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frommen Schwärmerei. Sie bereiste Land um Land, hielt Bekehrungôvorträge, predigte von dem Verderben der Welt und der Nothwendigkeit einer Umkehr zu Christo, und ließ sich sogar auf Geistererscheinungen und andere vermeintliche Wunder ein. So kam sie anno 1815 auch nach der Schweiz und nach Basel. Hier fand sie einen empfängliden Boden. Die wundergläubigen Kreise unsrer Stadt sahen in ihr eine Botin des Himmels, erwarteten eine allgemeine Ausgießung des Heil. Geiftes, und so kain jene pietistische, der Wissenschaft und dem vernünftigen Denken feindliche, wundergläubige und daher wundersüchtige Frömmigkeit zur Herrschaft, welche, später noch durch schwäbische Einwanderung verstärkt, heute noch der Gegner ift, gegen welche, ich will nicht einmal sagen: die Neform, — aber jede vernünftige und gesunde Auffassung des Christenthums fämpfen muß.

Gegen sie zu kämpfen, hielt damals, als sie sich zu regen begann, der Hauptpfarrer von St. Theodor für seine Pflicht. Es ist bezeichnend, daß er als Thema seiner beiden Predigten kurzweg bezeichnete: „Ueber die Vernunft.“ Hatte dod schon sein Lehrer, der Prof. Sam. Wereufels, Aussprüche gethan, wie folgende :

„Durch einen blinden Glauben wird weder Gott, noch der Kirche

gedient.“

Was mit der Vernunft im Widerspruche steht, kann nie als eine göttliche Offenbarung angesehen werden.“

,,Al' dieses Geschrei wider die Vernunft hat keinen andern Zweck, als die Menschen dahin zu bringen, gewissen Dogmen, die keine Untersuchung aushalten können, ohne Untersuchung mit blindem Glauben anzunehmen; wer sieht aber nicht ein, daß auf diese Art auch die ungereimtesten Lehren dem Menschen können aufgedrungen werden ?"

Sehen wir nun zu, wie Fäsch diese, der Orthodoxie durchaus widersprechenden und daher liberalen Grundsäße in seinen Predigten ausgesprochen hat! Wir zitiren einige Stellen.

Noch iinmer treiben ein unverständlicher Mystizismus, ein verwirrender Sektengeist, eine betäubende Schwärmerei, eine mensdenfeindliche Prophezeihungssucht ihr verderbliches Wesen in der Christenheit, machen die Schwachgläubigen irre und geben den Ungläubigen reichlichen Stoff zu den bitterften Spötteleien; und woher diese Verirrungen, diese Unfugen, diese Ausschweifungen alle ? Von der Verachtung der Vernunft, von einer vernachlässigten Bildung des Verstandes, wobei diese herrliche Gottesgabe, dieses Himmlische Licht entweder ausgelöscht oder unter den Scheffel gestellt wirb !"

„Die reine, die ächte Christusreligion ist nur da anzutreffen, wo das Licht der Vernunft mit dem Lichte des Evangeliums vereinigt zum Himmel emporlodert. Der Vernünftigste unter den Menschen ist auch der beste, der würdigste unter den Christen; denn er hält sich nicht an leere Worte, an äußerliche Formeln; er spricht nicht blindlings nach, was andere ihm vorschwagen; er denkt selber nach über jede Wahrheit des Evangeliums und gelangt dadurch zu einer festen, wirksamen Ueberzeugung ; sein Glaube ist nicht das bloße Erbgut seiner Väter, noch weniger ein Geschent des Šektengeistes, sondern die reife Frucht eigener Untersuchung. Ach! ohne eine geläuterte Vernunft werden wir bald dem Unglauben huldigen, bald dem Aberglauben fröhnen, bald in der Schwärmer Dienste

treten', bald zur Fahne falscher Propheten (dwören; ohne eine geläuterte Vernunft sind wir nie im Stande, der apostolischen Vorschrift Genüge zu leisten: Prüfet die Geister ! Prüfet Alles und das Gute behaltet!

„Wer die Vernunft verachtet, der rerachtet Gott selbst, der sie uns gegeben hat, nicht um dieses goldene Talent zu vergraben, sondern um dasselbe auf Zinse zu legen, um der Talente noch mehrere zu gewinnen; die Vernunft ist die Krone unseres Geschlechts, das Ehrwürdigste in der Welt; nichts muß daher höher geschäßt, nichts mehr unangefochten bleiben, als diese göttliche Gabe. Durch sie allein werden wir des Menschennamens würdig; durch sie allein werden wir fest im Christenthum und gesichert vor den Empfindeleien, Faseleien und Schwärmereien unseres Zeitalters; fein eingeweihter Priester, kein Habsüchtiger Bileam, keine Zauberin von Endor, keine Afterprophetin aus liefland wird den Mann von gebildetem Verstande jema ls zu bethören, jemals irre zu führen vermögen!“

