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heiliger Selbstüberwindung? Sind wir nicht selbst schon Zeuge von solchen gewesen ? Haben uns nicht selbst schon „geistige Schönheit und Seelenadel von einem menschlischen Antlitz entgegengestrahlt, haben wir nicht schon Töne der Liebe vernommen, die unser Herz durchzitterten, ein edles Mitgefühl im Leiden und eine himmlische Mitfreude am Glücke Anderer gesehen ?“ Nicht schon in der Verborgenheit und Niedrigkeit des bescheidensten Menschenlebens eine Stärke der Liebe, eine Ausdauer des frommen Vertrauens, eine Kraft tugendhafter Entschlüsse und eine himmlische Geduld gefunden, welche ein mächtiges Zeugniß für die Göttlichkeit der menschlichen Natur sind ? Darum glauben wir an sie, wenn wir auch im Verkehr mit den Menschen noch so oft ihre Schwächen und Sünden, und, in uns selbst blickend und uns vor das Angesicht des Heiligen Gottes stellend, unsere eigene Schwachheit und Sündhaftigkeit mit Schmerzen erkennen und beklagen müssen. Weder das spöttische Lächeln des Weltmenschen, noch der Seufzer einer düstern Theologie kann unsern Glauben an die göttlichen Kräfte und Ziele der Menschennatur erschüttern. In diesem Glauben" kämpfen und bauen wir, des Sieges gewiß und froh. Der Prophet Esra berichtet uns, das neue Heiligthum, welches die Israeliten kämpfend erbauten, sei herrlicher gewesen, als das alte, weil es, obgleich ihm die Goldzier und die köstlichen Gefäße des salomonischen Tempels fehlten, doch größer und weiter war, als dieser. So ist auch der Tempel, an dem wir bauen, wenn auch weniger kostbar und prunkend, als derjenige früherer Zeiten, so doch größer und weiter und in seiner Einfachheit erhabener. „Das Werk, bas wir vorhaben, ist groß und weit, und wir, die wir auf der Mauer stehen, ferne von einander zerstreut. Darum, an welchem Orte ihr nun die Stimme der Posaune hören werdet, daselbst hin versammelt euch! Unser Gott wird für uns streiten." – Gilt nicht diese Mahnung des Propheten auch uns, meine Freunde? Fern von einander zerstreut, nicht nur räumlich, sondern oft auch geistig, sind wir. Es kämpfen und bauen so Viele, die doch schließlich dasselbe wollen, in unkluger oder selbstsüchtiger Vereinzelung für sich und es fehlt uns oft jenes Zusammenhalten, das unsern Gegnern so viel Macht und Erfolg gibt. Dürfen und wollen wir uns auch nicht der Freiheit und Selbstständigkeit begeben, welche ja zu unserm Prinzipe gehört, so laßt uns doch auf den Ruf der Posaune, der uns zur Einigung im Kampfe gegen einen gemeinsamen Widersacher und zur Arbeit an einem gemeinsamen Bau auffordert, hören, damit wir nicht zersplittert im Streite erliegen oder nichts Rechtes und Großes zu bauen im Stande find! Vor dem Schall dieser Posaune mögen alle Sonderinteressen zurücktreten, sonst sind wir, wenn auch nicht verloren, so doch gelähmt in unserer Kraft und in unserm Einflusse auf das öffentliche Leben. Aber nicht nur groß und weit ist unser Werk, sondern auch schwierig zu bauen. És braucht zu demselben nicht bloß freie Geister, sondern auch große, heilige Herzen, die sich durch keine feindseligen Angriffe, durdy keinen zeitweiligen Mißerfolg erbittern lassen. Die heidnische Sage erzählt uns von einer Quelle, welche stundenlang mitten durch einen trüben, salzigen See floß und weiter unten in unveränderter Klarheit und Süßigkeit demselben wieder entströmte und an ihren Ufern ein grünendes, blühendes Leben verbreitete. Dieser Quelle wollen wir gleichen. Uns nicht trüben und verbittern lassen durch das trübe und bittere Meer der Anfechtung, durch welches das freie Christenthum in diesen Tagen hindurchgehen muß, sondern aus ihm hervorgehen mit reinen, liebevollen Herzen und freudigem Glauben. Ja! durch Ehre und Schande, durch gute und böse Gerüchte lasset uns hindurchgehen und kämpfen und bauen, wie jene israelitischen Jünglinge, vom Aufgang der Morgenröthe, bis die Sterne des Heils und des ewigen Friedens über uns glänzen!“

Trübe und fröhliche Weltanschauung.

