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Göttliche und Unsterbliche, das in dieser Persönlichkeit lag, mit neuer, ungeahnter Macht und überwand nach und nach auch den größten Widerstand, auch die stärkste Gewalt der Feinde. Ein Geistesfrühling erwachte, wie ihn die Fünger Yesu nie zu hoffen gewagt, und am Pfingstfest schüttelte der blühende Baum des Christenthums, bom leisen Gotteshauch bewegt, seine duftenden Blüthen in reicher Fülle über die junge Gemeinde aus.

Was kümmerte es nachmals die Anhänger der neuen Religion, ob der Gekreuzigte und Auferstandene wirklich gesehen worden sei oder nicht; fie saben seinen Geist durch alle lande schreiten, sie sahen seine hohen Worte zu That und Leben werden. In der fortwährenden Bethätigung des Gottesgeseķes, daß das Göttliche nicht sterben kann, erkannten sie den unwiderleglichen Beweis der Siegeskraft des Christenthums und sie ließen sich daran genügen.

Aus dieser Zeit mag die Sage stammen, die uns Lukas 24, 1-6 erzählt ist, und als hauptsächlicher Lehrzweck derselben mag die Frage gelten : Was suchet ihr den Lebendigen bei den Todten?“ Mir ist, als hörte ich aus dieser Frage einen leisen Vorwurf heraus gegen diejenigen Jünger Fesu, welche zu viel Gewicht legten auf die Ueberbleibsel seines persönlichen leben, auf die Erzählungen von den Erscheinungen desselben, auf den persönlichen Umgang mit ihm ; es scheint mir in jener Frage die Mahnung zu liegen, die Auferstehung des Herrn in den Wirkungen zu suchen, welche sein Wort und sein Geist in der Welt berborgebracht hat. Gewiß, diese Mahnung hat die Christenheit alle Zeit nöthig gehabt und hat sie heute noch nöthig. Die Menschen sind stets zur Versinnlichung des Geistigen geneigt und ruhen gerne aus in der Verehrung eines Bildes, das ihre Vorstellung geschaffen hat; in der schwärmerischen Verehrung des Veralteten, Abgelebten und darum Werthlosen geht manche Kraft zu Grunde, welche in der Befolgung der wirklich lebensvollen Grundfäße Großes leisten könnte.

Von den vielen Beispielen, welche uns die Geschichte hiefür bietet, will ich eines anführen.

Es ist bekannt, wie in der Zeit vom eilften bis zu Ende des sechezehnten Fahrhunderts fich im christlichen Abendland der Zug nach dem heiligen lande und den Stätten, wo Christus gelebt, der Gemüther bemächtigte und nahezit eine Völferwanderung veranlaßte. In der ersten Hälfte jener Zeit waren es Armeen, welche den heiligen Kreuzzug unternahmen, später bloß noch einzelne Pilger, die sich sammelten, um durch eine Fahrt nach Jerusalem und Umgebung sich ihr Seelenheil zu schaffen und Ablaß zu erringen. Bei jenen Kreuzzügen, wie bei diesen friedlichen Pilgerfahrten sind so viele Opfer gebracht, so viele Gefahren bestanden, so viele Lebenshoffnungen zertrümmert, überhaupt so viel körperliche und geistige Kraft vergeudet worden, daß man fragen muß: war denn eigentlich der Zweck diese ungeheuren Opfer werth ?

Es war aber kein materieller Zwed, sondern das rein ideale, wenn auch vielleicht damal& noch nicht klar erkannte Bedürfnis nach neuem, religiösem Leben. Der Körper der Christenheit war lahm geworden, man erwartete eine Neubelebung; woher sie allein kommen konnte, ahnte man das mals noch nicht, man erwartete sie von einer nähern Verbindung und Berührung mit all dem, was in Wirklichkeit oder der Legende nach vom ge

