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Es gibt aber auch Völker, bei denen sich bis in sehr vorgeschrittene Zeiten hinein der Begriff des Privateigentums aus dem Kommunismus der Urzeit noch nicht loszulösen vermochte. Eines der in die Augen fallendsten Beispiele war das alte China. Hier gehörte noch in den Zeiten einer hochgradigen Kultur der gesamte Grund und Boden dem Staate und wurde in einzelnen Losen je nach Bedarf der Bevölkerung zugewiesen; ein Teil wurde zurückbehalten und für den Staat bewirtschaftet. Die überwiesenen Grundstücke waren unveräusserlich, und wurde, ebenfalls je nach Bedarf, die Teilung geändert. Dieser Zustand wurde Jahrhunderte lang beibehalten und auffällig ist, dass die Bevölkerung ganz zufrieden war, und, wie die Lieder des SCHIKING zeigen, Frohsinn und Lebensmut bewies ). Für die sittliche Bewertung, die der Ackerbau in jenen Zeiten fand, zeugt die bekannte alte Sitte, dass der Kaiser selbst im ersten Frühlingsmonat ein Stück Feld pflügte). Unter der Tsching-Dynastie (bis 256 v. Chr.) wurde der Mindestkonsum eines jeden festgestellt, und wo das Erträgnis nicht ausreichte, wurde ein Teil der Bevölkerung in andere Gegenden verpflanzt, und in den Gegenden Getreide geholt, wo das Erträgnis günstiger war; auch wurde der Fürst davon benachrichtigt, damit er die Staatsausgaben reduziere« 3). Also ein durchgeführter Kommunismus des Grundeigentums und der Arbeitswerkzeuge, welche ebenfalls der Staat lieferte. Wer nicht arbeitete, wurde bestraft; ein grosses Aufseher- und Beamtenpersonal unter oberster Inspektion des Kaisers überwachte die Arbeit“). Und dabei verzweifelte das Volk nicht. Man sollte denken, Menschen, denen ihre Individualität durch eine solche Zuchtrute genommen war, wären wie ein Löwe, den man in einen ganz kleinen Käfig gesperrt hat: er magert ab, oder er rast und, wenn er kann, wird er seinen Wärter zerreissen. Nichts von alledem sie lebten, wie wir sahen, vergnügt und wohlgemut; denn man kann nicht verlieren, was man noch nicht gehabt hat. Und es ist nicht zu verschweigen, dass die Folge eine intensive Kultur und die wunderbare Ausnützung des Landes und seiner Wasserkräfte war, die es heute befähigt, eine ungeheure Menschenzahl zu ernähren 1). Und noch jetzt spricht das chinesische Strafgesetzbuch Prügelstrafe (mit dem Bambusrohr) gegen den Grundeigentümer aus, der sein Ackerland nicht in gutem Zustande hält, und bedroht sogar den Dorfältesten, der solche Lässigkeit duldet. Desgleichen soll jedem, der sich zum Landbau erbietet, in der Nachbarschaft Land zur Bewirtschaftung zugewiesen werden?). Also Recht auf Arbeit in China !

1) KOHLER in Zeitschrift, Bd. 6, S. 352 ff. 3) KOHLER ebenda, S. 355 Anm. 14. 3) KOHLER ebenda, S. 355. 4) KOHLER ebenda, S. 356.

Derartige seltsame Nachläufer in verhältnissmässig sehr späte Zeiten hinein hat auch zuweilen der Volksniund erhalten. So finden sich Nachklänge jener Auffassung eines uralten Kommunismus in dem deutschen Rechtssprichwort: » Drei sind frei«, nach welchem sich der Wanderer drei Trauben oder drei Früchte aneignen durfte 3). Und noch viel weiter gehen die menschlich schönen Bestimmungen im fünften Buch Mosis, wo es Kap. 23, Vers 24 u. 254) heisst: »Wenn

) PLATH, in den Abhandlungen der Münchener Akademie d. Wissenschaft, phil. phil. Kl., Bd. 10, S. 695, Bd. 12, S. 114 ff. 117, 136.

