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wie viel Voraussetzungen bereits im Innern des Menschen vorhanden sind. Daraus folgt, daß alles, was man nicht begreift, personifiziert wird. Auf der frühesten Stufe kann von einem Naturverständnis nicht die Rede sein; und daher wird der neue Gegenstand ohne weiteres mit einer schon vorhandenen Vorstellung identifiziert. Die ursprüngliche Vorstellungsform ist daher die Metapher. Und so führt er denn (leider kann ich mich nur an Weber's Übersetzung halten) in jenem Kapitel Folgendes aus: Von den Urtropen ist die lichtvollste und, weil lichtvollste, notwendigste und häufigste die Metapher, welche dann das meiste Lob erhält, wenn sie den sinnenlosen Dingen Sinn und Leidenschaft verleiht; die Urdichter legten den Körpern die Natur beseelter Wesen bei, jedoch nur insoweit empfänglich, als sie selbst es waren; so erschufen sie die Mythen, so daß jede solche Metapher ein kleiner Mythos ist. Die ältesten Philosophieen (Mythen) sind demnach durch Vergleichungen, die von Körpern hergenommen sind, auf die Bezeichnung von Akten des abstraktesten Denkens übertragene Metaphern. In allen Sprachen ist die Mehrzahl der Ausdrücke für unbeseelte Gegenstände durch Übertragungen von dem menschlichen Körper und seinen Teilen, von den menschlichen Sinnen und den menschlichen Leidenschaften gebildet: als da sind Haupt für Gipfel und Anfang, Stirn und Schultern für vorn und hinten, Augen, an den Weinstöcken und in den Häusern das hereinbrechende Licht (occhi di fenestra), Mund für jedwede Öffnung, Arm von einem Flusse, Busen vom Meere u. s. f. u. s. f. Dies alles geht notwendig aus jenem Grundsatze hervor, daß der unwissende Mensch sich zur Richtschnur des Universums macht, sowie er in den aufgeführten Beispielen aus sich selbst eine ganze Welt gemacht hat. Denn wie die Metaphysik der Vernunft lehrt: homo intelligendo fit omnia, so zeigt die Metaphysik der Phantasie: homo non intelligendo fit omnia. Vielleicht liegt mehr Wahrheit in diesem Worte als in jenem; denn mit der Einsicht in die Dinge klärt der Mensch seinen Geist auf und begreift sie selbst; aber durch die Nichteinsicht macht er aus sich die Dinge selbst, und indem er sich in sie verwandelt, wird er sie.

Wenn die Urdichter den Dingen nach den besondersten Ideen Namen gaben, so entstand die Synekdoche, wenn nach den sinnlichsten, so die Metonymie. Die Gegenstände werden statt

ihrer Formen und Eigenschaften genannt, weil man diese noch nicht zu abstrahieren vermochte. Wird die Ursache für die Wirkung gesetzt, so entstehen kleine Mythen, mittelst deren die Ursachen gedacht wurden als weibliche in ihre Wirkungen gekleidete Wesen, dergleichen sind die schmutzige Armut, das traurige Alter, der blasse Tod.

Die Synekdoche ging späterhin in die Metapher damit über, daß sich das Besondere zum Allgemeinen erhob oder sich Teile mit anderen zusammenfügten, um mit denselben ihr Ganzes auszumachen. So wurde Haupt statt Mensch gesetzt, weil man in den Waldgebüschen nur jenes hervorragen sah, ebenso puppis oder velum statt navis.

Die Ironie konnte sicherlich nur in den Zeiten der Reflexion aufkommen.

Durch alles dieses ist darg ethan, daß alle Tropen, welche insgesamt auf diese vier sich zurückführen lassen, während sie bisher für geistreiche Erfindungen der Schriftsteller gehalten wurden, vielmehr notwendige Weisen gewesen sind, in welchen sich alle poetischen Urvölker deutlich zu machen suchten, und daß sie in ihrem Ursprunge die ganze ihnen einwohnende Eigentümlichkeit geübt haben. Aber nachdem damit, daß der menschliche Geist sich weiter entfaltete, diejenigen Ausdrücke gefunden wurden, welche abstrakte Formen oder Gattungsbegriffe bezeichnen, sind dergleichen Redeweisen der ersten Völker zu Übertragungen geworden; und so müssen jene zwei allgemeinen Irrtümer der Grammatiker entwurzelt werden, daß der Ausdruck der Prosaiker eigentlich, der der Dichter hingegen uneigentlich sei, und daß der Ausdruck in Prosa der erste gewesen, der spätere der poetische.

