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sie soll möglichst die Kontraverse und Polemik gegen andere Religioneri, namentlich die muhamedanische vermeiden und statt die Bekehrung zum Stichwort zu wählen, den Unterricht bieten, die erzieherische Thätigkeit üben, die allgemeine Bildung vermitteln, welche den Geist des Christenthums in sid, schließt, aus welcher die „Bekehrung“, ohne daß der Naine gebraucht wird, sich von selbst ergibt. Bei der Mission gilt vielfach das bekannte Wort, daß die zu Befehrenden von vornherein zu sehr die Absicht merken und verstimmt werden. — Gerade deswegen wird erfahrungsgemäß Verkehr, Handel, Kolonisation ohne die prononcirte Tendenz der Christianisirung weit mehr die Ausbreitung christlicher Anschauung und Gesittung fördern, als jene Mission, welche mit der Thür ins Haus fällt. - Livingstone hat deswegen so gute Aufuahme überall gefunden und so Großes geleistet, weil er neben der wissenschaftlichen und geographischen Forschung die Abschaffung der Sklaverei herausgreift, sich zum Ziele sezte und offen verkündete und nirgends direkt einer bestehenden Religion den Krieg erklärte. Er verstand es, den Muhamedanern ein Muhamedaner, den Heiden ein Heide, Allen das Vorbild eines edlen Menschen, ein guter, weiser Mann zu sein. Mit Recht sagt er an einer andern Stelle: Gaukelei und Kunststücke würden von keinerlei Nußen sein für die Civilisation der Afrikaner, dazu hat man hier zu viel gesunden Verstand. Vertrauen zu den Europäern vermag ihnen nichts einzuflößen, als eine lange Reihe guter Handlungen. Güte und Selbstlosigkeit macht auf jie mehr Eindruck, als jede Leußerung der Macht und Geschicklichkeit. Sie sagen: Ihr habt andere Herzen als wir, die Herzen der schwarzen Menschen sind böse, aber eure sind gut. M.

Un meinen Sohn Johannes.

lieber Johannes! Die Zeit kommt algemach heran, daß ich den Weg gehen muß, den man nicht wieder kömmt. Id kann dich nicht mitnehmen und lasse dich in einer Welt zurück, wo guter Rath nicht überflüssig ist. Niemand ist weise von Mutterleibe an, Zeit und Erfahrung lehren hier und fegen die Tenne. Ich habe die Welt länger gesehen als du. Es ist nicht alles Gold, was glänzt, und ich habe manchen Stern vom Himmel fallen und manchen Stab brechen sehen, auf den man sich verließ. Darum will ich dir einigen Nath geben und dir sagen, was ich gefunden habe und was die Zeit mich gelehret hat.

Scheue Niemand so viel als dich selbst. Inwendig in uns wohnt der Richter, der nicht schweigt und an dessen Stimme uns mehr gelegen ist als an dem Beifall der ganzen Welt und der Weisheit der Griechen und Egypter. Nimm es dir vor, mein Sohn, nichts wider seine Stimme zu thun, und was du sinnest und vorhast, schlage zuvor an deine Stirne und frage ihn um Rath. Er spricht Anfangs nur leise und stammelt wie ein unschuldiges Kind; doch wenn du seine Unschuld ehrst, löset er gemach seine Zunge und wird dir vernehmlicher sprechen.

Lerne gerne von Andern, und wo von Weisheit, Menschenglück, Licht, Freiheit und Tugend geredet wird, da höre fleißig zu. Doch traue nicht flugs, denn nicht alle Wolken haben Wasser und es gibt mancherlei Weise. Sie meinen auch, daß sie die Sache halten, wenn sie davon reden können und davon reden. Das ist aber nicht so, mein Sohn. Man hat darum die Sache nicht, daß man davon reden kann und davon redet. Worte sind nur Worte, und wo sie gar so leicht und behende dahin fahren, da sei auf deiner Hut, denn die Pferde, die den Wagen mit Gütern hinter sich haben, gehen langsameren Schrittes.

Denke oft an heilige Dinge und fei gewiß, daß es nicht ohne Vortheil für dich abgehe und der Sauerteig den ganzen Teig durchsäure.

Thue das Gute vor dich hin und bekümmere dich nicht, was daraus werden wird.

Wolle nur einerlei und das wolle von Herzen.
Sorge für deinen Leib, doch nicht so, als wenn er deine Seele wäre.
Sei rechtschaffen gegen Jedermann, doch vertraue dich schwerlich.
Mische dich nicht in fremde Dinge, aber die deinigen thue mit Fleiß.
Schmeichle Niemand und laß' dir nicht schmeicheln.

Werde Niemand nichts schuldig; doch sei zuvorkommend, als ob sie alle deine Gläubiger wären.

Wolle nicht immer großmüthig sein, aber gerecht sei immer.

Mache Niemand graue Haare, doch wenn du recht thust, hast du um die Haare nicht zu sorgen.

Hilf und gieb gerne, wenn du hast, und dünke dich darum nicht mehr; und wenn du nicht hast, so habe den Trunk kalten Wassers zur Hand und dünte sich darum nicht geringer.

