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sie im Gegentheil um des Muthes und der idealen Rücksichtslosigkeit willen, die hiezu nöthig waren, achten und erblicke in ihrem Schritte nur eine strenge Konsequenz. Aber es müssen doch solche Erscheinungen für alle die, welche es mit dem religiös-sittlichen Fortschritte wohl meinen, eine ernste Mahnung und Warnung sein, dem Geiste evangelischer Freiheit treu zu bleiben und sich vor jeder schroffen und einseitigen Partheirichtung zu hüten. Denn ohne der katholischen Kirche, welche wir ja als eine für gewisse Zeiten und Bildungsstufen berechtigte Darstellungsform des religiösen Lebens ansehen können, zu nahe zu treten, muß dod) gesagt werden, daß das Ziel der religiös - sittlichen Entwicklung des menschlichen Geschlechtes nicht in Nom liegt und daß so wenig, als ein Mann wieder Kind werden kann und soll, eben so wenig die protestantische Menschheit wieder zum römischen Katholizismus zurückkehren darf und wird. – Wie wir nun dagegen protestiren müßten, wenn die freie Richtung in der Kirche für die Auswüchse des Indifferentismus und Nihilismus verantwortlich gemacht werden wollte, ebenso wenig wollen wir die Schuld an derartigen Uebertritten der positiven Richtung zuschreiben sondern sie fällt im einen und andern Falle nur den über die Bahn gesunder Entwicklung sich hinaus verirrenden Extremen beider Nichtungen zu. Der zuchtlose Libertinismus auf der einen und der starre Dogmatismus auf der andern Seite führen mit unerbittlicher Konsequenz schließlich zum Unglauben oder zum Aberglauben: zwischen beiden in der Mitte steht aber die evangelische Kirche mit ihren ewigen, positiven Grundlagen und mit ihrer Freiheit der Entwicklung auf diesen Grundlagen. Und das Zusammenleben und Aufeinanderwirken der verschiedenen Richtungen auf diesem Grunde und in dieser Freiheit ist die beste Schußwehr gegen Ausschreitungen nach Nechts oder Links. Iminerhin mag eine Richtung sich gegenüber der andern als der Wahrheit näher stehend betrachten und dies auch im Kampfe gegen dieselbe mit allen erlaubten Waffen und Mitteln zu verfechten und zu beweisen suchen aber nimmer meine eine Richtung, die Wahrheit für sich allein gepachtet zu haben und keine suche die andere zu unterdrücken oder zu vernichten. Gleichwie das eine farblose Licht der Sonne fich in den verschiedenen Gegenständen, auf welde es fällt, in verschiedenen Farben bricht, so ist es auch mit dem Geiste Gottes, der Wahrheit. Er nimmt in den Menschengeistern und Herzen verschiedene Gestalt und Farbe an und doch ist es der eine Geist. Und wie die Schönheit und der Reichthum der Natur durch die Manigfaltigkeit der Formen und Farben bedingt wird, so ist es auch im geistigen Leben. Wie arm und todt wäre ohne diese die Kirche! Welch' ein erschreckendes Zeichen, daß der Geist Gottes von ihr gewichen, wäre es, wenn in ihr nicht mehr in verschiedenen Zungen und auf verschiedene Weise Gott verkündigt und angebetet werden dürfte! Wie würde ohne diese Freiheit und Manigfaltigkeit, in welcher man sich gegenseitig ergänzt und fördert, jede gesunde Entwicklung unmöglich sein! Darum wollen wir uns freuen, daß es in unserer protestantischen Kirche verschiedene Richtungen gibt und die von der unsrigen abweichenden ehren, soferne wir in ihnen auch nur einen Strahl der Wahrheit, deren ganzes Licht wir alle erst noch suchen, zu erkennen vermögen. Aber laßt uns auch für unsere Richtung volles Recht fordern und brauchen, denn wir leisten den Andern so große Dienste, als sie uns. Wir sind Alle berechtigt zu eristiren, weil wir Ale einander bedürfen, ergänzen, vor Einseitigkeiten und Ausschreitungen bewahren und durcheinander der Wahrheit näher gebracht werden. - Bu solchem Festhalten an den Grundfäßen des freien Christenthums und zum Streben nach der Verwirklichung derselben auf dem Gebiete des praktischen Pebens ermuntere und stärke uns auch der Hinblick auf die Freunde, welche diesen Grundsäßen und diesem Streben treu blieben bis in den Tod. B.

