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Mit zu

der Rückfahrt von Freiburg fanden sich die dreiundzwanzig vom Jünglingsverein im achten Wagen rückwärts von der Lokomotive zusammen. Aus allen Wagen tönte Gesang, „auch wir stimmten ein Lied an zum Preise unseres Heilandes, dessen Worte und Melodie uns sofort als Gläubige erkennen ließ, so daß die Nachzügler, welche noch Pläße suchten, unsern Wagen mieden. Einer von uns hatte angestimmt: Jefu geh' voran auf der Eisenbahn! Nun geht's fort, gewaltiger Regen prasselt an die Wagenfenster, ein mächtiges Gewitter beginnt, sich zu entladen nehmender Schnelligkeit durchfliegen wir ein Wäldchen bei Hugstetten Wenn jeßt ein Unglück geschähe in dieser grausigen Finsterniß, bei solchem Gewittersturm, im rasenden Flug des Ziiges, - da plößlich verspüren wir einen furchtbaren Stoß, dann einen zweiten, unser Wagen wird aus den Schienen gehoben, er neigt sich rechts und stürzt – wunderbar, unbegreiflich! langsam um! Wir Insaßen liegen theils unter den Bänken, theils übereinander. Herr Jesu hilf, Herr, erbarme dich! also schreien wir zu dem Gott, der da hilft. Und siehe ! . .

Und siehe ! ... die Engel Gottes haben unsern Wagen umlagert, daß die Todesmächte nicht nach uns greifen dürfen, daß auch nicht Einem ein Leid geschehen darf! Ein Bruder, der oben zu liegen kam, sieht die Thüre offen, (wer hat diese Thüre, die während der Fahrt verschlossen war, geöffnet ? !) er steigt hinaus und in wenig Minuten sind alle dreiundzwanzig heil und unverlegt dem Wagen entstiegen! Laut riefen wir mitten im Sturm zum Nachthimmel unser Dankgebet empor, unsagbar bewegt von solcher Wunderhilfe und Wundererrettung, daß wir unter Thränen einander zujubeln mußten ; das hat der Herr gethan, das ist unseres Gottes Arm, der sich an ins also verherrlicht hat!... Unser achter Wagen ist der einzige, der außer dem Schienengeleise liegt ... Die Wagen vor uns sind ein Chaos von Trüminern und Menschenleibern und Blutlachen Die Wagen hinter uns demselben Verderben preisgegeben. . . Vor und hinter uns Tod . Nur dem adyten Wagen in der Mitte dieses großen Zuges entstiegen lauter heile, unversehrte Reisende, denen eigentlich kein Haar gekrümmt war Das haben wir nun aud, dir erzählt, lieber Leser, daß auch du wissest: „Die auf seinen Wegen wandeln, werden nicht umkommen!“

Soweit der Bericht, welcher also glauben machen will, der Jünglingsverein wandle auf des Herrn Wegeri, darum sei der achte Wagen langsam umgefallen, darum sei er neben das Geleise gefallen und darum sei keinem Insaßen ein Haar gekrümmt worden. Das ist eine Selbstverherrlichung des Jünglingsvereins, wie uns noch keine vorgekommen ist. Als Mitglied dieses Vereins brauchte man also keine Lebensversicherung bei der Baloise mehr. Ein wirklicher Christ hätte, aus so großer Gefahr errettet, freilich audy Gott gedanft, aber sich dabei gesagt, er sei deshalb nicht besser, als die Umgekommenen.

A.

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Wie verbringen eure Kinder den Sonntag ?