Auf den Einwand, daß die vernünftige Auffassung der Dinge nicht vor Aberglauben und Irrthum schüße, vielmehr dazu führe, erwidert unser Prediger: „Nein, die Vernunft wird nur von sündlichen Begierden und tobenden Leidenschaften verdunkelt und verfinstert, aber sind es nicht eben diese Begierden und Leidenschaften, die auch das Christenthuin in Dunkel und Finsterniß Hüllen ? Wessen Herz empört sich nicht bei dem Gedanken der groben Unwissenheit, des schrecklichen Aberglaubens, der Schand- und Basterthaten, deren sich im grauenvollen Mittelalter Hohe und Niedrige, Reiche und Arme und besonders die Lehrer des Evangeliums schuldig inachten! Aber wer würde es nicht ungerecht finden, wenn wir diese idjanerliche Nacht, diese zügellose Basterhaftigkeit der damaligen sogenannten Christen dem Christenthum selbst zum Vorwurfe machen wollten? Wer wird nicht vielmehr die Priester dieser unglüdlichen Zeiten verklagen, die geflissentlich dahin arbeiteten, die Vernunft zu unterdrücken, die Wifienschaften zu verbannen, und so die Dummheit des Volkes zu befördern, zu unterhalten, und an dem Gengelbande eines blinden Glaubens dasselbe nad Willkühr zu leiten, irre zu führen? Wie wahr spricht daher ein berühmter Dichter des Vaterlandes, der selige Haller, der diese traurigen Zeiten im Auge hatte :

Ich weiß, die Welt hat es erfahren,
Daß selbst der Glaub' in eines Priesters Hand
Mehr Böses that in wenig hundert Jahren,

Als in sechstausend Jahren der Verstand. Aber laßt die Wissenschaften wieder aufblühen; laßt die Vernunft sich wieder auf ihren Thron erheben, und ein Luther, ein Calvin, ein Zwingli und Defolampad werden auftreten, und die Nacht, welche die Christenheit bedeckt, wird versdwinden, und das Licht des Evangeliums von Neuem erlenchten die Völker des Erdkreises; weg dann mit allem Tadel der Vernunft! es ist ein Tadel des göttlichen Gebers derselben; es ist eine lobrede, die wir der Dummheit halten; es ist ein strafbares Bestreben, das Licht der Welt, die Sonne der Gerechtigkeit zu verdunkeln, die Nacht der Unwissenheit und des Aberglaubens über die Menschheit zu verbreiten!“

Ach, es ist traurig“, sagt säjdy an einer andern Stelle, daß man unter Menschen, die nur dadurch Menschen sind, daß sie Vernunft haben, die Vernunft zu vertheidigen genöthigt ist, aber wir dürfen nur gewisse Schriften unsrer Tage lesen, und hin und wieder gewisse Vorträge anhören, um uns zu überzeugen, daß diese Vertheidigung für jeden Freund der Wahrheit und mehr noch für jeden Lehrer der Religion heilige Pflicht sei. Hat uns Gott den gesunden Menschenverstand nur deswegen gegeben, daß wir denselben unter einen Scheffel segen, oder gar unter den Tisch werfen sollen? Hat uns Christus die vernünftigste aller Neligionen nur deßwegen verkündigt, daß sie uns verwirrt machen, Tren: nungen unter uns veranlassen, in Schwärmer und Sektirer uns verwandeln soll ? Nur deutliche Begriffe, nur richtige Bestimmungen und praktische Anwendungen der Glaubenslehren sind des Menschen und des wahren Jüngers Jeju würdig. Aber was empfängt man, was liest man, was hört man da, wo die Vernunft verachtet und verkannt wird ? Einen Schwall von heiligscheinenden, aber hirnlosen Worten, Blumeleien, Liebeleien, Tand- und Seifenblasen; die ganze christliche Religion, wie sie da geglaubt und verkündigt wird, ist weiter nichts als Spielwerf, Blendwert einer verdorbenen überspannten Einbildungskraft; das wahre Wesen der Religion besteht nicht darinnen, daß mau bloß über die Größe und Menge seiner Missethaten seufze, jammere und doch sich keine Mühe gibt, auch nur einer einzigen los zu werden, daß man bloß über die Verblendung und Lasterhaftigkeit der argen Welt losziehe, und doch durch keine Tugenden vor derselben sich auszeichne, daß man bloß auf Jesu unschäßbares Verdienst sein Vertrauen sebe und selbst ohne Verdienst bleibe ; nein, das wahre Wesen der Religion besteht in der Liebe zu Gott, in der treuen Erfüllung aller unsrer Pflichten, in einem rastlosen Bestreben zu wachsen an Weisheit und Tugend, in der Gnade und Erfenntniß Jesu Christi."

