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Ebenso verbrüdert sich in Serbien, wer keinen leiblichen Bruder hat und sich einen Rächer über den Tod hinaus verbürgen will, » mit einem Andern im Namen Gottes und des heiligen Johannes zu wechselseitiger Treue und Hilfe für das ganze Leben«.

Es geschieht dies gewöhnlich am heiligen Osterfest, und in manchen Gegenden setzt man zu der Ceremonie sich Weidenkränze auf den Kopf und lässt oft dem Bunde durch priesterlichen Segen die höchste Weihe erteilen. Die serbischen Nationallieder verklären solche Brüderschaften und berichten Züge von Aufopferung und Treue bis in den Tod, die an die Antike gemahnen. Verletzung der Treupflicht ist äussert selten und gilt als schwere Sünde 1).

Und auch hei der Blutsbrüderschaft machen wir dieselbe eigentümliche Erfahrung, wie bei den andern Formen der künstlichen Verwandtschaft; sie sind sämtlich über den ganzen Erdball verbreitet. Nicht ein oder das andre Volk ist darauf verfallen, sondern es ist, als ob ein bestimmtes Bedürfnis überall vorlag und die Menschheit überall zu denselben Behelfen griff. Ich kenne nichts, das nachdenklicher stimmen könnte, als dieses überraschende Ergebnis der neueren Forschungen. Wie kommt es, dass der Mensch überall von denselben Beweggründen getrieben wurde und dass er überall dieselbe Antwort auf dieselbe Frage fand? Wozu wurde diese hohe Vernunft gegeben, die uns die einfachen Grundmaschen dieses verschlungenen Gewebes zeigt, wenn uns nicht auch die Möglichkeit gegeben wurde, die Hand zu sehen, die das Weberschiffchen lenkt? Wenn Newton an seinem Lebensabend sagen konnte, er habe nur Muscheln am Ufer des Meeres der Wahrheit gesammelt – welche Hoffnung bleibt uns? Immerhin gehört es zu den wunderbarsten Funden des Menschengeistes, dass wir überall Spuren des nämlichen Weges entdecken, den die Menschheit unter allen Zonen und Breiten gegangen ist. So finden wir die Blutsbrüderschaft nicht nur in Europa, sondern auch in Afrika unter den nämlichen Formen und zu dem nämlichen Zweck auftreten. So wird auf der Insel Madagaskar Blutsverbrüderung zu gegenseitiger Hilfeleistung und gegenseitiger Rache eingegangen. Sie wird dadurch geschlossen, dass beide sich ritzen, ihr Blut in einem Gefäss vermischen und, nachdem es mit einem Speer umgerührt und auf diese Weise in einander geflossen ist, trinken; dabei werden schwere Verwünschungen auf das Haupt dessen gesprochen, der das Bündnis brechen würde 1). Genau dieselbe Rechtseinrichtung, genau derselbe schauerliche und feierliche Abschluss, wie in Europa; und doch hat sicher keiner vom anderen gelernt; nur der Lehrer, das Bedürfnis, ist derselbe gewesen.

1) WESNITSCH in Zeitschrift, Bd. 9, S. 49; F. Kanitz, Serbien, S. 529; L. VON RANKE, Serbien und die Türkei im 19. Jahrhundert, S. 35.

Ganz das nämliche finden wir bei den ostafrikanischen Bantu-Negern). Wir hören dasselbe von den Wazaramo (das Blut wird auf Fleisch geträufelt und das Fleisch gegessen)), von den Wakamba“), von den Wadschidschi und Wanyamwesi), von den Ubudschwa?). Dasselbe im ostindischen Archipel. Auch auf Timor wird Brüderschaft durch Bluttrinken begründet und führt hier Vermögens. und Frauengemeinschaft nach sich 3). Bei dem Malaienstamm der Dajaks wird die Adoption durch Blutvermischung vollzogen). Dies wirft ein sehr bezeichnendes Licht auf den nahen inneren Zusammenhang, in welchem die einzelnen Institute der künstlichen Verwandtschaft mit einander stehen. Alle sind sie Aufnahme eines Fremden in Stamm oder Hausgenossenschaft oder Einzelfamilie; so kann man von diesem Gesichtspunkt aus auch sehr wohl dahin kommen, die Eheschliessung bei der Exogamie als Aufnahme der Frau in diese ihr fremde Gemeinschaft, also als Begründung einer Art von künstlicher Verwandtschaft, aufzufassen. Hieraus erklärt sich wohl die Hochzeitsceremonie bei einzelnen Bergvölkern von Neu-Guinea: »die Verlobten bringen sich gegenseitig an der Stirne eine kleine Wunde bei, so, dass das Blut fliesst, und dies tun auch die übrigen Glieder der beiderseitigen Familien einander zum Zeichen der engsten Verbrüderung5).« Auch dies mag uns ein Zeichen sein, was für eine Bedeutung in ältester Zeit das Connubium hat; die Stämme und Völker, die sich gegenseitig die Eheschliessung einräumten, galten dadurch wie eine grosse endogame Familie, nach Art von Blutsbrüdern miteinander verwandt geworden und zu Schutz und Trutz miteinander verbunden.

