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Fünfter Jahrgang.

No 41. Samstag, 14. Oktober 1882.

Schweizerisdics Proteftantenblatt

Her a usgeber:
Pfr. A. Altherr und E. Linder in Basel, Pfr. Bion in Zürich.

Wir sollen nur nicht in Sinn nehmen, daß der heilige Geist gebunden sei an Jerusalem, Rom, Wittenberg oder Basel, an deine oder eine andere Person. In Christo allein ist die Fülle der Gnade und Wahrheit.

Decolampad an Suther.

Erscheint jeden Samstag. Man abonnirt auf jedem Postamt der Schweiz und des Auslandes. Preis halbjährlich franko zugesandt 2 Fr. Wer das Blatt in Basel gratis erhalten will, kann dasselbe in der Buchdruckerei I. Frehner, Steinenvorst. 12, abholen.

Die „Erweckungen“ in der Burgvogteihalle.

Da acht Tage lang in allen Zeitungen Basels Jedermann freundlich eingeladen wurde zu der Verkündung der frohen „Botschaft vom Heil in Christo“, so erlaubte ich mir auch in die Burgvogteihalle zu gehen, mußte aber, weil sie schon gedrängt voll war, mit hundert Andern auf der Treppe im Vorhof vorlieb nennen. Ich wußte im Augemeinen bloß das, daß es sich in diesen Versammlungen, zu welchen die Herren Bischer - Sarasin, Inspektor Rappard und Pfarrer Stockmeyer einluden, um Befehrungen handelt, wie sie die Methodisten in England nach dem System Moody and Sanky betreiben. Ich hatte viel gelesen von der Heilsarmee unter General Booth, welche in englischen Städten in die großen Wirthschafts- und Tanzlokale einladet, mit großen Maueranschlägen, auf denen zu lesen war: „Montag, 5. Juni: Heilsarmee und Angriff. Dienstags: Große Ausstellung der Hallelujamädchen. Mittwoch : Feuer und Schwefel. Donnerstag: Sammlung zur Attaque und Ablieferung der Patronen. Freitag: Feuertaufe. Samstag: Viktoriajubelhymnus. Sonntagabend 7 Uhr: Knieübungen, Vertheilung neuer Munition durch den Generalquartiermeister. Um 4 Uhr: Herabkommen des Heiligen Geistes. 64/2 Uhr: Großer Angriff auf den Teufel. 9 Uhr: Hallelujah-Galopp.“

In England und überall sind die Ansichten über diese Art religiöser Erweckung sehr getheilt; hohe Würdenträger der Kirche und des Staates glauben, daß sie an den verkommensten Klassen des Volkes ein gutes Werk thue; Andere, und zwar auch ganz strenggläubig gerichtete Christen, beklagen sie als einen Unsinn, der in's Jrrenhaus führe, ja nennen sie geradezu eine Gotteslästerung. Unter diesen Umständen wird es Pflicht, sich selbst ein Urtheil zu bilden.

Ich will bloß erzählen, was ich hörte und sah. Also auch in Basel das größte Bier- und Tanzlokal nebst Galerien und Vorhöfen Abend um Abend über- und überfüllt, meistens Frauen und Mädchen aus den untern Ständen, auf der Bühne ein großer Gesangchor und auf deren Vordergrund die geistlichen Beter und Redner, Alles in größter Stille und andächtig neugieriger Spannung. Die zahlreich eingestreuten Lieder, welche vom Chor vor- und von der ganzen Versammlung nadygesungen werden, bewegen sich nach Volksmelodien vom weichlichsten Genre, zum Theil nach gemüthlichen Gassenhauern. Der Text dieser Lieder handelt von Jesus, seiner Bräutigamsliebe, von der Gnadenfluth seines Blutes: „ich brauch' dich allezeit, du gnadenreicher Herr, dein Name ist mein Hort, dein Blut mein FreudenEs finden sich auch recht prosaische Sachen darunter:

Hau' ihn ab, hau' ihn ab,
Verbrenn ben faulen Baum,

meer.“

Laß ihn steh'n, laß ihn steh'n,
Ein Jahr noch laß ihn steh'n !
Vielleicht, wenn man recht an ihm schafft,
Erhält er neue Lebenskraft,
Wo nicht, so werd er weggerafft,

Laß ihn steh'n, laß ihn steh'n ! Am Abend, von welchem ich als Augenzeuge berichte, fiel mir zunächst auf, daß der fast ausnahmsweise herrschende Dialekt der schwäbische und süddeutsche war, wie denn bekanntermaßen in Basel die pietistische und methodistische Frömmigkeit sich wesentlich auf Schwaben und andere Ausländer stüßt. . Zuerst las Einer das Gleichniß vom verlorenen Sohn recht schön, und daran schlossen sich kurze Bekehrungsgeschichten aus Amerika, England und Basel, von verschiedenen Rednern vorgetragen. Sie handelten von verlorenen Söhnen und Töchtern, die aus ihren Lastern sich zum Heiland bekehrten und Reinigung im Blut des Lammes fanden. Jeder Redner endigte seine Geschichte mit dem Apell an die Anwesenden, sich sofort auch zu bekehren, durchaus von der Voraussezung ausgehend, daß die große, vor ihnen versammelte Schaar aus lauter verdorbenen und verlorenen Menschen bestehe, und vorzugsweise sind es die geschlechtlichen Sünden, die geheimen Jugendsünden, auf welche mitunter ungewöhnlich deutlich angespielt wurde (ich hätte wenigstens die anwesenden Kinder damit verschonen mögen.)

