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Leben lang steinige Pfade. Die Armuth auszurotten mit Stumpf und Stiel ist freilich ein Ding der Unmöglichkeit, weil sie sich immer auf's Neue erzeugt, aber kein Ding der Unmöglichkeit ist es, der ehrlichen Arinuth aufzuhelfen und dem redlichen Willen unter die Arme zu greifen und im kleinen Kreise wenigstens die schreiendsten Ungleichheiten einigermaßen zu heben zwischen dem innern Werth und dem äußern Befinden. Die staatliche Armenfürsorge mit ihrem Armenhaus reicht nicht aus, aber der geistliche Armenpfleger, der die „Herzen der Reichen lenkt wie Wasserbäche“ und sich selbst hingibt im Dienste der erziehenden Armenpflege, der vermag Vieles.

endlich bedarf die christliche Gemeinde auch des Seelsorgers. Der Gesunde und Glückliche, der im Sonnenschein des Lebens steht, kennt freilich des Daseins dunkle Schattenseiten nicht, er hat keine Ahnung von all' dem verschuldeten und unverschuldeten Elend, das sich in den Städten häuft und auf dem Lande nie ausstirbt; er weiß nicht, wie viel drückender Rummer und schleichende Sorge und nagende Verzweiflung die Menschen angreift. Erst wenn das Gräßliche geschehen ist, wenn wieder Einer, niedergedrückt von dem Uebermaß der Schuld oder des Elends, seines Lebens Fäden gewaltsam abgeschnitten dann schaudert er leicht zusammen und geht, die Augen bédeckend, vorüber. Der Rechtsstaat weiß von keiner Hülfe, Aưes, was er bem Unglücklichen bietet, ist – ein ehrliches Begräbniß! Die christliche Gemeinschaft aber hat ein Organ der rettenden Liebe und des aufrichtenden Trostes, sie sendet zu den Kranken und Verlassenen, zu den Betrübten und Verzweifelnden ihren Seelsorger. Was die erbarmende Liebe im Verborgenen thut, das freilich dringt nur selten an die Oberfläche der Deffentlichkeit, aber wer denkt da nicht an das Gleichniß jenes Philofophen, der sich die Menschen vorstellte unter dem Bilde eines rankenden Gewächses, das zu enge gepflanzt war und der Stange entbehrte. Was geschah? Die Ranken wuchsen empor, ergriffen einander und verschlangen fich, dicht verkettet fielen sie nieder, jegt war es um die meisten Blüthen= knospen geschehen, nur wenigen gelang es, sich aus dem dichten Laube herauszustrecken zu dem Lichte, die wenigen Früchte senkten sich und faulten am Boden. Wenn diese Ranken Bewußtsein hätten, wie hätten sie gejammert über ihre hilflose Lage, über ten quälenden Lebenstrieb, ihr legtes Rettungsmittel hätten sie erblickt in der „Verneinung des Willens zum Leben“. War ihre Lage hoffnungslos? Was fehlte den Ranken? Eine einzige Stange hätte hingereicht! Und was bedarf die leidende Menschheit? Solche Seelsorger braucht sie, die ba verstehen, die Stange zu den Ranken und Schwankenden zu sehen!

„Verehrte Versammlung! Die Reulenschläge, die fort und fort gegen Religion und Kirche geführt werden, sie sausen nicht hernieder, ohne auch das Ansehen des Pfarramtes zu streifen und in den Roth zu ziehen, aber aus der Wärme seiner religiösen Ueberzeugung, aus der Tiefe seiner Bildung, aus dem Umfang seines Wissens und aus der Stärke und der Vielseitigkeit seines Wollens baut sich das Ansehen des Pfarrers bei den Gebildeten nur glänzender immer wieder auf und ein reges religiöses Leben in einer Gemeinde ist mehr als zuvor das persönliche Verdienst des Pfarrers.