„Verdächtig sei uns daher jeder, der uns die Vernunft verdächtig, verächtlich zu machen sucht; und desto eifriger unser Bestreben, unsern Verstand auszubilden, unsere Vernunft ihres göttlichen Ursprungs würdig zu machen; unser Christenthum sei ein vernünftiges Christenthumn; nicht bloße Gedächtnißsache, nicht bloßes Nachplappern der Meinungen anderer, nicht Lippendienst, aber auch nicht empfindelei, nicht Meystizismus, nicht Schwärmerei

, sondern die Frucht reifen Nachdenkens und der innigsten Ueberzeugung ! So gelangen wir zu einem Glauben, der niemals wanket, zu einer Hoffnung, die nie zu Schanden wird, zu einer Freude, die Niemand von uns nimmt!“

So predigte, in seelsorgerlichem Gewissensdrang gegenüber dem eindringenden vernunftfeindlichen und wundersüchtigen Pietismus I. I. Fäsa), Hauptpfarrer zu St. Theodor, im Jahre 1817. Und was predigte er eigentlich? Nichts anderes, als was die Reformer von heutzutage predigen: die Berechtigung der Vernunft und der von ihr geübten Kritik gegenüber der Ueberlieferung und dem Buchstaben, den gefunden Menschenverstand gegenüber den Verirrungen wunder südytiger Schwärmerei, das Festhalten an der Landeskirche gegen über ungesunder und hochmüthiger Separation, die Heiligung der Gesinnung gegenüber dem Podhen auf Phrasen und Ceremonien!

Fäsch stand mit seinen Ansichten so ziemlich allein; die meisten seiner Aintsbrüder waren anderer Ansicht und dem auftauchenden Pietismus 311= geneigt. Und dennoch lejen 'wir nichts von einer Abendinahistrennung unter den damaligen Geistlichen, nichts von Parallelgottesdiensten gegenüber den Predigten von Fäsch, nichts von Stadtmissionaren, die seine Wirksamkeit verdächtigt hätten! Das war vor 60 Jahren. Sind wir denn wirklich seither um 60 Jahre zurückgekommen?

2.

Zur Pfarrwahl in Riehen. In dem freundlichen, eine Stunde von Basel gelegenen und zum Kanton Vaselstadt gehörenden Dorf Niehen wurde vor sechs Jahren Herr Gottlieb Linder von Basel zum Gemeindepfarrer erwählt. Laut § 3 des Basler Pfarrwahlgesetzes vom 2. Februar 1874 sind alle seither gewählten Geistlichen bloß auf sechs Jahre erwählt und nächsten Sonntag soll es sich zeigen, ob Riehen seinen bisherigen Geistlichen wieder wählt oder einen andern ihm vorzieht. So nämlich ist die Erneuerungswahl eingerichtet, daß diese ganz so behandelt wird, wie wenn die Stelle durch Tod oder Wegzug erledigt wäre. In andern Stantonen, wo die periodische Erneuerungswahl der Geistlichen ebenfalls vorgeschrieben ist, wird diese ganz anders und in einem viel mildern Sinne ausgeübt. Dort werden die Wähler gefragt, ob sie den bisherigen Geistlichen bestätigen wollen, und sie antworten darauf mit einem Ja oder Nein durch die Abstimmungskarte, und erst wenn ein Mann von seiner Stelle weggewählt ist, schreitet die Gemeinde zu deren Wiederbesetzung an einem spätern Wahltag.

Und dazu kommt noch, daß alle diejenigen Stimmberechtigten, welche sich der Stimmabgabe aus irgend welchen Gründen enthalten, im Kanton Zürich zu denen gezählt werden, die mit Ja, also für Bestätigung des bisherigen Geistlichen gestimmt haben. Bei diesem Verfahren, das leuchtet ein, ist dem Inhaber einer Stelle ein gewisser Vorzug eingeräumt und hält es ziemlich schwer, ihn von heute auf morgen vor die Thüre auf die Gasse zu stellen. In Basel dagegen hat dies milde und rücksichtsvolle Verfahren nicht beliebt, denn da wird ganz so verfahren, als ob der seit sechs Jahren in der Gemeinde wirkende Geistliche nicht da wäre, jeder Wähler schreibt den ihm beliebenden Namen auf seine Karte, die der Wahl fich Enthaltenden werden nicht als ebensoviel bestätigende Stimmen gezählt, und wo irgend eine bedeutende, in der Agitation geübte Minderheit einer nicht eben so rührigen Mehrheit gegenüber steht, da kann sie mit aller Leichtigkeit einen Geistlichen von heute auf morgen vor die Thüre stellen. Und diesem, wie man zugeben wird, bittern Schicksal sind nicht etwa alle Geistlichen Basels ohne Unterschied ausgesetzt; der Kanton Zürich allerdings, der hat alle, auch die für lebenslänglich angestellt gewesenen Geistlidyen dem Gesetz der Neuerungswahl unterworfen, in Basel hingegen schwebt das Damoklesschwert bloß über den seit dem 2. Februar 1874 Gewählten, während die vorher Gewählten in ihrer Stellung lebenslänglich geschützt und somit höhern Rechtes sind.