Am Schluß der Reden trat der methodistische Charakter der Versammlung noch deutlicher zu Tage. Die Methodisten wollen nämlich sofort nach dem Säen schon ernten, fie fordern sofortiges, sichtbares Zeugniß der anfassenden Gnade, plögliche Bekehrung an Ort nnd Stelle. So erklärte denn ein Redner, man begnüge sich hier mit bloßen Predigen nicht, sondern wünsche auch Antworten aus der Gemeinde. Der Pfarrer von St. Theodor habe am letzten eidgenössischen Betrag auch über das Wort des verlorenen Sohnes gepredigt: „ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen“, aber was das eigentlich nüße, wenn kein Verlorner wirklich sich aufmadit ? Wer also in der Versammlung von der Gnade angefaßt worden sei, der soll es hier laut dem Heiland bezeugen, welcher schon dafür sorge, daß hier nichts als die Wahrheit bezeugt werde. Da erhob sich deun auch wirklich ein junger Mensch, der sich als Malergeselle bekannte, und erzählte im schwäbischen Accent in einer Art, die durchaus an's Theater erinnerte, seine frühere Sündenlaufbahn unter Schauspielern und Schauspielerinnen, malte ausführlich die Nacht aus, in welcher ihn die Gnade anfaßte, öfteres Lachen hervorrufend, und schloß mit der immer wiederholten Erklärung, daß er jetzt abgewaschen sei iin Blute des Lammes und bat inständig Ale, sich auch waschen zu lassen in diesem Blute, weil es ihm jeßt ganz überaus und unsäglich wohl sei in seinem Gnadenstand.

Bei Verkündigung des legten liedes gegen die zehnte Stunde machte einer der leitenden Herren bekannt, Diejenigen, welche den Frieden in Christo gefunden, sollen während des liedes hinausgehen, die aber, welche nach der Gnade in Christo erst noch verlangen, möchten zurückbleiben, man wolle für sie und mit ihnen noch besonders beten. Jeden Abend, so wird mir verfichert, blieben nocy zieinliche Schaaren zurücť, bei Gebet auf den Knien wurde dann aus ihrer Vielen der „Teufel ausgetrieben“ und die „Befehrung“ vollendet. Einer meiner Freunde, der an der Thüre die Austretenden von ferne ein wenig sich ansehen wollte, bemerkte einen Menschen, der sich laut johlend ihm näherte. Er fürchtete zuerst, es sei ein muthwilliger Störer und merkte erst nachher, daß es ein Erweckter war, welcher von einem Bein auf das andere sprang und im Takt auf- und abspringend fang: „Gottes Gnad' und Christi Blut machen allen Schaden gut.“

Und soll ich nun noch ein Wort sagen vom Eindruck, den diese Art der Verkündung des christlichen „Heils“ auf mich machte, so bekenne ich mich zu den Toleranten, welche glauben, Eines schicke sich nicht für Alle. Es gibt in einer Stadt, wie Basel, so viel arme, alleinstehende, mühselige und beladene Leute, die sich an solchen Massenversammlungen erwärmen, an ihren traulichen Liedern sich erquicken und bei den gemüthlichen Ansprachen das Elend des Lebens eine Stunde vergessen. Es ist ferner auch wahr, daß, besonders in Städten, die Sünde in vielerlei sehr reizenden Gestalten an junge Leute herantritt und es gibt viel Verlorene, wie sie die Erwecker in ihren Ansprachen schildern; keine Kirche vermag es, sie zu erreichen, weil wir Pfarrer leider oft über Köpfe und Herzen wegpredigen, und es ist wohl denkbar, daß diese sinnliche Operationsart der Methodisten da und dort Einen sonst für alle Religion verlorenen Menschen zum Bewußtsein bringt, er gehe auf Wegen, die in Elend und Schande hineinführen. Aber das steht mir auch fest, daß diese nächtlichen Monstreversammlungen ihre ungeheure Anziehungskraft doch nur der Anwendung einer krassinnlichen, sensualistischen und materialistischen Gesinnung auf die Religion verdanken. Ich bin ferner fest überzeugt, daß nicht nur freisinnige, sondern auch strenggläubige Christen eine große, sittliche Gefahr darin sehen, wenn das bloße Nachsprechen einer Phrase, wie die vom Sichabwaschen im Blut Jesu Christi schon als Bekehrung tarirt wird, während ein wirkliches Christenleben doch wohl in der Nachfolge Jesu, in der Liebe zu Gott und dem Nächsten liegt. Diese grenzenlos oberflächliche Art, in Bekehrung zu machen, steht doch wohl auf gleicher Stufe, wie das mittelalterliche Verfahren, das Kruzifir füssen zu lassen, oder wie die indische Praris, das Baden im Wasser des Ganges als den Eingang in's Heil zu erklären. Es ist eine mit biblischen Rebensarten verbräinte, in feinere Formen gegossene Wiederholung des Ablaßhandels vor der Reformation: Rommet Diebe, Mörder, Meineidige, Wucherer, Hurer u. 1. w. kommet, hier wird Alles vergeben! Beim Dominikaner Tetzel kostete es schweres Geld, in der Burg: vogtei und iin Vereinshaus bloß eine Phrase und eine Geberde. Das halten wir für die sittlich gefährliche Seite an dieser neuen Art, das „Heil in Christo“ zu verkünden.