1) SIBREE, Madagascar, S. 223 ff.; VINSON, Voyage à Madagascar, S. 281 ff., 539: C'est une parenté de convention plus sûre souvent que la parenté naturelle. VINSON erwähnt, dass der Abschluss auch zwischen einem Mann und einer Frau vorkommen kann also auch hier wie in Serbien. Eigentümlich ist, dass nach der feierlichen Verbrüderung zwei Ochsen geschlachtet uud von den Blutsbrüdern und ihren beiderseitigen Genossen verzehrt werden. Wenn VINSON hierzu sagt: »Le boeuf, seule richesse du pays, indique l'union des biens,« so erinnert dies lebhaft an die alten Eheschliessungsformen, bei denen das gemeinsame Mahl der beiden jungen Eheleute und ihrer Familien eine bedeutsame Rolle spielt (oben Band 1, S. 209). Derselbe Grundstock von Ideen, mit denen die Menschheit in den verschiedensten Lebensverhältnissen und in den ver. schiedensten Zonen auskommt! Unser modernes Hochzeitsmahl und der Ochsenschmaus der madagassischen Blutsbrüder beruht auf einem und demselben Gedanken, auf diese Weise, durch Essen von einer Speise, die enge Verbindung zum sichtbaren Ausdruck zu bringen.

2) Zeitschrift, Bd. 15, S. 40, 41; auch beim Mischlingsvolk der Suaheli, Zeitschrift, Bd. 16, S. 240.

3) ANDREE, Forschungsreisen in Arabien und Ostafrika, Bd. 2, S. 94 ff. HARTMANN, Abyssinien, S. 254, 255.

4) HARTMANN a. a. O., S. 233.

') ANDREE a. a. O.; KOHLER in Zeitschrift, Bd. 5, S. 435.

2) CAMERON, Quer durch Afrika, Leipzig 1877, Bd. 1, S. 287. Er macht hierzu folgende auffällige Bemerkung: »Die Sitte des Brüderschaftschliessens ist vermutlich semitischen Ursprungs und schon vor Mohammeds Zeiten von den heidnischen Arabern eingeführt worden, welche nach Afrika Handel trieben. Diese Vermutung wird noch durch die Tatsache bestätigt, dass, als die ersten Händler aus Zanzibar über den Tanganyika kamen, westwärts vom See die Zeremonie noch unbekannt war.«

3) Zeitschrift, Bd. 6, S. 346.
4) KOHLER in Zeitschrift, Bd. 5, S. 421, 422.
5) FINSCH, Neu Guinea und seine Bewohner, S. 86.

Aber dies sind nur einzelne Proben. So ist die Blutsbrüderschaft in ganz Polynesien verbreitet, und heisst es von dort 1): »Jeder ist zum Schutz des anderen verpflichtet. Wenn zwei Verbrüderte zusammen in den Krieg zogen, so zeigten sie die ganze Kraft ihrer Treue; sie wichen nicht von einander, namentlich nicht in der Kampfesart, in welcher man nicht fliehen durfte; fiel einer, so tauchte der andere seine Hand in das Blut des Freundes und bestrich sich damit zum Beweise seiner Liebe und seiner Absicht, dies Blut zu rächen. Auch erben sie von einander, wenn einer von beiden kinderlos stirbt, und, was sie haben, müssen sie miteinander teilen.« Und ähnliches wissen wir von den Rothäuten Nordamerikas; auch sie schliessen Blutsbrüderschaften mit der Pflicht zu gegenseitiger Treue und Verteidigung.

Nichts, was nicht unzähligen Menschen gemein und im tiefsten Grunde menschlich wäre. Wenn es uns fremd erscheint, liegt es nur daran, dass es uns fremd geworden ist; aber, wie unsere Altvordern, gehen noch heute Millionen Menschen denselben Weg. Und so wird es bleiben. Denn wir alle sind Brüder, ob wir im Morgen- oder im Abendland wohnen. Und wir haben alle die Erde unter und die Sterne über uns. Wir sind alle gleich, die klügsten wie die stümpfsten Völker. Denn auch das Genie ist nur eine Fackel, die sich selbst verzehrt, um anderen zu leuchten und auch der Dümmste trägt den Adelsbrief der Menschheit in sich. Das ist nicht neu, aber wahr.

von

1) Waitz-GERLAND, Anthropologie, Bd. 6, S. 131.

IV. Buch

Kommunismus der Urzeit und Hausgenossenschaften.

Die Anfänge des Vermögensrechts

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