„Aber auch die Aufgabe der Laien ist eine andere, mehr persönliche geworden. Wenn jeder Zwang in religiösen Dingen aufgehoben wird, muß das ächte religiöse Interesse sich um so freier und offener bethätigen. Diese Bethätigung ist aber leider bei vielen Hochgebildeten in mancherlei Vorurtheilen befangen. Wir müssen lernen eine gewisse Scheu zu überwinden, die uns allen anklebt. Wir reden von des Voltes Wohlfahrt und ereifern uns in den politischen Kämpfen des Tages, wir fordern Werke der Gemeinnüßigkeit und erwärmen uns für das Gedeihen der Schule, wir interessiren uns für die Kunst und Wissenschaft, aber vor den Aufgaben der Kirche ziehen wir uns vornehnt und passiv zurück. Und doch arbeitet die Kirche an einer Aufgabe, die schlechterdings keine andere Institution zu übernehmen vermag. Der Rechtsstaat ist allerdings die erste Bedingung der menschlichen Geselsdaft. An der Verbesserung der Strafgeseßgebung, des Verwaltungs- und Kultursystems muß gewiß fort und fort gearbeitet werden, aber zur vollen Würde erhebt sich die Menschheit erst auf der Stufe der beseelten Gesellschaft, wo alle Glieder durchdrungen sind von der Einsicht in die sittlichen Ideen und erfüllt vom redlichen Willen, sie darzustellen in allen Verhältnissen des Lebens. Von diesem sittlichen Sauerteig sind unsere gesellschaftlichen Zustände leider noch wenig durchdrungen. Im staatlichen Leben wagt man an dieses ferne Ziel noch nicht zu denken, man wird sich noch lange mit Unterzielen begnügen müssen, die, wenn sie rein und ehrlich gemeint sind, auf jenes ferne Ziel hinweisen. Die christliche Kirche aber hat seit ihren Anfängen nach dem Reiche Gottes auf Erden getrachtet und sie wird es, wenn sie sich auf der reinen Höhe hält, auf welche sie ihr Stifter gestellt hat, früher erreichen, als der aus so verschiedenen Elementen zusammengesepte Staat. Daran zu arbeiten aber sind nicht nur die Theologen, sondern auch die Laien berufen, denn nur wo die Vernünftigen Eins sind, kann das Vernünftige, und nur wo die Bessern Eins jind, kann das Gute siegen.“

Som schweizerischen Reformtag in Zürich.

(Eröffnungswort des Präsidenten Herrn Pfarrer Bion.)

