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Staatsbehörden unterworfen in Betreff derjenigen Vorschriften, welche das Bundesgeseß über den genügenden und obligatorischen Primarunterricht aufstellt.

Die Lehrmittel dürfen nichts enthalten, was den Frieden unter den Angehörigen der verschiedenen Religionsgenossenschaften zu stören geeignet ist, und sind in Bezug hierauf der staatlichen Genehmigung zu unterwerfen.

Der Religionsunterricht, wo solcher in der Primarschule ertheilt wird, darf nicht dogmatischer Natur sein, und der Besuch desselben ist nach Art. 49 der Bundesverfassung selbstverständlich freigestellt.

Auch im übrigen Unterricht darf nie etwas gelehrt werden, was die religiösen Anschauungen einer Konfession verlegen könnte. Ueberhaupt soli in der Schule keinerlei Einwirkung im Sinne einer bestimmten Konfession ausgeübt werden.

VI. Warum sind diese Forderungen berechtigt! Wie kam man dazu, solche Forderungen überhaupt zu stellen? Gibt es in unserem staatlichen Leben in und außer der Schule Erscheinungen, die solche Vorschriften wünschbar machen ?

Es ist uns allen bekannt, wie in den stürmischen Tagen der Neformationszeit die Anhänger der protestantischen und diejenigen der katholischen Konfession unter dem Einfluß einer leidenschaftlichen Befehdung da und dort auch örtlich geschieden wurden, wie das in Appenzell im Jahr 1597 geschah. In manchen Landesgegenden fand die neue Lehre nur in einzelnen, abgegrenzten Ortschaften Aufnahme, während man in andern beim Alten blieb, je nachdem die in den betreffenden Gemeinden tonangebenden Persönlichkeiten zu dieser Bewegung diese oder jene Stellung einnahmen. Solche Trennungen sind uns ein sprechendes Beispiel von einer leidenschaftlichen Erregung, wie sie eben in Zeiten wach gerufen wird, in denen jede ruhige Ueberlegung außer Kurs gesegt ist. Später hat es sich dann aber gezeigt, daß das Voll aus all’ den theologischen Stürmen immer noch einen gewissen Grad von Harmlosigkeit gerettet, und infolge dessen auch die Fähigkeit beibehalten hat, Andersdenkende als Nebenmenschen zu betrachten und mit ihnen in Frieden zu verkehren. Das einigende Band der mannigfaltigen Beziehungen, in denen die Bewohner eines Landes auf einander angewiesen sind, erwies sich in den Zeiten des Friedens wieder stärker, als die trennende Macht der konfessionellen Verschiedenheiten. Je mehr die industrielle Thätigkeit in unserem Vaterlande sich ausdehnte und die Verkehrsmittel besser wurden, desto mannigfaltiger gestalteten sich die gegenseitigen Beziehungen zwischen den verschiedenen Gauen des Landes, und desto weniger war es dem Einzelnen möglich, in einer isolirten Stellung zu verharren. So ist es denn in unserem Zeitalter der Eisenbahnen und Telegraphen dahin gekommen, dass sich die konfessionell getrennten Elemente wenigstens örtlich wieder etwas mehr zusaminengefunden haben. Von all' den bedeutendern Ortschaften, welche vor Zeiten ausschließlich von den Anhängern der einen oder andern Konfession bewohnt waren, gibt es heute wohl kaum mehr eine einzige, in welcher das gegentheilige Glaubensbekenntniß nicht durch eine mehr oder minder starke Minorität vertreten wäre. Ebenso finden wir heute in unserem Pande zahlreiche Bekenner der israelitischen Religion.

Stellen wir nun neben diese Thatsache die obligatorische Volksschule als ein Institut des Staates, dem die Eltern verschiedener religiöser Bekenntnisse ihre Kinder anvertrauen müssen. Ist es denn nicht für jeden Unbefangenen einleuchtend, daß die angeführte Chatsache für sich allein don genügen könnte, um das Verlangen zu begründen, daß aus einer solchen Volksschule die Förderung aller und jeder spezifisch konfessionellen Bestrebungen unbedingt auszuschließen sei. Wir glauben, wem es ernstlich darum zi1 thun ist, ein friedliches Zusammenleben verschieden denkender Bürger zu ermöglichen, der muß einem solchen Verlangen rückhaltlos beistimmen.

