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nehren noch arbeiten können, und von ihren Freunden mit Hülfe verlassen werden." Eine damals ganz wohl angebrachte, im Verlauf der Zeit aber doch gefährlich gewordene Bestimmung war die, daß diese Almosengenössigen müßten ihren Katechismus hersagen können und das Wort Gottes fleißig hören. Es handelte sich damals um die Unterstüßung von protestantischen Glaubensbrüdern; heutzutage möchte es wohl nicht mehr am Plaße sein, die Unterstüßung von fleißigem Kirchenbesuch oder vom Glaubensbekenntniß abhängig zu machen.

Besonders einläßlich beschäftigen sich die Armenordnungen der Reformation mit der Aufgabe der Armenerziehung. Die einschlägigen Bestimmungen beweisen, daß es mit dem Kampf gegen die Armuth felbft und mit der Hebung des Bedürftigen aus seinem sittlichen Elend vollständig Ernst gemeint war. Namentlich sollten arme und begabte Kinder in ihrer Schulbildung unterstüßt oder behufs Erlernung eines Handwerks oder der Haushaltungsarbeit arme Knaben bei Handwerkern, Bauern, Mädchen in rechtschaffenen Familien untergebracht, oder arme ehrbare Töchter und unbemittelte junge Wittwen mit einer ziemlichen Steuer zum Ehestand berathen werden. Ja auch über das Kindesalter hinaus erstreckte sich die Fürsorge der Gemeinde, indem bestimmt wurde: „Jungen Eheleuten und Handwerksanfängern, die sich mit Gott und Ehren durchbringen möchten, denen es aber an ausreichendem Anlagekapital gebricht, oder die noch nicht genug Kundjame haben, um ihr Handwerk ohne Hilfe ununterbrochen betreiben zu können, ferner Bauern, welchen um der hohen Wucherzinse willen der Nothverkauf droht, soll der Armenkasten, ohne zu warten bis es zu spät und das Dach eingestürzt ist, entweder unverzinslich oder doch nicht höher als vier vom Hundert das Nöthige leihen.“

Endlich befaßten sich die reformatorischen Armenordnungen mit besonderer Liebe auch mit den armen Kranken. Die vorhandenen Spitäler wurden verbessert und reorganisirt, überhaupt erst jeßt als Heilanstalten erflärt. Wir treffen da alle die Gedanken schon, die heute unsere Krankenpflege leiten: die Verpflegung armer Dienstboten auf Kosten des Armenkastens, die Absonderung ansteckender Kranker in besondern Häusern, und letzteres nicht blos um der Gesunden, sondern auch um der Kranken selbst willen, deren Heilung dadurdy eher möglich wurde; die Besorgung armer Wöchnerinnen durch von der Armenpflege bezahlte Hebammen; die Anstellung von Armenärzten (wobei sogar 1521 der Vorschlag auftauchte, alle Aerzte vom Staate zu besolden, damit sie zu Jedermanns Dienst, , ohne besondern Sold, in gleicher Weise willig und bereit wären“). Endlich sorgte man auch nach dem Tode des Armen wenigstens für einen Sarg und eine anständige Beerdigung.

(Schluß folgt.)

Noch einmal von Bikius.

