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Arme Kinder würden durch Behörden und gemeinnüßige Vereine mit den nöthigen Kleidern und Nahrungsmitteln versorgt, und die Kantone müßten die Pflicht übernehmen, ihre Schulhäuser und deren Einrichtungen den Anforderungen der Gesundheitspflege entsprechend zu erstellen.

Die Unentgeltlichkeit des Primarunterrichtes dürfte sich nicht allein auf den Wegfall des Schulgeldes erstrecken, sondern es würden sich die Kantone auch für unentgeltliche Verabreichung von Schreibmaterialien, sowie für die einmalige Abgabe von Lehrmitteln an die Kinder verpflichten.

Von all diesen Forderungen sind in vorgeschritteneren Kantonen die meisten schon längst erfüllt, ja mancherorts durch die Leistungen weit übertroffen, so daß diejenigen Theile unseres Vaterlandes, wo der gute Wille für die Pflege der allgemeinen Volksschule vorhanden ist, von diesen neuen Forderungen auch nicht im mindesten berührt werden. Ja, sagen wir es ganz ungeschminkt heraus : Wer nicht ein Feind der allgemeinen Volksschule ist, der kann diesen bescheidenen Wünschen nicht feindlich entgegentreten, sondern muß sie begrüßen, als eine wohlgemeinte Handreichung von Seite des Bundes gegenüber den Rantonen, in denen die Aermsten des Volkes in Bezug auf das allernothwendigste Maß von Schulbildung von Seite des Staates heute noch vernachlässigt werden.

Fragen wir uns nun: Worin besteht denn die praktische Bedeutung dieser an die Volksschule unseres Landes gestellten Forderungen? So lautet die Antwort hierauf ganz kurz: Sie besteht in der Hebung der allgemeinen Volksbildung. Stellen wir die weitere Frage: Ist es denn mit dieser Volksbildung in den Gauen unseres Schweizerlandes überall so gut bestellt, daß man zu dem Einwurf berechtiger wäre, der Wunsch nach einer Verbesserung desselben habe keine Berechtigung ? Daran glaubt kein einsichtiger Schweizerbürger , und wer es mit dem Volke ehrlich meint, dem fällt es auch nicht ein, solches zu behaupten.

Abgesehen von der längst bekannten Thatsache, daß das Volksschulwesen in unserem kleinen Lande in Ermanglung jeder gemeinsamen Basis ein trauriges Bild der Ungleichheit darstellt, haben die Rekrutenprüfungen zur Genüge bewiesen, daß die Ergebnisse der Volksschule diesem Bilde vollständig entsprechen. Wer es gerade bei solchen Prüfungen schon mit angesehen hat, wie die jungen Leute aus den im Schulwesen zurückstehenden Theilen des Landes kaum im Stande sind, sich auch nur über die elementarsten Schulkenntnisse auszuweisen, der ist überzeugt, daß es in der Schweiz noch Schulen zur Genüge gibt, die nicht im Stande sind, jene allgemeine Bildung zu vermitteln, die jedes Kind des Landes zur Vorbereitung auf das bürgerliche Leben nothwendig hat. Und das müssen wir uns gestehen in einer Zeit, in welcher durch die mannigfaltigsten Errungenschaften des geistigen Strebens auf allen Gebieten der menschlichen Thätigkeit sich ein Wettkampf entsponnen hat, der es dem Einzelnen immer schwerer macht, den Kampf ums Dasein zu bestehen; ein Wettkampf, der uns immer lauter zuruft: Sorget für die geistige Ausbildung eurer Kinder !

Wir müssen es uns gestehen, in diesen Tagen, während Tausende unserer Mitbürger den heimatlichen Boden verlassen, der ihnen die Bedingungen für eine genügende Eriftenz nicht mehr erfüllt, um den Kampf aufzunehmen unter Völkern, die uns in der Sorge für die allseitige Ausbildung ihrer Landeskinder bereits überflügelt haben.

Solche Wahrnehmungen sind betrübend für unsere kleine Republik, aber mehr als betrübend, tief beschämend wäre es, wenn unser republikanisches Volt sein eigenes Machtwort dazu benußen würde, eine Besserstellung des schweiz, Volksschulwesens von der Hand zu weisen.

III.
Welches ist die soziale Bedeutung des Art. 27 ?

Eine ungenügende Einrichtung der Volksschule fchädigt natürlich nur die Aermsten und Wenigbegüterten des Volkes. Würde sie die Neichbegüterten benachtheiligen, dann wären wir heute verschont von diesem leidenschaftlichen Kampfe, der gegen Hebung des Schulwesens geführt wird; aber diese haben die Mittel in der Hand. Auch die mangelhafteste Organisation einer staatlichen Volksschule hindert sie nicht, für die geistige Ausbildung ihrer Kinder zu sorgen, und sie zu befähigen, über das weniger gebildete Volk zu dominiren.

