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Fünfter Jahrgang.

No 46. Samstag, 18. Novbr. 1882.

Sdweizerisches Proteftautenblatt

Her a usgeber:
Pfr. 4. Altherr und E. Linder in Basel, Pfr. Bion in Zürich.

Wir sollen nur nicht in Sinn nehmen, daß der heilige Geist gebunden sei an Jerusalem, Rom, Wittenberg oder Basel, an deine oder eine andere Person. In Christo allein ist die Fülle der Gnade und Wahrheit.

Decolampad an Suther.

Erscheint jeden Samstag. Man abonnirt auf jedem Postamt der Schweiz und des Auslandes. Preis halbjährlich franko zugesandt 2 Fr. Wer das Blatt in Basel gratis erhalten will, kann dasselbe in der Buchdruckerei J. Frehner, Steinenvorst. 12, abholen.

Um Grabe einer Ermordeten.

In der Nacht vom 1./2. November wurde, während ihr Mann zur Synode in Zürich weilte, Frau Pfarrer Emma Jäggli, geb. Appenzeller, in ihrem Pfarrhaus Glattfelden, Kanton Zürich, ermordet. Sie war aus St. Gallen gebürtig, 35 Jahre alt, seit 5 Jahren glücklich verheirathet, Mutter dreier kleiner Kinder, innig geliebt von Mutter, Geschwistern und Gatte, von der ganzen Gemeinde geachtet und verehrt, eine Pfarrfrau, wie sie sein soll. In der genannten Novembernacht kam die Pfarrersmagd Auguste Lehmann zum Gemeindspräsidenten und zeigte den Mord an, sie Habe sich mit dem kleinen Kinde mit einem Sprung durdy's Fenster gerettet. Die schnell in's Pfarrhaus geeilten Männer fanden das Geldpult erbrochen und die arme Frau erwürgt und mit den Spuren sonstiger Mißhandlung neben ihrem Bette am Boden. Das Entsezen in Gemeinde und Kanton, der namenlose Schmerz der betroffenen Familie, besonders des Gatten, dem man die mißhandelte Leiche nicht zu zeigen wagte, läßt sich denken. Sonntag den 5. November fand unter ungeheurer Theilnahme von Nah und Fern die Beerdigung der Ermordeten statt, wobei Herr Pfarrer Wild in Eglisau im Anschluß an Nöm. 5, 1 eine seither gedruckte Leichenrede hielt. Nach einer Schilderung des durch die Frevelthat gestörten Familienglücks fährt der Prediger folgendermaßen fort :

„Wie ein dumpfer Bann liegt es noch auf der Gemeinde ! O, daß er nur nicht aus ihrem Gebiete stamme, der das Schreckliche gethan, daß nicht diese Schmadh haften bleibe auf der Kirchgemeinde ! So seufzte manch' beklommenes Herz in diesen Tagen.

Noch ist der Schleier nicht gelüftet über die Einzelheiten des Verbrechens; doch ob es so oder anders sich ereignet habe, ob Manches noch aufgehellt werde,

es bleibt uns immer grauenvoll und unbegreiflich, wie ein Mensch foldeine unmenschliche That begehen konnte. Wir können es nicht verstehen, wie ein Kuchloser ein so schönes Glück zertrümmern, einem Gatten sein Theuerstes, seine Gattin, den armen Kindlein ihr Bestes, ihre Mutter, rauben und ein schwaches Weib in der Blüthe seiner Jahre auf so abscheuliche Weise in den Tod bringen konnte. Wir bitten Gott, daß er's dem menschlichen Richter gelingen lasse, den Verbrecher zu entlarven*), damit die That gesühnt und jeder falsche Verdacht entfernt werde, damit das gebrochene Recht wieder zu seinem Ansehen gelange und Friede wieder einkehre in die aufgebrachten Gemüther. Auch der Verbrecher selbst wird dann erst seinen Frieden wiederfinden, wenn er seine Strafe abgebüßt; denn er kann niemals der göttlichen Strafgerechtigkeit entgehen, die furchtbarsten Qualen des Gewissens müssen ihn je und je wieder peinigen. „Der Wind im Hain, das Laub am Baum faust ihm Entsegen zu.“ Sollte der Arm menschlicher Gerechtigkeit zu kurz sein, so überlassen wir die Rache dem, der in's Verborgene sieht, und fleben ihn an um Trost und Licht, um Muth und fraft für die schwer betroffenen Hinterlassenen, daß sie das Schreckliche ertragen lernen.

