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Aber von Jugend auf batte er fein Naddenken mit Vorliebe auf die Gegenstände der Religion gerichtet. Lange hatte er sich mit seiner Vernunft abgemüht, über die göttlichen Geheimnisse zur vollen Klarheit zu kommen. Aber der Gottesbegriff, welchen er sich so geschaffen, verlieb ihm weder wahres Lidt nod trostreichen Frieben, und alles Ringen, alles Wiederholen fehlgeschlagener Versuche blieb vergebens, da die rechte Quelle des himmli(den Lidytes, die beilige Sdrift, ibm unbekannt war. Er dachte darum, wie er selbst erzählt, bet fid: Du haft bodh so gar vernünftige Sinnen, und wenn du dich mit rechtem Ernst dazu kehrst, so mächte es wohl gescheben, daß du fo boch kämest, etwas zu begreifen. Aber da ihm dieser Gedanke gefiel, merkte er auch alsbald, daß ibn dieser Weg bloß vernünftigen Naddenkens zu nichts führen könne. Denn bätten wir einen solchen Gott, ben man durch die bloße Vernunft finden und vollkommen begreifen könne, um den gäbe er nicht einen Schlehen." Er flug nun den mystischen Weg der Beschauung ein, um burdy Visionen und übernatürliche Offenbarung das Licht zu erhalten, was er mit seiner Vernunft bisher vergebens gesucht hatte. Seinem redlichen Streben und seinem inbrünstigen Gebet ließ der Herr große Fortschritte in der Erleuchtung und Heiligung gelingen. Die Geschichte seiner Bekehrung bat Nicolaus in einer Sdrift vom Jahre 1356, die er auch au Tauler übersendete, beschrieben. Nachdem er lange, so erzählt er bort, in Frieden mit der Welt und im Genuß ihrer Freuden gelebt, wurden eines Tages in der Morgenstunde seine Gedanken darauf hingelenkt, wie die Welt doch am Ende ihre Diener stets so diledit lehre und so falsch unb treulos gegen ihre Freunde sei, und wie wenig Menschen man in dieser Zeit finde, die auch von Herzen so gesinnt seien, wie fie fich in ihren Worten und Geberden darstellen. Da erfüllte ihn bittere Reue über die verlorene Zeit. Er ftel auf seine Aniee und betete: „Ach barmherziger Gott! du Tröster aller Sünder! erbarme Dich über midy und komme mir armen Sünder zu Hülfe. 3d glaube fest, daß, wenn sich der Sünder von seinen Sünden bekehren will, du ihm deine Hülfe nicht versagst. Barmherziger Gott! von dieser Stunde an will ich der Welt freien Urlaub geben, ihr nicht mehr zu Gefallen leben, sondern dir allein in allen Dingen dienen lernen. Darum bitte ich did, barmherziger Gott, daß du mir vergebest, mir armen Sünder gnädig seiest und mir Kraft verleihest, deinen allerliebsten Willen zu vollbringen; denn ich will nun mit deiner Hülfe beständig an dir bleiben.“ Von Stund an war sein Wille so gekräftigt, daß er seine dwache, widerstrebende Natur vollkommen überwand und immer mehr gewürdigt wurde, die unaussprechlichen himmlifden Freuden, die der Bund eines guten Gewissens mit Gott gewährt, zu genießen. Er las nun fleißig deutsche Büder aus dem Leben der Veiligen und suchte ihnen in frommen Bußübungen nachzuahmen. Seine Leiden und seine Kämpfe schrieb er dann in dem Budye „von den fünf Jahren seines Anfangs" nieder. Während dieser Zeit erfreute er sich nicht nur häufiger göttlider Offenbarungen, sondern lernte auch die allein feste und untrügliche Offenbarung Gottes in der heiligen Schrift kennen und soll innerhalb dreißig Wodhen sich so tief in dieselbe hineingelesen haben, daß er sie so gut verstand, als ob er sein ganzes Leben auf den hohen Schulen studirt hätte. Je mehr er aber mit der Quelle des Christenthums, dem Worte Gottes, vertraut wurde, desto gründlicher wurde aud seine Einsicht in die Ursachen des damaligen tiefen Verfalls der Kirche und desto inniger fühlte er sich zu jenen frommen Vereinen hingezogen, welde auf den Grund der heiligen Schrift in ihren kleinen Kreisen die dristliche Lebensordnung in neuer Schönheit hergestellt hatten, zu den Waldensern. Er schloß fich ihnen an und vermöge feiner ungewöhnlichen Geistesgaben und eifrigen Frömmigkeit gelangte er unter ihnen bald zu hohem Ansehen.