„Herzlich heiße ich Sie zur sechsten Versammlung des schweizerischen Vereins für freies Christenthum willkommen in der Stadt, welche von den Tagen Zwingli's bis auf unsere Zeit herab vor vielen andern stets eine Stätte gewesen ist, wo für eine geistig freie Auffassung des Christenthums und eine gesunde geschichtliche Weiterentwicklung desselben auf dem Grunde des göttlichen Wortes und Geistes jeweilen hervorragende Männer gewirkt und auch Verständniß und Zustimmung gefunden haben. Erst acht Jahre sind es, seitdem Zürich die Ehre und Freude hatte, diesen schweizerischen Verein bei sich zu empfangen, aber wie viel liegt für denselben zwischen damals und jeßt - wie viel Arbeit, Anfechtung, Kampf, Erfolg und Sieg! Ja, wenn wir heute auf die gar nicht ferne Zeit zurückblicken, da Heinrich lang mit einigen zum Theil noch lebenden, zum Theil schon init ihm heimgegangenen Freunden, von besserem Wissen und Gewissen getrieben, den Kampf wider die alte Kirche in jugendfrischer Begeisterung anhob und dann uns jeßt umschauen in unserem Vaterlande, wo nun in fast allen Gauen die religtöse Reform ein „großes Volk“ für sich hat, so darf uns wohl das freudige Bewußtsein erfüllen, daß „unser Nath und Werk nicht von Menschen, sondern aus Gott ist“, und darum nicht untergehen kann und wird. Dieses Bewußtsein in uns auf's Neue zu beleben und zu stärken ist der Hauptzweck meines Wortes. Wir bedürfen desselben, wie mich bedünkt, in noch höherem. Grade als diejenigen, welche zuerst die Fahne des freien Christenthums erhoben; denn zu den Gegnern, wider welche jene zu kämpfen baiten, sind für uns noch zwei andere gekommen, deren wir uns erwehren müssen. Der eine derselben liegt in nns selbst. Es ist die geistige Ermattung und stolze Sattheit, welche so gerne nach einer Zeit des Rampfes und errungener Erfolge eintritt und sich auch in unsere Mitte einzusdhleichen droht – und der andere ist die Indifferenz, ja ich darf wohl jagen Abneigung, welche nicht nur gegen das Christenthum, sondern gegen alle und jede Religion sich unter unserm Geschlechte in weit offener Weise kundgibt als früher. Damals, als von unserer Richtung der Kampf gegen veraltete und nicht mehr lebensfähige Dogmen und Einrichtungen der Kirche begonnen wurde, jubelten ihr Tausende zu, welche sie jest theils feindselig bekämpfen, theils mit vornehmer Gleichgültigkeit zu ignoriren suchen. Sie gingen eins mit uns, so lange es sich barum handelte, zu negiren und niederzureißen, wogegen sich schon längst Vernunft, Wissenschaft und Erfahrung empört hatten und doch Wenige öffentlich aufzutreten wagten. Aber als wir, wie wir ja doch nicht anders konnten, nun auf dem vom Schutte gereinigten Boden den uralten Tempel der Religion der Gotteskindschaft und Bruderliebe wiederherzustellen versuchten, wurden viele jener anfänglichen Freunde zu unsern heftigsten Widerjachern und riefen uns vorwurfsvoll zu: Ihr seid nicht besser als diejenigen, welche ihr bekämpft habt. Ihr wollet die menschliche Vernunft und das menschliche Leben nur in andere Fesseln schlagen. „Lasset uns zerreißen eure Bande und von uns werfen eure Seile.“ Zu diesen neuen Feinden gesellen sich immer noch die alten Gegner, welche uns als die Zerstörer eines Heiligthums ansehen und uns verantwortlich machen wollen für den Geist des Unglaubens auf religiösem und der Zuchtlosigkeit auf sittlichem Gebiete, den wir heraufbesdworen haben sollen, obwohl er seine Wurzel in allem Andern eber hat, als in dem, was wir anstreben. So müssen wir dieselbe sdhmerzliche, ja eigentlich tragische Erfahrung machen, welche von jeher Alle gemacht haben, die Frömmigkeit und Freisinnigkeit mit einander zu verbinden suchten, daß nämlich sowohl diejenigen, mit welchen wir in der Liebe zur Religion und zum Christenthum, als diejenigen, mit denen wir im Streben nach Befreiung des Menschengeistes von allen ihn hemmenden Banden sympathisiren, uns bekämpfen, weil wir den Einen zu frei und den Andern zu fromm sind. Unsere Aufgabe ist daher eine doppelte: „Zu kämpfen mit Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken.“ In die erstere ist das Thema eingeschlossen, welches wir heute behandeln. Wir möchten durch Besprechung desselben beweisen, daß wir so gut ein Recht haben, uns Christen zu nennen, als diejenigen, welche uns solches bestreiten, weil uns, wenn wir es auch in andern Worten und Formen äußern, doch dieselbe Liebe zu Christus erfüllt, in welchem wir alle das unvergängliche Ideal wahrer Menschlichkeit erblicken und wir kein höheres Streben kennen, „als in sein Bild verklärt zu werden“. Ueber die zweite unserer Aufgaben lassen Sie mich noch Einiges sagen. Es ist meines Erachtens ein hödyft verhängnißvoller frrthum, in welchem viele unserer sogen. gebildeten Klassen befangen sind, als ob die Menschheit dein Christenthum und der Religion überhaupt entwachsen und diese eine hemmende und darum so schnell als möglich abzu= werfende Fessel des Fortschrittes des menschlichen Geistes sei. Die Nothwendigkeit der Religion und des Christenthums insbesondere wird, wie Channing so treffend und schon sagt, „nicht im mindesten durch dasjenige beseitiget, was man den Fortsdritt des menschlichen Geschlechtes nennt. Wir müssen vielmehr sagen, daß die sog. Civilisation unserer Zeit, weit davon entfernt, für sich im Stande zu sein, sittliche Stärke und Erhebung zu gewähren, vielmehr Ursachen der Erniedrigung in sich birgt, denen nichts als das religiöse Element Widerstand zu leisten vermag. Sie vervielfältigt unzweifelhaft die Annehmlichkeiten und Genüsse des Lebens; aber in diesen liegen schwere Versuchungen und Gefahren für die Seele. Sie dienen dem sinnlichen Elemente in der menschlichen Natur , dem Theile unseres Wesens, welcher uns eng mit der Erde verbindet und uns nur zu oft zu Sklaven derselben macht. Die Fortschritte der Civilisation machen es daher nothwendig, daß in demselben Verhältniß eine Unterstüßung und Förderung der geistigen und sittlichen Lebenselemente gegeben werden, und wo sollten diese anders zu finden sein, als in der Religion? Ohne diese erhebt sich der civilisirte Mensch mit allen Verschönerungen und Verfeinerungen seines Lebens wenig über den Wilden, auf den er init Geringschäßung herabschaut. Man rühmt uns von der Civilisation unserer Zeit, von ihren Künsten und Wissenschaften, welche die sicheren Mittel menschlicher Erhebung seien. Man sagt uns, wie durch diese der Mensch die Kräfte der Natur beherrsche und zu seinem Nußen verwende. Ja wohl, er beherrscht sie, aber er ist ihr Herr, um seinerseits wieder ihr Sklave zu werden. Er durchforscht und kultivirt die Erde, aber nur, um selbst noch irdischer zu werden. Er durchsucht die Erde nach Metallen, aber er sucht sie nur, um sich selbst Retten zu schmieden. Er besucht alle Gegenden der Erde, aber deßhalb lebt er als ein Fremdling in der eigenen Seele. Gerade in dem Fortschritt der Menschheit selbst liegt das Bedürfniß eines Prinzips, das der Sinnenwelt das Gegengewicht hält, einer Macht, die den Menschen von der Materie zu befreien, ihn aus der äußerlichen Welt in die innerliche zurückzurufen vermag, und die Religion allein ist es, die einer so großen Aufgabe gewachsen ist. Es ist das Ausgezeichnete des religiösen

