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Wohlfahrt angegriffen und gelästert werden? Nein, wir müssen kämpfen. Wir müssen gegen die, welche die Religion als eine Feindin der Bildung erklären, auftreten und ihnen sagen: Ihr irrt euch, denn ihr verwechselt die Religion mit einer entarteten Erscheinung derselben in der Kirche irgend einer Zeit. Der Zweck der christlichen Religion ist der, den Menschen mit der höchsten Intelligenz, Gerechtigkeit und Liebe, welche wir Gott nennen, in Uebereinstimmung zu bringen, den Menschen zu bilden nach dem höchsten Bilde und Ideale aller Vollkommenheit. Und eine solche Religion sollte die Feindin der Bildung sein? Nein, sie ist vielmehr die Quelle und die wesentlichste Förderin aller wahren Bildung. Denn diese fängt an und hört auf mit der religiös-fittlichen Natur der Menschen. Es ist Zeit, einmal von der falschen und verderblichen Meinung wegzukommen, als bestehe die Bildung des Menschen nur in der Entwicklung seiner Verstandeskräfte, in einer möglichst großen Summe von Kenntnissen und in der Gewandtheit in gesellschaftlichen Umgangsformen. Lehrt uns ja doch so manche That und Erscheinung der Gegenwart in erschütternder Weise, daß unter diesem glänzenden Firniß einer bloßen Verstandes-, Wissens- und Gesellschaftsbildung oft eine Nohheit des Gemüthes, eine Selbstjudit des Herzens und eine Verwilderung der Leidenschaften verborgen liegt, welche den Menschen wenig vom Barbaren unterscheiden. Und denen, welche die Religion als einen überwundenen Standpunkt erklären, müssen wir sagen: Ihr irrt euch! Statt zu fragen: sind wir noch Christen, solltet ihr vielmehr fragen: sind wir schon Christen. Ist in Einem von uns, von den zahllosen Mensden, welche den Namen Christi tragen, seine geistige und sittliche Größe schon zur vollen, wirklichen Lebensgestalt geworden, hat Einer sein Vorbild erreicht ? Sind die großen Gedanken und Lehren des Christenthums schon in unsern häuslichen und bürgerlichen Verhältnissen verwirklicht, ist das Ideal erreicht, das in Christo dem Menschen und der Menschheit aufgegangen ist ? Und wenn wir in Wahrheit bekennen müssen: Nein! Christus ist noch lange nicht von uns erreicht, -- er gleicht vielmehr einem Sterne des Himmels, der, je näher wir ihm fominen, uns desto größer und glänzender erscheint, wie kann man denn das Christenthum eine überwundene Religion nennen ?! Wo in aller Welt wird man Ziele, Ideale als überwunden erklären, die nocy unerreicht vor und ob uns liegen?! Ein solches Verfahren käme mir ebenso thöricht vor, wie dasjenige eines Mannes, der einen hohen Berg ersteigt und unterwegs, ehe er dessen Höhe erklommen und die Herrlichkeit, die sich ihm da oben erschließen würde, geschaut hat, erklären wollte: dieser Berg ist für mich ein überwundener Standpunkt, ich will mich nach andern, erhabeneren Gipfeln umsehen! -- Nein, die Menschheit hat auf dem Wege ihrer geistigen Entwicklung die christliche Religion noch nicht hinter sich zurückgelassen, Gott steigt vielmehr mit jedem Fortschritte der Bildung auf einen erhabenern Thron und der denkende und gebildete Geist bringt ihm eine immer reinere und tiefere Verehrung dar. Indem wir aber, meine Freunde, solche Ueberzeugungen aussprechen, erwecfen wir lebhaften Widerspruch und werden in einen harten Kampf nach Nechts und Links hineingezogen. Lasset uns vor ihm nicht zurückschrecken, sondern ihn aufnehmen mit jener freudigen und tapferen Ueberzeugung, aus welcher der Apostel spricht: Wir vermögen nichts wider die Wahrheit, sondern nur für sie." Laßt uns ihn aber kämpfen mit Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, nicht Böses mit Bösem, Verdächtigung mit Verdächtigung, Verachtung mit Verachtung, Haß mit Haß, Verfolgung mit Verfolgung, sondern Böses mit Gutem vergelten und den Jrrthum durch die Wahrheit besiegen, eingebent des Wortes Pauli: „Wer bist du, der du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt seinem Herrn!“