O, ihr so zahlreichen Verblendeten unter den Bedrängten des Volkes, die ihr heute mit euren eigenen Feinden gemeinsam protestirt gegen die Hebung der Volksschule! Wie reimt sich das zusammen mit enern so viel berechtigten Klagen? Ihr seufzet über eure soziale Stellung und steht jammernd an der großen Kluft, die sich immer mehr erweitert zwischen euch und den Begünstigten dieser Erde, zwischen den gedrückten Preisen eurer Arbeitskraft und der Macht des Kapitals. Mit kummervollem Herzen denkt ihr an eure lieben Kleinen, die ihr allein mit ihren physischen und geistigen Kräften dem Leben anvertrauen müsset, und bange fragt ihr euch: Wie werden sie mit diesen Kräften den Kampf des Lebens bestehen? Wie oft verliert ihr den Muth, und wie viele von euch kommen in trüben Stunden in Gefahr, sich jenen falschen Propheten in die Arme zu werfen, die euch vorspiegeln, daß ihr eine Rettung nirgends mehr finden könnet, als in rober Gewalt, die nur zum Verderben führt.

Könnte man doch allen diesen Klagenden zur Ueberzeugung bringen, in welch' hohem Maße in ihrem Interesse gehandelt wird, wenn der Staat darnach trachtet, die geistigen Güter allen Kindern des Landes möglichst zugänglich zu machen und dadurch die Konkurrenzfähigkeit ihres geistigen Kapitals so viel als möglich zu erhöhen!

Es ist bemühend zu sehen, wie es noch so viele engherzige Menschen gibt, welche solchen Bestrebungen feindlich entgegentreten können; aber nahezu unbegreiflich ist die Thatsache, daß gegen eine vermehrte Ausbildung der Jugend auch solche protestiren, welche sie in Folge ihrer Lebensstellung am nothwendigsten hätten, und welche unter dem Mangel einer bessern Bildung so schwer zu leiden haben.

Die Einflüsse einer höheren Ausbildung der geistigen Kräfte machen sidy auf allen Arbeitsgebieten in immer höherem Maße geltend. Der Landwirth sowohl als der Handwerker, sie sind längst genöthigt worden, ihren Geschäftsbetrieb nach alten Schablonen aufzugeben und die Errungenschaften der neueren Zeit im Sinne einer rationelleren Ausführung der Arbeit zur Anwendung zu bringen. So schritt die geistige Entwicklung auf den verschiedensten Gebieten menschlichen Schaffens über den zäheften Willen für das Festhalten am Althergebrachten zur Tagesordnung, und nöthigte den Konservativsten, den Forderungen einer gesteigerten Geistesarbeit nachzu= kommen, soweit diese den Broterwerb bedingen. Wem hier zu folgen nicht möglich ist, der wird eben von der Konkurrenz ausgeschlossen, und ihm bleibt nur der Jammer über eine klägliche Eristenz bei einer Arbeit, die vielleicht zu anderen Zeiten einen goldenen Boden gehabt. Und aus diesen, von einer zeitgemäßen Geistesbildung ausgeschlossenen Bürgern des Staates rekrutiren sich einerseits die mit einem kläglichen Minimum bezahlten Arbeitskräfte, die Sklaven des Rapitals, und anderseits ein arbeitsscheues Proletariat, unter bem die böse Saat der tollen Idee eines Umsturzes aller gesellschaftlichen Ordnung einen günstigen Boden findet. In solchen Kreisen häuft sich eine Summe von Erbitterung, aus welcher nur allzu leicht der Zündstoff sich bilden könnte für einen bebauerlichen Versuch zur gewaltsamen Lösung einer Frage, die unter geistig gehobeneren Menschen friedlich zu lösen wäre.

Oder haben wir etwa Unrecht, wenn wir behaupten, daß diejenigen Arbeiter, welche sich vermöge einer bessern Ausbildung zu einer ordentlichen Eristenz aufgeschwungen haben, fast durchwegs zu den friedlichsten Bürgern gehören? Ich glaube, es kann nicht bestritten werden, wenn wir behaupten, daß sie zum besten Kern des Volkes zählen.

