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ziellen Gottesdienstes und in möglichster Nähe der Kirche, oft nur durch die Straße von derselben getrennt, einen Konkurrenzgottesdienst ab.

Und nun will man uns glauben machen, es handle sich dabei nur um harmlose Befriedigung religiöser Bedürfnisse. Nein, meine Herren, es handelt sich mindestens ebenso sehr im Befriedigung des Widerwidens gegen die freisinnige Richtung. Es gilt dabei vor Allem eine Demonstration gegen den offiziellen Gottesdienst. Diese Parallelchristen wollen immer und immer wieder öffentlich dokumentiren, was sie uns schon so oft mündlich und schriftlich gesagt haben: „Ihr seid keine Christen! Euer Gottesdienst ist kein Gottesdienst! Wir allein wissen, was wahres Evan= gelium ist! Wir, nur wir sind die Alleinseligmachenden!“

Es ist klar, daß solche Vorgänge das Ansehen der Landeskirche in hohem Maße untergraben und geradezu deren Auflösung vorbereiten. Darum sagen anderwärts, wo man dieselben religiösen Kämpfe hat wie bei uns, z. B. in der Ostschweiz und in Genf, nicht nur die Freisinnigen, sondern auch sehr viele Orthodoče: „Nein, so weit darf keine Partei die Ronkurrenz treiben, wenn ein gemeinschaftlicher kirchlicher Verband auf die Daner erhalten bleiben soll."

Wenn dieses Treiben ganz nur von Privatpersonen ausginge, so würden wir zwar bedauern, daß die christlichen Wahrheiten mißbraucht werden, um in viele Gemüther Verwirrung zu bringen und die Zwietracht in den Gemeinden immer wieder auf's Neue anzufachen; aber wir würden hier kein Wort darüber verlieren; denn Privatpersonen sind der Synode allerdings keine Rechenschaft schuldig. Allein es sind dabei Geistliche der Landeskirche in hervorragender Weise betheiligt, und der vorgeschlagene § 20 ist so abgefaßt, daß sie, ohne den Buchstaben des Gesekes zu verleßen, diese seltsame Thätigkeit ganz in die Landeskirche hinein verlegen und eine Kirche in der Kirche errichten können. Dieser Umstand gibt uns nicht nur das Recht, sondern macht es uns gerade zur Pflicht, die Sache näher anzusehen.

Ich habe unlängst die Amtsordnung eines unserer Herren Geistlichen zu Gesicht bekommen und darin folgende allgemeine Bestimmungen gefunden, die, wie man mir sagt, wörtlich oder wenigstens dem Sinne nach in den Amtsordnungen aller andern Geistlichen auch vorkommen:

1. „Ais Mitglied des Capitels soll er (der Geistliche) sich bemühen, ,, durch guten Rath das wahre Wohl unserer Kirche und unseres Vater„landes, überhaupt alles, was zur Ordnung, zur Einigkeit, zur Beför„derung der reinen evangelischen Lehre, der guten Sitten und der Gott„seligkeit dient, nach bestem Wissen und Gewissen zu erhalten und zu be» feftigen.

2. Als ein Diener unserer christlichen Kirche wird er sich's zur „Pflicht machen, in dem ihin angewiesenen Wirkungskreise darauf hinzu„arbeiten, daß die christliche Einigkeit durch das Band des Friedens und „auf dem Grunde evangelischer Schriftwahrheit erhalten werde. Er wird „also den verschiedenen religiösen Genossenschaften gegenüber seine Selbst= „ständigkeit und Unabhängigkeit zu wahren wissen und auch den Schein , der Parteilichkeit meiden.

3. Mit seinen Collegen wird er trachten in einem brüderlichen Ver„hältnisse zu stehen und ihnen, wenn sie es bedürfen, mit gutem Rathe ,, behülflich sein.

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Angesichts dieser Vorschriften will ich hier nicht fragen, ob es schicklich sei, daß ein Geistlicher seinem Amtsbruder in einer Weise Konkurrenz macht, die sich ein halbwegs ordentlicher Geschäftsmann seinem Nachbar gegenüber nicht erlaubt. Ich will auch nicht fragen, ob ein solches Verhalten dem Leben und der Lehre Dessen entspreche, in dessen Namen diese Herren zu handeln vorgeben. Aber ich erlaube mir, Folgendes zu fragen: „Parallelgottesdienste halten, heißt das bei einem Geistlichen der Landeskirdie darnach trachten, mit seinen Collegen in einem brüderlichen Verhältnisse zu stehen? Heißt das nach bestem Wissen und Gewissen Ordnung und Einigkeit in der Gemeinde erhalten und befestigen? Heißt das gegenüber den verschiedenen religiösen Gesellschaften seine Selbstständigkeit und Unabhängigkeit wahren und auch den Schein der Parteilichkeit meiden ?"

