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und vor mir selbst hilft. Du verstandest es und Du verstehst es. Mit den andern Leuten, die einem auf den Lebensweg geworfen werden, wenn sie sich auch freundlich zu mir stellen, werd' ich nicht gut fertig. Denn sie sind Judendıristen, wir aber sind Heiden christen. Aengstigend drängt sich mir oft der Gedanke auf, wie die Christen, die noch an einen Heiland glauben, so krampfhaft und krankhaft sich an die vergilbte Orthodorie anklammern, daß sie wortgläubig sind statt geistgläubig, daß sie das Kreuz mehr treiben als den Herrn, der daran hängt. Wohin ich komm, überall derselbe Eindruck auf mich. Wir sind in dem bischen Liebe eins, das wir etwa zu einander haben, weiter nicht; ich wollte, ich könnte den Leuten ein Motto, das mir ernstlich gemeint ist, in die Seele brennen: der Glaube trennt, die Liebe eint. Ach, mein lieber Freund, bedenke ich, daß ich nur mit Dir und Wenigen darin eins bin, daß wir Christen sein wollen und keine Juden, daß wir das Alte Testament nur fasjen fönnen im Lichte des Neuen und nicht das Neue im Zorn des Alten, bedenke ich, daß wir's für das Höchste halten, Gott anzuschauen als den Ewig-Einen, als die Liebe ich weiß nicht, mir wird ganz wund und weh dabei. Laß uns nicht dumm und stolz sein und sagen: wir stehen über der Zeit; aber in Wahrheit möchte uns das richtende Wort treffen: wir stehen außer der Zeit. Denn auch das Christenthum nimmt, wie Alles, was als geistiges Leben in der Menschheit sich offenbart, zu jeder Zeit seine Form, sein Gewand an. Zur Zeit der Pietisten machte sich in unserer Kirche der Glaube wieder als Christusglaube geltend, und Schleierinacher durfte den Heiland predigen statt der Lehre vor ihm: nun aber in der Angst und Noth dieser Zeit scheint's dazu gekommen zu sein, daß der ganze Schriftinhalt durch dunkeln Eifer soll der Welt als Testament auferlegt werden, also Schriftglaube nöthig sein, nicht Heilandsglaube. Wir haben aber keinen Schriftglauben, Du nicht und ich nicht. Ich glaube, daß Gott alles unter die Sünde beschlossen hat, auch das Alte und Neue Testament, daß sie die Spuren der Unvollkommenheit menschlicher Natur tragen nicht im Mantelsack und Wein der Timotheusbriefe (2. Tim. 4, 13, 1. Tim. 5, 23), sondern in all ihrer Auffassung, die immerdar eine menschliche ist. Denn Gott hat den Evangelisten doch nicht in die Feder diktirt, wie ein Schulmeister seinen Jungen, und wir soứen darum keine Rabbinen sein, sondern Botschafter an Christi Statt. Aber ob wir es sein können, das ist die Frage. Vergehen im Kampfe können wir. Ach, was sag' id), Du nicht, Du nicht! Der gnädige Gott sei mit Dir, inein lieber Freund!“

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Fünfter Jahrgang.

N: 32. Samstag, 12. August 1882.

Schweizerisdes Proteftantenblatt

Her a usgeber:
Pfr. U. Altherr und E. Linder in Basel, Pfr. Bion in Zürich.

Wir sollen nur nicht in Sinn nehmen, daß der heilige Geist gebunden sei an Jerusalem, Rom, Wittenberg oder Basel, an deine oder eine andere Person. In Christo allein ist die Fülle der Gnade und Wahrheit.

Decolampad au Juther.

Erscheint jeden Samstag. Man abonnirt auf jedem Postamt der Schweiz und des Auslandes. Preis halbjährlich franko zugesandt 2 Fr. Wer das Blatt in Basel gratis erhalten will, kann dasselbe in der Buchdruckerei I. Frehner, Steinenvorst. 12, abholen.

Gehet ein durch die enge forte.

So geht denn durch die enge Pforte ein !
Weit ist die Pforte und der Weg ist breit,
Der zur Verdammniß führt, zum Nichts, zum Schein,
Und Viele wandern drauf zu jeder Zeit.

Auf der bequemen breiten Straße zieht,
Wem nur des Augenblicks Behagen fromint,
Der, da er nie nady ew'gem Ziele sieht,
Nur sorget, daß er mäßig weiter kommt.

Das Leben ist ihm eine Reise nur,
Und zu vergnügen sid, der Reise Zweck.
Gedankenlos folgt er getret'ner Spur
Morgen, wie heut, als kämer nie vom Fleck.