Ich bin jüngst, sagt H. Lang, vor einem Gemälde gestanden, das zugleich freudige und schmerzliche Gefühle hervorgerufen hat. Es stellt eine Arbeiterfamilie am Sonntag Morgen dar. Da ist die kleine Hütte, das Gärtchen daneben und im Hintergrunde sieht man die schmucke Dorfkirche. Eben gibt der Vater das Kleinste, das er auf dem Arm getragen, der Mutter zurück und sie reicht ihm das Gesangbuchy; so schreitet er mit den sonntäglich gekleideten, älteren Kindern dein Gotteshause zui. Es braucht nicht viel Phantasie, um die dürftigen Pinselstriche des Malers zu ergänzen. Der Mann hat die Woche über seinem Hause eigentlich nicht angehört. Am Abend, wenn schon die Kleinsten fdliefen, ist er müde und abgearbeitet heimgekommen und hat sich frühe zur Ruhe begeben; Morgens in der Frühe rief schon die Arbeit wieder und halb schlaftrunken hat ihm die Gattin das Frühstück bereitet und den Mittagstisch mit auf den Weg gegeben. Uber heute ist's Sonntag; heute darf er einmal ausschlafen; kaum erwacht, hat er das Kleinste zu sich in's Bett genommen und mit ihm gespielt und geplaudert. Dann sind sie, alle reinlich angethan, zum Frühstück gesessen; die Kinder haben sich gefreut, einmal den Vater wieder unter sich zu haben; in Ernst und Scherz gehen die Gespräche herüber und hinüber. Dann ist er, während die Mutter im Hause ordnet, mit den Kindern in's Gärtchen gegangen, das kleinste auf dem Arm, und hat sich der Kräuter und Blumen gefreut, wie sie so mächtig emporgewacysen sind. Sezt läuten die Glocken von der Dorffirche her. Dies Mal muß die Mutter zu Hause bleiben, aber sie ruft den Kindern nad), daß sie recht andächtig seien, und ihre Augen folgen ihnen mit seligem Entzücken. Wenn sie wiederkehren, dann ist der Tisch gedeckt; der Sonntag bringt etwas Besseres, als gewöhnlich, vielleicht ein Glas Wein; der Tisch ist mit weißem Tuch belegt. Nadhmittags dann ein Gang in Feld und Wald, eine Stunde bei den Großeltern, des Abends vielleicht, wer will's tadeln ? einige Stunden zusammen mit Freunden. Siehe da den Sonntag eines Arbeiters! War das nicht wirklich ein Tag der Sonne, ein Tag des Gemüths, des Glaubens und der Liebe ? Gewiß ! der Mann, der einen solchen Sonntag gefeiert hat, gelit auch an die Arbeit des Montags mit freudigem Gemüth; er betrachtet die Arbeit nicht als einen Frohndienst, dem sich der Sklave der Gesellschaft mit Widerwillen unterzieht, sondern als eine Speise, die nährt und erquickt; er steht der bürgerlichen Gesellschaft nicht init Unmuth und Troß gegenüber, sondern fühlt sich als ein nügliches Glied derselben und ist glücklich in dem engumfriedeten Kreise.

Welch ein freundliches Bild ist das! Möchte es das Bild jeder Arbeiterfamilie auch in der Stadt sein! Aber, wenn ich nicht irre, ist der Sonntag für Viele eine Verlegenheit, besonders wegen der Kinder. Aud) wo man an der christlichen Sitte festhält, sie jeden Sonntag einmal zur Kirche zu halten, und was noch viel schöner ist, wo die Mutter ihre Kinder dahin begleitet, bleibt eben noch gar viel Zeit übrig, bis die Betglocke läutet. És erfreuen sich darum in Basel die Sonntagabendsdulen

eines sehr großen Erfolgs, zu deren Leitung ein besonderer Verein existirt, welcher eben wieder in den öffentlichen Blättern gar freundlich gebeten, ihm alle Kinder schon vom fünften Altersjahr an zuzuführen. Leider können aber nicht alle Eltern mit ruhigem Gewissen ihre Kinder diesen Schulen anvertrauen, welche in den Vereinshäusern gehalten und selbstverständlich in pietistischem Sinn und Geist geleitet werden. Wer von uns ErzähIungen liest, wie die vorstehende von der Rettung des Jünglingsvereins im achten Wagen bei Hugstetten, der muß als guter Vater und ernsthafter Christ das entschiedenste Bedenken tragen, sein liebes Kind den Einwirkungen einer so krassinnlichen, Selbstsucht und Hochmuth erzeugenden Geistesrichtung auszuseßen, die nur Zerrbilder rechter Christenfrömmigkeit in die Kindesseele hineinmalen kann. Wir wollen zwar gerne glauben, daß nicht gerade alle Jünglinge und Jungfrauen, welche die Sonntagsschulen freiwillig abhalten, sold;' eine ungesunde Art Frömmigkeit pflegen. Aber den Wunsch hätten wir doc), es möchten Mittel und Wege gefunden werden, die Sonntagabendschulen, die ein entschiedenes Bedürfniß sind, auf einen neutralern Boden zu lenken. Gäbe es nicht auch junge Leute liberaler Richtung, welche die geistige Gabe und das gute Herz hätten, der lieben Jugend eine Sonntagabendstunde durch Erzählungen und Gesang nützlich und angenehm zu gestalten?

A.

Die Versammlung der kirchlichen Volkspartei

am 23. und 24. September in Berlin.