II. Die Israeliten gebrauchten beim Tempelbau die Waffen nur, um sich feindseliger Angriffe zu erwehren. Ihr Zweck war nicht das Rämpfen, sondern das Bauen und das Kämpfen nur Sache der Noth. Dies joll auch unsere Stellung und Aufgabe sein. Nicht meine ich, daß wir vorhandene arge Uebelstände aus Menschenfurcht oder kluger, selbstsüchtiger Berechnung einfach hinnehmen sollen, wären wir ja doch dann nicht Jünger desjen, der über Käufer und Verkäufer die Geißel seiner sittlichen Entrüstung schwang und den Pharisäern sein : Wehe euch! entgegenschlenderte. Nur das meine ich, daß wir ob dem Rämpfen nicht das Bauen verge jen dürfen, sondern dieses uns die Hauptsache bleiben müsse. So laßt fins denn bauen und zwar vor Alem aus auf religiös-kirchlichem Gebiete und dadurch beweisen, daß wir nicht die Negativen, sondern die wirklich Positiven sind. Wir können nun unsern Ueberzeugungen treu bleiben und sie verbreiten, ohne beständig die Waffen des Streites zu schwingen. Es gibt ein Mittel, den Irrthum zu vertreiben, das besser wirkt, als wenn wir ihn mit dem Schwerte in der Hand angreifen. Es besteht darin, bessere Einsichten, große Wahrheiten zu verbreiten, neben denen jener nicht bestehen kann und durch welche der menschliche Geist ihn gleichsam auswächst. Je mehr das Licht zunimmt, desto mehr nimmt die Finsterniß ab. Mit den Strahlen der aufsteigenden Sonne sinfen die Schatten der Nacht. Laßt uns nur immer mehr richtige und erhabene Ansichten über unsere christliche Religion gewinnen und verbreiten, nur immer mehr von ihrem vergänglichen Buchstaben zum unvergänglichen Geist hindurchdringen. Je mehr die Menschen zur Erkenntniß und zum Bewußtsein des Wesens der Religion kommen, desto weniger werden sie an ihrer Form hangen, sondern lädselnd dieselbe bei Seite legen können, wie der erwachsene Mann das Spielzeug seiner Kinderjahre.

Wie an einer Neubelebung der christlichen Religion, so lasjet uns auch bauen an einer Neugestaltung der christlichen Kirche. Bauen an einer Kirche, in welcher die Religion die Hauptsache ist, die für den ganzen Menschen ist, seinem Geiste Erkenntniß, seinem Gemüthe Frieden, seiner Hand gute Werke und seiner Seele bas Streben nach Vollkommen heit gibt, an einer Kirche, welche einen Zweck hat, aber daneben vollkommene Freiheit des Gewissens und des Bekenntnisses gewährt, die auf dem großen, evangelischen Grundsaße des allgemeinen Priesterthums ruht, deren Thore weit genug sind, um alles Volk einzulassen, das Gott fürchtet und recht thut, und deren Hallen hoch genug, um auch dem Fluge des fühnsten Gedankens Raum zu geben. Doch unser Bauen darf sich nicht auf das firchlich-religiöse Gebiet beschränken, sondern muß auch das soziale Leben umfassen. Einer der Hauptlehrer der neuern Wissenschaft verkündigt uns: Das Leben ist ein Kampf um's Dasein. In diesem Kampfe muß das Schwache, Unentwickelte dem Starken, Entwickelten weichen und erliegen. Gewiß liegt in dieser Lehre eine tiefe Wahrheit, der auch das Christenthum beistimmen kann, nämlich die Wahrheit, daß durch die ganze sichtbare Schöpfung hindurch eine fortlaufende, aufsteigende Entwicklung von den unvollkommensten zu immer vollkommeneren Formen des Seins stattfindet, und diese Entwick lung durch Arbeit und Kampf hindurchgeht. Wer aber will bestreiten, daß dieser Lehre eine Auslegung und Anwendung gegeben werden kann und oft auch gegeben wird, weldie durchaus falsch und verderblich ist, nämlich die, daß die Starfen und Gebildeten bestimmt und berechtigt seien, die Schwachen und Unwissenden zu unterdrücken und zu verdrängen? Leget die Lehre vom Kampf um's Dasein Allen so aus und die Folgen hievon werden Unrecht und Gewalt auf der einen und hoffnungslose Verzweiflung auf der andern Seite sein. Ein Krieg Ader gegen Alle wird entbrennen, in welchem zuerst die Schwachen an ihrer Schwädie und dann die Starken an ihrer Stärke zu Grunde gehen. Das Christenthum erhebt sich mit aller Macht gegen ein solches Prinzip, das wohl auf dem Boden eines unbewußten, vernunftlosen Naturlebens seine Berechtigung haben mag, nie aber in der sittlichen Menschenwelt haben darf. Das Christenthum stellt neben dieses reiche, grausame Naturgesetz das Gesetz des Geistes, der Liebe. Ihm ist das Leben auch ein Kampf, aber nicht ein solcher, in dem die Einen auf Kosten der Andern gedeihen und die Andern zu Gunsten der Einen untergehen, sondern in dem die Kräfte Aller entwickelt und ihrer Bestimmung entgegengeführt werden sollen. Es will die Schwachen, Unentwickelten Sadurch vor dein Verderben bewahren, daß es sie stärkt und entwickelt. Allerdings wird es unter uns Menschen immer, auf verschiedene Naturanlage beruhende, innere Unterschiede geben, welche auch eine Verschiedenheit der äußern Lebensverhältnisse bedingen, - aber wie viele dieser Unterschiede lassen sich nicht auf einen höhern Willen, sondern nur auf die Sünde und Selbstsucht der Menschen zurückführen! Wie Viele, die stark und entwickelt sein könnten, sind und bleiben schwach um ihrer eignen oder der Mitmenschen Sünde willen! Diesen will das Christenthum helfen. Shm ist der Mensch ein Wesen von unendlichem Werthe, mit den Anlagen zur höchsten geistigen und jittlichen Volkommenheit ausgestattet. Es will, daß diese Anlagen in Allen zur möglichsten Ausbildung entwickelt und ihnen die hiezu nöthigen Mittel verschafft werden. Von wem anders aber kann und jou

