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sie noch als die Quelle reiner Sitte, männlicher Tugend, segnender Liebe. Aber wie abgestorben sind viele Kreise bis auf die Wurzel an ihrem sittlichen Leben, und welch ein trübes, faulendes Gewässer ist das, was Viele ihre Frömmigkeit und ihr Gewissen nennen, ihre Frömmigkeit, die sie herrschsüchtig und engherzig macht, ihr Gewissen, auf das sie sich immer berufen, wenn sie vor der Wahrheit die Augen verschließen, handgreifliche Thatsachen mit Advokatenkniffen verdrehen und mit häßlichem Haß arglose Gemüther beflecken und irreleiten. Gegen dieses Itebel in unserm Volt kominen Mißernten und Bergstürze und Eisenbahnentgleisungen kaum in Betracht - das ist sittlicher Zusammenbrud), das sind entgleiste Gewissen.

Ernst läuten die Glocken den Bettag ein. Dennoch freuen wir uns dieses Festtages wie kaum eines andern. Im Glauben freuen wir uns, daß über uns waltet ein barmherziger Gott, der vom Verderben errettet, so lang ein Verirrter noch den rechten Weg aufsucht. In der Liebe freuen wir uns, die, wo sie eine Lebensmacht ist, noch immer eine Heimath schafft, in der es fein und lieblich zu wohnen, wie unter Brüdern. In der Hoffnung freuen wir uns, daß durch Selbstbesinnung und Umkehr Gebeugtes wieder sich aufrichten, Verdorbenes wieder gerettet und Abgestorbenes zu neuem Leben aufblühen kann. Es ist noch lange nicht so, daß wir an unserm Volk und an einer guten Zukunft desselben werzagen. Und wo der Bettagsprediger nicht todten Göten räuchert und nicht dem finstern Judengott dient, sondern vom Gott des Christenglaubens fich erfüllen läßt und von ihm inspirirt sein Bettagswerk thut, da werden die Bettagsglocken zwar ernst einläuten, aber auch fröhlich

) ausläuten in den Ton: Noch ist Gott und immer nicht von seinem Volk geschieden; ist gütig gegen die, so auf ihn hoffen und gegen die Seele, die ihn sucht.

A.

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Ein billiges Artheil über die Juden.

Angesichts der im öftlichen Europa sich stets wiederholenden Erzesse gegen die Juden entnehmen wir der Predigt eines pfälzischen Geistlichen gerne folgende Worte:

„Man klagt die Juden unter Anderm an, sie feiern auf's Strengste ihren Sabbath), nehmen keine Zahlung an diesem Tage, schließen keine Geschäfte ab, weisen jeden Christen ab, der deshalb zu ihuen kommt, aber unsern Sonntag respektiren sie nicht im Geringsten. Ist das nidt Zudringlichkeit und äußerste Nücksichtslosigkeit? Allein die Juden machen es hier doch nur wie Schulkinder, die bei ihrem Leiyrer, zu dem sie kommen, einmal versuchen, wie viel sie sich herausnehmen dürfen. Läßt er sich viel gefallen, so werden sie ihm viel bieten. Wir fönnen uns darum nicht besonders über diese jüdische Zudringlichkeit verwundern; vielmehr wundern wir uns über die Schwachheit der Christen, die den jüdischen Geschäftsmann nicht am Sonntage mit den Worten zurückweisen: „Heute haben wir Feiertag.“ Der Jude enthält sich am Sabbath gewissenhaft der Arbeit, ohne dadurch arm zu werden; namentlich protestantische Christen machen gar oft ohne Noth den Sonntag zum Werktag, der Jude sieht, sie halten nicht viel auf ihren Sonntag, sie gehen ihrem Geschäfte nach, warum soll er ihnen nicht zumuthen, auch mit ihm Geschäfte zu machen, wenn er weiß, daß er nicht abgewiesen wird ? Statt über die Zudringlichkeit der Juden in dieser Beziehung zu klagen, stände es manchem Christen viel besser an, hierin von dem Juden zu lernen. Denn wer selbst seine eigenen kirchlichen Einrichtungen nicht achtet, wie kann der verlangen, daß Andersgläubige fie mehr respektiren?