Bis er vergaß, vom Augenblick ergeßt,
Das Ewige, wonach der Geist sid) sehnt,
Und aus weit offenen Pforten ihm zuletzt
Das eckle, sdaale Nichts entgegen gähnt. ---

Die and're Pfort' ist eng und idymal der Weg,
Der da zum Leben, der zu Gott führt ein,
Und wen'ge finden jenen rauhen Steg,
Der nur mit Arbeit will bezwungen sein.

Sallet.

Der fittliche Kampf.

(Zi 1. Cor. 9, 24. 25.)

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Wie sehr es der Apostel Paulus verstand, an die bestehenden Verhältnisse und Sitten anzuknüpfen und seinen Zuhörern die religiöse Wahrheit in populärer Weise nahe zu bringen, davon gibt die oben angeführte Stelle einen deutlichen Beweis. Wisset ihr nicht, daß die, welche in den Sdranken laufen, die laufen alle, aber nur einer erlanget das Kleinod?“ Diese Worte beziehen sich auf die berühmten olyympischen Spiele, die als das eigentliche Nationalfest des Griechenvolkes von Zeit zu Zeit zu Corinth gefeiert und aus allen Gauen Griechenlands zahlreich besucht wurden. Ringkämpfe, Wettlaufen, Scheibenwerfen, Wagenrennen, auch dichterische und musikalische Leistungen bildeten die Hauptgegenstände der festlichen Arbeit - es war Schüßen-, Turn- und Gesangfest miteinander.

Der Apostel war weit davon entfernt, diese Spiele als etwas Heidnisches und vom christlichen Standpunkt aus Verwerfliches zu bezeichnen, wie das etwa unsere heutigen Pietisten, wenn sie ihre Feste hinter sich lyaben, gegenüber den Volksfesten zu thun pflegen. Aber er benützt auch die Erinnerung an die nationale Sitte blos, um auf einen viel wichtigeren Kampf aufmerksam zu machen, welcher jedem Menschen zur Pflicht gemacht ist, worin wir alle unsere Kräfte anstrengen sollen und wobei jedem, der sich redlich müht, ein Siegespreis zu Theil wird. Es ist das der sittliche Kampf, der Kampf des Geistes gegen das Fleisch, der Vernunft gegen die Sinnlichkeit, des Guten wider das Böse. Seht doch, wollte der Apostel den Corinthern sagen und es paßt ja auch auf unsere Verhältnisse seht doch, wie sie sich Mühe geben an solchen Turnieren, wie sie keine Zeit, keine Kosten, keine Anstrengung scheuen, um einen Preis zu erringen, wie der Ausgelassenste solid und vorsichtig wird, damit er seine Stimme, seine Kraft, seine Ruhe nicht verderbe, wie, wenn es den ernstesten Kampf und das höchste Ziel gilt, das des sittlichen Fortschritts, der Heiligung des Charakters und des Lebens!

Gibt es aber überhaupt eine solche Aufgabe, oder ist der sittliche Kampf am Ende nur eine Juusion schwärmerischer Idealisten? Es gibt ja eine Weltanschauung, wonach der sittliche Kampf ein Unding ist, wonach es nicht Sduld oder Verdienst des Menschen ist, ob er sich so oder so, vorwärts oder rückwärts entwickle, sondern alles angeborene und angeerbte Naturanlage, Blutinischung, Produkt der Ernährung und der klimatischen Verhältnisse, nicht moralische Selbstentscheidung, sondern lediglic, Ergebnis des Zusainmenwirkens von Stoff und Kraft.

Es wird nicht zu leugnen sein, daß unsere Abhängigkeit von materiellen Einflüssen viel größer ist, als man bisher gewußt und geglaubt hat. Dennoch aber bezeichnen wir die genannte Anschauung als eine Uebertreibung nach der einen Seite hin, wie die Lehre von der vollständigen moralischen Willensfreiheit eine solche nach der andern Seite hin ist. Es gibt eine sittlide Aufgabe und wir sind dazu bestimmt und befähigt, sie zu erfassen und so weit als möglid, zu erfüllen. Niemand wird es leugnen wollen, daß wie in Bezug auf die materiellen Existenzmittel auch im sittlichen Leben es der Fleißige und Strebsame z11 etwas bringt, während der Träge und Gleichgültige, obwohl vielleicht unter gleichen Einflüssen und Verhältnissen aufgewachsen, zurückbleibt oder untersinkt. Im Ganzen und Großen ist dod; Jeder seines Glückes Schmied, sofern man das Glück nicht im Aeußern, sondern im Innern sucht. Und wenn wir schon dankbar unsre Eltern und Erzieher preisen, oder in religiöser Sprache alles, was wir erreicht, unserm Gott verdanken, so bedarf es doch der eigenen sittlichen Erkenntniß und Anstrengung, des sittlichen Kampfes. Vorwärts ist auch hier das große Losungswort. Nach oben lautet stets die innere Stimme eines nidyt ganz verdorbenen Mensdien.