(Fortseßuug folgt.)

Der ungerechte Haushalter.

(Lukas 16, 1-10.)

An die geehrte Frau H.-T. Sie haben den Wunsch ausgesprochen, obiges Gleichniß einmal in diesem Blatt erklärt zu sehen, weil Sie gerne wissen möchten, „was uns der Herr damit und besonders im neunten Vers lehren wollte“. — Ich muß leider fürchten, meine Antwort werde Sie wenig befriedigen. Sie scheinen nämlich für ganz ausgemacht zu halten, daß dieses Gleichniß von Jesus selber herstamme. Die Wahrhaftigkeit gebietet aber das Geständniß, daß in den vier Evangelien sehr Vieles Jesus in den Mund gelegt ist, weil die Verfasser Gründe hatten, zu glauben, Jesus müsse so gedacht und geredet haben. Bedenken Sie einmal, daß diese vier Evangelien etwa 40 bis 100 Jahre nach dem Erdenwandel Jesu, so wie sie jegt vorliegen, abgefaßt worden sind und Sie müssen es ganz begreiflich finden, daß das vierte Evangelium ihn ganz anders reden läßt und Anderes thun läßt als die brei ersten. So leib es uns thun mag, wir müssen ein für allemal darauf verzichten, zu erfahren, ob ein Wort in der Gestalt, wie es vors liegt, wirklich ein Wort Jesu sei oder nicht. Wir können wohl seine Gesinnung, sein Gottesbewußtsein, seinen Geist und in den gröbsten Umrissen auch sein Schicksal erkennen, aber jedes sogenannte „Leben Jesu“ wird immer eine Menge Vermuthungen enthalten, über welche dessen Verfasser sich verantworten muß. Geheimnisvoll wie ein Quell aus verborgenen Tiefen bleibt für uns des Christenthums Ursprung.

Und seien wir nur froh, daß wir nicht alles, wovor ein „Jesus sprach“ steht, als sein wirkliches Wort aufzunehmen brauchen. Denn lesen Sie unser Gleichniß einmal unbefangen durch. Da wird ein Haushalter von seinem reichen Herrn entlassen, weil er dessen Güter verschleuderte. Der Haushalter kann nicht graben und schämt sich zu betteln – wovon soll er fünftig nun leben? Ihm fällt ein listiger Streich ein, er will sich die Schuldner seines Herrn zu Freunden machen, damit sie ihn, wenn er abgelegt und brotlos ist, in ihre Häuser aufnehmen. Er ruft die Schuldner zusammen und fragt einen: Wie viel bist Du meinem Herrn schuldig? Der antwortet: hundert Tonnen Del. Der Haushalter sagt ihm: nimm Deine Handsdrift, seße Dich hin und schreibe eilends : fünfzig ! Und so thut er mit den andern Schuldnern auch: er fordert sie auf, seinen Herrn zu betrügen, um dieselben sich zu verpflichten, daß sie ihn aufnehmen in ihre Hütten.

Was dünkt Ihnen? Fragen Sie Ihren Mann, der in einem Handlungshause angestellt ist. Wenn ihm eines Tages wegen Verschwendung seine Entlassung angezeigt würde und er würde die paar Wochen bis zu seiner Entlassung dazu benußen, den Schuldnern seines Prinzipals 50% ihrer Schuld abzustreichen oder ihnen beimlich Waaren zuzustecken, um einen Anspruch an ihre Dankbarkeit zu gewinnen: Ihr Mann weiß ganz genau, was daraus würde bei unsern heutigen Begriffen, nämlich eine Anklage wegen Betrugs, eine staatsanwaltschaftliche Untersuchung und eine strafgeridytliche Verurtheilung am Bäumlein und Kost und Logis bei Herrn Strafhausdirektor Salis vor dem St. Johannthor. Und ich sage Ihnen, wenn Staatsanwaltschaft und Strafgericht und Zuchthausdirektion aus den bibelgläubigsten Männern zusammengeseßt wären, so und nicht anders würde es gehen.