„Sie sollen zum Christenthum übertreten“, höre ich jest eine Stimme! Dann fällt ihr Sabbath von selbst weg. Auch ein berühmter Gelehrter hat neulich diesen Vorschlag in allem Ernst gemacht. Aber es ist mir wirklid; unbegreiflich, wie man im Ernste davon reden kann! Was wäre denn damit gewonnen, wenn sich heute alle Juden taufen ließen, um morgen das heilige Abendmahl zu empfangen? Blieben sie dann im Herzen nicht immer noch Juden? Und können wir jemanden achten, der um äußerer Vortheile willen seinen Glauben wechselt? Die Juden wohnen unter uns, kennen unsere Lehren, unsere Sitten und Gebräuche, können täglich sie mit den ihrigen vergleichen, wer von ihnen aus Ueberzeugung zu uns herüberkommt, ist uns willkommen, wer sich nicht von dem Vorzuge des Christenthums überzeugen kann, mag in Gottes Namen immerhin Jude bleiben! In allerlei Volk, sprechen wir da mit dem Apostel, wer Gott fürchtet und Recht thut, der ist ihm angenehm. Mit diesem Maßstabe gemessen ist uns ein gewissenhafter Jude noch immer lieber, als ein gewissenloser Christ.

Nun, so sollen sie wenigstens nicht mehr so hochmüthig sein, sich das auserwählte Volk und uns die Gojim, die Ungläubigen zu nennen. Ganz recht! Aber die Behauptung der katholischen Kirche, die alleinseligmachende zu sein, außerhalb welcher es kein Heil gebe, der Anspruch der lutherischen Kirche, die allein reine Lehre zu haben, kommt doch wohl auf dasselbe heraus. Jeder hat von sich selbst die beste Meinung. Jeder glaubt den ächten, vom Vater ererbten King zu besigen. Das gilt nicht blos von einer einzelnen Person, das gilt auch von einer ganzen Nation, fast von jeder Konfession, und das gilt auch nicht blos von den Juden. Denket daran, wie die Franzosen von sich behaupten, daß sie an der Spiße der Civilisation inarschiren; denket daran, wie oft deutsche Federn es schon verkündigt haben, wir Deutsche seien das Volk der Denker !

„Auch die Juden sollen Deutsche werden“ sagen jeßt Andere, und wenn wir ihnen antworten: „Sie sind es ja, sie reden ja unsere Sprache, stehen unter unseren Geseßen, kämpfen in unseren Heeren“, so wird uns gesagt: „Bessere Deutsche sollen sie werden als sie bis jeßt sind, sie haben noch immer zu viel Apartes, sondern sich immer noch viel zu viel ab, wenn man einem auf den Fuß tritt, schreit ganz Israel.“ Nun was das Zusammenhalten anbelangt, so gibt es zwar auch unter den Juden verschiedene religiöse Parteien und Richtungen, die sich unter einander bekämpfen, im Großen und Ganzen könnten aber gerade wir Protestanten im Punkte des Zusammenhaltens von den Juden etwas lernen. Dieselben sollen also bessere Deutsche werden? Ihr sprecht da ein großes Wort gelassen aus! Aber habt ihr denn noch niemals etwas von einer Judengasse, noch nie etwas von einem Judenviertel gehört? Nun, dann wißt ihr auch, wie dieselben früher ausschließlich von Juden bewohnt wurden. Nur daß die Juden sich damals nicht absonderten, sondern abgesondert wurden! Dort, in diesen engen Gassen und dumpfen Stadttheilen mußten sie wohnen, wenn sie überhaupt gebnldet wurden: ind in mancher Stadt durfte sich nach dem Vesperläuten kein Jude außerhalb seines Viertels mehr sehen lassen. Nicht die Juden haben sich damals von den Deutschen abgesondert, sondern die Deutschen von den Juden. Auch den Deutschen fiel es im Mittelalter nicht ein, die Juden als gleichberechtigte Mitbürger zu behandeln. Nur unter den härtesten Bedingungen wurden sie geduldet! Ehen mit Christen durften sie nicht schließen, Aemter durften sie nicht bekleiden, Grundbesit durften sie keinen erwerben, A&erbau durften sie keinen betreiben, Kriegsdienste durften sie nicht nehmen, nur die niederen Gewerbe standen ihnen offen, auch im Handel waren sie beschränkt, nicht einmal gegen Mißhandlungen waren sie geschüßt. Ist es denn ein Wunder, daß sie es vielfach für erlaubt hielten, diese Christen, die sie so unchristlich behandelten, auch im Geschäfte zu betrügen, auch im Handel zu übervortheilen? Wäre es denn nicht ein Wunder, wenn alle diese Mißhandlungen auf den Charakter dieses Volkes nicht verderblich eingewirkt hätten? „Der jüdische Wucherer ist keine Faber“, der Jude war der Blutegel der mittelalterlichen Gesellschaft und wenn er sich gehörig volgesogen hatte, dann streute man auf ihn das scharfe Salz grausamer Verfolgungen, zu denen die Religion den Vorwand geben mußte. (Scherr, Kulturgesch.)