Warum sagen wir das jetzt? Wahrlich nicht, weil wir die periodische

Erneuerungswahl bekämpfen möchten; wir halten diese im Gegentheil für ein gutes und unantastbares Recht der Gemeinde, es scheint uns gefährlich und verderblich, daß Jemand, und wäre es auch ein Pfarrer, sich als unabsetzbar und nicht wieder wegbringbar wissen soll, denn es ist sehr zu fürchten, daß er sich dieses hohen Vorrechts nicht immer würdig erweist, und es fehlt kaum an Beispielen, daß Geistliche durch unwürdiges und fanatisches Treiben das religiöse und fittliche Leben des Volkes unsäglich schädigen und auf dem sichern Felsen ihrer Lebenslänglichkeit sich Alles gegen eine Gemeinde erlauben, welche sie, wenn sie das Recht dazu hätte, von Gottes und Nechts wegen wegwählen würde. Also jeder Gedanke, am guten Nechte der Gemeinde zu rütteln, liegt uns vollständig ferne. Und ebensowenig kann, wer uns nur ein klein wenig kennt, den Verdacht schöpfen, wir fürchten etwa für die eigene Haut, denn keinem freisinnigen Pfarrer in Basel würde es, weggewählt von seinem jeßigen Posten, die geringste Mühe machen, irgendwo im schönen Schweizerland wiederum ein stilles Dorf zu pastoriren; es ist für ein den Frieden liebendes Gemüth besser in Galiläa fein, als in Jerusalem, dessen Gassen immmer wiederhallen vom: Kreuzige ihn! Nein, aus Sorge für die eigene Stellung schreiben wir auch nicht. Sondern das wollten wir sagen: die Art und Weise, wie das gute Gesetz betreffend periodische Erneuerungswahl bei uns ausgeübt wird, die in ihrer Schroffheit einzig dastehende Praxis, sie ist in einer Stadt, wie Basel, wo der Wahn eines alleinberechtigten und alleinfeligmachenden Glaubens noch so bedenkliche Macht hat und wo man die Unterdrückung oder „geistige Ueberwindung“ der freisinnigen Richtung offen proklamirt und fast jedes dahin zielende Mittel für erlaubt zu halten nur allzu geneigt ist, sie ist unter solchen Umständen eine Gefahr, weil sie bei jeder periodischen Erneuerung das Thier der Agitation wieder aufweckt. Und falls etwa am nächsten Sonntag in Riehen ein Mann von musterhafter Pflichttreue und von mildem, jeder Schroffheit abgeneigtem Wesen und von untadelhafter, würdiger Lebensführung durch die Parteigänger einer rücksichtslosen Orthodoxie auf die Gasse geseßt werden sollte, so wird, was wir geschrieben haben, vielen und namentlich auswärtigen Lesern die leichte Möglichkeit eines solchen Vorgangs einigermaßen erklären.

Zu den Wählern der Kirchgemeinde Niehen haben wir das Vertrauen, daß sie die nicht glänzende, aber treue und ächt evangelische Lehr- und Lebensweise ihres bisherigen Geistlichen durch festes Zusammenstehen iit ihrer Mehrheit anerkennen werden. Dem wackern Mann und Freund sagen wir zu seinem Schicksalstag den alten, schönen Christenspruch: „Befiehl du deine Wege und was dein Herze fränkt, der allertreusten Pflege deß, der den Weltkreis lenkt. Der Wolfen Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.“ A.

Der Kirchenzeddel fällt wegen Raummangel weg.]

1. St. 1.

Vereinssipung Montag den 6. November, Abends 8 Uhr, im großen Saal

* der Safranzunft. Vortrag von Herrn Huber, Sekundarlehrer, über den Referendumssturm gegen Ausführung des Schulartifels, $ 27 der idweiz. Bundess berfassung. Alle Vereinsmitglieder, fowie andere freisinnige Bürger und Einwohner Basels sind zu dieser Versammlung freundlich eingeladen. Es gilt sich zu orientiren und zu sammeln für den nahenden Tag der Abstimmung über diese Angelegenheit, die für unser Gesammtvaterland von hoher Wichtigkeit ist.

Die Commiffion.

Druck und Expedition von I. Frehner, Steinenvorstadt 12, Basel.

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