(Aus dem Lejerkreis.

Peisimism u 8.
Ein gleißend Trugbild ist die Welt,
Die jede Freude uns vergälli,
Wie sich die Rose reizend schmückt,
Doch in die Hand ben Dorn uns drückt.

Optimismus.
Es ist das Dunkel in der Welt,
Dem Licht als Schatten nur gesellt,
Wie selbst am Dornstock Rosen blüh'n
Und lieblicy, still erröthend, glüh'n.

Am das Gewissen ist es doch eine eigene Sade; es wird bald eine eigentliche Krankheit, alles Mögliche, was man oft aus niedern Beweggründen nicyt mag, mit der Erklärung fernzuhalten, es sei eine Verlegung des Gewissens. Da sucht die Basler Bibelgesellschaft in Tessin ihre Bibeln anzubringen und muß nun von der römischen Presse hören, das sei eine Beschimpfung, ein Falstrick, eine Gotteslästerung, eine schmähliche Verleßung des katholisden Gewisjens !

Basler Kirchenzeddel Sonntag den 29. Oktober.

Münster St. Peter St. Leonhard $t. Theodor Morgenpredigt 9 Uhr Wirth A. Linder Altherr

von Drelli Kinderlehre 11

\ Preiswerk

Miville Brändli
Wirth

Barth
Abendpredigt 3 Stocmeyer Böhringer Roth

E. Linder

Verlag der J. Dalp'schen Buchhandlung Bern, zu beziehen durch alle Buchhandlungen: Martig, unterweisungen in der christlichen Lehre nach biblischen Abschnitten 3 vollständige, umgearbeitete, von der reformirten Kirchensynode des Kantons Bern mit einem Preise bedachte Auflage. Preis 70 Centimes. Partiepreis von 12 Eremplaren 60 Centimes.

(O 4906 H)

Druck und Erpedition von J. Frehner, Steinenvorstadt 12, Basel.

Fünfter Jahrgang.

No 44. Samstag, 4. November 1882.

Sdweizerifdes Proteftantenblatt

Her ausgeber:
Pfr. A. Altherr und E. linder in Basel, Pfr. Bion in Zürich.

Wir sollen nur nicht in Sinn nehmen, daß der heilige Geist gebunden set an Jerusalem, Rom, Wittenberg oder Basel, an deine oder eine andere Person. In Christo allein ist die Fülle der Gnade und Wahrheit.

Decolampad an Suther.

Erscheint jeden Samstag. Man abonnirt auf jedem Postamt der Schweiz und des Auslandes. Preis halbjährlich franko zugesandt 2 Fr. Wer das Blatt in Basel gratis erhalten will, kann dasselbe in der Buchdruderei I. Frebner, Steinenvorst. 12, abholen.

Die „Erwedungen“ in Bafef dauern fort.

Der große Vereinshaussaal wird jeden Abend gefüllt, oft daß kein Stehplatz mehr zu haben ist. An Stelle der Schaaren, welche anfangs die Neugier hintrieb, kommen jetzt mehr und mehr bloß noch die Zuverlässigen, und die sich von diesen hinziehen lassen. Die Propaganda wird fast von Haus zu Haus und bis auf die Gassen mit einem Eifer betrieben, der nachgerade auch die Gleichgültigen nachdenklich macht. Bist du in der Versammlung gewesen ? Bist du schon vorgetreten? Das sind bald die Hauptfragen in Basel, und das, was bisher Gläubigkeit hieß, genügt nicht mehr, man muß dort gewesen, vorgetreten sein. Eine kranke Tochter in der Parterrewohnung friegt eines Abends den Besuch einer jungen Dame und diese läßt nicht ab, bis jene nachgibt und mitkommt. Dann steigt die Daine eine Treppe hoch und drängt in eine alte Mutter, mitzukommen. Diese klagt, ihr sinabe von dreizehn Jahren sei seit dem Morgen vom Hans weg, sie wisse nicht wohin und sei in größter Angst um ihn und könne das Haus nicht verlassen. Hilft ihr aber nicht, sie muß in die Versammlung, weil das „Seligwerden“ vor dein Kinde geht. Wenn es die „Heilsarmee“ so von Haus zu Haus treibt, ist es nur zu verwundern, daß das Vereinshaus nicht viel zu klein ist. Die Sadie selbst nimmt dort Abend für Abend den gleichen Gang; Ansprachen und Gesänge, Zeugnisse und Lobpreisungen Gottes aus der Mitte der Versammlungen; auch ein zwölfjähriger Knabe steht auf und erklärt, er habe jetzt den „Frieden“ gefunden und Herr Nappard antwortet darauf mit dem Schriftwort: „Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hat Gott sich ein Lob bereitet.“ Dann im zweiten Akt Vortritt Derer, welche die „Gnades am selben Abend angefaßt hat, Sewissenserforschung, Kniefall, Reinerklärung im Blut des Lammes. Von Denen, die also hinzugethan werden zur Gemeinde der „Erretteten“, wird der Name erbeten, und Diejenigen, welche ihn angeben, erhalten dann den Besuch der Netter, wobei im Hause Kniefall und Gebet fortgesetzt wird. Die Zahl der Vorgetretenen muß sich auf viele Hunderte belaufen. Von diesen werden vielleicht viele mit der Zeit wieder kühl und untreu werden, d. b. sie werden bei der Kirche verbleiben, während die verschiedenen Sekten jedenfalls eine große Ernte einheimsen, allen voraus die Methodisten und die „evangelische Gemeinschaft“. Was so' nstdie Bewegung

