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erzählt, daß die Altgläubigen über die Entfernung der Bilder hätten Blüt weinen mögen! Und nun erst dieser ganz andere Gottesdienst, den Armen zur Befreiung von ihrer Armuth auf staatlichem Wege zu verhelfen! Das ist sicher nicht so leicht verarbeitet worden und es wundert uns keineswegs, wenn Georg Wizel erzählt, es sei damals bei den Armen zur sprichwört: lichen Rede geworden, sie wollten ihre vorigen Mönche auf dem Kücken wiederum holen.“ An der Wahrheit dieses Zeugnisses zu zweifeln, haben wir keinen Grund; nur hat dasselbe keine Beweiskraft gegen das reformatorische Armenwesen, sondern viel eher für dasselbe. Der Ingrimm der frühern Bettlerhorden und ihre Sehnsucht nach den Fleischtöpfen des Mittelalters zeigt unverkennbar, daß die Ärmenordnungen der Reformation rasch feste Wurzel gefaßt hatten und in energische Wirksamkeit getreten waren. Eine Opposition von jener Seite konnte den Reformatoren nur willkommen sein, als Bestätigung für die Richtigkeit ihrer Anschauungen.“ Wie viel Muth und Entschlossenheit läßt sich aus diesem Vorgehen der Neformatoren schöpfen für das Bischen Reform, das wir heutzutage anstreben!

Wenn wir die Art und Weise, wie heute die Armenpflege besorgt wird, vergleichen mit den Grundsäßen der reformatorischen Anordnungen, so finden wir, zumal in Basel, noch ungefähr denselben Stand, leider sogar auch noch vielfach die gedankenlose „Wohlthäterei“, welcher sie damals ein Ende machen wollten. Wie viel wird noch von gutmeinenden, aber unverständigen Männern und namentlich Frauen in's Blaue hinein gegeben,

nicht etwa, uin wirklich der Armuth die Wurzel abzuschneiden, sondern um sie förmlich zu erhalten, und dabei einestheils sich einzuredeit, dieses Uebel müsse immer bestehen und andererseits sich insgeheim seines Reichthums und seines Christensinns bewußt zu werden! Man sollte doch jeßt, nach nahezu vier Jahrhunderten, auch wieder um einen Schritt weiter gekommen sein, und sich nicht bloß damit begnügen, mechanisch nachyzumadhen, was unsere Vorväter in reformatorischem Muthe begonnen haben. Wie ein solcher Fortschritt geschehen könnte, ergibt sich von selbst, wenn wir diejenigen Bestimmungen in`s Auge fassen, welche in jenen Armenordnungen als bloße fromme Wünsche bereits ausgesprochen sind, aber nicht wirklich durchgeführt werden konnten. Diese bildeten als unentwickelte Reime die Anknüpfungspunkte für die Zukunft, and an uns ist es, zuzusehen, ob aus ihnen nicht noch etwas zu machen ist.

Als solche Reime betrachten wir :

1. Den Grundsa, daß die Armenpflege voll und ganz Sache der staatlichen Gemeinschaft und nicht mehr der Kirche sein solle.

2. Den Grundsaß, daß namentlich die Krankenpflege unentgeltlich und durch Aerzte, die vom Staat, resp. von der als Versicherungsverein organisirten Gemeinschaft besoldet sind, gleichmäßig besorgt werden sollte.

3. Der Grundsaß, daß der Bettel, wie überhaupt die unterstüßungsbedürftige Armuth als im Prinzip ungehöriges betrachtet und auf Mittel gedacht werde, dieselbe aufzuheben.

4. Den Grundsaß, daß jedem Verstorbenen, von der Gemeinschaft aus das zu seiner Bestattung Nöthige als Leistung der Gemeinschaft zugesichert sein sou.

Wenn wir diese Grundsäße in's Leben einführen könnten, so wären wir unserer Väter würdig und übten ein Christenthum, welches nicht bloß ein Zehren von dem von früherer Zeit erworbenen Gut, sondern eine kräftige und segensreiche Fortseßung der Reformation zu nennen wäre. 2.