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schichtlichen Leben Jesu übrig war, von dem Betreten des heiligen Landes, dessen Boden einst sein Fuß berührt, von der anbetenden Verehrung der heiligen Stätten, welche an die alt- und iteutestamentliche Erzählung erinnerten, von dem Beschauen und Berühren der Reliquien, die von Christus, seiner Mutter, feinen Jüngern, den Märtyrern und Heiligen gezeigt wurden. Dadurch glaubte man in einen magischen Kontakt mit der überirdischen Welt zu kommen, als ob diese Berührungen eine Kraft hätten, ähnlich wie die magnetische Strömung von heutzutage. Es ist rührend zu lesen, wie die Jerusalemspilger fich's angelegen sein ließen, in der Verehrung heiliger Orte und Sachen nichts zit versäumen, um dadurch ja ein möglichst hohes Maß von Sündenvergebung und Heiligkeit zu erwerben. Schon in Venedig, dem gewöhnlichen Sammelpunkt der Bilger, wanderte man von Kirche zu Kirche, von Kloster zu Kloster. Reines war so gering, daß es nicht wenigstents eine Reliquie besessen hätte, die den Besuch lohnte. Der Rörper der heiligen Helena, der Daumen des Raisers Konstantin, ein Zahn vom heiItgen Christoph, Schuhe des heiligen Niklaus, ächtes Blut Christi, Dornen aus seiner Dornenkrone, Steine von der Steinigung des Stephanus, und was derlei Dinge mehr waren, Alles wurde angeschaut, geküßt, und mit den Rosenkränzen, Retten und Fingerringen bestrichen, damit sich die Kraft der Heiligkeit auf diese Gegenstände und dadurch auf den Menschen übertrage. So wurde verfahren an allen Orten der Reise, wo Halt gemacht und ein Kirchlein aufgefunden wurde; die Pilgerfahrt wurde zu einer eigentlichen Jagd auf Wallfahrtsorte und Reliquienschreine; die Heimkehr war nur dann eine befriedigende, wenn der Pilger möglichst viele solcher Besuche aufzählen oder, was noch besser, viele solcher „Heiligthümer“ selbst mitbringen konnte.

Und was war dieses ganze Treiben, das nahezu vier Jahrhunderte einert Hauptbestandtheil des religiösen Lebens des Mittelalters ausmachte ? Ein Suchen des lebendigen bei den Todten! Und darum eine vergebliche Mühe, denn den wahrhaft lebendigen, d. h. die Kraft, den Geist, die Gesinnung Christi brachte die Reformation, brachten die Männer, die nicht nach Bethlehem und Golgatha zogen, sondern daheim blieben, aber daheim ihre Bibel aufschlugen und die Worte Christi, und aus diesen denfelben wieder entdeckten! Jene suchten in weiter Ferne und fanden ein leeres Grab; diese forschten in der Schrift und fanden den Auferstandenen!

Bedarf unsere Zeit jener warnenden Frage nicht mehr : Was suchet ihr den Lebendigen bei den Todten?

Wir können in der Gegenwart zwei einander entgegengesegte Strömungen beobachten: die eine derselben hat sehr wenig Zutrauen zum Alten und Hergebrachten und ist stets bereit, an die Stelle desselben Neues zu feßen; die andere ist ungemein pietätsvoll gegen Alles, was schon zu der Väter Zeiten gewesen, ist antiquitätensüchtig, restaurationslustig und meint wohl mit der Wiederherstellung des Alten auch bessere, religiöse und sittliche Zustände zu Wege zu bringen. Auf kirchlichem Gebiete zeigt sich die legte Strömung gegenwärtig besonder8 rührig. Vergilbte Bekenntnisse sollen wieder zur autoritativen Geltung gebracht, werthlos gewordenen, kirchlichen Gebräuchen foll wieder ein fünstliches Leben eingehaucht werden, die frühere blindgläubige Art die Schrift zu lesen, gewinnt unter den Theologen wieder mehr die Oberhand, auch der Wunderglaube erhebt fich, ähnlich wie in dem katholischen Humbug der Marienerscheinungen, auf'8 Neue, wo ihm das entsprechende Material zu Gebote steht, so findet er seine Opfer in Masse hier, wie jenseits des Ozeans.

Und mit alledem hofft man das christliche Leben" in unserm Geschlechte wieder zu wecken und zu befördern! Heißt das nicht den Lebendigen bei den Todten suchen ?