Elementes, daß es die Civilisation unterstüßt und fördert, Wissenschaften und Künste hebt und erweitert, die Annehinlichkeiten und Zierden des Lebens vermehrt und sie doch zugleich ihrer erniedrigenden und knechtenden Macit beraubt, ja sie sogar zu Werkzeugen und Dienern der geistigen und sittliden Freiheit verwandelt. - Damit jedoch die Religion dies sei und bewirke, muß sie mit freiem Geist und weitem Herzen aufgefaßt und dargestellt werden. Wenn sie, wie das bei kleinen und engen Seelen oft der Fall ist, eine unduldsame, engherzige Gestalt annimmt, wenn ihre Anhänger nur die eigene Anjicht gelten lassen und jede andere als irrthümlich oder sogar schlecht verfolgen, wenn sie das selbstständige Denken und Forschen als Sünde ansehen und verdammen und die Geister und Gewissen widerstandslos unter eine fremde Autorität beugen wollen, dann wird die Religion aus einer Freundin zu der ärgsten Feindin der Freiheit und Erhebung des menschlichen Geistes. Aber die Religion, welche uns Jesus Christus gebracht hat, die uns mit Ehrfurcht vor Gott und der göttlichen Natur im Menschen erfüllt und unsere höchsten geistigen und sittlichen Fähigkeiten zu den höchsten Zielen entwickeln will, ist die Quelle aller wahren Bildung und Wohlfahrt und ohne sie geht es mit dem einzelnen Menschen wie mit ganzen Völkern rasch dem Verderben entgegen. nur einmal die Menschen ernstlich glauben, daß sie das Werk und Spiel des Zufals seien, daß keine höhere Weisheit und Gerechtigkeit in den menschlichen Angelegenheiten thätig sei, daß die Schwachen keinen Beschürer, die Unterdrückten und Mißhandelten keinen Rächer haben, daß es für geheime Verbrechen keinen Zeugen gebe, als die Vollführer desselben, daß das menschliche Leben keinen Zweck habe, dieses kurze Leben für uns Alles und der Tod gänzliche, ewige Vernichtung sei, laßt nur einmal die Menschen die Religion gänzlich bei Seite werfen, und wer will die Hreuel ermessen, welche hieraus folgen würden ?! Vergebens möchte man hoffen, daß die Geseße und ein natürliches Wohlwollen die Gesellschaft doch zusammenhielten. Mit eben so viel Grund dürfte man glauben, daß, würde die Sonne am Himmel ausgelöscht, unsere Fackeln die Erde erleuchten und unsere Feuer sie beleben und befructen könnten. Löschet in der Menschheit den Glauben an Gott, das heilige Licht der Religion aus und Selbstsucht und Sinnlichkeit werden den Menschen verzehren. Die Begierde,

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