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diese Hülfe den Schwachen und Zurückgebliebenen kommen, als eben von den Starken und Vorgeschrittenen ? ! Die Starken sollen die lasten der Schwachen tragent. Und so lange sie dies nicht thun, so lange können die Armen und Schwaden gegen sie vor Gott und den Menschen gerechte Klage erheben. Mir sdeint, daß in dieser Beziehung die Gesellschaft, so viel aud) von ihr gethan wird, ihre Pflidt noch lange nicht voll und ganz erfülle. Sie beschränkt sich zu sehr darauf, Verbrecen zu strafen und Elend zu lindern, statt Verbrechen und Elend zu verhindern.. Sie ist noch zu wenig tief und schmerzlich vom Bewußtsein durchdrungen, daß wir alle an der Roth, dem Elend und der Sünde unserer Mitmenschen bis auf einen gewissen Grad mitschuldig und dafür solidarisch haftbar und verantwortlich sind. Denn sind wir nicht für etwas verantwortlid), was wir verhindern könnten und wir thun es nicht? Schuld an dem Verderben der Blinden, der einem Abgrunde entgegengeht und wir warnen ihn nicht und halten ihn nicht zurück ? O gewiß, es liegt eine gerechte Anklage gegen die Gesellschaft in der erschütternden Thatsache, daß mitten unter uns Tausende von menschlichen Wesen leben, die in tiefes, geistiges und sittliches Verderben versunken sind. Aus diesen Abgründen des Lasters dringt ein noch viel lauterer und herzergreifenderer Ruf um Hülfe, als ihn materielle Noth je ausgestoßen hat. Allerdings ist die materielle Notly oft die Ursache der geistigen, sittliden. Ein wirklich inenschenwürdiges Dasein wird sich in der Regel nur auf Grundlage eines gewissen, materiellen Wohlbefindens aufbauen. Lebt auch der Mensch nicht vom Brode allein, so doch auch nicht ohne Brod. Wir sollen nicht unter dem Vorwand, für die Seelen der Menschen zu sorgen, ihre Leiber vernachlässigen. Aber wir dürfen auch nicht meinen, daß, wenn wir für ihre leiblichen Bedürfnisse forgen, wir unsere Pflicht an ihnen erfüllt haben. Der Mensch ist für ein höheres Gut geschaffen, als für Essen und Trinken und einen warmen Heerd, und ist größern Üebeln ausgesetzt, als dem Hunger und der Kälte. Die höhere göttliche Natur im Menschen, sein Menschenrecht und seine Menschenwürde zu erkennen, zu ehren, vor Schaden zu bewahren und zu entwickeln, das allein heißt erst den Nächsten lieben, wie man sich selbst wahrhaft lieben sollte. O! daß doch immer mehr jenes heilige Feuer der Liebe Christi, die auf Golgatha fich für die Rettung der Brüder hingab, in den Herzen der Starfen und Gebildeten unter uns entbrennte und sie antriebe, die Schwachen und Unwissenden zu stärken, zu trösten, zu retten, o! daß doch an die Stelle des grausamen, selbstsüchtigen Kampfes um's Dasein; in welchem Eines das Andere zu verdrängen sucht, der edle Wetteifer der christlichen Liebe träte, in welchem Einer dem Andern zu dienen sucht mit der Gabe, welche er empfangen hat, von wie vielen sozialen Uebeln, welche die Gesellschaft mit Verderben bedrohen, würden wir dann bewahrt und befreit, und welch eine neue schöne Welt würde sich dann auferbauen! Die größte, weiseste und ehrenwertheste Arbeit der Starken und Vorgeschrittenen unter ins ist, nicht die Schwachen und Zurückgebliebenen im Rampfe un's Dasein verderben zu lassen, sondern sie zu stärken, zu entwickeln und zu sich einporzuziehen. Je mehr sie dies thun, desto mehr erheben sie sich selbst zur wahren Menschenwürde, zur Hohheit und Würde