Nun ist aber die Verschiedenheit der religiösen Bekenntnisse unter den Bewohnern des Landes nicht einmal der zwingendste Grund für die Aufstellung solcher Bestimmungen. Wenn wir vorhin gesagt haben, es seien die Angehörigen der verschiedenen religiösen Anschauungen örtlich einander wieder näher gerückt, so müssen wir leider mit Rücksicht auf ihre gegenseitige Duldung und Anerkennung das Gegentheil bezeugen, der Unterschied zwischen Protestantismus und Ratholizismus stellt sich uus heute schroffer entgegen, als je zuvor. Seit der Unfehlbarkeitserklärung des Papstes hat sich die Kluft erweitert.

Die Grundfäße, auf welche das ganze moderne Staatsleben aufgebaut ist, werden von der römisch-katholischen Kirche verflucht; ja verflucht ist schon Derjenige, welcher nur daran zweifelt, daß die Bekämpfung dieser Grundfäße nicht ein Gott wohlgefälliges Werk sei. Die Verkeßerung und die Verfolgung Andersdenkender zählt nach dieser Lehre zu den verdienstlichsten Werfen; die Bekämpfung des Protestantismus mit allen zu Gebote stehenden Mitteln bildet in der römischen Kirche die Hauptthätigkeit Derer, die sich die Stellvertreter Christi auf Erden nennen. Und diese Leute seßen in diesen Tagen ihre leßte Kraft daran, dem Staate die öffentliche Erziehung der Jugend wieder zu entreißen, und sich derselben vollständig zu bemächtigen, wo das nicht schon bereits geschehen; denn sie wissen: Wer die Jugend hat, dem gehört die Zukunft. Darin liegt das Signalement des ganzen Kampfes, den wir mit diesen Feinden der staatlichen Volksschule zu kämpfen haben.

Und diese Bestrebungen der jesuitischen Kirche mit ihren alles verdammenden Lehrfäßen verschaffen sich ihre Geltung nicht nur in den Priesterschulen, sondern treten da und dort in deutlichen Spuren auch in den Lehrmitteln der Volksschule auf.

Nehmen wir z. B. den Katechismus der katholischen Religion für das Bisthum St. Gallen, der sicher zu den tolerantesten Lehrmitteln dieser Art gehört, und den ich darum durchaus im Allgemeinen nicht als eftrem verurtheilen möchte, so finden wir eben doch in demselben die Tendenz, in den Kinderherzen eine Mißachtung gegen Andersdenkende zu pflanzen, was sich wohl aus wenigen Antworten ergibt, die ich hier anführe. Sie lauten :

„Die Eine Kirche, welche Jesus Christus gestiftet hat, erkennt man daran, daß sie ist einig, heilig, katholisch und apostolisch.

Diese vier Kennzeichen hat nur die römisch-katholische Kirche. Daraus folgt, daß die römisch-katholische Kirche allein die wahre Kirche Jesu Christi ist.

Man nennt sie die allein seligmachende Kirche, weil nur sie die reine und ganze Lehre Jesu, alle seine Gnadenmittel und somit den rechten Weg zum Heile besißt. Die katholische Kirche hat allein die Sendung und Gewalt von Christus zum Heile der Menschen.

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Was nüßt es nun, wenn allerdings im gleichen Lehrmittel gesagt wird: Liebe auch die Andersgläubigen und bete für sie. Das Rind lernt sie ja in den angeführten Säßen als Verirrte erkennen, die auf dem Wege zur Hölle wandern. Welche Liebe übrigens gegen Andersdenkende gepflanzt wird, das lehrt uns die Erfahrung. Wer gewürztere Rost aus ultramontanen Schulbüchern kennen lernen will, der kann sie in den „Schulblättern für die freisinnigen Schweizer“ kennen lernen.

Jene Säße beweisen uns, daß man sich in ultramontanen Schulen der Schweiz nicht schämt, unsere ehrwürdigsten Männer und unsere tiefsten Ueberzeugungen auf die schändlichste Weise zu besudeln. Solche Leute haben das Wort unseres Religionsstifters wenig beherzigt: Wer eines von diesen Kleinen ärgert, dem wäre besser, daß ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er ersäuft würde, wo das Meer am tiefsten ist.

Denke man sich nun einen solchen Jugendunterricht und dazu noch einen Lehrer mit einem Minimum von Bildung. Welche Gewähr bietet uns dann eine solche Schule, daß die Geringschäßung Andersgläubiger nicht in der schroffsten Weise zum Ausdruck komme. Welche bedenkliche Situation ergibt sich daraus für eine kleine Minorität von Protestanten an Orten, wo solche religiöse Anschauungen den ganzen Unterricht durchziehen.

