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ein neues System nach dem andern auf, damit die Welt viel von ihrer Gelehrsamkeit Rühmens madhe. Aber welche Gesinnung habe nun diese boffarthige Gelebrsamkeit im Volke hervorgebracht? Man frage auch dort nichts mehr nad Gott und nach dem Wege, auf dem man zu ihm gelange. Man werbe unachtsam auf alle guten Werte äußerlich und innerlich, verwerfe sogar alle innerlichen Werke, ale Wollen, Erkennen, Lieben, Begebren, falle von Blindheit in Blindheit, von Unglauben in Unglauben, hulbige einer falschen und verderblichen Freiheit des Geistes, und so werden besonders einfältige, junge Leute, die in der Gottseligkeit noch ungeübt sind, jämmerlich um bas Heil ihrer Seele betrogen. Die Verberbtheit der eigenen mensdlichen Natur lernt man nicht mehr erkennen. In falíder Selbstzufriedenbeit macht man aus dem eigenen Id einen Abgott, und schmeichelt fich sogar in diesem Zustande, Eins mit dem wahren Gotte und göttlicher Natur theilhaftig zu sein.

Der Christ müsse, lebrt Tauler, seinem natürlichen Licht und Erkennen zwar nachspüren, aber er dürfe nicht barin verharren, sondern müsse ihm zulegt in wahrer Demuth um Gottes willen entsagen und fich einigen mit dem Einen, in diesem bleiben und ihn mit reinem, eins fachem Geistesblide schauen. In diesem einfachen Schauen des Einen entschwindet alles und jedes natürliche Ers kennen, das doch nicht anders zu erhalten ist als durch gewisse Formen und Bilder, die aber den Menschen zur Erkenntniß und zum Schauen Gottes nicht bringen. Er sol Gott erkennen ohne Bild, mit einem von allen Bila dern und Formen entlebigten Geiste; sonst vermag er es nicht. Denn wer Gott erkennen will, sagt ein gewisser Lebrer, muß aller geschaffenen Kunst ledig sein. Nur der ganz entlebigte Mensd strebt nady dieser Erkenntniß, ibm genüget keine bloß natürliche Wahrheit, er hat so lange keine Ruhe und Rast, bis er zu dieser völligen Bloßheit, Leerheit, Entledigung alles natürlichen Erkennen und so zur unmittelbaren Schauung und Erkenntniß Gottes kommt. Ist er dahin gelanget, dann verzichtet er auf alles natürs liche Dichten und Vorstellen, er ist in den boben, bebren Sabbath des Herrn eingegangen, er ruhet im höchsten, reinsten Stillesein, der Geist hat seinen ersten Ursprung wieder gefunden, von woher er einst ausgegangen ist; an und in ihm ist nun erfüllt das Wort des Herrn: idy gebe eud ben Geist der Wahrheit, ber euch in alle Wahrbeit leitet."

Taulers Streben ging dahin, eine totale Umgestaltung und innere Wiedergeburt der theologischen Wissenfühaft anzubahnen. Die Gottesgelehrtheit soll auch in Wahrheit eine von Gott stammende Gelehrtheit werden. Er steht den Theologen seiner Zeit gegenüber wesentlich auf demselben Standpunkt, von welchem aus vor ihm der Apostel Paulus den durch ihr Wissen aufgebläheten Corinthern zurief: Nicht viel Weise nach dem Fleiscy, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen. Sondern was thöricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er die Weisen zu Schanden madye." (1 Cor. 1, 26. 27.)

Dieser Standpunkt lebendigen evangelischen Glaubene trieb ben gottseligen Mann, der kein höheres Gebot kannte als den Befehl Christi, zum muthigen Zeugniß gegen das verderbte und in Welt- und Sündendienst versuntene Peben der Geiftliden wie der Laien, und die berridend gewordene dyeinbeilige