Nein, Herr Präsident, meine Herren! Wenn ein Geistlicher der Landeskirche solche Parallelgottesdienste einrichtet oder abhält, so thut er das Gegentheil von dem, was die schönsten Bestimmungen seiner Amtsordnung vorschreiben.

Ich denke aber, wer von der Landeskirche Amt und Würde eines Geistlichen annimmt, der übernimmt auch die Verpflichtung, dieser Landeskirche im Sinn und Geist ihrer zu Recht bestehenden Geseße und Ordnungen zu dienen. Es wäre daher vollständig gerechtfertigt, wenn die Minderheit des Kirchenrathes vorschlüge, zu beschließen, es sei den Geistlichen der Landeskirche überhaupt verboten, an Parallelgottesdiensten zu funktioniren. Sie thut dies nicht. Sie will dem Uebelftande nur die äußerste, allergehässigste Spiße abbrechen. Sie will nur verbieten, daß ein Geistlicher der Landeskirche dem Gottesdienste des andern in der ganz gleichen Stunde einen Konkurrenzgottesdienst entgegenstellt

. Das ist, meine ich, ein äußerst bescheidenes Begehren. Die Minderheit des Kirchenrathes will damit offenbar sagen: „Wir wollen allerdings eine weite und weitherzige Landeskirche, in der verschiedene Ansichten neben einander Plak finden können; aber wir wollen nicht, daß in dieser weiten und weitherzigen Landeskirche die eigenen Diener derselben immer neue Scheidewände aufbauen, das gemeinsame Haus in eine Menge von Rammern ohne Luft und licht zerreißen und den Bewohnern den freundnachbarlichen Verkehr, wie ihn Christenmenschen einander schuldig sind, unmöglich machen.“

Ich habe die Üeberzeugung, daß eine Landeskirche in unserer Zeit nur dann Bestand hat, wenn sie sich auf diesen Boden stellt, und stimme daher zum Antrag der Minorität des Kirchenrathes.“ Basler Kirchenzeddel Sonntag den 1. Oktober.

Münster | St. Peter St. Leonhard | St. Theodor Morgenpredigt 9 Uhr Stoďmeyer A. Linder Brändli Schaffner Kinderlehre

| Preiswerk

Böhringer Roth
Wirth

E. Linder Abendpredigt 3 Wirth Miville G. Linder S. Barth 1. St. L.

(langer Saal). Traktanden : Erinnerung an Alb. Bißius; Bericht über die neuesten kirchlichen Vorgänge und Besprechung der nächsten kirchlichen Aufgaben. Sämmtliche Mitglieder des Vereins find eingeladen; Freunde und Gesinnungsgenossen willkommen.

Die kommiffion.
Erhalten von H. S. für besondere Nothfälle 100 Fr. Herzlichen Dank.

Drud und Erpedition von J. Frehner, Steinenvorstadt 12, Basel.

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Fünfter Jahrgang.

No 40. Samstag, 7. Oktober 1882.

Schweizerisches Proteftantenblatt

Herausgeber:
Pfr. A. Altherr und E. Linder in Basel, Pfr. Bion in Zürich.

Wir sollen nur nicht in Sinn nehmen, daß der heilige Geist gebunden jei an Jerusalem, Rom, Wittenberg oder Basel, an deine oder eine andere Person. In Christo allein ist die Fülle der Gnade und Wahrheit.

Decolampad an luther.

Erscheint jeden Samstag. Man abonnirt auf jedem Postamt der Schweiz und des Auslandes. Preis halbjährlich franko zugesandt 2 Fr. Wer das Blatt in Basel gratis erhalten will, kann dasselbe in der Buchdruđerei J. Frehner, Steinenvorst. 12, abholen.

Das Armenwesen der Reformation.

Unter diesem Titel hat unlängst Pfr. B. Kiggenbach in Basel eine interessante Studie veröffentlicht, auf die wir um so lieber aufmerksam machen, als dieser Gegenstand - die sozialen Bestrebungen der Reformatoren bisher noch sehr wenig in's Auge gefaßt und durchforscht worden sind. Man pflegte die Wirksamkeit und die Leistungen einer kirchlichen Gemeinschaft, jei es nun einer alten oder einer modernen, fast blos auf dem Gebiete der Lehre und des Rultus zu suchen und übersah es bisher in der Regel, daß zur Pflicht einer religiösen Gemeinschaft auch die Organisation der praktischen Liebesthätigkeit gehöre. In Wirklichkeit haben aber sowohl die katholische wie die protestantische Kirche zur sozialen Frage ihre ganz bestimmte Stellung eingenommen, freilich in sehr verschiedener Weise. Und eben den Unterschied zwischen den beiden zu beobachten, ist höchst interessant.