Wenn es nun in einem Staate noch Gemeinwesen gibt, denen es, wie es ja mancherorts der Fall ist, entweder an gutem Willen oder an materiellen Hülfsmitteln fehlt, um für eine zeitgemäße, allgemeine Volksschulbildung zu sorgen, erfüllt dann der Staat nicht eine heilige Pflicht, wenn er dafür sorgt, daß die Schwachen und Saumseligen die Pflichten mit Rücksicht auf die Ausbildung ihrer Jugend besser erfüllen? Für uns ist das keine Frage; denn wir sagen: Erhöhte Voltsbildung erhöht die Erwerbsfähigkeit, diese verbessert die Eristenz, und in einer menschenwürdigen Eristenz liegt eine große Gewähr für den Fortbestand eines geordneten gesellschaftlichen Lebens. Im hungernden Magen und im freuden leeren Alltagsgetriebe erstickt jede ideale Auffassung des Lebens, und ohne diese ist ein glückliches Zusammenleben der Menschen nicht denkbar. Nicht umsonst ertönt heute von allen Seiten der Ruf an die Vertrauensmänner des Staates: Beschäftigt euch etwas ernster mit den materiellen Fragen des Volkes ! Da nun mit diesen Fragen diejenige der Volksbildung im engen Zusammenhange steht, so begrüßen wir den Anstoß zur Hebung des allgemeinen Volksschulwesens auch im Interesse einer Verbesserung der sozialen Zustände.

IV. Wie verhält sich die Volksbildung zu den Pflichten eines

Republikaners ? Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Volksbildung auch dazu berufen ist, ein besseres Verständnis für die Pflichten gegenüber dem Vaterlande zu vermitteln.

Diese Bedeutung der Volksschule fällt bei der Betrachtung unserer heutigen Frage ganz besonders schwer in die Wagschale. Die Bedingungen für die Existenz eines staatlichen Haushaltes im augemeinen und für den gedeihlichen Fortbestand einer Republit im besondern sind heute nicht mehr die gleichen, wie vor 100 Jahren.

Die großartige Entwicklung der Industrie und des Handels, die Verbesserung der Verkehrsmittel, und damit Hand in Hand das Fallen der engeren Schranken zwischen den verschiedenen Staaten und Nationen, diese und andere Umstände mehr haben im Innern eines jeden größeren Gemeinwesens ein vielgestaltiges Leben hevorgerufen, so daß die Physiognomie eines Staaatshaushaltes von heute eine wesentlich andere ist

, als diejenige früherer Zeiten. Infolge dessen gibt es eine Menge von Fragen zu regliren, an die man früher kaum dachte. Die Staatsmaschine ist komplizirter geworden, und ihre Leitung verlangt ein höheres Maß von Intelligenz.

Wo man aber diese schwieriger gewordene Leitung, wie in unserer Republik, in die Hand des Volkes gelegt hat, da geziemt es sich doch wohl für jeden aufrichtigen Freund des Vaterlandes, daß er ernstlich Umsdau halte, wie es mit dem Sachverständniß dieser vielköpfigen Leitung bestellt sei. Wem es nicht daran gelegen ist, daß dieses Verständniß der Schwierigkeit der Aufgabe entspreche, der beweist, daß ihm das Wohl des Vaterlandes nicht am Herzen liegt. Ich erlaube mir hier, zu wiederholen, was ich an einem andern Orte mit Rücksicht auf diesen Punkt gesagt habe :

In imner höherem Maße wird der Entscheid über das Wohl und Weh des gesammten Vaterlandes in die Hände des Volkes gelegt. Unsere, aus der Mitte der Bürger gewählten Kepräsentanten sind nichts mehr anderes, als die ersten Diener des Staates und haben aufgehört, die Regenten eines willenlosen Volkes zu sein. Die Resultate ihrer eingehendsten Berathungen werden von den Mitbürgern zur Einsicht verlangt und bekommen ihre Geltung erst durch deren Zustimmung. Kein Jahr vergeht, daß nicht Vorlagen von großer Tragweite zum Entscheide vor dieses Forum gebracht werden, und das ja oder Nein des legten Hirten auf der Alp hat für das Schicksal des Projektes die gleiche Bedeutung, wie dasjenige des Gelehrten; und der unerfahrene Jüngling legt das gleiche Gewicht in die Wagschale, wie der erfahrenste Mann. Das ist im Prinzip schön und gut, denn es ist der Ausdruck der Souveränität eines demokratischen Volkes. Aber es ist nicht gleichgültig, in welchem Verhältnisse die geistige Bildungsstufe eines mit folchen Rechten ausgerüsteten Volkes zur Ausübung dieser Redite stehe ; und nicht gleichgültig für das Wohl eines Staates, wie groß die Zahl derer sei, die in solchen entscheidenden Momenten ihr Sa oder Nein ohne die Spur eines selbständigen Urtheils über die Sache abgeben. Ich begreife nicht, wie ein Republikaner es über sidy bringt, den Bestrebungen derjenigen Männer in den Weg zu treten, die sich redlich bemühen, sämmtlichen Bürgern zu ermöglichen, sich in ihren Jugendjahren besser vorzubereiten für die Aus: übung ihrer schönsten und ehrenvolften Pflichten, die sie dem Vaterlande gegenüber auszuüben haben.