So, sehen wir, legt Vico energisch die Axt an die Wurzel der landlänfigen Vorurteile; er begreift, dass das Metaphorische kein äusserlicher Schmuck, keine Fiktiori ist, sondern eine notwendige Form der Anschauung, dass in der Vermenschlichung alles Gegenständlichen die Urpoesie der Völker, der Mythos und die Sprachschöpfung ihren Quellpunkt haben. Er schränkt die Zahl der Tropen auf vier ein, scheidet zugleich aber die letzte als ein reflektiertes Erzeugnis der späteren Zeit selbst aus und ver

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kennt nicht, wie die übrigen drei in einander überfliessen, so dass Vico dem Aristoteles sich unbewusst anschliesst, der sie in dem Namen pletacopo (Tpomoc) zusammenfasste.

Ähnliche Grundanschauungen wie bei Vico, und zwar nicht minder unter einem Schutt von Abstrusitäten, finden wir bei Jean Paul. Es kann nicht wunder nehmen, dass dieser virtuose Geist, dessen ganzes Denken und Sprechen gleichsam nur eine Metapher war, das wurzelhafte Wesen dieses seines wichtigsten Instrumentes tiefer als gemeinhin üblich erfasst hat.

Er bewundert an dem ,, bildlichen Witz“ die Zauberei der Phantasie, er betetan „jene unbekannte Gewalt, welche mit Flammen zwei so spröde Wesen, wie Leib und Geist, in ein Leben verschmelzte“ und „in und ausser uns dieses Veredeln und Vermischen wiederholt, indem sie uns nötigt, ohne Schluss und Übergang aus der schweren Materie das leichte Feuer des Geistes zu entbinden, aus dem Laut den Gedanken, aus Teilen und Zügen des Gesichts Kräfte und Bewegungen eines Geistes und so überall aus äusserer Bewegung innere."

Er nennt die einander gleichenden Metaphern aller Völker ,,Sprachmenschwerdungen der Natur;“ und da es kein absolutes Zeichen, ebenso wenig wie eine absolute Sache, giebt, sondern jede nur „bedeutet und bezeichnet,“ so ist „im Menschen das göttliche Ebenbild, in der Natur,“ die Jean Paul anderen Ortes als in „ewiger Menschwerdung begriffen“ hinstellt, „das menschliche". Wir wohnen gleichsam auf einer Geisterinsel,“ in der nichts leblos und unbedeutend ist; ,,und alles zeigt über die Geisterinsel hinaus, in ein fremdes Meer hinaus.“ Und so kommt er zu dem grandiosen Bilde: „Diesem Gürtel der Venus und diesem Arme der Liebe, welcher Geist an Natur wie ein ungeborenes Kind an die Mutter heftet, verdanken wir nicht allein Gott, sondern auch die kleine poetische Blume, die Metapher. Dieser Name der Metapher ist selber eine verkleinerte Wiederholung eines Beweises."

Und doch ist diese kleine poetische Blume gross genug, ihren Duft zu breiten über Aussen- und Innenwelt; denn der bildlich Witz kann entweder den Körper beseelen oder den Geist verkörpern.“ Und Jean Paul weiss sehr wohl, dass der Mensch als ein einheitliches Wesen nur durch Abstraktion diese beiden Seiten

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seines Seins auseinanderlösen und unterscheiden kann, und so sagt er: ,,Ursprünglich, wo der Mensch noch mit der Welt auf einem Stamme geimpfet blühte, war dieser Doppeltropus noch keiner; jener verglich nicht Unähnlichkeiten, sondern verkündete Gleichheit; die Metaphern waren, wie bei Kindern, nur abgedrungene Synonymen des Leibes und Geistes. Wie im Schreiben Bilderschrift früher war als Buchstabenschrift, so war im Sprechen die Metaphor, insofern sie Verhältnisse und nicht Gegenstände bezeichnet, das frühere Wort, welches sich erst allmählich zum eigentlichen AusV druck entfärben musste. Das tropische Beseelen und Beleiben fiel

noch in Eins zusammen, weil noch Ich und Welt verschmolz. Daher ist jede Sprache in Rücksicht geistiger Beziehungen ein Wörterbuch erblasseter Metaphern.“

Nicht minder trefflich spricht Jean Paul von der Notwendigkeit, mit welcher der Mensch, sobald er sich selbst von der Welt absonderte, sein Ich dem All leihen musste, und zwar ,,da ihm sein Ich selber nur in Gestalt eines sich regenden Lebens erscheint,“ als Glieder, Augen, Arme, Füsse, doch aber lebendige, beseelte. „Personifikation ist die erste poetische Figur, die der Wilde macht, worauf die Metapher als die verkürzte Personification erscheint." Das Beseelen des Körperlichen nennt er die bildliche Vergleichung (z. B. der Sturm zürnt), die früher ist als die Verkörperung des Geistigen (z. B. der Zorn ist ein Sturmwind).