Ist aber dieser sittliche Kampf der wichtigste und heiligste, jo darf man sich nicht verhehlen, daß er auch der schwerste und anstrengendste ist, der uns obliegt. Der Apostel hat das im angeführten Worte damit angedeutet, daß er zur Vergleichung von allen olympischen Spielen gerade das anstrengendste gewählt hat, den Lauf in der Rennbahn. Das hatte jeder Corinther aus oftmaliger Selbstanschauung deutlich vor Augen, wie sich ein solcher Wettläufer anstrengte, um den Siegespreis zu gewinnen : die Anspannung der Muskeln, die nach vorn gerichteten glühenden Blicke, die wogende schwer athmende Brust, die Behendigkeit der Füße, das fortwährende Berechnen der nod) zu durchlaufenden Distanz und die ängstliche Beobachtung des Gegners! In alledem lag die deutliche Mahnung an die Christen zu Corinth: thut es ihnen gleich in euerm Christenleben! Und ihrer Viele haben es ja gethan. Vorab Paulus selbst, der ja alles nichts achtete, „auf daß er Christen gewinne“, der durch hundert Gefahren zu Wasser und 311 Land sich in seiner Mission nicht abwendig machen ließ, der selbst seine körperliche Schwäche bezwang, um das Möglichste zu leisten. Und so erzählt uns die alte Geschichte noch manches Beispiel von staunenswerther Selbstüberwindung und fast übermenschlichen Opfersinns, wo es galt, das christliche Prinzip praktisch zu üben und den heidnischen Gegner zu gewinnen. Ša der sittliche Kampf um die Heiligung ist schwer! Es gibt nichts Sdwereres als die Selbstverleugnung um des Guten und Nechten willen, als die fortwährende Selbsterziehung im Sinn und Geist des Evangeliums. Wie viele Stimmen rufen uns zu: Genieße doch das Leben und sorge für dich selbst; ein Thor, wer sich aufreibt für Ideale, die sich nie verwirklidjen, oder gar für ein Menschengesdylecht, das nie weiser und gerechter wird und das niemals für die gebrachten Opfer dankbar ist!

Und in diesem Kampf gibt es keine Pausen, kein Ausruhen und Stehenbleiben bei dem bereits Erreichten. Es ist immer ein schlimmes Zeichen, wenn Jemand selbstgefällig zu sich spridt: jetzt hast du's ja schon ordentlich weit gebracht und darfst dir's nun eine Weile wohl sein lassen. Solche Pausen würden uns stets und unvermerkt wieder um ein gutes Stück zurückbringen und unsere Kraft lähmen. Und endlich ist dieser Kampf so schwer und die Gefahr der Ermattung und des. Schlaffwerdens so groß, weil wir das Ideal, das uns vor dem Auge steht, die wirkliche Vollkommenheit, niemals erreichen. Was sich erreichen läßt und was der Apostel als Siegespreis bezeichnet, ist das innere Glück eines nach Gottesgemeinschaft strebenden Menschen, aber die sittliche Vollkommenheit ist ein Ziel, das vor uns herflieht, und in um so größerer Ferne, je mehr eben unsere sittliche Erkenntniß und unser sittliches Streben geläutert und gefördert wird. Wie leicht entfällt da der Muth und sagt man sich: es ist vergebens, die Wirklichkeit bleibt ja stets hinter dem Ideal zurück, ob ein bischen frommer oder weniger fromm, was thut's ? Aber diese schmerzliche Entdeckung ist doch nur Schein; denn eben wenn wir von Jahr zu Jahr bescheidener von uns denken lernen, jo liegt darin der Beweis, daß wir innerlich gewonnen haben an Neife des Urtheils, an Schärfe des Gewissens, an Ernst des Willens, an Selbsterkenntniß. Denn nicht der stolze Pharisäer, der sich selbstbewußt an die Brust schlägt, steht Gott näher, sondern der demüthige Zöllner, der stille aber aufrichtig bittet: Gott sei mir Sünder gnädig!

Und der Siegespreis, um welchen der Apostel uns ringen heißt, ist ja des Kampfes wohl werth! Es ist kein Lorbeerkranz und fein funkelndes Kleinod, aber etwas viel Kostbareres, als alle diese verweltlichen und vergänglichen Dinge: es ist das innere Glück der Gottesgemeinschaft, der Friede Gottes, der alles Denken und Beschreiben übersteigt, den man nicht zeigen, aber selbst erfahren kann. Man versuche es doch einmal, diesen sittlichen Kampf redlich und treu zu kämpfen, und man wird bald, bei allen Mülen und Schmerzen desselben, jenes Glücksgefühl zu genießen bekommen, gegen das alle Genüsse und Neichthümer des irdischen Lebens nichts sind.

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