Thue keinein Mädchen Leides und denke, daß deine Mutter auch ein Mädchen gewesen ist.

Sage nicht alles, was du weißt, aber wisse immer was du sagst.
Hänge dich an keinen Großen.

Nicht die frömmelnden, aber die frommen Menschen achte und gehe ihnen nach. Ein Mensch, der wahre Gottesfurcht im Herzen hat, ist wie die Sonne, die da scheint und wärmt, wenn sie auch nicht redet.

Thue, was des Lohnes werth ist und begehre keinen.
Wenn du Noth hast, so klage sie dir und keinem Andern.
Habe immer etwas Gutes im Sinn.

Wenn ich gestorben bin, so drücke mir die Augen zu und beweine mich nicht. Stehe deiner Mutter bei und ehre sie, so lange sie lebt und begrabe sie neben mir. Und sinne sogleich nach über Tod und Leben, ob du es finden möchtest, und habe einen freudigen Muth; und gehe nicht aus der Welt, ohne deine Liebe und Ehrfurcht für den Stifter des Christenthums durch irgend etwas öffentlich bezeugt zu haben.

Dein treuer Vater. Der Mann, der am Abend seines Lebens seinem Sohne dieses föftliche Testament hinterlassen hat, ist uns allen wohl bekannt und doch wahrscheinlich unbekannt. Wir haben uns als Kinder ergößt an seinem köftlichen Liede: „Wenn Einer eine Reise thut“ oder an dem launigen: „War einst ein Riese Goliath“; wir haben oft bei fröhlicher Tafelrunde sein Rheinweinlied: „Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher“ gesungen; wir haben in stiller Abendstunde an sein sinniges Abendlied: „Der Mond ist aufgegangen“ gedacht und schon an manchem Grab ihm nachgesprochen: „Ady, sie haben einen guten Mann begraben und mir war er inehr.“ Und doch ist der Dichter aller dieser Lieder, die längst zum Eigenthum des deutschen Volkes geworden sind, den Wenigsten bekannt, es ist: Mathias Klaudius, genannt der Wandsbecker Bote, der neben diesen Liedern noch so viele kräftige, köstliche Gedichte und Aufsätze geschrieben hat, die durchaus nicht verdienen vergessen zu werden. Allerdings erscheint in seinen Werken auch Vieles, was unserem Geschmacke nicht mehr entspricht; darum war es eine verdienstliche Arbeit des befannten Dichters und Predigers Gerof, daß er das Beste ausgewählt, mit einer hübschen Biographie versehen und in einem handlichen Bändchen herausgegeben hat unter dem Titel: Mathias Klaudius, der Wandsbecker; Auswahl aus seinen Werken, eingeleitet von Karl Gerof. (Gotha, Perthes, 1882. Preis 2 Fr. 50 Rp.) Wer neben so viel leerem und fadem Zeug, das uns die Tagesliteratur bietet, sich gelegentlich auch einmal an gesunder, gediegener Hausmannskost erlaben will, der greife nach diesein Büchlein: es enthält Ernstes und Heiteres, Poesie und Prosa, viel ächte Lebensweisheit, Weltliches und Religiöses, und wenn auch in den letteren Stücken wir nicht immer einstimmen können, so ist es doch allezeit eine wahre und ächte Frömmigkeit, die daraus spricht, und ein tiefes, warmes Gefühl, von dem ich noch als Schlußprobe das rührende Lied beifügen will, das Klaudius auf den Tod seiner zwanzigjährigen Todjter im Jahre 1796 gedichtet hat.

Es stand ein Sternlcin am Himmel, Und blieb dann lange stehen,
Ein Sternlein guter Art;

Hatt' große Freud' in mir :
Das that so lieblich scheinen,

Das Sternlein anzusehen,
So freundiich und so zart.

Und dankte Gott dafür.
Ich wußte seine Stelle

Das Sternlein ist verschwunden;
Am Himmel, wo es stand;

Ich suche hin und her,
Trat Abends vor die Schwelle, Wo ich es sonst gefunden,
Und suchte, bis ich's fand;

Und find' es nun nicht mehr.

P. Böhringer.

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J. Frehner, Steinenvorstadt 12, Basel.

Druck und Erpedition von J. Frehner, Steinenvorstadt 12, Basel.

Fünfter Jahrgang.

N: 36.

Samstag, 9. Sept. 1882.

Sdweizerisches Proteflantenblatt

Herausgeber:
Pfr. U. Altherr und E. Linder in Basel, Pfr. Bion in Zürich.

Wir sollen nur uidit in Sinn nehmen, daß der heilige Geist gebunden sei an Jerusalem, Rom, Wittenberg oder Basel, an deine oder eine andere Person. In Christo allein ist die Fülle der Gnade und Wahrheit.

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Zum Bettag 1882.