Eine fiberale Chriftin im Verborgenen. Die deutsche Prinzessin Elisabeth Charlotte heirathete im Jahr 1671 den Bruder des französischen Königs Ludwig XIV. und lebte, nachdem sie zum Ratholizismus übergetreten, fortwährend an dessen Hof, also als Schwägerin des Königs, der das Toleranzedikt von Nantes aufhob und die protestantischen Christen mit Feuer und Schwert aus ganz Frankreich vertrieb. Sie unterhielt mit ihren Eltern in Deutschland einen Briefwechsel, der jegt in zwei Bänden veröffentlicht ist, und es ist lehrreich, was sie denselben unter dem Siegel des Postgeheimnisses als ihre wahre Ueberzeugung anvertraute.

Sie schrieb im Jahr 1697: die Priester können nicht ohne Streit sein. Ich für mich halte mich an das Wort, das mir der gute und rechtschaffene Oberst W. zu wiederholen pflegte: es gibt nur eine wahre Religion in der Welt, und die läßt sich unter allen Formen der Gottesverehrung finden, es ist die Religion der rechtschaffenen Leute. Diese find allenthalben gleicher Ansicht, und weil man kein rechtschaffener Mensch sein kann, ohne die Lehren des Evangeliums zu befolgen, so finde ich in diesen die wahre Religion. Die Priester aber wünschen die Vereinigung aller christlichen Kirchen nicht, denn wenn alle Menschen der gleichen Religion wären, hätten Priester und Bischöfe nichts mehr zu sagen.

Sie schrieb im Jahre 1704: was die verschiedenen Richtungen in der christlichen Religion betrifft, so halte ich sie für eine Streitsache unter den Geistlichen, mit der die rechtschaffenen Leute nichts zu thun haben. Die Sache dieser ist es, christlich zu leben, barmherzig zu sein und die Tugend zu üben. Ich gestehe, so oft ich den König in den Predigten dafür loben höre, daß er die Reformirten verfolgt hat, macht es mich unruhig ; ich kann es nicht leiden, daß schlechte Handlungen gelobt werden und daß Könige sich einbilden, deshalb Gott wohlzugefallen, weil sie beten. Dazu hat er sie nicht auf den Thron geseßt, sondern daß sie das Gute thun, Recht und Gerechtigkeit üben, das wäre ein rechter Gottesdienst für Könige. Dazu sollten sie wachen über den Priestern, daß diese beten und sich in andere Angelegenheiten nicht mischen. Denn es ist eine traurige Sache, daß die Christen durch ihre Priester dazu getrieben werden, einander mit gezogenem Schwert gegenüber zu stehen. Wenn es auf mich ankäme, dürfte man in den drei christlichen Religionen sich nicht darum bekümmern, was die Andern glauben, sondern sie müßten einfach sorgen, daß man geinäß dem Evangelium lebe und gegen diejenigen predigen, welche das nicht thun. Man sollte die verschiedenen Christen sich untereinander heirathen lassen und fie in die Kirche gehen lassen, wohin sie wollen, ohne jeden Zwang. Auf diese Art gäbe es mehr Einigkeit unter den Christen, als jeßt der Fall ist.

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Sie schrieb im Jahr 1711: Unser König ist sehr devot, aber sehr unwissend in den Angelegenheiten der Neligion. Nie in seinem Leben hat er die Bibel gelesen. Er glaubt Alles, was ihm die Priester und die falschen Gläubigen sagen. Es ist also nicht zu verwundern, daß die Dinge eine so schlimme Wendung genommen haben.

