Ҿ˹˹ѧ
PDF
ePub

Die Staatspfarrer. Einem Privatmann begegnet es etwa, baß er verspricht, was er nicht halten kann. Das Evangelium mahnt darum Jeden, der einen Thurm anfängt zu bauen, daß er bedenke, ob er ihn auszuführen auch die Mittel habe. Aber daß sogar ein ganzer Staat und zwar der starke preußisde Staat dahin käme, jeinen Unterthanen ein feierlich gegebenes Ber: sprechen zu bredjen, das ist ein ernstes Zeichen der jeßt herrschenden kirchliden Reaktion. Preußen hat nämlich in den Tagen seines Kampfes gegen Rom ein Gesetz erlassen, welches dem Staate das Recht gab, katholische Pfarreien zu besetzen. Damals haben viele katholische Geistliche auf Grund jenes Gefeßes ein Amt übernommen, und jeßt werden sie zum Lohn dafür, daß sie dem Staat Vertrauen und Gehorsain schenkten, von diesem schnöde preisgegeben und sozusagen verrathen an die katholischen Bischöfe, welche von jenen Staatspfarrern nun einen förmlichen Widerruf verlangen, und den armen Opfern des Friedens mit Rom bleibt nichts übrig als zum Kreuz zu kriechen. Die verstehen jeßt das Bibelwort: es ist nicht gut sich verlassen auf Fürsten!

Wie bestimmt und wie feierlich aber jenen armen Staatspfarrern 1. 3. der volle und lebenslängliche Schutz des Staates zugesichert worden war, das geht aus folgender Verfügung hervor, die der Oberpräsident von Schlesien noch im Jahr 1876 erlassen hat: „Es ist zu konstatiren, daß der auf Grund des Gesetzes vom 20. Mai 1874 berufene Geistlidie als rite bestellter Pfarrer gilt, welcher mit der Berufung in alle Recyte und Pflichten eines Pfarrers eintritt. An der Rechtmäßigkeit der auf diesem Wege erfolgten Stellenbelegung kann audy eine fünftige Wiederbelebung des bischöfliden Stuhles nicyts ändern, vielmehr bat der so berufene Geistliche aud) über diesen Zeitpunkt hinaus den vollen Schuß des Staates in seiner Stellung unbedingt zu erwarten (!!) Eine vom Staate anzuerkennende Wiederbeseßung des Bischofsstuhles würde übrigens vorausseßen, daß der zum Bischof ausersehene Geistliche den nach dem Gefeß vom 6. Dezember 1873 vorgesdriebenen Eid leistet, welcher unter Anderm die Worte enthält: „Ich schwöre, daß . . . id die Geseße des Staates gewissenhaft beobachten will.“ Von dem neuen Bischof, welcher diesen Eid geschworen hat, wird man vorausseßen können, daß er auch das Geseß vom 20. Mai 1874 zu respektiren sich verpfliditet fühlen, 6. 5. die auf Grund diejes Gefeßes erfolgten Besetzungen von Pfarrstellen anerkennen werde. Wollte er diese Ron= sequenz nicht ziehen, die betreffenden Geistlichen, also rite angestellte Pfarrer, nicht anerkennen, so würde er sofort wieder mit den Staatsgesetzen in Konflikt gerathen und sich der Gefahr aussetzen, seines Amtes auf Grund des Gesekes vom 12. Mai 1873 entsegt zu werden."

[merged small][merged small][merged small][merged small][merged small][merged small][merged small][merged small][merged small][merged small][ocr errors][merged small]

Fünfter Jahrgang.

N: 38.

Samstag, 23. Sept. 1882.

Schweizerisches Proteftantenblat

Herausgeber:
Pfr. 4. Altherr und E. Linder in Basel, Pfr. Bion in Zürich.

Wir sollen nur nicht in Sinn nehmen, daß der heilige Geist gebunden sei an Jerusalem, Rom, Wittenberg oder Basel, an deine oder eine andere Person. In Christo allein ist die Fülle der Gnade und Wahrheit.

Decolampad an Juther.

Erscheint jeden Samstag. Man abonnirt auf jedem Postamt der Schweiz und des Auslandes. Preis halbjährlich franko zugesandt 2 Fr. Wer das Blatt in Basel gratis erhalten will, kann dasselbe in der Buchdrucerei J. Frehier, Steinenvorst. 12, abholen.

Her b ft gefühl.

Fliehende Wolfen verrinnende Zeit!
Welkende Blumen schwindende Freud !
Brechende Herzen traurig Geschick!
Sterbende Freunde ---- begrabenes Glück!
Ewige Liebe, du Gnadenhort,
Stürmender Tage ficherster Port,
Wadyendes Auge in Nacht und Sdymerz,
Fürsorglich treu mitfühlendes Herz:
Nur du machst das Leben mir lebenswerth,
Und was beine Vaterhand mir bescheert,
Sei'8 leicht oder schwer, es dient mir zum Heil,
und freudig trag id, dies mein Theil.
Auf d’rum zu Gott, du zagendes Herz !
Trübes Auge, blick himmelwärts !
Hafte nicht an vergänglichem Schein,
Schlage in Gott deine Wnrzeln ein!
Er stehet und bleibet, wenn Alles zerfällt
Und in wirbelnden Wogen die Welt zerschellt!
In ihm ruht dein Leben: gib ihm dich hin,
Und aller Verlust wird dir zu Gewinn!