Wer in der Judenfrage gerecht urtheilen will, der muß sich das Alles vergegenwärtigen, der muß sich vor allen Dingen genau darüber unterrichten, wie einst die Juden behandelt wurden! Welchen Demüthigungen, welchen Erniedrigungen mußten sie sich, wenn einmal die Verfolgung ruhte, unterziehen, um ihr armseliges Dasein 311 fristen! Kennt ihr den befannten Sprud) eines unserer größten Dichter, kennt ihr Lessings Wort: Den Juden hat erst der Christ jo gemad;t!“

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Zum Taufhandel.

Die Frage, wie es mit ungetauften Kindern zu halten sei, welche etwa konfirmirt werden möchten, ist schon an der schweizerischen Predigergesellschaft von 1880 in Chur berührt worden und der damals mit Bewunderung angehörte blinde Freund, Pfr. Grubenmann von Chur, deutete damals schon an, daß die Konfirmation auch statt der Taufe angenommen werden könnte. Von der Höhe seines Standpunktes ist die legte Predigerversammlung, soweit es diese Frage betrifft, tief berabgesunken (siehe Prot.Blatt 1880 Nr. 34).

Wir haben immer der Ansicht Ausdruck gegeben, eine wahrhaft weise Kirchenleitung thäte am besten, mit bestimmten Beschlüssen zuzuwarten, bis die Frage einmal brennend würde. Darum frenten wir uns über die St. Galler Synode, welche eine große Kirchenordnung angenommen hat, in welder diese Streitsadje mit feinem Worte berührt ist (Prot.-BI. 1881 Nr. 45). Und unsere Freunde im Basler Kirchenrath sprachen sich in gleichem Sinn aus: nicht unnöthigen Streit damit aufrühren!

Etliche Leute wolten es aber durdjaus anders haben: die Forderung der Nachtaufe für ungetaufte Konfirmanden mußte durchaus in die Kinderlehrordnung hinein, wohin sie genau genommen gar nicht gehört. Wir freuen uns daher einer völligen Zustinumung, zu dem was unser Freund Albrecht in seinem „Nel. Volksblatt“ Nr. 35 sagt: „Wenn etwas über allen Zweifel erhaben ist, so ist es das, daß unser Volf nicht nach dem dogmatischen Zusammenhang von Taufe und Konfirmation fragt, sondern darnach, ob ein Pfarrer einen geistbildenden und herzerwärmenden Konfirmationsunterricht ertheilt. Das ist's, was in unsern protestantischen Gemeinden hoch steht im Preise und mit Recht. Aber natürlich, den Theologen ist es immer vorbehalten, etwas zu einer ungeheuren Wichtigkeit aufzubauschen, wie hier das Verhältniß der Taufe zur Konfirmation, dessen Bedeutung für das fittlich-religiöse Leben der Christenheit der gemeine Mann aus dem Volle gar nicht einzusehen vermag.“

Uebrigens außerhalb Basel gibt es auch Theologen beider Richtungen genug, die in dieser Sache ein Verfahren einschlagen, welches weit über die Freiheit hinausgeht, welche wir in Basel anstreben. Amtsbrüder aus St. Gallen, Thurgau und Zürich haben uns versichert, daß sie von der Forderung eines Taufscheines abstehen, weil derselbe äußerst schwer erhältlich ist, und daß sie sich mit einem Geburtsich ein begnügen, ohne daß ein Kirchenrath oder eine Synode im geringsten Miene machen, sie deßhalb zu maßregeln.