Und der Herr lobte den ungerechten Haushalter“ begreifen Sie diese Nußanwendung des Gleichnisses? Kaum. Denn wir dürfen ja nicht einmal sagen, der listige Haushalter habe wenigstens den Schuldnern wohlgethan und ein Werk der Barmherzigkeit an ihnen geübt. Nein, denn nicht Mitleid und heilige Liebe war der Grund seines Schenkens, sondern sehr egoistische Ausrechnung des eigenen Vortheils, und wenn die Schuldner ein Gewissen hatten, so konnte sie das Geschenk deßwegen nicht freuen, weil sie nach Entlassung des Haushalters einsehen mußten, daß Unredlichkeit im Spiele war. Die katholische Kirche verehrt einen „heiligen“ Crispinus, der den Reichen Leder stahl und den Armen Schuhe daraus machte. Schon das geht nach unsern heutigen Begriffen nicht mehr wohl an, und doch ist das Thun des heiligen Crispin, sofern es aus Barmherzigkeit mit den Armen hervorging, noch heilig gegen die selbstsüchtige List unseres Haushalters.

Sehen Sie, geehrte Frau, es ist mit keinen Windungen und Phrasen drum herum und drüber weg zu kommen: in diesem Gleichniß ist etwas gelobt, was wir nicht loben können. Die Wahrhaftigkeit, welche gewiß audy zur rechten Frömmigkeit gehört und die Krone auf dem Haupte jedes Lehrenden ist, zwingt uns das Geständniß ab: dieses Gleichniß enthält, wie viele andere Abschnitte der Bibel, einen Begriff vom sittliden Leben, den wir nicht mehr zu theilen vermögen, es ist jüdische Zeitanschauung, die der Geist des Christenthums überwunden hat. Mir und Vielen ist es denn auch ausgemacht, daß nicht Christi Geist daraus redet und es nicht sein eigenes Geisteswerk ist, sondern der Geist und das Werk irgend eines Jüngers, der den köstlichen Schaß der Lehre und des Lebens Jesu in dieses irdene Gefäß seines Glaubens und Meinens gegossen hat. Auch von den Evangelien, diesen Niederschlagen des geistigen Kampfes um die Person des großen Religionsstifters, gilt eben das Wort: Wir tragen solchen Schaß, die Religion Jesu, in irdenen Gefäßen.

Wenn ich nun aber in diesem Blatte so zu Ihnen und zu allen seinen Lesern rede, so ist Ihnen wohlbekannt, daß wir solche Auseinandersegungen nicht auf die Kanzel bringent. An dieser Stätte, um welche sich die Christen sammeln zur Erbauung, würden wir diese kritischen Erklärungen mit einem kurzen Saße abmachen und uns dann sofort an den Schlußlaß des Gleichnisses halten: Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon. Es klebt ja an manchem irdischen Besig allerlei Unrecht und läßt sich troßdem viel Gutes damit ausrichten, nur stellen wir freilich an die Spiße aller Forderungen die, daß das ungerechte Gut in erster Linie, wo es möglich ist, denen zurückzugeben ist, welchen es genommen wurde. Wenn z. B. Jemand sich in kurzer Zeit durch kühne und gefahrvolle Unternehmungen bereidyert hat, bei welchen Gesundheit und Leben von tausend Árbeitern schwer geschädigt worden ist, so wird ein wahrhaft christlicher Unternehmer es als eine heilige Gewissensschuld empfinden, für die Hinterlassenen zu sorgen, das Loos der Arbeiter zu verbessern und auf alle Weise dafür zu sorgen, daß sie gegen Beschädigungen sicher gestellt, in Tagen der Krankheit und des Alters nicht dem Hunger und dem Elend preisgegeben sind. Mein unvergeßlicher Lehrer, Alexander Schweizer in Zürich, hat aus unserem schwierigen Gleichniß eine wundervolle Predigt gezogen über die Wahrheit, daß im Reiche Gottes die zeitlichen Güter den ewigen dienstbar zu machen sind. Und Sie und ich, denen der „ungerechte Mammon“ kaum viel Beschwer madt, wir wollen mit unsern lieben Kindern, fern vom Dogmenstreit, das alte schöne Lied singen:

Was frag ich viel nach Geld und Gut, wenn ich zufrieden bin?
Gibt Gott mir nur gesundes Blut, so hab icy frohen Sinn,
Und sing aus dankbarem Gemüth mein Morgen- und mein Abendlied.
Und wenn die goldne Sonn' aufgeht und golden wird die Welt
Und Alles in der Blüthe steht und Aehren trägt das Feld,
Dann denk id: alle diese Pracht hat Gott zu meiner Luft gemadt,

A.