3) KOHLER a. a, O., S. 359. Als Rest des alten Kommunismus in China darf auch betrachtet werden, dass Pferde, Hornvieh, Kamele, Maultiere, Esel nur nach eingeholter staatlicher Genehmigung getötet werden dürfen.

3) HULLEBRANI, deutsche Rechtssprichwörter 1858, S. 207 ff; Georg COHN, deutsches Recht im Munde des Volkes (drei rechtswissenschaftliche Vorträge, Heidelberg 1888), S. 5. Ferner GIERKE, Genossenschaftsrecht, Bd. 2, S. 241 unter d. OSENBRÜGGEN, Studien, S. 8, 102 ff. Vgl. auch Grimm, Rechtsaltertümer S. 401. Ähnlich die für den Wanderer günstigen Bestimmungen im altindischen Recht (Gesetzbuch des Manu, Buch 8, V. 341; Jolly in Zeitschrift, Bd. 16, S. 154).

4) Die Stelle ist wörtlich im Schwabenspiegel wiederholt (S. 168. WACKERNAGEL).

du in deines Nächsten Weinberg gehest, so magst du der Trauben essen nach deinem Willen, bis du satt habest, aber du sollst nichts in dein Gefäss tun. Wenn du in die Saat deines Nächsten gehest, so magst du mit der Hand Ähren abrupfen, aber mit der Sichel sollst du nicht darinnen hin und her fahren.« Und weiter Kap. 24, Vers 19 ff.: »Wenn du auf deinem Acker geerntet und eine Garbe vergessen hast auf dem Acker, so sollst du nicht umkehren dieselbe zu holen, sondern sie soll des Fremdlings, des Waisen und der Witwe sein, auf dass dich der Herr, dein Gott, segne in allen Werken deiner Hände. Wenn du deinen Ölbaum hast geschüttelt, so sollst du nicht nachschütteln; es soll des Fremdlings, des Waisen und der Witwe sein. Wenn du deinen Weinberg gelesen hast, so sollst du nicht nachlesen; es soll des Fremdlings, des Waisen und der Witwe sein.« Überall unter allen Zonen dasselbe gewal. tige Gewebe menschlicher Vorzeit – wie eine Symphonie Beethovens, die, auf mächtigen breiten Schwingen ruhend, uns von der grossen Seele grosser Menschen erzählt.

In unserer Zeit harten Ringens um Mein und Dein, wo man oft wegemüde sich zurücksehnen möchte nach einer Zeit, in der noch alles allen gehörte, wirkt diese Erinnerung wie ein Sonnenblick. Und kann man es den Völkern verdenken, wenn sie zurückblickend hier das Paradies und die goldene Zeit suchen? Wo liegt die Wahrheit dort oder hier? Nur der Kampf um Mein und Dein hat die Menschheit zu einer wirklich in allen Fibern angestrengten Arbeit, und nur die Arbeit zur Kultur geführt. Fluch und Segen, Licht und Schatten sind allen Stufen der Menschheit gemeinsam und sicher hat es keine noch so kleine Staffel des Vorwärtsschreitens der Menschheit gegeben, welche nicht von Tränen schlüpfrig war.