Werkgerechtigkeit, die in jener entarteten Wissenschaft ihre mächtige Besdüzerin hatte. Er weiß die Wurzel dieser großen Gebreden, welche wir bereits geschildert haben, wohl zu treffen. Es ist die natürlider Selbstfudit des Menschen, die in den verschiedensten Formen auch in der Kirche Chrifti fidh zur Herrschaft erhoben. Rom, welches Wort er von dem bebräisden rum, boch sein, ableitet, ist ihm das Bild der Hoffarth und Herrsdósucht. Wie zur Zeit Christi der Tempel zu Jerusalem von Krämern befeßt gewesen, so sei es jeßt seine Kirche. Sie sei überfüllt von Solden, die in allem ihrem Thun nur sich selbst suchten, die zwar für fromme Leute gehalten sein wollten, aber dabei aus der Gottseligkeit doch nur ein niedriges Gewerbe gemacht hätten. Denn das Wesen der falschen Geistlichkeit bestebe darin, daß man nicht in Gott, fonbern in den Creaturen seinen Trost und fein Vergnügen fudhe, daß man auf eigene Werke vertraue und nicht in den wahren, lauteren Grund Gottes hindurchdringe. An solchen Geistlichen würde sich aber das Sprichwort erfüllen, daß sie hier am Karren zögen, in jener Welt aber am Wagen. Durdy fie fei die Kirche jeßt nicht besser als die Synagoge der Juden, welche auch viele Ceremonien gehabt, und doch dadurch keine Freude des ewigen Lebens erlangt bätten. Sie seien geistlich stolz, wie die Pharifäer, halten sich selbst für flug und verständig, obidon sie doch in Wahrheit unverständig seien, weil sie die christliche. Seligkeit nur in äußere Werke sekten. Soldie Selbstsucht und Hoffarthfinde fich bei allen Geistlichen, die sich ins Geistliche verirrt und ohne Eingeben und Antrieb von Gott diesen Stand erwählt haben. In einigen Predigten sagt Tauler, daß Geistliche, die in den Sünden des Geizes, ber Hoffarth und der Unzucht lebten, wie das so häufig war, schlimmer und verabscheuungswürdiger seien als Diebe und Mörber, weil diese doch zugesteben, daß ihre Thaten böse seien, jene aber ihr fündhaftes Leben nodi vertheidigen und mit einem Schein von Heiligkeit zu umgeben wiffen. Darum seien solche falsche Geistliche, solche vermessene Heilige aud am dwersten zu bekehren; sie seien so fubtil und bebende, daß sie mit Worten nidyt leidt überwunden werden können, aber in der That seien sie die rechten Vorboten des Antidrists, die ihm den Weg bereiten zum Unglauben und ewiger Verdammniß. Auch an dem Dominikaner-Orden, dem Tauler selbst angehörte, hatte er gleiche Sünden zu strafen und that es mit dristlichem Freimuth. Das Wesen ihres Ordens sei nichts anderes als die reine und vollkommene Darstellung der christlichen Religion selbst, nämlich die rechtschaffene Liebe Gottes, die rechtschaffene Demuth und willige Armuth am Geist und zeitlichen Gütern. Dieses zu halten bätten fie Gott gelobet. Halten wir folden Eid nicht, so werden wir meineidig und treulos an unserm Gott. Deshalb, liebe Kinder, bitte und ermahne ich Eudy, daß Ihr das Wesen dieses Ordens wohl baltet und ihm nachfolget.“ Solche Ermahnungen, die Tauler oft wiederholte, wären nicht nöthig gewesen, wenn nidst auch dieser Orden wie alle übrigen der Verweltlidung und der Habsucht verfallen gewesen wäre.

Tauler hatte eine bobe Meinung von dem geistliden Stande und dessen Hirten- und Seelsorgeramt. Deshalb stellt er auch sehr ernste Forderungen an die Geistlichen, und wendet sich so oft in seinen Predigten strafend und ermahnend an fie. Der Geistliche, sagt er,

Baehring, Sauler.

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sebe in allen seinen Saden vielmehr auf Gott als seinen leiblichen Nußen; er verhüte nadi bestem Fleiß und Vermögen, daß nicht etwa eine der ihm anvertrauten Schäflein in seinem Gewissen verlegt werde. Er sei gleichgefinnt gegen Freund und Feind; er halte die Jugend fleißig im Zaum, sei ernsthaft mit Freundlichkeit und suche in seinen Befehlen vielmehr geliebt als gefürchtet zu werden; er ziebe in swierigen Fällen seine Oberen zu Rathe und kann er einem Uebel nicht abbelfen, so lasse er wenigstens seine Stimme dagegen laut werden. Kann er seine Gemeinde nicht in den Zustand der Heiligkeit und Gottseligkeit bringen, den er für sie wünscht, so lasse er sich nicht zum Kleinmuth verleiten; denn es gebet in diesem Falle wie mit einem alten zerrissenen Kleide: wird es nicht wieder geflidt, so ist es bald ganz zerrissen und unbrauchbar. Wo die geistlichen Uebungen und Werke aufhören, da mögen die leiblichen nicht lange bestehen. Wer geringe Sünden nicht achytet, der gewöhnt sich an die Sünde und fällt zulegt in große. Vor allen Dingen befleißige sich der Seelsorger, daß er seinen Untergebenen mit gutem Beispiele vorangebe und das mehr in Werken als in Vorten. Geduldig roll er leiden, wenn er eine Sache fri fich wohl erwogen und mit aller Treue ausgerichtet hat, daß fie Andere übel deuten und lästern und daß ihm diejenigen, welchen er am meisten bemüht ist, Gutes zu thun, gerade die dwersten Uebel bereiten. Denn der Geistliche soll nodi geboren werden, der es allen Leuten recht machen kann. Wil das aber einer, so wird er es gar oft gegen Gott und die Wahrheit unredyt maden müssen. Böser Leute und Buben Sdelten ist frommer Leute Lob und Ehre. Ferner soll der Geist

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