Wir können es nicht lassen, wieder von dem merkwürdigen und seltenen Mann zu reden, über dem sich am 22. September das Grab schloß. Innerhalb und außerhalb der Schweiz seßt sich in zahlreichen Kreisen, wo Wenige oder Viele versammelt sind, das Nachdenken darüber fort, was die Kirche und das Vaterland an ihm verloren. Es ist uns noch an feinem Todesfall so klar geworden, daß im Tod eines großen Menschen der Anfang seiner Auferstehung liegt. Natürlich seßt es dabei auch einzelne schiefe Beurtheilungen ab. Solche, die ihn nie erkannt, meinten, er würde in späteren Jahren von der radikalen Partei sich abgewendet haben. Andere wollen ihm vorwerfen, ihm, dem unerbittlichsten Feind alles Schlechten, er habe zu wenig gegen die Sünde zur Buße gerufen. Dritte behaupten fogar, er hätte nicht genug den Werth des religiösen junenlebens betont. Betont? Soll das heißen viel reden, schwaßen? Es ist wahr, er hat nicht gern, nicht viel, immer nur von der Sache und von der Noth gedrungen geredet ; er hat weniger als Andere geredet von religiöser Tiefe, Glut), Innigkeit, aber er hatte wie selten Einer Tiefe, Gluth, Innerlichkeit. Wenn irgend Jemand vom Herzen heraus lebte, so war er es; wenn irgend Einer auf Formeln und Schlagwörter und Phrasen nichts gab, sondern überall auf die Quelle des Lebens, die Gesinnung, die Sache, auf das Selbstdenken, Selbstempfinden, Selbsterfahren und Selbsterringen drang, so war wieder er es. Er war freisinnig, nicht nur im Allgemeinen und überhaupt, sondern bis auf die Wurzel und in jeder einzelnen Frage, aber alle bloße Freisinnigkeit in Schlagworten und Phrasen war ihm zuwider. Er war ein Reformer, nicht ein Viertels- und Achtel-Reformer, sondern ein ganzer Reformer, nicht blos theologisch ein bischen aufgeklärt, sondern ein unerbittlicher Dränger nach Reformen im gesammten politischen und sozialen Leben, aber wer sich mit dem bloßen Namen begnügte und auf äußerlichen Neformsiegen ausruhte, der hatte ihn zum Gegner. Er war ein Demokrat, von unendlichem Glauben, daß sich das Volk der weitgehendsten Rechte würdig erweise, aber wer als Glied des Volkes unten oder oben seiner Pflichten vergaß, der bekam seinen heiligen Zorn zu fühlen. Er hat nach außen gearbeitet, das Christenthum in alles Leben hineinarbeiten wollen, reale weltliche Dinge, wie Gesepgebung, Fabrikwesen, Schulwesen, Sanitätswesen, Steuerwesen, haben ihn zeitlebens beschäftigt; aber er hat diese Dinge alle an ihrer tiefsten religiösen und sittlichen Wurzel angefaßt, sein Nachdenken darüber bildete die ewige Anbetung seiner Seele Tag und Nacht. Er ist ein Kämpfer gewesen, rücksichtslos, furcht los, bis auf's Mark des Gegners Sache und, wo es Noth that, auch den Gegner treffend, ein Kämpfer auch da, wo Andere fürchteten, zauderten, warnten, fröhlich und selig im Kampf, auch wenn er allein stand, lieber in einer zielbewußten Minderheit, als bei einer übermüthigen Mehrheit; aber ein Oberflächliches Verdaminen der Gegner und ihrer Sache war ihm zuwider wie Sünde am heiligen Geist, er verstand auch das relative Recht der gegnerischen Ueberzeugung und der Gegner war ihm nie Feind; wenn er Jemand bis auf's Mark traf und er sah ihn darauf in's Wasser fallen, so sprang er ihm als der Erste nach und zog ihn heraus, nicht weil es die Bibel so befiehlt oder weil es sich schön ausmacht, wenn's in der Zeitung steht, sondern weil er fühlte: es wäre schad um diesen Menschen, sogar um diesen Menschen schade! So war Bißius, weil er ganz von Innen heraus lebte, ein im tiefsten Wortsinn frommer Mensch, ein Gotteskind war er mit dem Zeugniß an der hohen Stirn und in den tiefen Augen: Wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm. So haben ihn seine Freunde gekannt und seine zwei intimsten Freunde sollen jetzt noch von ihm zeugen.

Herr Hegg sagte bei der Todtenfeier im Hause: „Die hohe Stellung, die der Verewigte einnahm und zu deren Bekleidung er in vollem Maße befähigt war, die hervorragenden Verdienste, die er um sein Vaterland nach mannigfachen Richtungen hin sich erworben, der Schlag, den sein Hinscheiden mitten aus der kräftigsten, an Bedeutung wachsenden Wirksamkeit seinen Gesinnungsgenossen verseßt hat, die unvollendeten Aufgaben, zu deren that kräftiger Lösung wir ihn noch so nöthig hätten, die Hinterlassung einer Gattin mit der zahlreichen Kinderschaar das Alles ist schwer und schmerzlich. Aber so recht schwer und schmerzlich wird es besonders dadurch, daß wir an einem Mann von solcher Bedeutung und Stellung zugleich einen so guten, edlen Menschen verloren haben. Er war Sonnenschein den Seinigen, tief in's Herz gewachsen seinen zahlreichen Freunden, hodigeehrt und geliebt von Allen, die ihm je näher getreten - ein herrlicher Mensd)!

