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Fünfter Jahrgang.

No 43. Samstag, 28. Oktober 1882.

Sdweizerisches Proteftantenblatt

Her ausgeber:
Pfr. A. Altherr und E. Linder in Basel, Þfr. Bion in Zürich.

Wir sollen nur nicht in Sinn, nehmen, daß der heilige Geist gebunden sei an Jerusalem, Rom, Wittenberg oder Basel, an deine oder eine andere Person. In Christo allein ist die Fülle der Gnade und Wahrheit.

Decolampad an Suther.

Erscheint jeden Samstag. Man abonnirt auf jedem Postamt der Schweiz und des Auslandes. Preis halbjährlich franko zugesandt 2 Fr. Wer das Blatt in Basel gratis erhalten will, kann dasselbe in der Buchdruđerei I. Frehner, Steinenvorst. 12, abholen.

Zu Aerheiligen und Allerseelen.
Das Grab ist tief und stille und schauderhaft sein Rand;
Es deckt mit schwarzer Hülle ein unbekanntes Land.
Das Lied der Nachtigallen tönt nicht in seinen Schooß;
Der Freundschaft Rosen fallen nur auf des Hügels Moos.
Verlaß'ne Bräute ringen umsonst die Hände wund;
Der Waisen Klagen bringen nicht in der Tiefe Grund.
Dody sonst an keinem Orte wohnt die ersehnte Kuh':
Nur durch die dunkle Pforte geht man der Heimat zu.
Das arme Herz hienieden, von mandjem Sturm bewegt,
Erlangt den wahren Frieden nur, wo es nicht mehr schlägt.

(Salis.) Die katholische Kirche weiß nichts von diesem Frieden im Grabe, denn wenn sie die nächsten Tage wieder Allerheiligen und Alerseelen feiert, so thut sie es auf Grund ihrer Lehre, daß alle verstorbenen Christen zu ihrer Läuterung in das Fegfeuer kommen. Nur einzelne Fromme, die sich durch gute Werke, wie z. B. die Vertilgung der Reßer in besonderm Maße ausgezeichnet haben, nur sie bedürfen der Reinigung nicht mehr, sondern gehen direkt zur Seligkeit ein. Die Fürbitte dieser Heiligen ist ein kräftiges Mittel, die Seelen aus dem Fegfeuer zu erlösen; auch die Gebete der Hinterlassenen und ganz besonders die bezahlten Messen helfen wesentlich mit, die Qual der Verstorbenen abzukürzen. Durch diese Lehre ist die katholische Kirche zu ihren immensen Reichthümern gekommen, denn der gutmüthige Mensd), der Vater und Mutter, Bruder uud Schwester, Kinder und Freunde in der Qual des Fegfeuers weiß, läuft, was er kann, und wirft, was er an irdischer Habe besigt, freudig der Kirche und ihren Heiligen zu Füßen, um ein treugeliebtes Herz recht schnell in den Himmel einzukaufen. Auf einen der heiligsten Züge der Menschennatur, auf die bis in den Tod treue Liebe, bant die Kirche das allergrößte, einträglichste Geschäft und einen Reichthum auf, dem gegenüber jüdische Nothschilde und christliche Monarchen arine Schlucker sind. Auf diesem heilig - unheiligen Dogma vom Fegfeuer ruht aber auch eins der gemüthreichsten, katholischen Feste: der Zug der Gemeinde auf der Gottesacker vor die mit den lebten Blumen des Jahres geschmückten und mit dem ewigen Lichtlein erleuchteten Gräber, das Gebet um die Seelenruhe derer, welche in der Erde dunkeln Kammern wohnen ohne Frieden. Wer kennte nicht das rührende Gedicht von Saphir :

Möchte wissen, wenn ich bald begraben werde sein,
Und auf meinem Grabe steht ein Kreuzchen oder Stein,
Und man vor Riedgras kaum das Grab zu seh'n vermag :
Ob sie wohl kommen wird am Allerseelentag ?
Ob sie den feuchten Blick wohl jenket niederwärts ?
Ob sie bei sich nicht denkt: hier ruht ein treues Herz ?
Ob sie um meinen Stein ein kleines Kränzchen flicht?
Ob sie für meine Ruh' ein Vater Unser spricht?
Gewiß, sie wird wohl kommen, zu beten, auf mein Grab,

Sie weiß, daß ich sonst Reinen für mich zu beten hab'. Die Reformation hat das Dogma von dem Uebergangszustand zwischen Hölle und Himmel verworfen und sich auf die Bibelworte gestellt, welche das loos der Gestorbenen als für alle Ewigkeit entschieden erklären: Etliche werden auferstehen zum ewigen Leben, Etliche zu ewiger Schmach und Schande. In der protestantischen Kirche hat folglich der großartige Handel, in welchem für Gebete und Geld der Hinterlassenen ihre lieben Todten zur Seligkeit gelangen, ein jähes Ende genommen. Damit sanf auch die Poesie der Heiligenverehrung, der Todtenmessen, der Blumen, Lichter und Gebete am Alerseelenfest folgerichtig dahin. Aber der moderne, protestantiscje Christ, wenn ihin noch der Glaube an ein persönliches Fortleben übrig geblieben ist, hat die freie Wahl, sich auch dieses Fortleben als eine Fortentwicklung, als ein Leben der Vollendung zu denken, in welchem der großartige Grundgedanke der katholischen Kirche von einem Zwischenreich ohne Fürbitte und Messe zu seinem Recht kommt.