So kann man sagen, dass die ältesten Kulturstufen vielfach noch nicht die Weisheit des Hamsters erreicht haben, der im Sommer für den kommenden Winter sorgt, und die wir heutzutage in den Zeiten der Bankguthaben und Kapitalsanhäufungen, das Extrem in das Entgegengesetzte bis auf das alleräusserste steigernd, so weit überholt haben. Wie wir, denkt der Wilde aber nicht. Er geniesst, was der Augenblick bringt, und teilt den Genuss nicht nur mit denen, die ihm lieb und teuer sind, sondern mit jedem, der des Weges daherkommt. Reich an Beispielen dieser Art sind die Berichte, die wir von den Indianern Nord- nnd Südamerikas haben. Ernteund Weinfeste tragen einen geradezu kommunistischen Charakter; was da ist, wird sofort vertan; der Vorrat des einzelnen wird von der Gesamtheit, die von Haus zu Haus zusammenkommt, in Schmauserei und wüstem Gelage verprasst). An die Zeiten eines Mangels wird im Überfluss nicht gedacht. Gastfreundschaft und Mildtätigkeit galten dem nordamerikanischen Indianer als höchste Mannestugend. Stets hing der Kessel über dem Feuer, und, wer auch die Hütte betrat, war willkommen, erhielt Speise vorgesetzt und griff zu, ohne befragt zu sein und bevor er den Zweck seines Kommens erklären konnte?) Ebenso war es alte Indianersitte, dass bei recht ergiebiger Jagdbeute alle Verwandten oder die Alten des Dorfs oder gar alle Dorfgenossen eingeladen und mit den besten Fleischstücken bewirtet wurden 1). Bei diesem allgemeinen Zugreifen konnte es nicht ausbleiben, dass der Vorrat rasch zu Ende ging und zu Zeiten bedenkliche Ebbe der Lebensmittel, ja Elend und Hungersnot eintraten. In solchen Zeiten staunten die Missionäre nicht wenig die standhafte Ruhe des Indianers an, der die Entbehrungen schweigend ertrug und selbst den Hunger bezwang, während er den letzten Bissen den Kindern gab. Es war dann eine antike Grösse in diesen Männern, während sie vorher im Überfluss wie die Kinder gehandelt hatte n?). Begegneten sich in so schlimmer Zeit zwei Indianerfamilien, so war es selbstverständlich, dass sie das Wenige, was sie hatten, mit einander teilten – und dies geschah ohne Zögern, ohne auch nur eine Bitte abzuwarten, und auch, wenn sich der Austeilende dadurch selbst der Gefahr eines nahen Hungertodes aussetzte. Dies gehört zu den wirklich erhabenen Zügen im Charakter der Indianer, die sie zu den Lieblingen unserer Jungenwelt, die selbst noch ursprünglicher als wir am Ursprünglichen Freude hat, gemacht haben, – und der alte Jesuiten

1) CATLIN, Illustrations etc. of the North-American Indians, Bd. I, S. 188 ff., welcher das grüne Korn-Fest anschaulich schildert, bei dem die Felder unwirtschaftlich bereits zu der Zeit, wann das Korn noch grün ist, geplundert werden, sodass nur ge Ähren im Herbst reifen können. Ähnlich das Fest zur Zeit der Reife der Brotfrucht, wie es im alten Tahiti gefeiert wurde (W. Ellis, Polynesian Researches, 1830, Bd. 1, S. 356), und wie es uns noch jetzt von den Samoainseln berichtet wird (B. v. WERNER, Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee, S. 254). DARGUN in Zeitschrift, Bd. 5, S. 15 ff., 32 ff. Möglich, dass die Saturnalien der Römer diese verschollenen Vorstellungen einer Urzeit zum Ausgangspunkt hatten.

2) LAFITEAU, Moeurs des sauvages Amériquains, Paris 1724, Bd. 2, S. 88: Quiconque entre chez eux est bien reçu. A peine celui qui arrive, ou qui rend visite est-il entré, qu'on met à manger devant lui, sans rien dire: et lui-même mange sans façon, avant d'ouvrir la bouche pour déclarer le sujet, qui l'amène.

S. 171.

1) CHARLEVOIX, histoire de la Nouvelle France, Paris 1744, Bd. 5,

Der Jesuitenpater fügt übrigens hinzu, er bekenne, dass die Stämme, die in grösserem Verkehr mit den Europäern ständen, »ont déjà un peu perdu de cette antique générosité et de cet admirable désinterésse

Rien n'est plus contagieux, que l'esprit d'intérêt et rien n'est plus capable d'altérer les moeurs.«

ment.

2) SCHOOLCRAFT, History, Condition and Prospect of the Indian tribes, Philadelphia 1851, Bd. 2, S. 65: When there is absolutely nothing and the severities of the season have, for a time, cut off every resource, there is a dignified endurance in the Indians mind that rises above complaint. There is no one to blame, in his belief, unless it be the Great Spirit, and he his far from imputing blame to Him. He has exerted his art, but without success. The next day may bring him relief, and he consoles himself in this hope. The children are sometimes put to sleep by telling them tales to stop their crying for hunger. If there be but a morsel in the wigwam, it is given to them and the father of the lodge showes the strength of his affection and the quality of his endurance by rigid abstinence from food and by uncomplaining silence.

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