Nun kann man ja von diesem Punkte kauin sprechen, ohne auch die weiteren Spaltungen zu berühren, die sich im katholischeu wie im protestantischen Lager, einerseits zwischen römischen Ratholiken und Altkatholiken und anderseits zwischen orthodoren und freisinnigen Protestanten vollzogen haben, und die, gestehen wir es nur, bei all dem vielen Gemeinsamen doch auch auf fundamentalen Gegensäßen beruhen. Kann denn die Staatsschule dieses Trennende der Religionslehre auch als Bestandtheil ihres Unterrichtes sanktioniren? Doch gewiß nicht. Wenn man nun sagen wollte, diese Bedenken fallen dahin, weil ja durch den Art. 49 der Bundesverfassung jeder Besuch eines Religionsunterrichtes freigestellt sei, so wäre das die reinste Fuusion.

Gerade die bestgesinnten Eltern wünsden ja, ihr Kind dem Lehrer in der Schule ganz anvertrauen zu dürfen, und wollen es ohne Noth nicht von einem Fache dispensiren, schon um den Lehrer nicht zu kränken oder das Kind am Ende gar zum Fingerzeig der Mitschüler zu machen. Aber geseßt der Fall, sie wollten hierauf keine Rücksicht nehmen, so vergegenwärtigen wir uns doch ein Kind, das in einer abgelegenen Gegend einen weiten Schulweg zu machen hat. Wo soll es sich denn im Winter während der Stunde des Religionsunterrichtes aufhalten, im Falle es dispensirt ist? Nehmen wir aber an, es sei auch hiefür gesorgt, so ist das Rind durch die Dispensation noch lange nicht geschüßt; denn wenn der Lehrer ein Zelot ist, so bringt er seine Waare auch in den übrigen Unterrichtsfächern auf den Markt, namentlich im Sprach- und Geschichtsunterricht. Eben darum wil man auch verlangen, daß jedes Lehrmittel, sowie auch eine Lehrweise, welche einem solchen Unterricht Vorschub leisten würden, in Zukunft untersagt seien.

VI. Welde Stellung wolleu denn aber die freisinnigen Shulmänner der Schweiz und mit ihnen das freisinuige Schweizervolk zum Religionsunterricht in der Volkssäule

einnehmen? Sie wollen in erster Linie selbstverständlich, daß es den Kantonen frei gestellt sei, in ihren Schulen Religionsunterricht ertheilen zu lassen oder nicht. Wenn es aber geschehen soll, dann darf es nur ein Religionsunterricht sein, den Jedermann als solchen anerkennen kann. Es soll aus den Stätten der Jugendbildung verbannt sein, was in den Herzen der unschuldigen Kinder nur Haß und Zwietracyt erzeugt. Es soll gelehrt werden die Religion, die in den schönen Worten zum Ausdruck kommt: „Du sollst Gott deinen Herrn lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüthe und deinen Nächsten, wie dich selbst. Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, thut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen, auf daß ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel

. Denn er läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und regnen über Gerechte und Ungerechte." --- Legen wir den Kindern doch vor Allem ans Herz die heiligen Pflichten gegenüber ihren Eltern und Geschwistern, gegenüber den Mitmenschen und sich selbst. Weisen wir sie hin auf die herrlichen Wunder der Natur und erwecken wir in ihnen Freude an allein Guten und Schönen. Leiten wir sie dazu an, die Ueberzeugung Anderer zu achten und zuerst den Balken aus dem eigenen Auge zu reißen, bevor sie den Splitter aus dem Auge des Nächsten ziehen. Bewahren wir sie vor dem gotteslästerlichen Hochmuthe, im Unheil Anderer immer eine wohlverdiente Strafe und im eigenen Glück einen wohlverdienten Lohn des Himmels zu erkennen. Lehren wir die Jugend vor allem alle Heuchelei und alles nichtssagende Lippenwerk verabscheuen und führen wir sie zur Erkenntniß, daß der Mensch nur durch eine ernste sittliche Arbeit dazu gelangen kann, ein guter Mensch zu sein. Verschonen wir die lieben Kleinen vor allem unverständlichen Kram der Dogmatik und halten wir ihre jugendlichen und unverdorbenen Herzen offen, auf daß die freundlichen Lichtstrahlen ihres Lebensfrühlings ungehindert hineinscheinen und Früchte für das Leben zeitigen, die nicht die Finsterniß, sondern nur das Licht erzeugen kann.

Das ist weder römisch-katholisch, noch protestantisch, noch israelitisch, das ist die Religion des Menschenherzens ohne theologisches System. O, es gäbe so Vieles, was den jungen Menschen zum Frieden und zur Eintracht erziehen könnte, zum Segen des Einzelnen, der Familie und des Staates.