noch für Folgen haben wird, ist sehr schwer zu sagen. Jedenfalls geht sie an Umfang und Intensität weit über das hinaus, was seiner Zeit Hebich und vor fünf Jahren Prediger Smith zu Stande gebracht, (weld letzterer bekanntlich ein dunkles Ende genommen).

Die Leiter der Bewegung, ohne Zweifel Leute, die es auf ihre Art ganz redlich meinen, sind selber erstaunt über den Erfolg, der all ihre Erwartungen weit übertrifft, sie preisen laut die wunderbare Gnade Gottes und sind überschwenglicher Hoffnung voll, als ob sie ein zweites Pfingsten erlebt hätten. Anerkannt werden muß, daß in Folge einer im Großen Rath gestellten Interpellation und polizeilicher Untersuchung die Redner sich in Ausmalung gewisser Sünden weit vorsichtiger benehmen. Wie es aber möglich geworden ist, diese ,,Erweckungen“ durch mehrere Wochen hindurch derart in Schwung zu erhalten, das hält für diejenigen, welche Basel kennen, (in jeder andern Stadt wären sie ja nicht denkbar), keineswegs schwer. Außerkirchliche, religiöse Versammlungen sind durch das Vereinshaus in Basel längst sehr populär und werden von einer Reihe landeskirchlicher Pfarrer eifrig gepflegt. Wie schon Hebich, so wird auch diese Erweckung nach englisch-amerikanischem Schnitt von vielen Reichen dieser Welt, Herren und Damen aus den vornehmen Familien, protegirt.

Das Volf empfindet lebhaft die schwere Zeit in Folge Geschäftsstockung und Mißiahren, der Mittelstand dwindet vor der Macht des Großkapitals sichtlich dahin und Tausende von Arbeiterfamilien führen ein elend und erbärmlich Leben, wovon wir täglich Beweise erhalten. Das Alles machen sich die Beiter dieser Versammlungen 311 Nuße. Sie fragen die Massen und die Vortretenden auch nach ihren ökonomischen Nöthen und verheißen neben dem himmlischen Segen auch einen irdischen. Nicht wahr, es drückt Euch etwas ? Ist es Euch die lekte Zeit nicht herzlich schlecht gegangen ? Lebt Ihr nicht in Sorge und Nöthen und Unfrieden? Möchtet Ihr es nicht gern besser haben? Und die auf solche Fragen antworten mit einem herzlichen Ja! ihnen thut natürlich schon die Theilnahme an ihrem bittern Schicksal in der Seele wohl, sie hoffen Erlösung, und wenn's aud nachher nichts daraus wird, so war die kurze Hoffnung dodh ein Stückchen Himmel. Wir wollen nicht behaupten, daß dieß Alles, nur daß es Vieles erklärt.

A.

Ein liberaler Basler Pfarrer vor 60 Jahren.

Vor mir liegt ein Schriftchen aus den Zwanziger Jahren, gedruckt in Basel bei Neukirch, und betitelt: Ueber die Vernunft; zwei Predigten nach Matth. 6,23, gehalten in der Kirche St. Theodor den 9. und 16. Hornung 1817 von 3. 3. Fäsch, Pfarrer.

„Ueber die Vernunft!“ Zwei Predigten darüber von einem Haupt= pfarrer zu St. Theodor! Gewiß eine Thatsache, welche uns zu näherer Nachfrage und eingehender Untersuchung dieser Predigten veranlassen muß!