Aber der Auferstandene wandelt auch durch unsre Zeit, nur sind Vieler Augen gehalten, daß sie ihn nicht kennen. Niemand sage, daß unsre Zeit weniger christlich sei, als eine frühere, darum, weil sie weniger kirchlich ist! Ruht denn nicht das ganze Leben und Streben der Gegenwart auf der Grundlage einer langen, christlichen Geschichte ? 3st sie nicht das Produkt der geistigen Entwicklung, die aus der Reformation entstanden ist? Und muß man nicht, wenn man offenherzig sein will, gestehen, daß ihre wichtigsten Bestrebungen solche sind, welche Jesus von Nazareth unbedenklich und freudig als seinen Worten gemäß anerkennen würde? Man schaut nicht mehr so viel gen Himmel, als früher, aber desto genauer auf die Erde und in die menschlichen Verhältnisse. Man schwärmt nicht mehr so viel in träumender Andacht, aber man thut mehr und leistet Tüchtigeres ; man beugt sich nicht mehr so tief vor den Großen und Reichen dieser Welt, aber man achtet dafür auch den Armen und Geringen höher, als ehedein; man gestattet nicht mehr so leichthin, wie früher, einzelnen Wenigen, unverdiente Vorrechte schamlos und rücksichtslos auszunüşen, man zieht auch die Höchsten je und je vor das Gericht der öffentlichen Meinung, und gestattet sogar auch dem armen Mann Stimme und Meinung in öffentlichen Dingen, aber man ist damit nur gerechter und unparteiischer geworden; man verwendet nicht mehr so viele Summen, wie vor Zeiten, für nußlose Ceremonien, aber man spendet mehr für näher liegende, nothwendige und wirklich nützliche Zwecke. Man betet nicht mehr den mittelalterlichen Christus an, der vom Nimbus einer übernatürlichen Wunderexistenz umflossen ist, aber man folgt viel mehr dem wirklichen Jesus nach, der ein Freund aller Menschen und ein Bruder der Aermsten und Geringsten war. Man sucht, kurz gesagt, heutzutage den lebendigen weniger mehr als früher bei den Todten, und die, welche es noch thun, jagen einem fleischund blutlosen Schatten nach.

Und wer glaubt nun im Ernst und aufrichtig an den Auferstandenen ? Wahrlich nicht Derjenige, welcher sich hineinglaubt in alle die sagenhaften Ueberlieferungen der ersten Christenheit, als wären dieselben lauter buchstäblich bezeugte Geschichten, — sondern der, der mit freudiger Zustimmung die Thatsache erkennt, daß das Große und Göttliche in der Person Jefu nicht untergeht, sondern fortarbeitet und leben zeugt von Geschlecht zu Geschlecht. Derjenige ist ein Auferstehung8gläu: biger, der in seinem Einzelleben diese Gotteskräfte auf sich wirken läßt und damit auch auf seine nähere oder weitere Umgebung Einfluß übt. Es ist uns aus dem Herzen gesprochen, was jüngst ein schweizerisches, politisches Blatt als Ostergruß gebracht hat:

Steh' auf aus deinem Grabe, du belad'ne8,
Du armes, ichmerzenreiches Menschenkind!
Noch weht der ewigen Liebe sanfter Fauch

Durch diese Welt und tilget alle Schuld
Und jeden Rummer, jeden Erdenjammer.
Und ob auch tausendfaches Weh durchzudt
Die Menschheit

, die in Haß und Grimm zerfleischte,
Die unter Lodesnoth erbebt und seufzt,
Ob täglich tausend Gräber auch sich öffnen,
Db noch Tyrannenfaust die Seifel schwingt,
Tyrannenmacht mit Skorpionen züchtigt,
D6 immer noch des Krieges Fadel lodert
Ilnd düst're Gluth strahlt über Leichenfelder,
Ob riesenhoch das Unrecht auch sich thürmet

,
Die Demuth weint, der Hochmuth tropig lacht:
Auf das Charfreitagsdunkel 'folgt ein lichtes,
Verheißungsvolles Ostermorgenroth,
Verkündigend den Sieg der Ideale,
Von Wahrheit, Freiheit, Liebe, Recht und Tugend.
Verhängt die Sonne, wenn es tagen will!
Erfaßt den Sturm und schmiedet ihn in Fesseln,
Wenn donnernd er durch Álpenschluchten rast !
Die Almacht Gottes öffnet alle Gräber,
Sie löst den Geist aus Kerkern und aus Retten,
In die der Menschen Wilfür ihn gebannt.
Šie macht die dunkle Nacht zum lichten Tag,
Das Dorngestrüpp zum blühenden Rosenhag,
Aus Schlachtendonner weckt sie heilgen Frieden,
Ein felig Völferostern einst hienieden.

L.

Eine tapfere Xukanwendung.