Wer selig wär', und müßt unselig And're wissen,
Die eig'ne Seligkeit wär' ihm dadurch entrissen.
Und der Gebanke nur gibt Seligkeit auf Erden,
Daß die Unseligen audi selig sollen werden.

(fr. Rüdert.)

Kämpfen und Bauen. Die Predigt, welche Pfr. W. Bion am kirchlichen Volkstag in Berlin über Neh. 4, 17--21 hielt (siehe vorige Nummer), lautet in der Hauptsache, wie folgt:

„Nicht mit leichtem Herzen folge ich dem Nufe, in dieser Versammlung zu sprechen, bin ich mir ja doch der schweren und verantwortungsreichen Aufgabe wohl bewußt. Was mich nun aber schließlich doch dazu bestimmt, ihm nachzukommen, ist einerseits das Gefühl der Pflicht gegenüber Gesinnungsgenossen, die von mir einen Dienst begehren und andererseits die Hoffnung, es möchte mir vielleicht vergönnt sein, der Sache des freien Christenthums dadurch etwas zu nüßen, daß ich die Freunde desselben in dieser Stadt in der Ueberzeugung stärke, sie stehen nicht allein, sondern es gebe auch anderwärts Viele, die mit ihnen dasselbe anstreben und es theilweise schon errungen haben. Oder ist etwa die Ueberzeugung, daß wir, die wir in diesem oder jenem Lande für die Verwirklichung der großen Gedanken des Christenthums arbeiten, kämpfen und wohl auch dulden, unter allen Nationen Bundesgenossen haben, die mit tapferem Geist und freudigem Herzen zu uns stehen und sich bereits mander schöner Erfolge freuen dürfen, nicht dazu angethan, unsern Muth zu leben und neue Kraft und Begeisterung in die oft verzagende Seele zu gießen? In diesem Sinne nun, um Stärkung zu bringen und zu holen, um den Bund zwischen den religiös Freigesinnten Deutschlands und der Schweiz auf's Neue zu befestigen und so etwas beizutragen zum Aufbau jener Kirche der Zukunft, in der sich alle Frommen und Freien über die Grenzen der Nationalität und Konfession hinweg die brüderliche Hand reichen und ein Hirt und eine Heerde sein wird, komme ich zu euch und aus dieser Hoffnung schöpfe ich den Muth, zu euch zu sprechen. Nichts aber wird uns und das Band, welches uns verbindet, mehr stärken, als wenn wir uns unsere gemeinsame Aufgabe vor Augen führen und ihrer wieder recht lebendig bewußt zu werden suchen und die im Kämpfen und Bau en besteht.

I. Unsere Textesworte versetzen uns in die Zeit, da die Juden, aus der babylonischen Gefangenschaft zurückgekehrt, den zerstörten Tempel wieder aufzubauen begannen. Bei solcher Arbeit wurden sie von den benachbarten Volksstämmen verspottet und durch feindselige Angriffe gestört. Der Prophet Nehemia fordert sie auf, dieselben mit den Waffen in der Hand abzuwehren, aber zugleich am Tempelbau unverdrossen fortzuarbeiten. Und so geschah es denn, daß sie mit der einen Hand die Arbeit verrichteten und mit der andern die Waffe hielten. Es läßt sich diese Lage und Aufgabe des Volkes Israel auf die Christenkirche unserer Tage anwenden. Auch diese will ein zum Theil zerstörtes und verlassenes Heiligthum wieder aufbauen und aus der Fremde und Knechtschaft, in welcher die Ciristenheit lange unter dem Bann und den Banden todter, geistlicher Saßungen oder kalter, gemüthsarmer Verständigkeit gefangen lag, dieselbe wieder in ihre wahre Heimat und in die Freiheit der Kinder Gottes, in die Tiefen des gottliebenden Gemüths und des gottsuchenden Geistes zurückführen. Ihre Stellung ist aber dabei eine sehr schwierige. Auf der einen Seite wird sie von denen, welche ängstlich an den von den Vätern überlieferten Satzungen und Formen hangen, als eine verderblice, weil zerstörende Macht angesehen, welche pietätslos einen durch die Jahrhunderte geheiligten Glauben umstürzen und an dessen Stelle die wohlfeile Weisheit des Tages setzen wollen. Das Brandmal des Unglaubens, der Keßerei wird ihr aufgedrückt. Auf der andern Seite madit sie ein bald in feinen, wissenschaftlichen Theorien, bald in grobsinnlicher Praris sich kundgebender Materialismus zum Gegenstand des Hasses und Spottes. Diejenigen, welche an einer geistigen Fortentwicklung der christlichen Kirche arbeiten, werden wir jene, beim Tempelbau beschäftigten Israeliten, von beiden Seiten verlachyt: „Was wollen diese ohnmächtigen Leute ? Werden sie die zu Staub verbrannten Mauern wieder herstellen? Laßt sie nur machen! Wenn ein Fuchs heraufginge, so zerrisse er wohl ihre steinernen Mauern!“