Von einer sehr richtigen Seite beleuchtet in Nr. 18 der „Zeitstimmen“ auch D. Brändli die Sache, indem er dort Folgendes schreibt: „Wir gestehen an unserm Orte ohne Hehl, so sehr wir sonst Freunde der kirchlichen Ordnung sind, es hier mit der Freiheit zu halten. Wenn immer davon geredet wird, daß es unwürdig sei, einigen unreifen Knaben die Ordnung zu opfern, so bemerken wir, daß wir den Pfarrer bedauern, welcher seine Knaben nicht zur Nachholung der Taufe bewegen könnte; aber es handelt sich ja in diesem Fale nicht um die leichterhältliche Einwilligung der Knaben, sondern um diejenige der Eltern. Wenn betont wird, daß es ja gerade gleichgültige und liederliche Leute seien, welche die Kindertaufe unterlassen, es also nicht passend scheine, solchen nachzugeben, so betonen wir dagegen, daß wir gerade von der Gleichgültigkeit die Nachholung am ehesten erlangen werden, da sie ja eben eine gleichgültige“ Sache ist; wir denken, wenn wir Freiheit verlangen, an solche Fälle, und sie werden unabweisbar koinmen, wo wir ungetaufte Knaben oder Mädchen ehrenwerther christlicher Eltern von der Konfirmation zurückweisen sollen. Wenn ich einen Knaben, welchen sein Vater, der mit den Seinigen fleißig den Gottesdienst besucht und ein Lebendiges kirchliches Interesse besigt, aus uns allerdings unverständlichem Widerwillen gegen die Taufe nicht taufen ließ, vom 12. Lebensjahre an in der Religion unterrichte, wenn dieser Knabe ein fleißiger, aufmerksamer und verständnißvoller Schüler ist, wenn ich im Konfirmationsunterrichte aus seinen Antworten, dem Leuchten seiner Augen, dem Ernst seines Wesens die Ergriffenheit seines Herzens erkenne, da bringe es ein Anderer über's Herz, diesem Knaben am Abend vor der Schlußfeier zu erklären: „Mein lieber Heinrich! Du hast mir viel Freude gemacht und ich bin mit dir wohl zufrieden gewesen. Es thut mir nun leid, dir mittheilen zu müssen, daß du von der Schlußfeier, weldie ich morgen mit deinen Mitkonfirmanden begehe, wegbleiben mußt, weil nicht etwa du, sondern dein Vater ein Steck kopf ist und dich nicht will taufen lassen.“ Wir haben bis jeßt keine ungetauften Kinder fonfirmirt ; wir haben von allen den Taufschein verlangt und erhalten, wir werden ihn auch ferner verlangen; aber wo wir ihn nicht erlangen können, wo die Abneigung christlicher Eltern gegen die Taufe stärker ist als unsere Ueberredungskunst, da werden wir den Konfirmanden an der Schlußfeier theilnehmen lassen, Vorwürfe von Freund und Feind aber geduldig ertragen in dem Bewußtsein, daß eine lebendige Menschenseele, welche wir dem Reiche Gottes und der Kirche erhalten, werthvoller ist, als die Aufrechterhaltung einer Ordnung, welche früher oder später der Gewalt der Thatsachen dennoch wird weichen müssen.

Cin falsches Artheil. Der „Christliche Volksbote" in Basel begleitet das schreckliche Eisenbahnunglück bei Hugstetten mit dem Wort: „Ist das nicht wieder ein aufgehobener Finger Gottes über diese Vergnügungszüge, die von Jahr zu Jahr mehr überhandnehmen und den Sonntag auf's Traurigste entweiben ?

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