Sie schrieb 1719 (nach dem Tode ihres königlichen Schwagers): Unser verstorbener König wußte nicht das Geringste von dem Unterschied zwischen den Religionen. Der Beichtvater sagte ihm einfach, ale Nichtkatholischen seien Reber und verdammt. Und er glaubte es ohne jede Untersuchung. Ich bin der Ansicht des Paulus, der nicht will, daß man für ihn oder Petrus Parthei nehme, sondern für Christus allein. Dabei will ich verbleiben, so viel es von mir abhängt, will mit Gottes Hülfe in diesem Glauben Leben und sterben.

So schrieb eine Fürstin vor fast 200 Jahren, allerdings bloß unter dem Schutz des Briefgeheimnisses. Wie viele Hundert und Tausend solcher liberaler Christen mag es im Verborgenen geben, die unter dem Bann einer unduldsamen Umgebung es öffentlich nicht sagen dürfen, auch heute noch, nach zwei Jahrhunderten nicht.

9.

Stöder über die Schweiz. Dem Berliner Hofprediger und Agitator Stöcker ist schon wiederholt direkt nachgewiesen worden, daß er leichtsinniges Zeugniß gibt. Von einer Erholungsreise zurückgekehrt, brachte er seiner „christlich-sozialen“ Versammlung im Wirthshaus Grüße aus der Schweiz und erklärte: „Die kirchlichen Verhältnisse in der Schweiz sind noch trauriger, als bei uns; es gibt dort keine kirchliche Ordnung mehr; das Band zwischen Kirche und Volt ist fast ganz zerrissen; man hat dort die Hoffnung nicht mehr, wie wir, daß uns Gott den Sieg verleihen kann.“ Diese Erklärung kann nur so viel bedeuten, wie wenn ein strammer Monarchist über unsere Republik nad Dause schreibt: In der Schweiz gebe es keine bürgerliche Ordnung und Sicherheit, nicht einmal einen Kaiser und ein stehendes Heer und Hinrichtungen. Stöcker wil ja doch nur sagen, in der Schweiz gebe es kein Kirchenregiment, welches liberale Pfarrer vertreibt, die Gemeinden verwirrt und die Gewissen knebelt. Und da hat Stöcker vollkommen Recht, Gott sei Dank ! Basler Kirchenzeddel Sonntag den 15. Oktober.

Münster St. Peter St. Leonhard St. Theodor Morgenprebigt 9 Uhr Stocmeyer Böhringer 6. Stäbelin Altherr

Preiswerk
Kinderlehre 11

A. Linder
Fi Wirth

Altherr Schaffner
Abendpredigt 3 Pfisterer Miville Brändli Barth

Der Leitfaden für den kirchliden Religionsunterridt von Pfarrer Blaser zu Langenthal, fünfte umgeänderte Auflage, ist im Selbstverlag des Verfassers zu beziehen, das Exemplar gebunden zu 50 Centimes, auf ein Dußend je ein Freieremplar.

Druđ und Erpedition von J. Frehner, Steinenvorstadt 12, Basel.

Fünfter Jahrgang.

N: 42. Samstag, 21. Oktober 1882.

Shweizerisdes Proteftantenblatt

Her ausgeber:
Pfr. 4. Altherr und E. Linder in Basel, Pfr. Bion in Zürich.

Wir sollen nur nicht in Sinn nehmen, daß der heilige Geist gebunden sei an Jerusalem, Rom, Wittenberg oder Basel, an deine oder eine andere Person. In Christo allein ist die Fülle der Gnade und Wahrheit.

Qecolampad ar Suther.

Erscheint jeden Samstag. Man abonnirt auf jedem Postamt der Schweiz und des Auslandes. Preis halbjährlich franko zugesandt 2. Fr. Wer das Blatt in Basel gratis erhalten will, kann dasselbe in der Buchdruckerei I. Frehner, Steinenvorst. 12, abholen.

Das Vergängliche und das Ewige.

(Aus dem Leserkreis.)