Anknüpfend an ein von dem Basler Drucker Gengenbach verfaßtes und im Jahre 1509 gedrucktes Buch, welches das zur Landplage gewordene Bettlerunwesen beschreibt, schildert R. zunächst das Verhalten der katholischen Kirche zur Armenfrage.

Es wäre ein großer Irrthum, wollte Einer aus dem Vorhandensein der damaligen abnormen Bettelhaftigkeit den Schluß ziehen, es habe im Mittelalter an chriftlicher Nächstenliebe oder doch wenigstens an großartiger Bethätigung derselben gefehlt." Im Gegentheil! Große Freundlichkeit gegen die Armen ist einer ber hervortretendsten Charakterzüge des Mittelalters, und sehr Vieles von dem, was heute zur Linderung der vielgestaltigen Noth und zum Wohle der unbemittelten Volksklassen geschieht, ist lediglich eine Fortseßung der im Mittelalter und zwar sofort auf umfassendster Grundlage begonnenen Liebesthätigkeit. Wenn wir auch nur oberflächlich und blos in der lokalen Geschichte des Mittelalters uns uinsehen, so treten uns eine Fülle der erquickendsten Bilder entgegen: in und vor den Städten Spitäler für Alte und Kranke und Elendenherbergen für Fremde, an den großen Heerstraßen Asyle für Pilger und Siechenhäuser für Ausjäßige und

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sogenannte „Franßösische“, an jeder Klosterpforte Freitisch, Muß und Brot für die Armen, dazu tausenderlei einzelne Vergabungen für Badekuren, für Verbesserung der Spitalkost, für Geld und Naturalgaben an Bedürftige, bis hinaus zu der Stiftung jenes Coblenzer Bürgers, jedem armen Wanderer, der über die Moselbrücke gehe, einen Trunk Weins zu reichen!“

Diese mittelalterliche Wohlthätigkeit mag nun leicht den Schein erwecken, als sei es in jenen Zeiten gerade so gut bestellt gewesen wie jeßt, und man könnte auf den Gedanken kommen, es gebe überhaupt keinen Fortschritt in dieser Sache. Sieht man aber an den Sinn und Geist dieser Art von Wohlthätigkeit, auf die Gedanken und Grundsäße, von welchen die mittelalterliche Liebesthätigkeit geleitet war, so gewinnt die Sache ein anderes Aussehen. Von einem eigentlichen „Armenwesen des Mittelalters“, sagt R., kann durchaus nicht die Rede sein. „Was man unter dem Wort

Armenwesen“ versteht, nämlid, geordnete Veranstaltungen, die Armuth zu verhindern, zu beseitigen, einzuschränken, kennt das Mittelalter gar nicht.“ Warum? Wir finden die beste Antwort in dem kurzen Saß aus Luthers Erklärung der Genesis: „Die Papisten machen aus Bettelwerk Gottesdienst!“

In einer Kirche, welche die Weltflucht und Weltverachtung als größte Christenpflicht predigt und Diejenigen als besonders heilig preist, welche das Gelübde der Armuth auf sich nehmen, in einer Kirche, wo die Mitglieder der Bettelorden sich eines besondern Ansehens erfreuten, konnte die Armuth nicht als ein Unglück, sondern nur als ein Verdienst gelten, und dagegen: nach Besiß und Vermögen, nach selbständiger, unabhängiger Eristenz zu streben ist weltlich. Somit konnte keine Rede sein von einer Bekämpfung des Bettlerthums, im Gegentheil, je mehr Bettler, desto mehr Heilige. Und weil im Weitern das Almosengeben ein verdienstliches Werk war, womit man sich Sündenvergebung erwirbt und kräftige Fürbitter schafft, so hatte es keinen Sinn, die Gelegenheiten dazu zu beschränken.

Dieser selbstsüchtigen Auffassung des Gebens entspricht in der mittelalterlichen Denkweise eine ebenso unevangelische Stellung des Empfängers. Der Arme wird nicht veranlaßt, durc, Arbeit sich zu einer selbständigen Eristenz emporzuschwingen und sein eigenes Brot zu essen; denn kein Eigen: thum zu haben ist sittlich absolut besser, als eines zu haben. Bettler sein ist ein Stand wie ein anderer; ja eigentlich ein höherer Stand, entschieden höher als die vulgäre Thätigkeit Dessen, der nur eben für seinen und der Seinigen Lebensunterhalt arbeitet.“

Das war die mittelalterliche Betrachtung des Armenwesens. lange eine allgewaltige Kirche Gott und alle Heiligen zu Bettlern machte, und so den schamlosesten Bettel theoretisch und praktisch sanktionirte, konnte an eine geordnete Armenpflege und an eine Hebung der sozialen Mißverhältnisse nicht gedacht werden."

