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Christus.

Kannst du ihn lesen,
Den Nieentiproßnen,
Unausgesprochnen,
Durch alle Himmel gegoßner,
Freventlich durchstochnen?

Faust I. 4.

720.
Der Gott: Mensch schließt der Höllen Pforten,
Er schwingt sich aus den dunklen Orten
In seine Herrlichkeit zurück.
Er sißet an des Vaters Seiten,
Er will noch immer für uns streiten,
Er will's. O Freunde, 'welches Glück!
Der Engel feierliche Chöre,
Die jauchzen vor dem großen Gott,
Daß es die ganze Schöpfung höre:
Groß ist der Herr, Gott Zebaoth.

Höllenfahrt Christi 1765 (?). J. G. 1, 84.

721. Nichts ist in diesem Sinne (b. i. in dem der neuplatonischkabbalistischen Kosmogonie) natürlicher, als daß die Gottheit selbst die Gestalt des Menschen annimmt, die sie sich zu einer Hülle schon vorbereitet hatte, und daß sie die Schicksale desselben auf kurze Zeit theilt, um durch diese Verähnlichung das Erfreuliche zu erhöhen und das Schmerzliche zu mildern.

Dichtg. u. Wahrh. VIII (Anf. 1770). H. 21, 128.

722. Wie ich war, so bin ich noch, nur daß ich mit unserm Herrn Gott etwas besser stehe und mit seinem lieben Sohn Jesu Christo. Daraus folgt, daß ich auch etwas klüger bin und erfahren habe, was das heißt: die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang.

An Limprecht, d. 12. April 1770.

723.

Ich bin heute mit der christlichen Gemeine hingegangen, mich an des Herrn Leiden und Tod zu erinnern. Mein Umgang mit den frommen Leuten hier ist nicht gar stark. Ich hatte mich im Anfang sehr stark an sie gewendet, aber es ist

, als wenn es nicht sein sollte. Sie sind so von Herzen langweilig, wenn sie anfangen, daß es meine Lebhaftigkeit nicht aus. halten konnte, lauter Leute von mäßigem Verstande, die mit der ersten Religionsempfindung auch den ersten vernünftigen Gedanken dachten und nun meinen, das wäre alles, weil sie sonst von nichts wissen. An Frl. v. Klettenberg, d. 26. Aug. 1770.

724. Tausende sind es (Feinde der Religion) aus eben der Ur: sache heimlich und öffentlich, tausende, die Christus als ihren Freund geliebt haben würden, wenn man ihn ihnen als einen Freund und nicht als einen mürrischen Tyrannen vorgemalt hätte, der immer bereit ist, mit dem Donner zuzuschlagen, wo nicht höchste Vollkommenheit ist. Wir müssen es einmal sagen, weil es uns schon lange auf dem Herzen liegt: Voltaire, Hume, la Mettrie, Helvetius, Rousseau und ihre ganze Schule haben der Moralität und Religion lange nicht so viel geschadet als der strenge, falte Pascal und seine Schule.

Rec. einer Schrift von B. Münter (Frankf. Gel. Anz. von 1772). H 29, 43.

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725. Das jüdische Volk seh' ich für einen wilden, unfruchtbaren Stamm an, der in einem Kreise von wilden, unfruchtbaren Bäumen stund. Auf den pflanzte der ewige Gärtner das edle Reis Jesum Christum, daß es, darauf befleibend, des Stammes Natur veredelte und von dannen Pfropfreiser zur Befruchtung aller übrigen Bäume geholt würden. - Von der Pfropfung an wendet sich die ganze Sache. Lehre und Geschichte werden universal.

Zwo wichtige bibl. Fragen, Febr. 1773. H. 27, 100.

726.

Ich halte den Glauben an die göttliche Liebe, die vor so vielen hundert Jahren unter dem Namen Jesus Christus auf einem kleinen Stückchen Welt eine Zeit lang als Mensch herumzog, für den einzigen Grund meiner Seligkeit. Und das sage ich meiner Gemeinde, so oft dazu Gelegenheit ist. Ich subtilisire

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die Materie nicht; denn da Gott Mensch geworden ist, damit wir arme sinnliche Creaturen ihn möchten fassen und begreifen können, so muß man sich vor nichts mehr hüten, als ihn wieder zu Gott zu machen. Brief des Pastors zu ***, 1773, H. 27, 90.

727.

Ward der Kelch dem Gott vom Himmel auf seiner Menschenlippe zu bitter, warum soll ich mich groß thun und mich stellen, als schmeckte er mir süß? Und warum sollte ich mich schämen in dem schrecklichen Augenblick, da mein ganzes Wesen zwischen Sein und Nichtsein zittert? – Ist es da nicht die Stimme der ganz in sich gedrängten, sich selbst ermangelnden und unaushaltsam hinabstürzenden Creatur, in den innersten Tiefen ihrer vergebens aufarbeitenden Kräfte zu knirschen: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen'?

Werther's Leiden II. 1774. H. 14, 92.

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728. Ich konnte weder der einen (Frl. v. Klettenberg) noch dem andern (Lavater) völlig zustimmen, denn mein Christus hatte auch seine Gestalt, aber nach meinem Sinne angenommen. Weil sie mir aber den meinigen gar nicht wollten gelten lassen, so quälte ich sie mit allerlei Paradoxien und Extremen.

Dichtg. ii. Wahrh. XIV (1774). H. 22, 157.

729. Wenn nur die ganze Lehre von Christo nicht so ein Scheinding wäre, das mich als Mensch, als eingeschränktes, bedürftiges Ding, rasend macht, so wär' mir auch das Objekt (von Herder's Briefen zweier Jünger Jesu) lieb.