Welche Aufgabe haben nun Diejenigen, welche, wie wir, sich nicht mit Allem dein einverstanden erklären können, was die Kirche als Christenthum erklärt und dod, in diesem selbst das Heil der Menschheit erblicken? Sie müssen kämpfen. Fa fäinpfen müssen wir mit Freuden, nicht aus Lust am Streite, sondern aus harter, schmerzlich empfundener Nothwendigkeit. Denn wir müssen auch gegen solche kämpfen, denen wir nicht nur in unsern äußern Lebensverhältnissen nahe stehen, sondern mit denen wir uns auch in so manchen Fragen des geistigen und sittlichen Lebens und Strebens innig berühren. Da zur Rechten sehen wir solche, die mit einem zähen, strengen Festhalten am Buchstaben und äußern Formen doch eine aufrichtige Frömmiga keit, ein sittenreines, rechtschaffenes Leben, eine aufopfernde Thätigkeit für das Wohl ihrer Mitmenschen verbinden. Wie gerne wollten wir mit ihnen, dir wir ja doch im Grunde unseres Herzens achten und lieben, Frieden halten. Aber können wir dies, wenn wir von ihnen als Ungläubige, als Gottes- und Christusläugner, als Verächter des göttlichen Wortes denuncirt und verurtheilt werden, wir, die wir ja doch nichts anderes wollen, als den Glauben, die Religion in Einklang bringen mit der Vernunft, der Erfahrung, bem Gewissen, in der Ueberzeugung, daß die Beiden, aus der einen Gotteskraft stammend, unter sich nicht in Widerspruch stehen können und dürfen, wir, die nie etwas Anberes wollen, als an die Stelle der Verehrung des höchsten Wesens durch Namen und Formen die Anbetung Gottes im Geiste und in der Wahrheit setzen, nichts anderes wollen, als Christum, der uns durch die Wundersucht in übernatürliche Ferne entrückt wurde, wieder als unsern Freund und Vorbild zurückführen in die Bruderarme der Menschheit und nur das als Gotteswort anerkennen, was wirklich Gottes vollkommenem Wesen entspricht ?! Nein, wir können und dürfen gegenüber solchen Anklagen nicht schweigen, sondern müssen uns wehren für unser gutes Recht. Wir müssen gegen die, welche den in ruheloser Entwicklung begriffenen Geist religiöser Wahrheit für alle Zeiten in feste Saßungen und Formen bannen wollen, die zu ihrer Zeit vielleicht der angemessene Ausdruck der religiösen Erkenntniß waren, aber es jeßt nicht mehr sind und darum keine Macht über den Geist und das Gemüth der Menschen mehr haben, auftreten und ihnen sagen: die verschiedenen Gestaltungen der christlichen Kirche sind nur Pläße, an denen der Mensch auf seinem Zuge nach dem gelobten Lande für einen Augenblick ftille hält und ausruht. Dann spricht Gott zu ihm: Du hast nun lange genug um diesen Berg gelagert; stehe auf und sebe deinen Fuß weiter; denn siehe, das Land der Verheißung liegt nod) vor dir. Wir müssen ihnen, welche die Lehren der Kirche irgend einer Zeit für die ewige Wahrheit halten, sagen: Ihr irrt eucy, diese sind nur die Blätter am Baume der Religion, welche eine kurze Zeit blühen und dann welken und abfallen und von der Triebkraft des religiösen Geistes durch andere, lebensvollere Formen ersetzt werden. Die Kirche ist nur die Wolke des Himmels, die bald da, bald dort steht, das Christenthum ist aber der Himmel selbst, der mit seiner Sonne und Sternen sich in unwandelbarer Herrlichkeit über uns ausbreitet. Wir müssen ihnen, die über den Untergang der Religion jammern, wenn auch nur ein vermeintlicher Rejer im dürren Laube veralteter Dogmen raschelt, erklären, daß sie bei all' ihrer Gläubigkeit doch noch des rechten Glaubens an Gott und seine siegreiche Sache ermangeln. Und dort zur linken finden wir solche, die mit rastlosem, treuem Eifer an der Bildung und Aufklärung der menschlichen Geschlechter arbeiten, bessere Einsichten zu verbreiten suchen und tapfer gegen Irrthümer und Vorurtheile ankämpfen und mit denen wir uns, die wir dasselbe anstreben, nahe verwandt fühlen. Aber wenn dann von dieser Seite her die Religion als eine Feindin der Bildung erklärt und verfolgt wird, können wir dazu schweigen und ruhig zusehen, wie die Heiligthümer unsers Gemüths und die Grundlagen unserer häuslichen und öffentlichen

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