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Predigen religiös zu erweden, gab ihm die reichste Gelegenheit, die wahren Bedürfnisse des Volkes kennen zu lernen und nöthigte ihn, sich stets auf einer gewissen Höhe geistiger Bildung zu erhalten. Dominikaner erscheinen daher öfters als ausgezeichnete Selehrte und Prediger, so wie audy als Beschüßer und Förderer jener freieren evangelischen Missionsthätigkeit innerhalb der Kirche, wie sie die Brüder des gemeinsamen Lebens am Niederrhein und die Gottesfreunde am Oberrhein übten. Diese lekteren müssen wir kennen lernen, um die Wirksamkeit Taulere, der zu ihnen gehörte, zu verstehen.

Seit dem zwölften Jahrhundert hatte im füblidhen Frankreids sich ein Verein ausgebreitet, der unter dem Namen der Waldenser wohl bekannt ift. Durch die Macht des Wortes Gottes war er begründet worden, und diese Macht gab ihm audy Kraft, die furchtbarsten Berfolgungen mit Geduld zu ertragen. Petrus Waldus, ber mensdliche Urheber dieses frommen Vereins, ein reicher Kaufmann zu Lyon, hatte durdy fleißiges Lesen der Bibel eine solche innere Umwandelung erfahren, daß er alle seine Güter unter die Armen vertheilte und dem verwahrlosten Landvolte das Evangelium predigte. Dieses Wort des Lebens sammelte bald viele fromme Herzen um ihn, und sein ursprünglicher Plan war nunmehr, eine Art von Möndysverein im Dienste der römischen Kirche zu gründen. Aber wie dem Worte Gottes von der römischen Kirche nody nie die Freiheit gegönnt wurde, die ihm in der Kirde gebührt, so mußten auch die Walbenser alsbald ers fahren, daß ihnen nicht nur das öffentliche Predigen untersagt, sondern später auch, als sie in ihrem frommen Wirken fortfuhren, ber Bann über fie ausgesprochen wurde.

Aber ein Werk, das Gott angefangen hat, kann der Mensch nicht bämpfen. Der blinde Eifer des römischen Hofes fritt zu gewaltsamer Unterbrüdung dieser und der übrigen zahlreichen Sekten. Die blutigsten und grausam sten Berfolgungen wurden gegen sie eröffnet. Die Inquisition mußte sie in allen Sáhlupfwinkeln aufsuchen, und sie, wo sie sich nicht dem Willen der Kirche in Adem unterwarfen, den fredlichsten Martern übergeben. Dennoch wuchs das Bestreben, auf dem Grund der heiligen Schrift die Christenheit und die Kirche zu reformiren, beständig. Das Wort Gottes idlug immer tiefere Wurzeln im Herzen des Volkes. Die Erkenntniß der Wahrbeit und die Liebe zu ihr wurde durch die Bosheit der Gegner nur gefördert. Daß unter den Waldensern Männer und Frauen burd ihre Bibelkenntniß oft katholisde Geistlidhe besdjämten, daß solche Geistliche bisweilen Waldenser zu Hülfe riefen, um den widerchristlichen Geist anderer Sekten zu bekämpfen, daß sich die Waldenser durd ihren strengen christlichen Wandel allgemeine Adhtung erwarben, wird selbst von ihren Gegnern bezeugt. Aber die erfahrenen Mißhandlungen machten ihre Rüdkehr in eine Kirche, deren große Irrthümer in Lehre und Leben ihnen durdy bas Licht des göttlichen Wortes aufgerüdt waren, unmöglich. Die oben geschilderten Zerrüttungen in Kirche und Staat verschafften ihnen wieder mehr freie Bewegung und ihren Grundsäßen vielfachen Eingang bei den vielen Mißvergnügten. So war zur Zeit Taulers aud in den Städten des Oberrheins eine nicht unbedeutende Zahl Solder zu finden, die, mit der herrschenden Kirche zerfallen, in eigenen verborgenen Vereinen ihr frommes Bedürfniß zu befriedigen suchyten. Jene Zeit war der

Baehring, Tauler.