I.
Wo du wandelst, schreitet dein Fuß auf Gräbern;
Dich umweht der Staub von vergang’nen Welten
Und in's Reid der Schatten wirst selbst du folgen
Balb auch den Andern.
Jugend schüßt sich nicht vor dem Pfeil des Todes;
Wie der Sämee im Lenz, so vergeht die Anmuth.
Auch, die uns so hold und so reich beseligt,
Liebe ist leidvoll.
Selbst der Erdball, der in gemesi'nen Bahnen
Seit Aeonen fort durdy den Aether freiset,
Rehrt zurück dereinst in den Schooß des Chaos,
Müde des Wanderns.
Wie das Felsriff schäumend umstürmt die Woge,
Dann in tausend Tropfen zerstiebt und hinsinkt,
So zerschellt, was ist, an dem Fels der Zeiten
Alles und Jedes.

II.
Ew'ger Frühling herrscht in dem Au der Welten;
Blum' an Blume drängt sid) am Baum des Lebeno;
Kastlos, wie am Morgen der Schöpfung, treibt er
Knospen und Früchte.
06 Geschlecht abblüht auf Geschlecht, ermattet,
Doch erschöpft sich nicht der lebend ge Urquell ;
Stets ersteh'n, zum Kampf und zum Sieg gerüstet,
Frische Geschlechter.

Hehr, wie damals, als aus den Meeresfluthen
Aphrodite stieg, ist noch jeßt die Schönheit
Und noch immer strömt in den Klang der Lieder
Liebe und Leid aus.
Mag der Erdball splittern in tausend Scherben,
Nur ber Schein vergeht und die Formen brechen.
Was von ew'gem Werth, wird durch alle Zeiten
Neu fich gestalten.

Eine neue Kirche in Basel. Aus freiwilligen Gaben ist im äußern St. Albanquartier eine große Hübsche Kapelle erbaut und Sonntag den 15. Oktober feierlich eingeweiht worden, das erste christliche Vereinshaus auf dem Boden der Münstergemeinde, in welchem neben Gottesdiensten und Abendandachten auch Sonntags- und Kleinkinderschule abgehalten werden soll. Der hauptsächliche Förderer dieses Bau's, welcher vom St. Jakobsdenkmal aus sich recht hübsch ausnimmt, Herr Ad. Vischer-Sarasin, Garante der seit drei Wochen in Basel betriebenen Erweckungen, sprach den eigentlichen Zweck dieser freien Kirche sehr offenherzig aus mit den Worten: „Und nun zieht das Volk, die Menge ein in die Kapelle, getrieben von einem noch unbestimmten, unbewußten Gefühl: diese Kapellen sind die Brücklein von den immer mehr und mehr versiegenden Heilsquellen und verödenden Stätten der Landes: kirche zu neuen Sammelstätten, wo das Lebenswasser, das Heil in Christo, umsonst quillen möge.“ Das Wort „umsonst“ war hier nidyt am Plaß, da auch die Landeskirche von ihren Angehörigen keine Steuer irgend welcher Art bezieht; der Unterschied liegt nur darin, daß die Landeskirche allem Volk, die neue Kapelle dagegen einem Verein angehört, welcher in der Landeskirche nicht mehr wie früher allein Herr ist. An der Einweihung betheiligten sich mit Reden und Gebeten nicht weniger als fünf Geistliche, darunter drei Filialpfarrer der Münstergemeinde. Die Kosten für den siebenhundert Personen fassenden Bau sind erst zur Hälfte gedeckt; aber bei den für solche Bestrebungen in Hülle und Fülle vorhandenen Mitteln wird es die zweite Hälfte ohne Zweifel in kürzester Zeit auch sein.

4.

Ein krasses Beispiel von Wunderglaube.

Im Stuttgarter evangelischen Wochenblatt erzählt Einer das Eisenbahnunglück bei Hugstetten folgendermaßen: Er sei mit dem Kolmarer Jünglingsverein am 3. September nach Freiburg gefahren. Mit vielen Brüdern und Schwestern aus Freiburg und Umgebung verbrachten sie den Sonntagnachmittag in ernster Betrachtung des Wortes Gottes. Nachts bei

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