Oder glaubt Jemand im Ernste daran, daß es in dieser Beziehung in unserer Republik befriedigend aussehe? Dürfte es wohl ernstlich bestritten werden, wenn man behaupten wollte, daß bei einer eidgenössischen Volks: abstimmung Tausende von Karten nichts anderes repräsentiren, als die Stimmen einer Anzahl ignoranter Heßkapläne, die sich zur Aufgabe gemacht haben, die besten Männer unseres Landes zu besudeln, dem Wohle des Volkes dienende Bestrebungen zu verhöhnen, und, so gut sie es verstehen, die staatsfeindlichen Lehren der Jesuiten zu verbreiten, die (leider nur auf dem Papiere) aus unserem Schweizerlande verwiesen sind. Das ist nicht nur eine Schattenseite der Volkssouveränität, sondern geradezu eine Gefahr für die Republik. Hebung der Volksbildung wird diese Gefahr vermindern.

Im Weitern möchten wir hier betonen, daß die wahre Bildung auch die Sittlichkeit eines Volkes erhöht. Wenn wir das behaupten, fo denken wir nicht an jene traurige Bildung, die es nur auf das Einpfropfen eines trockenen Wissenskrames abgesehen hat, sondern wir denken an eine Volksbildung, die auch das Gemüthsleben des Menschen pflegt. Daß eine solche Bildung die Sittlichkeit fördert, das zu beweisen, haben wir nicht nothwendig, große psychologische Studien zu machen; ja es ist nicht einmal nöthig, die Geschichte aufzuschlagen, welche uns auf jedem Blatte verkündet, daß die Sittlichkeit eines Volkes mit der wahren Bildung Hand in Hand geht. Wir brauchen nur in unserer Gegenwart Umschau zu halten, so tritt uns diese Wahrheit von allen Seiten entgegen.

Wir sagen also, eine erhöhte allgemeine Schulbildung ist zu begrüßen, und zwar nicht allein mit Rücksicht auf die Steigerung der Erwerbsfähigkeit, sondern auch im Interesse der idealen Seite des Volkslebens.

V. Was fordert der Schulartikel von den religiösen Konfeffionen?

Die ideale Bedeutung einer richtigen Volksschule werden wir noch weiter zu betrachten haben, indein wir nun zur Besprechung der religiösen Seite unserer Frage übergehen.

Der Standpunkt, den unsere Bundesverfassung nach dieser Nichtung einnimmt, ist ausgesprochen in den zwei weiteren Forderungen: Der Primarunterricht soll ausschließlich unter staatlicher Leitung stehen, und die öffentlichen Schulen sollen von den Angehörigen aller Bekenntnisse ohne Beeinträchtigung ihrer Glaubens- und Gewissensfreiheit besucht werden können.

Nach der Ansicht der Konferenz schweizerischer Schulmänner müßten zur Verwirklichung dieser Forderungen etwa folgende Grundsäße aufgestellt werden:

Als öffentliche Schulen sind anzusehen Schulen, welche aus öffentlichen Mitteln vom Staat oder von staatlich anerkannten Korporationen ganz oder theilweise unterhalten werden.

Der Besuch einer öffentlichen Schule darf nicht von der Zugehörigkeit zu einer kirchlichen Genossenschaft abhängig gemacht werden und ebensowenig die Leitung derselben.

Kirchliche Genosseuschaften dürfen an der Leitung öffentlicher Schulen keinen Antheil haben.

Weder die Leitung, noch die Mitleitung einer öffentlichen Schule steht einem kirchlichen Amt als solchem oder dessen Träger von Amtswegen zu.

Die Einrichtung einer öffentlichen Schule darf nicht von einer kirch= lichen Behörde, einer konfessionellen Anstalt oder Genossenschaft abhängig sein.

Das Lehrpersonal hat sich über Befähigung zum Schuldienst vor einer ausschließlich staatlichen Behörde nach allgemein geseglichen Normen auszuweisen.

Lehrer und Lehrerinnen, welche in dem, was zum Schuldienst gehört, neben der staatlichen, noch einer andern, nicht staatlichen Leitung unterstehen oder in Folge eingegangener Verpflichtungen kirchlichen Charakters unter: stellt werden können, dürfen nicht verwendet werden.

Diese letzteren Vorschriften gelten auch für Privatschulen. Diese können nur mit staatlicher Bewilligung gehalten werden und sind der Aufsicht der

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