Ernst läuten die Glocken wieder den Bettag ein. Die Banersame weit herum im Schweizerland kann wieder ein Jahr nicht recht fröhlich werden in der Ernte, der Frost am Himmelfahrtsmorgen hat an Keben wie Obstbäumen übel gehaust und im nassen Sommer ist viel von dein, was noch an schöner Hoffnung übrig blieb, grausam weggeschwemmt worden. Das Vaterland kann seine Kinder nicht mehr ernähren, baher schnüren sie zu Tausenden ihr Bündel für Amerika und es jieht fast aus wie Barmherzigkeit, daß eine Aktiengesellschaft ihnen fortzukommen behülflich ist. Auch dem inländischen Handwerk und Gewerbe, besonders dem kleinen, wird der Athem enger und enger durch die massenhafte Einfuhr von billigen und schlechten Artikeln aus großen Fabriken im Ausland, mit denen die Konkurrenz nicht mehr auszuhalten ist. In Tausenden von Familien erhebt sich gegen den kleinen Verdienst das Bedenken derer, welche in der Wüste fragten: was soll das unter so viele ? und der Weibel klopft an manche Thür eines unlängst noch sehr respektabeln Mannes. An die Nachricht von Selbstmord wegen zerrütteter ökonomischer Verhältnisse gewöhnt man sich wie an alles Alltägliche, da sie wirklich alltäglich geworden. Von Besserung ist, so lange der Boden nicht wieder einmal einen rechten Ertrag gibt, kaum irgendwo ein Anzeichen zu entdecken. Da und dort ein satter Egoist bei sicherm Gehalt mag sagen, es sei dies „grau in grau gemalt“, wer dagegen zu den Menschen kommt und in ihre Nöthen ein wenig hineinsieht, der fragt, wo das schließlich hinaus will.

Ernst läuten die Glocken den Bettag ein. Zu dem chronisch geworbenen schlechten Geschäftsgang kommen der besondern Heimsuchungen viele. Standen wir letztes Jahr schaubernd vor dem Bergsturz in Elm, so bewegt uns heute manch ein furchtbares Eisenbahnunglück in der Ferne und Nähe. Die paar hundert Menschen, welche letzten Sonntag Abend am Bahnhof zu Freiburg ihren „Vergnügungszug“ bestiegen und eine Viertelstunde später ganz oder halb getödtet aus den zertrümmerten Waggons hervorgezogen werden mußten, sind eine erschreckende Predigt darüber, wie jäh die Herrlichkeit der Welt zu Ende geht. In al den Häusern, denen die zerschmetterten und zerquetschten Opfer, Väter, Mütter, Kinder und Gesdwister, angehören, wird man mit Herzweh dieses Sonntags gedenken, und wer von uns jemals Geschäfte oder Vergnügens halber sich einem Dampfwagen anvertraut, mag fich sagen, daß unsicher ist, ob wir und wie wir aus demfelben wieder herausgehen. Kein wahrhaftiger Christenmensch, der die evangelische Geschichte vom Thurm zu Siloah verstanden hat, wird es denen, die so ein Ende mit Schrecken nahmen, zur eigenen Schuld anrechnen wollen, weil sie, statt in die Kirche zu gehen, den Tag des Herrn zu einem Vergnügungszug benutzten; denn diejenigen Alle, welche am gleichen sonnigen Herbsttag mit der Rigi- oder Waldenburgerbahn und andern Bahnen auszogen, sind ja heil heimgekehrt, und die Schottländer, welche den Sonntag höchst gewissenhaft halten, stürzen dafür am Werktag samint der Brücke ins Meer. Aber der Wahrheit kann kein Herz sich verschließen, daß „Initten wir im Leben sind von dem Tod umfangen“. Diese Wahrheit verkündet uns auch der Schlachtendonner, welcher jeßt über die egyptischen Sandwüsten rout und noch sehr weithin und sogar bis in unsere Nähe fortrollen fann. Und init des „Basses Grundgewalt“ fühlen wir diese Wahrheit jedesmal geredet, wenn die Berichte aus dem Orient jenen schwarzen Gast, die asiatische Cholera, signalisiren, die mit und ohne Epidemiengesetz noch immer durch das Medium eines einzigen Stück lumpigen Zeugs ganze Völker in Todesgrausen zu verseken vermag.

Ernst läuten die Glocken den Bettag ein. Und wollen wir den Bann schwerer Gedanken gewaltsam zerreißen und uns doch des schönen, freien und frommen Vaterlandes freuen, so geht es uns wie dem Mann, der dem Bären entflieht und dafür einem Löwen begegnet. Die Schönheit freilich, ja die raubt unsern Bergen, Seen und Thälern keine Macht dieser Welt, sie entzücken uns je länger je mehr, wie den Jüngling die lieblichste Braut. Auch die Freiheit, die Freiheit unsere Geseßgeber und Regenten, unsern Beruf und Lebensweg selbst zu wählen, die haben wir noch bis zur Stunde, es wird aber für Tausende im Volk zur Freiheit, Unrecht zu thun, der Wahrheit zu widerstreben, der Sünde Knecht zu sein in allen Gestalten und der Gemeinschaft zu schaden in allen Formen. Und was vollends die Frömmigkeit betrifft gewiß in einem guten Theil des Volkes lebt

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