Ti ebe Orte.

Jeder Mensch hat in Gottes großer weiter Welt einige Stätten, die ihm besonders lieb und werth sind, die in seinem Geiste fortleben, wie von einem höhern Glanze umstrahlt, und zu denen es ihn von Zeit zu Zeit hinzieht mit unwiderstehlicher Gewalt.

Solch eine Stätte ist das väterliche Haus, der Ort, an dem wir als Kinder gelebt, an dem wir so heiter und sorglos gespielt haben, an dem so unvergeßlich warme Liebe uns umfing, und an dem wir uns so recht von Herzen froh und glückselig fühlten. Das Vaterhaus mag oft in einer recht einförmigen, trostlosen Gegend liegen, es mag oft recht häßlich uind unbequem sein, vielleicht nur eine niedrige Hütte, dennoch liegt über ihm ein ganz einzigartiger Zauber. Wenn wir nach langer Abwesenheit wieder einmal dahin zurückkehren, welche freudige Beklommenheit erfaßt da unser Herz! Wie freundlich leuchten uns die Lichter des alten, trauten, heimatlichen Herdes entgegen, wie die Sterne einer bessern Welt! Wie beschleunigt sich da unser Schritt! Wie können wir es kaum erwarten, bis wir die lieben Näume wieder sehn, in denen jeder Winkel eine andere Erinnerung aus den schönen Tagen unserer Kindheit in uns wachruft!

Solch eine Stätte ist der Ort, an dem zwei Lebensgefährten sich einst ihre Herzen erschlossen, an dem sie sich die Hand reichten für's Leben, an dein sie zu einander redeten mit jenen tiefen Blicken des Auges, die des Herzens innerste Empfindungen so viel wahrer und vouständiger kund thun, als die unzureichenden, die Heiligkeit eines Augenblickes oft geradezu entweihenden Worte des Mundes. Welche Gatten werden nicht immer wieder freudig jenes stillen Ortes gedenken, an dem das Band innigster und unauflöslicher Lebensgemeinschaft geknüpft wurde, da nur Einer ihr Zeuge war, der treue Himmelsvater, dessen Segenshand über jedem Bunde reiner, treuer Liebe schwebt. Die Ehe mag noch so glücklich werden, die erste stürmisch aufwallende Neigung mag sich im Zusammenleben mehr und mehr vertiefen und in schweren Stunden erproben als feste, unzerstörbare Liebe, es mögen Tage und Jahre dahingehen, an denen mit jedem neuen Morgen ein Gatte den ganzen vollen Werth des andern mehr zu würdigen versteht, ihr Haus mag sich zu einer Hütte Gottes bei den Menschen gestalten, dennoch werden sie sich stets mit gehobenem Herzen jenes Ortes erinnern, über dem das Morgenroth ihrer Liebe geleuchtet; bei all ihrem Glück wird es ihnen sein, als ob doch nie wieder eine soldy himmlische Seligkeit ihre Brust durchglüht hätte, wie damals; wenn ihre Haare gebleicht sind, werden sie noch seiner gedenken, ja es wird sie hintreiben zu ihm, daß sie dort von neuem ihre Hände in einanderlegen, und der eine dem andern dankbar bekennt: was ich bin, das bin ich durch dich geworden. Dieses Fleckchen Erde bleibt ihnen eine heilige Stätte, mit der das tiefste Sehnen, das reinste und wärmste Empfinden ihres Herzens auf's Innigste verwoben ist.

Sowie nun aber diese Orte, an denen wir unsere Lieben gefunden haben, so ist uns eine solch thenre Stätte auch der Ort, in den wir mandhen unserer Lieben zur letzten Ruhe gebetet haben - der Friedhof. Wer verspürte nicht manchmal den Drang in sic, dorthin zu gehen, wo Hügel an Hügel fich reiht, um an dem ftille zu stehn, in dem vielleicht das Theuerste ruht, was Gott uns hier auf Erden gegeben, um auf ihm einen frischen Franz der Liebe niederzulegen ? Ist ja doch der Friedhof nicht bloß eine weihevolle Stätte, die uns erhebt über das Jagen und Treiben, über die Sorgen und Lasten dieses Erdenlebens, auf der wir so recht frei, von Grund des Herzens zu beten vermögen; ist es ja doch nicht bloß ein ernster Ort, der uns sagt: siehe, auch dich werde ich einst aufnehmen, auch du wirst ruhen in meinem Schooße, nein es ist uns ein recht eigentlich lieber Plaz. Wir fühlen uns dort unsern Lieben näher, ihre Gestalt tritt lebendig vor unsere Seele, wir durchleben mit ihnen nochmals die Tage, da sie uns liebreich zur Seite standen, ja es ist uns beim Kauschen der Trauerweiden, als ob ihr Hauch uns umwehe, und Friede zieht ein in's betrübte Herz.