Auch ein junger Zürcher. Gleichzeitig mit der Kunde vom Uebertritt junger Zürcher in die katholische Kirche (es soll nun auch noch der Sohn eines dortigen Pfarrers dazugekommen sein) kommt von Zürich ein soeben erschienenes Buch: Die Glaubensparteien in der Eidgenossenchaft und ihre Beziehungen zum Ausland 1527—1531 von Dr. Hermann Escher. Darin gelangt ein junger Zürcher Gelehrter auf dem Wege streng geschichtlicher Forschung zu einer Rechtfertigung Zwingli's und seiner Reformation, wissenschaftlich so gewappnet, so streng Historisch und treu und doch so mit innerer Wärme geschrieben, daß uns das Buch vorkommt wie die schönste Antwort an die abgefallenen Söhne Zwingli's, welche nun Peterspfennige sammeln und zu der Mutter Gottes in Einstedeln wallfahrten.

Es ist die leßten Jahre her fast Mode geworden, mit einem gewissen philisterhaften Bedauern von der politischen und sozialen Richtung des Zürcher Reformators zu sprechen und in Poesie und Prosa hat man Gott geradezu um Verzeihung gebeten für den armen Sünder, der die blutige Niederlage der Protestanten bei Rappel verschuldet habe. — Hasen kondoliren einein Löwen, daß er kein Hasenherz hatte! Da hat es uns denn schon an dem Basler Julius Werder gefreut, daß er (in den Beiträgen zur vaterländischen Geschichte, XI. Bd.) den Zwingli als politischen Reformator mit Gründen in Schutz genommen. Ungleich ausführlicher und gründlicher thut dies Hermann Escher, indem er nachweist, wie es ebenso sehr in Zwingli's eigenstem Charakter als in den umgebenden Verhältnissen lag, daß er seine reformirende Thätigkeit auch auf den Staat und die Gesellschaft ausdehnen mußte. Wer einmal in das innerste Getriebe der Glaubenspartheien der entscheidungsvollen Jahre 1527— 1531 hinein zu schauen wünscht, dem kann Escher's Buch dazu helfen, besser als irgend ein anderes. Auch Escher redet zwar noch von einer „Schuld“ Zwingli's, die darin bestand, daß er in den Angelegenheiten unseres kleinen Vaterlandes ausschließlich universelle Gesichtspunkte geltend machte“. Escher ist aber billig genug anzuerkennen, daß Zwingli durch die Verbindung der katholischen Orte mit Desterreich zu seinem großartigen Plan eines Schußbündnisses mit evangelischen Städten und Fürsten gezwungen wurde. Was man eine „Schuld“ Zwingli's nennt, ist nach unserer Ansicht, daß er unter Blinden den Glaubenskrieg kommen sah und Alles that, um durch denselben den Sieg der Reformation in der ganzen Eidgenossenschaft zu erzielen. Hätte er Erfolg gehabt, so wäre uns der ganze jeßige Jammer des Kulturkampfes erspart und seine heutigen kleinen Tadler wären wohl seine lautesten Lobpreiser. Nun er aber mit seinem Heldensinn unterlag warum muß denn das durch die Schwäche seiner Zeitgenossen veranlaßte Unglück seine „Schuld“ sein?

A. Xus Frankreich. Für den Segen der Trübsal hat die Weltgeschichte innert eines Jahrhunderts kaum einen kräftigern Beweis erbracht als an dem anno 1870 mit deutschen Waffen niedergeschmetterten Frankreich. Die furchtbare Niederlage hat diesem Lande zuerst die Republik, dann die Emanzipation vom Gambettakultus und nun in jüngster Zeit die Einführung des obligatorischen, unentgeltlichen und weltlichen Volksunterrichtes ge

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