Auf Anregung des protestantischen Reformvereins zu Berlin, an dessen Spitze Prediger Dr. Kalthoff steht, wurde im Laufe dieses Sommers eine aus angesehenen Männern der verschiedenen Gemeinden Berlins bestehende Rommission von fünfundzwanzig Mitgliedern gebildet, gewählt in einer Versammlung von Vertrauensmännern, zu denen Einladungen an die freisinnigen Mitglieder der einzelnen Kirchgemeinden (die Vorsigenden der liberalen Bürger- und Bezirksvereine, Vertreter der kirchlichen Gemeindeorgane und Synoden, Reichstagsabgeordnete und Stadtverordnete, sowie andere, einflußreiche Personen) ergangen waren. Diese Rommission beschloß, am 24. September einen religiös-freisinnigen Parteitag abzuhalten, an welchem über die Schritte, die in Anbetracht der traurigen Wirren in der preußischen Landeskirche gethan werden könnten und müßten, berathen und Beschluß gefaßt werden solle.

Bei diesem Parteitag dürfe es sich weder um eine einseitige Kundgebung des Neforma, noch irgend eines andern Vereines handeln, sondern es habe derselbe lediglich den Zielen des freisinnigen Protestantismus innerhalb der Kirche zu dienen. Im Weitern wurde beschlossen, mit dieser Versammlung einen Festgottesdienst zu verbinden und dann später Pfr. Bion in Zürich um Uebernahme der Predigt angegangen. Die hiefür in Ausficht genommene Markuskirche war nicht erhältlich, indem das Konsistorium vom Festprediger den Nachweis, daß er auf dem Boden der Union stehe

und die vorherige Einsendung des Predigtkonzeptes verlangte. Da das leitende Somite denselben mit dieser allerdings sehr naiven Zumuthung verschonen wollte, jo sah es sich nach einem andern passenden Lokale um und fand solche im Kaisersaal von Buggenhagen am Morißplaße. Samstag den 23. September fand eine vorberathende, von gegen zweihundert Mann besuchte Delegirtenversammlung, in welcher fast sämmtliche Gemeinden Berlins vertreten waren, statt. Der einträchtige, zugleich entschiedene und besonnene Geist, der in dieser Versammlung herrschte und sich in den verschiedenen Voten kundgab, war von guter Vorbedeutung für die Verhandlungen des folgenden Tages. Nach kurzer Diskussion wurde ein Programm als Vorschlag für die Hauptversammlung einmüthig angenommen, ein Progranım, welches nur Forderungen enthält, welche in der protestantischen Kirche unseres schweizerischen Vaterlandes größtentheils bereits erfüllt sind und die wir vom freien, evangelischen Standpunkte aus als durchaus billige, ja selbstverständliche Betrachten inüssen. Der Buggenhagen'sche Saal, in welchem Sonntags den 24. September, Vormittags halb 10 Uhr, der Festgottesdienst abgehalten wurde, ist ein sehr großes und schönes Lokal, das circa 1500 Personen faßt. Das Podium desselben war zu einer würdigen Kanzel umgestaltet und mit Topfpflanzen, Grün und Blumen prächtig dekorirt worden. Die weiten Näume füllten sich rasch, selbst die Gänge und VorHallen waren dicht besetzt. Nachdem Orgelspiel den Gottesdienst eingeläutet, fang die versammelte Menge, welche zu circa 3/5 aus Männern bestand, das Lied : „Wach auf, du Geist der ersten Zeugen.“ Mächtig und ergreifend durchbrauste der von Posaunen begleitete Gesang die Hallen. Nach einem kurzen Gebete wurden zwei Verse des Liedes : „Gott ist unsere Zuversicht, unsere Hülf' in großen Nöthen“ gesungen, worauf Pfarrer Bion seine Festpredigt hielt. Er legte derselben Nehemia 4, 17-21 zu Grunde.