Ganz anders faßte nun die Reformation die Angelegenheit auf und an. Sie bestritt keineswegs die Pflicht, Barmherzigkeit zu üben, im Gegentheil betonen alle Armenordnungen der Reformationszeit dieselbe ernstlich und dringlich. Aber sie haben von vorneherein einen ganz andern Zweck im Auge, nämlich eben den, die Armuth zu lindern, den Bedürftigen sittlich

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zu heben und zur Selbstthätigkeit zu erziehen und damit eben die Arbeit wieder als fittliche Pflicht zur Geltung zu bringen. Die genannte Schrift zählt eine reiche Reihe von Armenordnungen auf, welche alle diesen Charakter an sich tragen und beweisen, daß der Sinn und Geist der protestantischen Liebesthätigkeit ein ganz anderer war, als derjenige der katholischen, daß es sich dort um einen organisirten Kampf gegen die nicht mehr als Verdienst, sondern als Uebel angesehene Armuth handelte, daß erst die reformatorische Kirche eine wirkliche Armenpflege“ ausgebildet hat.

Es ist nicht nur zur Vergleidung mit dem Mittelalter, sondern auch zu einer solchen mit dem Armenwesen der Gegenwart interessant, die Hauptpunkte dieser Armenordnungen in's Auge zu fassen.

Vor allem andern steht in erster Linie das Verbot des Bettels. Schon die Sprache zeichnet die ganz neue Auffassung der Sache. „Die faulfressenden, muthwilligen Bettler, die nicht arbeiten und doch immer fressen wollen, sollen ernstlich bestraft werden; denn dieselben nehmen mit Lug und Trug den andern rechten Armien, die bei uns wohnen, das Brot, so ihnen gottselige Leute geben würden, vor dem Maul hinweg.“ AUgemein wird verfügt, daß fremde Bettler ausgewiesen werden; den armen Durchreisenden soll zwar werden, „was ihnen gehört“, aber sie sollen im nächsten halben Jahre nicht wieder kommen. Alle fremden Kranken sollen behandelt werden wie Einheimische; man soll sie ansehen als solde, die „Gott selbst in ihrer Noth uns zu besorgen übergeben“. Arbeitsfähige Bettler sollen schon an der Grenze zurückgewiesen werden. Die schon vorhandenen sollen zu nützlicher Arbeit angehalten werden, die Männer bei öffentlichen Bauten, die Frauen, sofern sie nicht kleine Kinder oder Franke Angehörige zu besorgen haben, zu Kranken- und Waisenpflege.

Ein zweiter Grundsatz des reformatorischen Armenwesens ist die Gestaltung der Armenpflege als einer Gemeindefache, natürlich ohne die individuelle Liebesthätigkeit damit auszuschließen. Daher entstehen nun die Gemeindearmenkassen, die „gemeynen Kasten“, welchen alle kirchlichen Einnahmen zugewendet werden sollen, aus welden aber auch die kirchlichen Besoldungen und Verwaltungskosten bestritten wurden. Für den Fall, daß die vorhandenen Gelder zur Armenunterstüßung nicht ausreichen sollten, werden Armensteuern (an einem Ort sogar eine Progressivsteuer) bestimmt.

Zur Verwaltung der Gelder wurde eine eigene Behörde erwählt, welcher die Pflicht jährlicher und pünktlicher Rechnungsablage auferlegt war. Zur Aeufnung des Vermögens wurde der ,,Geldstock" oder ,, Tröglein“ eingeführt und dringend zu Vermächtnissen und Schenkungen, besonders bei Hochzeiten und Leichenbegängnissen, aufgefordert.

In der Auswahl der Unterstüßungsbedürftigen stellen die Armenordnungen durchaus richtige und von wahrhaft christlichem Sinn zeugende Bestimmungen auf. Der Unterstüßung werth hielt man im Allgemeinen „alle frommen, ehrbaren, hausarmen Leute, die all ihr tag gewercht, geworben und sich mit ehren gern ernehrt hätten, die das ihre nicht üppiglich verthan, verspielt noch verpraßt haben, sondern , und vielleicht aus Verhenknuß Gottes, durch Krieg, Brunst, Theure, Zufäll

, Viele der Kinder, große Krankheiten, alters oder Unvermeglichkeit halber sich nicht mehr er

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