I. I. Fäsch, geb. 1752, seiner Zeit einziger liberaler Pfarrer in Basel, war neun Jahre lang (von 1793 an) Helfer und sodann volle 30 Jahre lang Hauptpfarrer zu St. Theodor. Er starb 1832. Sm Sterberegister verzeichnet einer seiner Amtsbrüder seinen Tod mit dem Beifügen:

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Der unvergeßliche und hochwürdige Herr Pfarrer Fäsch, welcher beiläufig ein halbes Jahrhundert hindurch als treneifriger Lehrer und Oberhirte an dieser christlichen Gemeinde gestanden hatte, und im sechsundachtzigsten Altersjahre seinen Hirtenstab niederlegte und zu einem bessern Leben hinüber: gerufen wurde."

Dieser von seiner Gemeinde hochgeachtete Seelsorger fühlte sich in den Zwanziger Jahren gedrungen, obige zwei Predigten, die er 1817 gehalten hatte, in Druck herauszugeben. Er hatte hiebei lediglich ein seelsorgerliches Motiv, welches er in der Vorrede zu den Predigten in folgenden Worten ausdrückte: Wer unter meinen verehrlidien Mitbürgern, für welche besonders diese wenigen Bogen geschrieben sind, mit mir die höhern Stufen des mensdhlichen Alters erreicht hat, der wird es gestehen müssen, daß es bei uns, in Rücksicht des Religiösen besonders, nicht mehr ist, wie gestern und ehegestern, und daß in unsrer lieben Vaterstadt Neuerungen emporgekommen, die wir in keiner Gegend Helvetiens finden; ob wir dadurch weiser, frömmer, glücklicher geworden als unsre Miteidsgenossen, das überlasse ich andern, zu entscheiden; ich habe es hier mit der Vertheidigung der Vernunft allein zu thun, und ein halbes Jahrhundert, das ich bereits dem Studium der Theologie geweihet habe, hat mich über: zeugt und in dieser Ueberzeugung hat mich die ganze Kirdyengeschichte gestärft : daß nämlidy jede Entfernung von der gesunden Vernunft der Religion und der Mendheit immer nachtheilig geworden ist; und öffentlich zu bezeugen, was ich nach vieljährigem Forschen und Prüfen als Wahrheit erfunden habe, das wird mir als einem Lehrer der Neligion jetzt besonders zur Gewissensjache, da ich mit einem Fuße bereits im Grabe stehe und in Kurzem Niemandem mehr Rechenschaft abzulegen habe, als dem göttlichen Geber der Vernunft, der die Wahrheit und Weisbeit selber ist. Sein Neich komme!"

Man sieht aus diesen Worten, daß Fäjd während seiner Amtswirksamkeit eine Veränderung in der religiösen Anschauungsweise in Basel erfahren mußte, vor welcher er warnen zu müssen glaubte. Es war dieß das Eindringen der pietistisch-wundergläubigen Scheinfrömmigkeit, welche seither sich in Basel die Herrschaft zu erringen gewußt, und je und je durch fünstlich gernachte „Bewegungen“ den erlahmenden Eifer wieder zu beleben gesucht hat. Was in den jüngsten Zeiten durch Hebich, Smith u. A. getrieben wurde und eben jetzt wieder durch die methodistischen Bekehrungsversammlungen erreicht werden soll, fing damals in Basel zu spucken an durch den Einfluß der bekannten Frau von früdener. Einize Notizen über diese eigenthümliche Frau werden uns sofort den Charakter jener „Neuerungen“, gegen die Fäsch zu zeugen sich verpflichtet fühlte, erkennen lassen.

Frau von Krüdener war in ihren jüngern Jahren eine halbgelehrte und geistreiche Rokette gewesen und hatte, getrieben durch einen unruhigen Drany nad Neuem und Auffallendem Jahre lang eine ziemlid; zweideutige Nolle gespielt. Von ihrem Manne getrennt, 303 sie einige Zeit mit einem französischen Husarenoffizier in der Welt herum, überall Verbindungen an: knüpfend und durch Wort und Schrift von sich reden machend. Als sie in die Jahre kam, wo die körperlichen Reize jdwinden, bekehrte sie sich, und warf sid), mit derselben Eitelkeit, wie vorhint, und mit demselben Widerwillen gegen ruhige und anspruchslose Pflichterfüllung, auf das Feld der

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