Seine Verdienste um das öffentlidie Leben werden an gebührender Stelle ihre Würdigung finden, uns hier im Trauerhaus steht das Bild seiner persönlichen Eigensd;aften und Vorzüge im Vordergrund. Aber Ihnen auch dieses nur vollständig vor die Seele zu führen, darauf muß ich ver: zichten. War er doch eine so lebensvolle, großangelegte Persönlichkeit, daß es nur gemeinsamen und von verschiedenen Seiten ber unternommenen Bemühungen gelingen mag, seinen Charakter zur vollen Darstellung zu bringen.

Unvergeßlich wird er vor uns stehen bleiben, der stattliche Mann mit der festen Haltung, mit den Schultern, denen keine Last von Geschäften zu schwer dünkte, mit dem Krauskopf, der von Gesundheit zu stroßen schien. Wie schaute er jo hell und geistvoll, so freudig und zuversichtlich in die Welt hinaus! Wie spiegelte sich in seinen klaren Augen eine Lauterkeit des Herzens, eine Treue der Seele, eine Tiefe des Gemüthes, die Jedem, der recht hineinschaute, unbedingtes Vertrauen einflößten! Wie sprudelte seine Unterhaltung, wenn im freundlichen Gespräd, alle Genien der Geistesfrische ernst und schalkhaft um seinen Mund spielten! Wie erschallte so sorglos sein heiteres Lachen!

Er war ein Meister des persönlichen Umgangs, vor allem deshalb, weil ihin nicht nur eine ungewöhnliche Tiefe und Ausbreitung von Kenntnissen, Lebhaftigkeit des Geiftes und Fruchtbarkeit der Phantasie zu Gebot standen, sondern weil die aufrichtigste Menschenliebe ihn beseelte. Vielfacher Umgang mit Menschen war ihn Bedürfniß, und wer immer sein Ohr in Anspruch nahm, konnte sicher sein, in ihm einen geduldigen Zuhörer, einen trefflichen Berather, einen warmen Freund und aufopfernden Helfer zu finden.

Von Hochmuth war in ihm feine Spur, Neid lag ihin ferne und nie hat er einen Gegner persönlich gehaßt.

Einfach und schlicht, von körniger, gedrungener Art, war ihm nichts unleidlicher als gespreiztes Wesen, hohle Phrase und eitler Schein.

Ordnungsliebend, Haushälterisch, pünktlich kam er al' seinen Verpflichtungen außerordentlich prompt und gewissenhaft nach. Und seiner Verpflichtungen waren nicht wenige. Lud er sich doch mit seltener Gewissenhaftigkeit Pflichten auf, an die hundert Andere von ferne nicht dachten, gesdyweige drau rührten. Seine Arbeitskraft und Ausdauer hatte aber auch ein außergewöhnliches Maß, eine Andern oft unbegreifliche Elastizität. Für Alles fand er Zeit und Åles machte er gründlich und gut nach bestem Wissen und Willen.

Die trefflichste Arbeit hat er an sich selbst geleistet. Unterstügt von den Mitteln einer reichen und feinen Bildung und eines vielseitigen Verkehrs mit Menschen aller Art, dazu in verantwortungsvollen Stellungen getragen von dem Bewußtsein seiner großen Aufgaben und erfüllt mit Begeisterung für dieselben, arbeitete er in rastlosem Streben an seiner eigenen Vervollkommnung und Vollendung. Nicht vergebens ! Staunenswerth und bewunderungswürdig war es, welche Herrschaft er durch den Geist über sich erlangt hatte und mit welcher Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst er sich zum aufopferungsvollen Dienst für andere zwang. Ach, daß er sich geschont hätte, so hätte sich seine gewaltige Kraft nicht so früh erschöpft! Aber was wollen wir ihn tadeln? War er ja ein treuer Jünger dessen, der nicht gekommen ist, sich dienen zu lassen, sondern im Dienst der Menschheit sein Leben hinzugeben; und hat er uns doch damit ein Vorbild gegeben, eindringlicher als die beredteste Predigt, die er im Dienste des Herrn, der der erlösende Geist in der Menschheit ist, je gehalten.