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des Menschensohnes, der nicht gekommen ist, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene.

Es wird unserer Richtung oft vorgeworfen, daß sie sich viel zu sehr auf wissenschaftlicher Höhe halte und zu wenig zum Volke herabsteige, daß sie sich der Rettung der Armen aus physischer und moralischer Noth nicht mit der Wärme und Hingabe widme, wie die strenggläubige Partei. Wenn diese Vorwürfe auch vielfach ungerecht sind und namentlich in neuerer Zeit immer weniger zutreffen, so können und sollen wir doch in dieser Beziehung von unsern Gegnern lernen. Immer mehr sind es die sozialen Fragen, welche sich in den Vordergrund drängen und die Masse des Volkes bewegen. Der Sieg auf religiösem und politischem Gebiete wird denen zu Theil, die das Meiste für das Wohl des Volkes thun. Er gebührt ihnen auch; denn die größte und innigste Frömmigkeit und die edelste Bürgertugend werden sich jederzeit in der größten liebe fundthun. Daran wird jedermann erkennen, ob ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe habt untereinander ! “

Wer gibt uns nun aber zu solchem Kämpfen und Bauen Muth und Kraft? Es ist unser Glaube an die Christliche Religion, an die menschliche Natur und an die Bestimmung Beider für einander. Wir glauben, daß die Religion Jesu Christi aus einer höhern Welt stammt und mit Kräften von dieser ausgestattet ist, daß sie gekommen, einen neuen Himmel und eine neue Erde zu bringen, Alles neu zu machen, „das Verlassene froh und die Wüste blühend wie einen Rosengarten, das steinerne Herz zu zerbrechen, den schuldbeladenen, erdgebundenen Geist in Freiheit zu Teßen und ihn fleckenlos vor Gottes Thron in jubelnder Freude zu bringen. Wir glauben, daß die mensdliche Seele für die christliche Religion geschaffen ist, wie das Ackerfeld für die Saat, daß das tiefste aller menschlichen Be dürfnisse das Verlangen nach Gott ist und der menschliche Geist und das menschliche Gemüth kein wahres Glück finden fönnen, außer in dem unendlichen Geist.

Wir glauben, daß eine ernste und gründliche Wissenschaft mit dem Wesen der christlichen Religion nicht in Widerspruc treten kann. Denn, wie viel von Gott ist zu sehen in jedem Blatte, welches, obgleich so schwach, daß es bei jedem Windhaudje erzittert, doch eine lebendige Verbindung mit der Erde, der Luft, den Wolfen und der entfernten Sonne unterhält und durch diese lebensvollen Beziehungen zu dem Weltall eine Offenbarung des allmächtigen Geistes ist. Und sollte die Wissenschaft, welche die Hieroglyphen des Himmels entziffert und alle Träume der alten Zauberei zu Schanden macht, die in jedem Funken des fernsten Sterns, in jeder verborgenen Zelle, die sie an's Licht bringt, Weisheit und Ordnung findet“, allein im höchsten Gebilde der sichtbaren Schöpfung, im Menschen, in seinem Leben und Schickjal keinen Zweck, feine höhere Leitung finden können?

Wir glauben auch an die mensdliche Natur. Allerdings bietet uns die Geschichte der menschlichen Geschlechter iind unsere eigene Erfahrung so viel erschreckende und betrübende Erscheinungen der Sündhaftigkeit und Entartung dar. Aber hören und lesen wir nicht auch von zahlreichen Zügen und Thaten des Edelmuths, der Seelengröße, opferfreidiger Hingabe und

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