a.

Das Armenwesen der Reformation.

(Schluß.) Man sieht aus den angeführten Bestimmungen der reforinatorischen Armenordnungen, wie sehr anders als die katholische Fröminigkeit, und in weldh' radikaler, auf Aufhebung der Armuth gerichteten Weise die Reformation die Regelung des Armenwesens an die Hand genommen hat. Gewiß ist nicht zn läugnen, daß auch die katholische Kirche in ihrer Weise den christlichen Gedanken im Auge gehabt und befolgt hat, - jedenfalls gegen: über dem Kastengeist und der selbstsüchtigen Armenverachtung der alten Welt ein wesentlicher Fortschritt; aber prinzipiell angefaßt und rationell geübt wurde die christliche Liebesthätigkeit erst im Protestantismus. Der Unterschied, auf dessen Hervorhebung es uns hier vor Adem ankommt, läßt sich nicht besser bezeichnen, als es Riggenbach in seiner Arbeit mit folgenden Worten gethan hat. An die Stelle der aus selbstsüchtigen Motiven hervorgehenden, bequemen, schnellfertigen, aber gedankenlosen und eben darum entweder ohnmächtigen oder gar unheilvollen Almosen und Stiftungen ist eine vom lebendigen Christenglanben beseelte Hingebung an die Armen getreten. Und diese läßt sich die Mühe nicht verdrießen, den Ursachen der Armuth sorgfältig nachzuforschen und derselben zu begegnen durd, umsichtige Anhandnahme der entsprechenden Mittel: Armenerziehung, Arbeitszuwendung, Hebung des Handwerks, Erleichterung des Gründens einer selbständigen Eristenz. Jene Hingebung sdheut aber auch nicht davor zurück, für die Linderung und Minderung der Armuth zu sorgen, weldie sich nicht mehr gänzlich heben läßt, indem sie mit vieler Selbstverläugnung die nöthigen Vorkehrungen trifft und ausführt, um die verschämten Hausarmen: schwerbelastete Familien, Alte und Kranke ausfindig zu machen und zweckmäßig zu unterstüßen. Gewiß, wir tönnen der Reformation das Zeugniß nicht versagen, daß sie nach Kräften bestrebt war, den Vorsak auszuführen, der einen integrierenden Bestandtheil ihres großen Planes zu totaler religiöser und sozialer Erneuerung des ganzen Volkslebens bildete, und dem Bürgermeister und Rath der Stadt Basel in ihrer Reformationsordnung vom 1. April 1529 einen so schönen Ausdruck gegeben haben mit den Worten: „deßhalb wir fürohin mit Gottes hilff kein Bilder uffrichten lassen, aber ernstlich nachgedenkens haben werden, wie wir die armen Dörfftigen, so die ware und lebendige Bilder Gottes sind, tröstlich versehen mögen.“

Der Verfasser der genannten Arbeit hat sich am Schluß derselben veranlaßt gefunden, über den heutigen Gegensatz zwischen katholischer und protestantischer Kirchlichkeit und speziell über den Kulturkampf seine Ansichten auszusprechen. Wir gehen darauf nicht näher ein, können uns aber nicht enthalten, einige andere Bemerkungen hier beizufügen, die uns beim Anhören jenes Vortrages sich aufgedrängt haben.

Es ist erfreulich, zu sehen, wie unerbittlich durchgreifend und konsequent reformirend die protestantische Kirche auch in dieser Sache vorgegangen ist. Stellen wir uns auch nur ein wenig vor, wie tief die damaligen Reformien in's Leben und Gefühl der durch's Mittelalter erzogenen Generation müssen eingeschnitten haben, so ist Alles das, was man etwa heute als Forderung der Neuzeit ein- und durchzuführen strebt, wie Nichts dagegen. Denke man sich z. B, die totale Abschaffung der Bilderverehrung, mit der so schönen Motivirung, daß hinfort die armen Gemeindeglieder als die wahrhaften, lebendigen Bilder betrachtet werden sollen, welch' ein Entsetzen mag fich Tausender von ängstlich-släubigen Gemüther bemächtigt haben. Decolampad

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