Während seines langen, schmerzlichen Krankenlagers ist ihm denn auch dieser Geist mächtig beigestanden. Wie energisch rang er mit der tückischen Krankheit, wie standhaft, wie geduldig ! Keine Klage, kein Murren, keine Ansprüche! Dankbar für jede Dienstleistung, erkenntlich für jede ihm gewährte Erleichterung hatte er nur die eine Sorge, seine Pflege möchte zu viel Mühe verursachen. Aber nicht allein die körperlichen Leiden bewältigte er mit Standhaftigkeit, in stiller Seelengröße hat er innerlich mit dem schweren Schicksal gerungen, aus einer so reichen Wirksamkeit, von einer jo herzlich geliebten Familie so bald und noch so gar nicht lebenssatt scheiden zu müssen. Denn wie oft er wieder Hoffnung auf Genesung faßte, eine Hoffnung, die als freundliche Gottesgabe ihm manche sonst peinvolle Stunde erleichtern half, so gewiß hatte er von Anfang an dem Tode ernstlich in's Auge geschaut und machte er sich mit Hiobsergebung und Christensinn auf denselben gefaßt. Aber er hätte nicht geartet sein müssen, wie er es war, wenn er von seiner Bereitschaft zum Tode ein Gerede hätte anstellen sollen, und nicht pflichtbewußt, wie er es war, wenn es ihm nicht als selbstverständlich gegolten hätte, daß in Gottes Namen auch das Bitterste willig gekostet sein müsse. Înnerlich, mit Mannessinn, verarbeitete er den Todesgedanken, nur selten und andeutungsweise davon sprechend, um nicht den Seinen weh zu thun, von denen er eine ebenso muthige Haltung verlangte.“

Die reformirte Synode von Baselstadt hat am 5. Oktober nach siebenstündiger Debatte mit 39 gegen 32 Stimmen einen Anzug des Herrn Kandidaten Franz Hörler erheblich erklärt, wornach die Konfirmation eines ungetauften Kindes auch ohne Nachtaufe vorkommen darf. Von Seite der orthodoren Gegner des Anzugs (Prof. W. Vischer, Pfr. Stähelin, Pfr. Ecklin, Prof. Kiggenbach, Pfr. Miville, Prof. Rud. Stähelin, Pfr. Sam. Preiswerk, Dr. E. Thurneysen) wurde dieser Beschluß als ein fundamentaler Bruch mit der allgemeinen christlichen Ueberlieferung, als eine Auflehnung gegen Christi eigenes Gebot, als das Grab der refornirten Landeskirche in Basel bezeichnet und die Autorität von Professor Biedermann in Zürich angerufen. Die Befürworter des Anzugs (Prof. P. Schmidt, Obersthelfer Wirth, Pfr. Altherr, Reg.-Rath 3. J. Burckhardt, Prof. Ed. Hagenbach-Bischoff, Reg.-Rath Falkner, Ständerath Göttisheim, Schlossermeister Deggeler) lehnten Alle die von Herrn Hörler offen ausgesprochene Abneigung gegen die kirchlichen Sakramente ab, wiesen die angerufene Autorität entschieden zurück und forderten die Freiheit aus Gründen der religiösen Wahrhaftigkeit, im Namen der in unserer Kirche zu Recht bestehenden freien Bewegung der Ueberzeugung und aus Pietät für die Taufe, welche an Kindern vollzogen allerdings ein schönes heiliges Symbol ist, aber bei Erwachsenen leicht zu einer bloßen äußern Form werden könnte, welche als Geseß festzuhalten dem Wesen des Christenthums und den Grundsäßen des wahren Protestantismus widerspräche. Mit obigem Beschluß ist der Grundsať der Gewissensfreiheit innerhalb der Kirche wiederum ausdrück lich gewahrt; die orthodoren Geistlichen werden nicht gezwungen, ohne vorangegangene Taufe zu konfirmiren, aber die freisin. nigen können auch nicht gehindert werden, es zu thun; das ist der ganze und einzige Sinn des Beschlusses und jede andere Deutung wäre Entstellung zum Zwecke der gewünschten völligen Entzweiung. Den geäußerten Drohungen mit völliger Trennung und Austritt legt Niemand einen Werth bei, der diese Drohungen seit Jahren immer gehört hat und wieder verduften sah. Wir kommen auf die Sache zurück.

A.

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Die schweiz. Reformblätter Nr. 40 enthalten sämmtliche bei der Leidenfeier gehaltenen

Reden. Preis 20 Cts. Franco per Post gegen Einsendung von 25 Cts. in Briefmarken.

Bern, Dalp'sche Buchhandlung.

Druck und Expedition von J. Frehner, Steinenvorstadt 12, Basel.

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