Förderung dieser Vereine ohnehin sehr günstig. Durch die großen Trübsale, welche Arieg, anstedende Krankheiten, Theurung und sonstige Landplagen über das Volk brachten, war das Berlangen nach dem Troste der Religion mächtig erwedt worden. Die römische Geistlichkeit hatte durch die unter ihnen eingerissenen Spaltungen einen großen Theil ihres früheren Bertrauens eingebüßt. Die Bekanntschaft mit der Bibel hatte einen besseren Trost ahnen gelehrt, als ihn Beichte und Ablaß der Kirche und ihre ganze Werkbeiligkeit bieten konnte. Der fromme Wandel und die dristlichen Tugenden der Walbenser, deren Mangel man an den katholischen Geistlichen allgemein beklagte, mußte in diesen Zeiten allgemeiner Verwirrung die alter Vorurtheile gegen diese Sekte bedeutenb milbern, bei den Einsichtsvollern verschwinden machen. Auch die Lehren, welde ste nadı ibrer damaligen Schriftkenntniß verbreiteten, haben, wenn ihnen auch die volle evangelische Wahrheit noch nicht zugeschrieben werden kann, dod so viel Innigkeit, Tiefe und praktische Einfachheit, hingen überhaupt mit der ganzen mystischen Richtung der Zeit, die im Gegensaß gegen die in tobten Sulzänkereien erstore bene theologische Wiffenschaft entstanden war, so lebendig zusammen, daß der Eingang, welchen sie auch in den gebildeten Ständen, selbst unter den erleuchteten Geistlichen sich zu verschaffen wußten, sehr begreiflich ist. Sie legten in ihrer Lehre das Hauptgewicht auf die Selbstverleuge nung, die vollkommene Entsagung. Der Mensch müsse seinen eigenen Willen ganz und gar aufgeben, wie lower dieses ihm auch fallen möge. Sein Wille müsse mit dem Willen Gottes gleichförmig werden. Dieser Kampf gegen fich selbst verursache ihm zwar die größten Leiden, größere, als der Leib burd die Anfechtung und Verfolgungen von außen je zu erbulden habe. Aber Christus habe im Garten zu Gethsemane, wo er seinen Willen dem seines himmlisden Baters nad dweren Kämpfen unterwarf, auch mehr gelitten, als am Kreuze; und dieser Kampf, biese vollkommene Entsagung führe ihn allein zur wahren Einigung mit Gott. Er werde alsdann Gott weder um das Himmelreich noch um die Befreiung von der Hölle mehr bitten, überhaupt um nichts, das nicht Gott selber fei, denn er sei seiner Seligkeit gewiß und stebe don in diesem Leben in dem innigsten Umgang mit Gott. Diesen Umgang bezeuge Gott durc Visionen und übernatürliche Offenbarungen; denn Gottes Geist wirfe nod immer in derselben Weise auf die Menschen, wie zu den Zeiten der Apostel und Propheten. Darum legten sie auch ihren Visionen und inneren Eingebungen, die sie in Träumen oder in Zuständen einer außergewöhnlichen Verzüđung empfingen, einen hohen Werty bei, und wenn man ihnen den Widerspruch derselben mit der Bibel nachzuweisen suchte, fuchten sie ihn damit zu widerlegen, daß derselbe heilige Geist in ihnen bezeugt habe, der in der Bibel rede. Dieses war freilich ein Punkt, der sie leicht in die Frre und in gefährliche Sdwärmereien führen konnte, sobald der Sodimuth std ihrer Seele bemächtigte. In Beziehung auf die Verehrung der Maria und der Heiligen schlossen sie sich noch den unbiblischen Lehren und Gebräuchen der berrfdenden Kirche an; nur verwarfen sie den Bilderdienst. Auch die Melle feierten fie; nur gestatteten fie die Feier derselben auch den Laien. Uebrigens fuchten sie ihre frommen Grundsäße forgfältig zu verbergen, um nicht ber Inquisition in die Hände zu fallen. Auch eine Art von Gemeindeverfassung war bei ihnen zu finden. Ein Meister stand an der Spiße ihrer Vereine. Ihm hatten sich Alle unbedingt zu unterwerfen und in Allem zu gehorchen. Der Meister wurde als ein Bollkommener angesehen. Er befaß, selbst wenn er ein faie war, die Macht, ihre Geistlichen zur Verwaltung ihres Amtes zu befähigen durdy Ordination. Indem sie sich ihm unter warfen, wurden sie frei von allen Regeln und Saßungen der firde. Die Vereine hielten unter einander einen fehr lebendigen Verkehr durch geheime Boten, und seinen fich, ähnlich den Freimaurern, durdy gewisse Zeichen gegenseitig erkannt zu haben. Fleißig waren fte in der Ausbreitung ihrer Grundfäße. Troß aller Berbote der Kirde ließen sie nicht nac), deutsch zu predigen und deutsche Bücher zu freiben, die zum Theil wichtige geschichtliche Sprachdenkmale and jener Zeit sind. Dabei war ihr Zwed nicht die Erörterung gelehrter Fragen, sondern die religiöse Belehrung, Erweđung und Vermahnung des Volkes und zwar nadi den Vorschriften der Bibel. Solche Bücher, fagten sie, sollten sich die Laien von den Geistlichen, welche sagten, deutsche Bücher wären der Christenheit schädlich, nicht absprechen lassen; denn die Geistlichen, die dieses wollten, suchten damit nur ihren eigenen Vortheil, welcher gefährdet würde, sobald das Bolt besser in der christlichen Religion unterrichtet sei.

Unter diesen deutschen Waldensern haben wir in der Lebensgeschichte Taulers eines höchst merkwürdigen Mannes zu gedenken, des Nicolaus bon Basel. Er stammte aus einer angesehenen reichen Familie Bafels, war mit irdischen und geistigen Gaben reid gesegnet und durdy sein anmuthiges Wesen von der Welt wohl gelitten.

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