An Herder, Mai 1775.

730. Da er (Lavater) nun Christum buchstäblich auffaßte, wie ihn die Schrift, wie ihn manche Ausleger geben, so diente ihm diese Vorstellung dergestalt zum Supplement seines eignen Wesens, daß er den Gottmenschen seiner individuellen Mensch heit so lange ideell einverleibte, bis er zulegt mit demselben wirklich in Eins zusammengeschmolzen, mit ihm vereinigt, ja Ebenderselbe zu sein wähnen durfte.

Dichtg. u. Wahrh. XIX (1775). H. 23, 84.

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731. Selbst Deinen Christus habe ich noch niemals so gern als in diesen (Lavater's) Briefen angesehen und bewundert. Es erhebt die Seele und giebt zu den schönsten Betrachtungen Anlaß, wenn man Dich das herrliche krystallhelle Gefäß mit der höchsten Inbrunst fassen, mit Deinem eigenen hochrothen Trank schäumend füllen und den über den Rand hinaufsteigenden Gischt mit Wollust wieder schlürfen sieht. - Nur das kann ich nicht anders als ungerecht und einen Raub nennen, der sich für Deine gute Sache nicht ziemt, daß Du alle föstlichen Federn der tausend: fachen Geflügel unter dem ģimmel ihnen, als wären sie usurpirt, ausrupfst, um Deinen Paradiesvogel ausschließlich damit zu schmücken. Dieses ist, was uns nothwendig verdrießen und unVeidlich erscheinen muß, die wir uns einer jeden durch Menschen und dem Menschen offenbarten Weisheit zu Schülern hingeben und als Söhne Gottes ihn in uns selbst und allen seinen Kindern anbeten. Ich weiß wohl, daß Du Dich darin nicht verändern kannst doch finde ich es auch nöthig, da Du Deinen Glauben und Lehre wiederholend predigest, Dir auch den unsern als einen ehernen, bestehenden Fels der Menschheit wiederholt zu zeigen, den Du und eine ganze Christenheit mit den Wogen eures Meeres nicht einmal übersprudeln, aber weder überströmen noch in seinen Tiefen erschüttern fönnt.

An Lavater, D. 22. Juni 1781

732. Hier ist ein Bogen von Lavaters „Pilatus“. Ich kann nichts darüber sagen. Die Geschichte des guten Jesus habe ich nun fo jatt, daß ich fie pon keinem als allenfalls von ihm selbst hören möchte.

An Frau v. Stein, d. 6. Apr. 1782, früh.

733. Nun findet Hans Caspar diese Methode des Dramatisirens

allerliebst und flickt seinem Christus auch so einen Kittel zusammen und knüpft aller Menschen Geburt und Grab, A und O und Heil und Seligkeit daran; da wird's abgeschmackt, dünft mich, und unerträglich.

An Frau v. Stein, d. 6. April 1782, Abends.

734.

Daß er (Lavater in seinem Pilatus) von den albernsten Märchen mit Ånbetung spricht, daß er sich mit veralteten, bar

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Þarischen Terminologien herumschlägt und sie in und mit dem Menschenverstande verkörpern wil, gehört ja nothwendig zu seinem und des Buches Dasein.

An Frau v. Stein, d. 9. Juli 1784.

735. Mir wollte das bekannte Meßopfer hier (in Rom am Tage Allerseelen) keineswegs gefallen. Hat doch Christus schon als Anabe durch mündliche Auslegung der Schrift und in seinem Jünglingsleben gewiß nicht schweigend gelehrt und gewirkt. Denn er sprach gern, geistreich und gut, wie wir aus den Evangelien wissen. Was würde der sagen, dachte ich, wenn er hereinträte und sein Ebenbild auf Erden summend und hinund wiederwankend anträfe? Das 'Venio iterum crucifigi' fiel mir ein.

Jtal. Reise, d. 3. Nov. 1786.

736. Wie sehr mich Herder's 'Ideen' erfreuen! Da ich keinen Messias zu erwarten habe, so ist mir dies das liebste Evangelium.

Jtal. Reise, d. 8. okt. 1787.

737. Wer nicht viel zu heben hat, greift zum Hebel und verschmäht meinen Flaschenzug; was will der Steinhauer mit einer Schraube ohne Ende? Wenn Lavater) seine ganze Kraft anwendet, um ein Märchen wahr zu machen, wenn Iacobi) sich abarbeitet, eine hohle Kindergehirnempfindung zu vergöttern, wenn Claudius) aus einem Fußboten ein Evangelist werden möchte, so ist offenbar, daß sie alles, was die Tiefen der Natur aufschließt, verabscheuen müssen. Würde der eine ungestraft sagen: 'alles, was lebt, lebt durch etwas außer fich', würde der andere sich der Verwirrung der Begriffe, der Verwechselung der Worte von Wissen und Glauben, von Ueberlieferung und Erfahrung nicht schämen? Würde der dritte nicht um ein paar Bänke tiefer hinunter müssen, wenn sie nicht mit aller Gewalt die Stühle um den Thron des Lammes aufzustellen bemüht wären, wenn sie sich nicht sorgfältig hüteten, den festen Boden der Natur zu betreten, wo jeder nur ist, was er ist, und wir alle gleiche Ansprüche haben? Ital. Reise, den 23. Okt. 1787.

738. Es bleibt wahr: das Märchen von Chr. ist Ursache, daß die Welt noch 10 000 Jahre stehen kann und niemand recht zu Verstande kommt, weil es ebensoviel Kraft des Wissens,

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