O meine lieben Brüder, sehe es keiner als eine Schwachheit an, hinzutreten zu den Gräbern der Seinigen! Nein, folgen wir getroft dem Zuge des Herzens! Wer seine Entschlafenen elrt und sie fort und fort liebt, für den ist's ein wahres Bedürfniß, auch ihr Grab manchmal aufzusuchen. So wenig wir einem unprotestantischen Todtenkultus huldigen, so wenig wollen wir uns in den engen und so frostig kalten Panzer gefühllosen Vergessens hineinzwängen. Das Vöglein singt ruhig sein Lied weiter auf dein sdwanken Zweige, wenn audy unter ihm ein Menschenleben in den kalten Schoß der Erde sinkt. Das Sterben ist ihm nicht mehr, als das Fallen eines Blattes. Ist es denn aber auch für uns nicht mehr? Ist es ein Zeichen von Mannesniuth, wenn wir unbekümmert unsere Lebensstraße weiter ziehen, während an unserer Seite ein Freund niedersinkt, der bisher mit uns pilgerte? Nein, thun wir uns nicht solch unnatürlichen Zwang an! Treten wir manchmal hin an die Ruhestätten unserer Lieben! Was wir nicht immer leiblich thun können, das wollen wir wenigstens im Geiste thun. Gehe ein Jeder im Geiste hin zu dieser ihm theuren Stätte, ob sie uun nahe sei oder ferne, und verkehre mit denen, die dort ruhen, ob nun seit kurzer oder langer Zeit. Ein folder Verkehr ist ja sehr wohl möglidh. Sie reden zu uns, unsere Lieben, wie sie einst zu uns rebeten, als wir uns mit ihnen freuten in den Tagen des Glücks und weinten in trüben Stunden. Daß wir doch alle ein Ohr haben möchten für ihre Sprache! Daß wir doch Alle verstehen möchten, was sie uns sagen von Tod und Trennung, aber auch von Leben und Wiedersehn! Was sie, unfere in Gott ruhenden Freunde uns zurufen, läßt sich nicht fürzer und treffender ausdrücken, als in dein Worte des Todesüberwinders: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

(Phil. Quenzer.)

Albert Bikius. +

[ocr errors]

Schon schließt sich wieder das Grab über einem Vorkämpfer der kirchlichen Neform im Schweizerland. Wenn man vor 12 Jahren die geistigen Führer des freien Christenthums aufzählte, nannte man allen voran Heinrich Hirzel, Heinridy Lang, Friß Langhans und Albert Bipins. Unter ihnen war der Leşte nicht der Geringste, mit feinem andern vergleichbar, und nun hat er schon wie sie den Lauf vollendet, die ersten drei kaum 50 und der legte bloß 46 Jahre alt. Nimmt man dazu, daß der Bündner Luzius Michel und der Zürcher Berchthold und der Berner Albert Heuer, die im zweiten Glied für die gleiche Sache mitkämpften, als Jünglinge gefallen sind, und denkt man ferner an den Tod von Dekan I. I. Schmied, Professor Desor, Regierungsrath Zollinger und so viele Andere mehr, die wir alle innert 10 Jahren hinausbetteten, so wird uns zu Muth, als gingen wir über ein Sdlachtfeld und „kalt welt der Abendhaudy.“

Ein intimer Freund des Verstorbenen dyreibt:

„Was man wünscht, das hofft man. Wir wußten ja wohl, daß nad, menschlicher Voraussicht für unseren schwer erkrankten Erziehungsdirektor eine vollständige Wiederherstellung nie mehr zu hoffen war.

Wir sahen ja wohl, wie sich mehr und mehr die traurigen Vorboten der unvermeidlichen Auflösung einstellten. Und doch: mit jedem Anfflackern des seinem Erlöschen so nahen Lebenslichtes hofften wir bis in die legten Stunden auf den Sieg des Lebens über den Tod.

Nun ist das Unvermeidliche geschehen: Albert Bißius hat den langen Leidenskampf ausgekämpft und trauernd stehen die Seinen an dem Todtenbette ihres geliebten Gatten und Vaters. Aber sie sind nicht allein: weit über die Grenzen unseres Kantons, ja des Schweizerlandes hinaus füllt dieser Tod Häuser und Herzen mit Trauer. Und zu den politischen und religiösen Gesinnungsgenossen gesellen sich auch die Gegner, die mit uns das so frühe Ende des Hochverehrten Mannes aus aufrichtigem Herzen beklagen.

Ja, ein Mann war unser Bißius: ohne Furcht und ohne Falsch, gleich offen gegen Freund wie Feind, unersdrođen seinen Weg sdyreitend, ob Andere ihm folgten oder nicht. Und wie verstand er dody im frischen

« ͹˹Թõ
 »