Nietzsche's auf ihre Fahne schreiben.

Es ist ernstliche Gefahr, daß unsere deutsche Volksseele Schaden leide; es bedarf der Erneuerung des Idealismus, es bedarf auch in der Philosophie einer neuen großen, schöpferischen Kraft, welche die Spannungen der Gegenwart löst und die Errungenschaften der exakten Forschung mit den Forderungen des geistigen und sittlichen Innenlebens versöhnt. Und wohl mehren sich die Anzeichen eines Aufblühens der Philosophie, mehren sich die Symptome der Unzufriedenheit mit der geistlosen, weil die Natur entgeistigenden, materialistischen, atheistischen Weltanschauung; aber neben dieser idealistischen Strömung, der vielleicht die Besten unseres Volkes folgen, giebt es so viele Unterströmungen, welche in die Tiefe zu reißen drohen, daß sie geringachten nicht bloß Schwäche, sondern ein Vergehen ist; der Pessimismus ist mehr als Kinderkrankheit oder Katzenjammer, das Nietzschetum ist mehr als der Traum eines kranken Hirns. Es gilt, nicht den Kopf in den Sand zu stecken, wie der Vogel Strauß, d. h. sich zu vergraben in die guten Alten und die Gegenwart zu vergessen und

sich selbst zu überlassen, sondern es gilt, die falschen Götzen zu stürzen; es gilt, den Jüngsten, die nichts gelernt haben, zu zeigen, wozu das Lernen nütze ist, daß so exakt naturwissenschaftlich realistisch sie zu sein wähnen, sie sich doch Träumen, Utopien hingeben, Utopien hingeben, wenn sie auf die Tagesgrößen wie Hartmann und Nietzsche schwören, daß nur unklare Köpfe von den frechen Metaphern des Übermenschen, des Europäers von übermorgen, der Herrenmoral, des Jenseits von Gut und Böse u. s. w. sich knechten lassen.

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Schluss.

Es ist ein weiter Weg, den wir durchwandert haben, der Weg, der von der kindlichen Phantasie zu den Höhen der philosophischen Spekulation und der von Thales und Platon zu Hegel und Schopenhauer und hinab zu Nietzsche führte. Hatten wir es uns als Aufgabe gesetzt, die philosophischen Momente in dem Begriffe des Metaphorischen und die bedeutsame Rolle, die dieser Begriff in alter und neuer Philosophie gespielt hat, klarzulegen, so weitete sich, was dazu nur als Einleitendes dienen sollte, wie von selbst zu eigenen Kapiteln aus, die freilich aus diesem Grunde den Charakter der Skizze nicht verleugnen konnten, und andererseits galt es, bei den einzelnen, in sich so reichen Systemen, wie in imposanter Fülle die geistige Arbeit von Jahrtausenden sie geschaffen hat, nur die wichtigsten Hauptmomente herauszuheben. Dies sei denen gegenüber betont, welche selbst vielleicht dieses oder jenes System Schritt für Schritt durchwandert haben und daher Einzelheiten ungern vermissen werden, auf die ich verzichten mußte. Weiß ich doch aus Erfahrung, wie schwer es dem eingefleischten Spezialisten wird, liebgewordene Details allgemeineren Gesichtspunkten zu opfern und bei der Erörterung des Einzelnen das Wesentliche von dem Unwesentlichen zu scheiden.

Doch werfen wir noch einen kurzen Blick auf den Gang unserer Betrachtungen zurück!

Wir gingen aus von der Denkart und Ausdrucksweise des Kindes und von dem Leben der Sprache überhaupt. Es ergab sich uns, daß die Metapher den Grundstock der Sprache bildet, ja, daß jedes Wort ursprünglich ein Tropus ist. Daraus folgte, daß die übliche Erklärung der alten und neuen Rhetorik und Poetik, die Metapher sei ein Mittel der Redekunst und ein dichterischer Schmuck, eine völlig äußerliche ist und den Kern der Sache nicht

trifft, ebenso wenig wie die Theorie von dem verkürzten Gleichnis. Es trat uns somit das Problem gegenüber, wie diese sprachliche Erscheinung, welche von frühe an bei jedem Kinde sich kundthut und die in ewigem Werden begriffene Sprache heute, wie ehedem, durchzieht, auf ein allgemeineres Prinzip zurückzuführen sei, ob nicht der Metapher verwandte Erscheinungen auch sonst in unserem geistigen Leben hervortreten.

Wir mußten also tiefer graben, um die Wurzel dieser sprachlichen Ausdrucksweise, dieser Einsetzung des Bekannten für das Fremde, des Sinnlichen für das Geistige und des Geistigen für das Sinnliche in unserem Menschenwesen selbst aufzufinden.

Wir erkannten die Macht der Analogie in den psychologischen Vorgängen, bei allen Assoziationen der Vorstellungen und fanden die Quelle der wechselweisen Übertragung der Sphären des Geistigen und Sinnlichen in unserer Doppelnatur selbst, die ja nichts anderes als Verkörperung des Geistigen und Vergeistigung des Körperlichen ist. Daraus ergiebt sich mit innerer Notwendigkeit als Schema aller Welterklärung unser eigenes physisch-psychisches Sein und die Nötigung, was wir an und in uns erleben und das ist ja das Gewisseste, ja Einzig-Gewisse -, auf die in ihrem Grunde uns fremden und rätselhaften Dinge zu übertragen, in dem Äußeren, das uns entgegentritt, ein Inneres vorauszusetzen.

Und diese Nötigung bezeichneten wir mit dem Anthropozentrischen, dem Metaphorischen im engeren Sinne. Es verrät sich in der Personifizierung der Gegenstände, wie sie das Kind übt, und in der Beseelung, die so alt wie die Poesie ist und ewig bleiben wird, so lange der Mensch die Außendinge in sein Inneres aufnimmt und sie mit seiner schöpferischen, d. h. geistig umgestaltenden Einbildungskraft umspinnt. War diese mächtig in der grauen Vorzeit lesen wir doch gleich in den ersten Kapiteln der Genesis von der Sünde, die wie ein lauerndes Tier vor der Thür ruht und Einlaß haben will ins menschliche Herz, von dem vergossenen Bruderblut, das zum Himmel schreit, von der Erde, die ihren Mund aufthut so war und ist sie auch mächtig in der Phantasie der Naturvölker und der Kinder und aller derer, die mit künstlerischem, beseelendem Auge in die Welt schauen und in der Sprache der Anschaulichkeit reden, also besonders der Dichter.

Da es nun einmal Gesetz unserer seelischen Organisation ist,

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