Der Gottesdienst wurde mit Absingung der Strophe des bekannten Luther-liedes: „Das Wort sie sollen lassen stah'n“ in feierlicher Weise geschlossen und als der gewaltige, wieder mit Posaunen begleitete Chor verflungen, entfernten sich die Damen, indem sie, nach geseglicher Vorschrift, an den nachfolgenden Verhandlungen keinen Antheil nehmen durften. Nach einer halbstündigen Pause füllte sich der Saal abermals bis in die legten Räume mit Männern, Repräsentanten aus sämmtlichen Gemeinden Berlins und den verschiedenen Ständen derselben. Neben Gelehrten und Raufleuten sah man da schlichte Arbeiter und Bauern. Die Hauptmajse bildete offenbar der gute Bürgerstand der Reichshauptstadt. Es war eine imposante Versammlung, die wohl auf circa 1500-2000 Mann geschäft werden durfte. Die Tribüne wurde von den Mitgliedern des leitenden Komite’s und den Referenten eingenommen. Neben sie hin postirte sich ein Polizeilieutenant. Den Vorsitz führten Stadtverordneter Grabe und Magistratssekretär Meyer. Nach einigen einleitenden Worten des Erstern nahm Reichstagsabgeordneter Munkel, einer der angesehensten Anwälte Berlins, ein Mann in den besten Jahren mit schönem, ausdrucksvollem Kopfe, das Wort und sprach in längerer, sehr gewandter und populärer Rede über die Bedeutung und die Ziele des Parteitages. Es ist hier zu bemerken, daß sich die Versammlung den Namen „Partei“ statt „Verein“ mit berechneter Rücksicht auf die preußische Gesetzgebung und die obwaltenden Verhältnisse beilegte. Die Mitglieder eines Vereins, heiße er, wie er wolle, müssen in einer Liste dem Polizeipräsidium zur Kenntniß gebracht werden und haben sich auf bestimmte Statuten zu verpflichten. Eine Partei dagegen ermöglicht für alle die Tausende, die aus irgend welchem Grunde feinem Vereine beitreten, eine prinzipielle, nicht statutenweise, freie Vereinigung. Nach gemachten Mittheilungen könnte in Berlin kein Verein, und wäre er noch so zahlreich, dem freisinnigen Protestantismus den ihm gebührenden Einfluß auf die kirchliche Entwicklung verschaffen. Dies vermöge nur eine lose, organisirte, aber dafür um so fester zu den Prinzipien stehende parte i. Neichstagsabgeordneter Munkel schloß sich in seinem freien und offenbar ertemporirten Vortrage an die Hauptgedanken der Predigt an, auf welche er immer wieder Bezug nahm. Er verwahrte sich und die Theilnehmer der Versammlung gegen den Vorwurf der Jrreligiosität und Unchristlichkeit. Die Orthodoren verwechseln Religion mit der Kirche, den Inhalt mit der Form. Dogmen und Ceremonien sollen den Geist des Christenthums erseßen: wir aber wollen von solchen menschlichen Zufälligkeiten und dogmatischen Spißfindigkeiten die Religion reinigen, weil das Wesen derselben darunter leidet. Das Wesen des Christenthums besteht in der Liebe zu Gott und den Menschen. Wir wollen an dieses uns halten und glauben, daß die christliche Religion dabei nur gewinnen kann an Einfachheit und Wahrheit, daß sie dabei wieder wird eine Religion der Liebe und Freiheit und wieder zugänglider wird weiten Kreisen, die nicht mehr ganz an die Neligion glauben können, die heutzutage oft in den Kirchen gepredigt wird. Was hat die Orthodorie aus der christlich-protestantischen Freiheit gemacht? Es nüßt nichts, sich unwillig abseits zu wenden oder gleichgültig zuzusehen, sondern es ist erforderlich, mannhaft für eine bessere, religiöse Ueberzeugung einzutreten und lauten Protest zu erheben gegen das Zerrbild, welches man jeßt oft aus der christlichen Religion macht. Dazu soll die neue Partei dienen, die vor allen Dingen auch allen hierarchischen Bestrebungen entgegentreten will. Sie will eine immer größer werdende Gemeinde um sich jammeln und dieser das Wort Gottes lauter und rein verkünden. Dabei ist nicht ausgeschlossen, daß die Mensdheit in der Erkenntniß fortschreitet; das hat Gott selbst gewollt und wenn sie es nicht thäte, jo würde sie sich gegen Gottes Wilen versündigen. Wir wollen das Evangelium der christlichen Liebe verkündigen, uns der Schwachen und Unwissenden annehmen, sie stärken und bilden, ohne damit (im Sinne Stöckers) „Christlich-Soziale“ zu werden. Wir wollen den Geist der Unduldsamkeit, der jegt in unserer Kirche herrscht, bekämpfen und austreiben, wir wollen, daß die Gemeinden Pastoren erhalten, welche den Gemeinden gefallen und nicht Gemeinden haben, die den Herren Pastoren mißfallen. Wir wollen die Freiheit der kirchlichen Verfassung, wir wollen erhalten, was wir haben, die Civilstandsgesezgebung und Anderes, wir wollen das Gebiet von Staat und Kirche abgrenzen und nicht den einen Theil zum Knechte des andern machen. Die Konsequenz davon ist auch die Abschaffung des religiösen Eides. Wenn der Staat den religiösen Eid zu Hülfe nehmen muß, um gegen Lügner zu schüßen, so erklärt er damit: „meine Mittel sind zu Ende und ich wäre

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