Doch was wird nun heute in den üblichen Büchern der Rhetorik und Poetik über das Metaphorische gelehrt? Wir sahen schon, die Metapher wird durchweg als ein mehr oder weniger notwendiger Schmuck der Dichtersprache bezeichnet und als rhetorische „Figur“ dem eigentlichen Ausdruck gegenüber gestellt. Sie wird zurückgeführt auf die Ähnlichkeit verschiedener Dinge, und ihre vier Klassen ergeben sich nach der Einteilung alles Seienden in Sinnliches und Geistiges. Aber auch nach der Form hat man Einteilungsgründe gefunden, ob die Metapher im einfachen Satz oder im zusammengesetzten Satze vorkommt (Gross, Tropen und Figuren, S. 71), ob im Verbum oder in einem Kasus u. a. (Brinkmann, die Metaphern S. 44 f.) Doch nicht genug! Da die Dichter noch heute immer kühnere Metaphern zu bilden sich erdreisten, unterscheidet man (z. B. Curtius, Grundzüge S, 111) zwischen dem unbewußt sich aufdrängenden Bilde,

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das für das naive Sprachgefühl die natürlichste Bezeichnung der Sache ist, und dem mit Absicht gewählten, das der Dichter herbeiruft, damit sich das zu Bezeichnende in ihm spiegele; man nennt die ersteren auch mit Max Mueller radikale oder inkarnierte, die letzteren poetische oder persönliche Metaphern; oder man stellt den Sprachmetaphern die Autormetaphern gegenüber. Wohl erkannte man, dass die Metapher ,,einer der mächtigsten Tragepfeiler in dem Gebäude der menschlichen Sprache“ sei, (Max Mueller, Wissenschaft der Sprache II S. 331), dass, wie Brinkmann (S. 98) sich ausdrückt, durch die Metaphern einem wahren Notstande der Sprache abgeholfen wurde; aber im selben Atem machte man die Metapher auch schuldig, den Abfall vom prähistorischen Monotheismus beschleunigt und die bösen Mythologien hervorgebracht zu haben, die ja nichts anderes seien als erkrankte, der Kontrolle des Geistes entschlüpfte Metaphern, Missbildungen, parasitische Wucherungen am Baume der Metaphern (Br. S. 99), und auch in der Poesie müsse die Innigkeit des Gefühls, die jegliche Lüge ver'schmäht, nur mässigen Gebrauch von der Metapher machen; denn etwas Unwahres, wir können es nicht verhehlen, liegt in der Metapher, sagt Brinkmann S. 124.

Trefflich setzt Victor Cousin (Vorl. über die Gesch. der Philos. des 18. Jahrh. S. 275) auseinander, wie der Mensch zuerst die Aussenwelt zu erfassen suche, dann in seine Innenwelt zurückgewiesen den Phänomenen seines Geistes und seiner Seele Ausdruck zu geben trachte, und wie ihn dann die Analogie dazu führe, die Zeichen, welche er sucht, mit denen, welche er schon besitzt, in Verbindung zu bringen; denn die Analogie ist das Ge- ! setz jeder werdenden oder entwickelten Sprache - ja, fügen wir hinzu, sie ist das eigentliche innerste Schema des Menschengeistes; daher stammen die Metaphern, auf welche unser analytisches Verfahren die meisten der Bezeichnungen und Benennungen der abstraktesten moralischen Ideen schliesslich zurückführt. –

Genug, es schillert das Bild, das Ästhetiker und Sprachforscher von dem Wesen der Metapher entwarfen, in den manigfachsten Farben; so oft auch das Wurzelhafte, das in ihr sich wiederspiegelt, betont wird: es wird mit den Konsequenzen nicht recht Ernst gemacht. Auch Gerber in seinem wertvollen Werke „die Sprache als

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