Nikolaus wurde also, wie wir in unserer Zeit sagen, ein Separatist. Aber sein Separatismus entsprang nicht aus bodymüthiger Berachtung der berrsdenben Kirde; er hatte vielmehr seine Quelle in dem brennendsten Durste seiner Seele nad der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, und in dem berzlichen Bestreben, die zerrüttete Ordnung der Christenheit wieder bauen zu helfen. In jenem Sdreiben vom Jahre 1356 erzählt er, daß er in der Christnacht des genannten Jahres plößlich von großer Schwäche überfallen wurde. Da er Gott angerufen, daß er ihn in dieser fröhlichen Festzeit nicht ohne Trost lassen möchte, so erhielt er durd innere Offenbarung einen Blid in die großen Gebrechen, an denen die Christenheit eben zu leiden hatte, und in die Plagen, die Gott deshalb über sie senden würde. Er betete fobann abermals zu Gott und sprach: Ad grundlose Barmherzigkeit, erbarme dich über die Christenheit und komme ihr zu Hülfe und gedenke an das bittere (dwere Leiden, das du dreiunddreißig Jahre in menschlicher Natur gelitten,, und an al dein Blut, bas du vergossen baft, und an deinen bittern strengen Tod, und auch an deiner lieben Mutter Leiden, und an alle deine lieben Heiligen, die je Marter und Leiden durch dich ertragen haben. Erbarme dich über die Christenbeit!" Als er so in berzinniger Liebe für alle seine dyristlichen Mitbrüber gebetet batte, wurde ihm geoffenbaret, daß alle Plagen, die Gott senden würde, nur die Wieders Herstellung der christlichen Ordnung zum Zweck habe, und auch nur so lange dauern würden, bis eine gründliche Besserung einträte. Die Plagen sollen vorzüglich über das ungläubige Volt ergeben, daß es in seinem Unglauben nicht weiter bestärket werde; sie sollen auch nicht an allen Enden in gleicher Weise eintreten, sondern in dem einen Lande soll das Bolt burd Feuer und Wasser, in dem andern durch Erdbeben, in diesem durch Krankheiten, in jenem durch. Verderben der Früchte, da durd gähen Tod, dort durch große Stürme und Ungewitter gedemüthigt werden. Wo keine Besserung eintritt, da foll eine Plage nach der andern kommen, bis der Starrsinn des Volkes gebrochen ist. Wo aber Gott eine aufrichtige Besserung findet, da will er schonen und behüten, und nicht eine algemeine Sündfluth eintreten lassen wie zur Zeit Noahs. Nikolaus fühlte sich berufen, durd Wort und Schrift in der Christenheit noch zu retten, was zu retten war. Vorzüglich war es seine Aufgabe, Buße zu predigen und die Christenheit zur Erkenntniß ihrer großen Sünden zu führen. Sechs herrschende Haupt-Sünden und Gebrechen betonte er vor allen in seinen Schriften, nämlich die Hoffarth, die einst Lucifer zum ewigen Fall brachte, und nun in der Christenheit, unter Geistlichen und Weltlichen, bereits so viel Unheil angerichtet, daß es Gott in die Länge nidhit mehr leiden könne; den Geiz, der die Hoffarth beständig an fid ziehet und so weit verbreitet ist, daß ihn die Menschen gar nicht mehr brachten; bie infeudheit, die jeßt heimlich und offen alle christliche Ordnung unterwühlt, und innerhalb wie außerhalb der heiligen Ehe gleich mächtig um sich gegriffen hat; der Betrug mit der Beidhte, indem entweder der Beidytvater nicht den nädysten und sichersten Weg zur Besserung sagt, oder der Beichtiger mit besondern falschen Worten seine Sünden verdeckt; die ungerechten Gerichte, die geistlichen wie die weltliden, indem man dabei nidyte nad Gott fragt, nod dristliche Ordnung zu erhalten sudyt; und endlid die fdhledyte Geistlichkeit, welche Pfleger und Hüter der heiligen Christenheit hätte sein und ihr in einem frommen Leben vorangehen sollen, nun aber im Gegentheil dieselbe hat abnehmen und hinter sich gehen lassen und an ihrem tiefen Verfall einen großen Theil der Sduld trägt. Jedes einzelne dieser Gebreden sei for groß genug, um die Gebulb und Langmuth Gottes zu brechen. Darum räth Nikolaus allen lieben Christenmensahen, daß Jeder seine Schuld wohl erkennen und sich aufrichtig von der Sünde zu Gott befehren möge, und nicht die Sduld auf Andere diebe. Denn derer, die ohne Schuld an diesem Elend seien, gäbe es gar wenige; darum mahnt er sie, in sich zu gehen und ihrer selbst wahrzunehmen; dann würde Jeder mit selbst genug zu thun finden und anderer Menschen Schulb wohl vergeben und vergessen.

Wir dürfen wohl annehmen, daß es bei Nikolaus reines inneres Bedürfniß nach einer friedevollen Stellung zu seinem Schöpfer und aufrichtiges Bestreben, der gefallenen Christenheit zu helfen, war, was ihn zu den Waldensern binzog. Wir dürfen deshalb aber auch von den

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