Die schweizerische Volksschule zur Mitwirkung an dieser schönen Aufgabe besser zu befähigen, das ist die Absicht der Bestrebungen, die heute zur Hebung dieser Volksschule zur Geltung gebracht werden möchten. Aber unsere Gegner wollen das nicht.

VIII.

Wer sind unsere Gegner ? Die Hauptmacht bilden sie Ultramontanen, die Jünger des Ignaz Loyola. In diesem Heer gilt für die Fußtruppen das Losungswort: Denken ist eine Sünde; denn sie haben das Recht, oder sagen wir besser die Pflicht, von ihrer eigenen Denkfraft Gebrauch zu machen, an den unfehlbaren Papst abgetreten. Er proklamirt durch die Organe seiner Priester, was geglaubt werden müsse, und will sich Einer unterfangen, zuerst zu untersuchen, ob es wahr oder auch nur glaubwürdig sei, so wird er durch die Zuchtmittel der Kirche daran erinnert, daß es ein Sakrilegium wäre, da noch zu denken, wo der h. Vater gesprochen. Das ist eben der neue Pfeiler, welchen Rom seiner Kirche gegeben, um sie zu schüßen gegen die immer stärker andringenden Stürme einer modernen Weltanschauung. Festes Verharren auf den von der Kirche aufgestellten Sagungen und unablässiger Kampf gegen alles, was diesen mittelalterlichen Saßungen widerspricht, das ist der Tagesbefehl für diese Truppen, ein Tagesbefehl, den man nur willenlosen Sklaven geben kann. Freunde, wie können wir nun von unsern, in solchen Anschauungen erzogenen Mitbürgern erwarten, daß sie uns beistimmen, wenn wir heute kommen und sagen: Wir wollen für unsere Kinder eine Volksschule schaffen, die geeignet ist, so weit es wenigstens die Verhältnisse gestatten, allen zu einer bessern Ausbildung ihrer Kräfte zi1 verhelfen und ihnen die Erfüllung der persönlichen, familiären und sozialen Pflichten zu erleichtern. Wir wollen diese Schule voll und ganz dem neutralen Staat unterstellen, der es übernimmt, für alle seine Kinder unparteiisch zu sorgen und sie heranzubilden in der Liebe zum Vaterland zu einem einigen Volk von Brüdern. Wir wollen von dieser staatlichen Volksschule fernhalten alle Bestrebungen konfessioneller Sonderinteressen, um den Frieden unter den Mitbürgern zu schüßen.

Sind das nicht Wünsche, welche den Zielen der römischen Kirche diametral entgegenstehen? Ja, verehrte Freunde, auf dem Boden einer solchen Jugenderziehung könnten die Grundfäße der jeßigen ultramontanen Kirche nicht bestehen. Darum wollen sie diesen Boden nicht. Für uns bleibt heute nichts übrig, als dieses Faktum von ganzem Herzen zu bedauern.

Die zweite Abtheilung unserer Gegner bilden streng orthodore Protestanten. Warum diese? Wenn es einerseits eine bekannte Chatsache ist, daß unter den Führern dieser Gruppe die Geldaristokratie eine starke Vertretung hat, von der man längst weiß, daß ihr die Aufklärung des allgemeinen Volkes, dieses billigen Arbeitermaterials, nicht sehr am Herzen liegt, und daß das Almosengeben ihren Juteressen besser entspricht, als die Selbständigkeit eines geistig gehobenen Volkes, - so muß ich doch gestehen, daß ich diese Männer an der Seite der römischen Armee nicht recht be greife. Als Protestanten müssen sie doch wissen, daß die römische Macht, einmal zur Adeinherrschaft gelangt, ihre Keulenschläge auch gegen sie richten würde. Ich kann darum an die Haltbarkeit dieser Vereinigung nicht glauben und Habe einige Hoffnung, daß in der Stunde der Entscheidung das protestantische Gewissen den Einen und Andern aus der Gruppe II von dieser zweifelhaften Allianz zurückhalten werde.

Wir erblicken im Heer eine dritte Abtheilung mit einer Fahne ohne hervortretende Farbe und ohne Wappenthier, zuin großen Theil' liebenswürdige Männer, die mit ihren Anschauungen doch eigentlich mehr auf unserer Seite stehen, sich aber doch gar zu sehr ängstigen, wenn man es wagen will, wieder einen Schritt vorwärts zu rücken. Es sind das die Auch- Liberalen. Mit Nücksicht auf ihr eigenes Verständniß für die Sache hätten wir eigentlich Grund, diesen am meisten zu zürnen. Indessen wollen

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