A18 im Jahr 1871 der Prinz von Wales an der Cholera tödtlich erkrankte und mit knapper Noth errettet wurde, hielt Pfarrer Kingsley in der königlichen Napelle von St. James eine Dankpredigt und schloß dieselbe mit folgenden, von wahrem Mannesmuth und Edelsinn zeugenden Worten:

„Lasset unsere Herzen einmüthig, wie das eines einzigen Mannes, sich beugen und sprechen: So weit es in unsrer Macht steht, soll hinfort, so uns Gott helfe, nicht Mann, Weib noch Kind in Großbritannien, nicht Prinz noch Bettler an Krankheiten sterben, die verhütet werden können. Lasset uns Buße thun für die sträfliche Bernachlässigung wohlbekannter Geseße der Gesundheit und Reinlichkeit, welche jährlich Tausende von Leben, in diesem Reich allein, ohne Noth und Grund vernichten; lasset uns dafür eine Besserung anstreben, denn Solches spottet der Wissenschaft und Menschlichkeit so gut, wie unsres Christenberufes. Zweimalhunderttausend Menschen sollen, wie ich höre, seit dem Tod des Prinzgemahls vor wenig fahren an Fiebern gestorben sein, die zu verhüten gewesen wären. Ist das nicht eine nationale Sünde, über die wir uns wie ein Mann demüthigen müssen? Wahrlich, dies hoffnungsreiche, kostbare Leben ist nicht vergeblich bedroht gewesen, wenn Sr. k. Hoheit häßliche, unnöthige Krankheit und dadurch, daß sie gleich die höchste Stelle traf, das oft wiederholte, felten beachtete Faktum zu Gemüthe führt, daß dieselbe Krankheit täglich Hunderte der Geringsten erfaßt, weil wir sie in Höhlen fränkeln und sterben lassen, die für Hunde, geschweige für Menschen untauglich sind. Wenn diese Krankheit alle loyalen Bürger aufrüttelt, daß sie als Pflicht gegen ihre Königin, ihr Vaterland und ihren Gott betrachten, in Stadt und Land eine gründliche, sanitarische Reform vorzunehmen, und zwar eine angenblickliche, radikale, rücksichtslose; wenn sie die Geistlichen ermuntert, damit sie Solches predigen, - ich sollte gar nicht daran zweifeln, - bis fein Fieberberd, keine Besthöhle mehr in einer englischen Stadt ist, dann werden noch ungeborene Geschlechter das Andenken eines Prinzen segnen, der wie ein armer Mann erkrankte und beinahe eines armen Mannes Tod gestorben wäre, daß sein Beispiel und hoffentlich später seine Anstrengungen die Armen von Schmuş, Arantheit und Tod befreite."

Das Recht der Mehrheit.

Seit Jahrhunderten ist alles Gute und Schlechte durch Mehrheiten gemacht worden. Durch eine Mehrheit wurde Christus gefreuzigt und das Christenthum im römischen Staat verfolgt; durch Mehrheiten auf den großen katholischen Konzilien wurde das sogenannte apostolische Glaubensbekenntniß, das wir nicht mehr brauchen, gemacht; durch eine Mehrheit ist auf dem legten Konzil anno 1870 der Bapst als unfehlbar erklärt worden. Aber durch Mehrheiten entstand auch die Reformation und die Revolution; vom größten Parlament der Erde bis herab zum kleinsten Dorfgemeinderath ist Alles und fedes, was in irgend einer Richtung Geset und Ordnung und öffentliches Recht geworden ist, durch Mehrheiten zu Stande gekommen. Mit dem Recht der Mehrheit wird in Monarchien und Republiken regiert, es ist Säule und Fundament aller gesellschaftlichen Ordnung geworden.

Bei all' den hunderttausend Fällent, wo eine Mehrheit etwas beschließt, gibt es auch eine Minderheit, von dem Todesurtheil über Christus bis herab auf den Handelsvertrag zwischen Frankreich und der Schweiz. Immer mußte die Minderheit sich dem zunächst fügen, was die Mehrheit beschloß, und das war manchmal eine lange, schwere Zeit. Die christliche Religion war dreihundert Jahre lang Minderheit im römischen Reich, die biblischen Christen waren eben so lange Minderheit in der katholischen Rirche ; die Anhänger des allgemeinen Stimmrechts waren Minderheit bis vor hundert Fahren, und die Reformfreunde in der Basler Kirche waren mehr als fünfzig Jahre Minderheit. Aber als die Zeit erfüllt und Gottes Zeit, die rechte Zeit, gekommen war, wurde die Minderheit auf jedem Gebiete zur Mehrheit, und das war ihr Recht. So wird es ohne Zweifel auch in Zukunft gehen. Einer jeder Mehrheit Pflicht wird es fernerhin bleiben, ihre Anschauungen auszuprägen, so fest und klar und bestimmt, als sie nur immer vermag.

So lange sie damit dem Bedürfniß der Zeit und den

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