Zu ihm erhebe sich das arme Herz, wenn eine in's Innerste dringende Wunde ihm den Frieden raubt. Thräne und Seufzer sind ein Geschenk der Gottheit, sie Helfen den Schmerz lösen. Gerne lassen wir sonst auf unsere Herzenswunden als milden Balsam niederträufeln das Trosteswort: Was Gott thut, das ist wohlgethan, es bleibt gerecht sein Wille, wie er fängt meine Sachen an, will ich ihm halten stille !“ Aber wie schwer wird es in unserm Falle, dieses Wort anzunehmen. Gott hat doch nicht das Gottlose gethan ? Und wie hat er es auch nur zulassen können. Warum ist er nicht dem Mörder in den Arm gefallen und hat dieses grauenvolle Verbrechen gehindert ? Fragen und Zweifel thürmen sich auf, unser Glaube will wankend werden und fein Trostwort findet mehr Gehör.

Und doch müssen wir auch nach solch einem Erlebniß unsern Frieden mit dem Himmel wiederfinden und dürfen unser Gottvertrauen nicht durch Zweifel zerseßen lassen. Der durchgekämpfte Zweifel ist das Salz des Glaubens und die Feuerprobe des Seelenfriedens. Der Zweifel aber, der uns besiegt, führt zur Verzweiflung und zur Skepsis (Zweifelsucht), der nichts mehr feststeht und die allmälig nicht nur unsere Heiligsten Ueberzeugungen und unsern Seelenfrieden, sondern auch die Bande der Zucht, der Sitte und des Rechtes löst, wenn sie zur Religion der Menge geworden ist. Viele Ursachen befördern in unserer Zeit diese Zerseßung der fittlichen Fundamente und fast möchte es scheinen, als ob die schlimmen Früchte bereits zur Reife gedeihen wollten. Mord häuft sich auf Mord in unsern Tagen, Verbrechen reiht sich an Verbrechen. Das Gefühl der Unsicherheit nimmt mitten in unserem zivilisirten Lande überhand. Nicht mit Unrecht verweist man auf die herrschende Noth, denn auch das Sprichwort sagt: „Noth kennt kein Gebot.“ Darum wollen wir hingehen, lindern die Noth, wo immer wir sie antreffen, speisen die Hungernden, kleiden die Entblößten. Aber wo ist derjenige, der diese Quelle der Uebelthaten völlig verstopft, der den Nothstand gänzlich hinwegnimmt? Müssen wir nicht diesem seine Spitze noch auf andere Weise abbrechen, um Ruhe und Frieden zu sichern ?

*) Anmerkung. Nach neuesten Berichten ist die Magd selbst des Mordes überführt und hat sie denselben eingestanden.

Nicht jede Krankheit läßt sich vermeiden oder durch Arzneien heilen, aber der menschliche Leib überwindet manche Störung, wenn ihm die Kraft erhalten oder wieder eingeflößt wird. So wird auch die Noth von einem Volke, Geschlecht oder Zeitalter durchgekämpft und überwunden, wenn seine sittliche Kraft mächtig genug ist, die leiden des Mangels zu tragen, lieber zu hungern, als einen Finger breit von Gotteswegen abzuweichen. Sagt nicht auch der Gottesstreiter Paulus : Ich kann Ueberfluß haben, ich kann auch Mangel und Hunger leiden. Muß nicht jeder Krieger im Felde diese sittliche Kraft besigen, wenn er treu bei der Fahne bleiben will ? Ohne sie wird die größte Armee sich in kurzer Zeit auflösen, mit ihr aber die größten Strapazen und Gefahren ertragen. Darum bleibt das beste Schußmittel gegen den Bruch der Nechtsordnung und gegen die Auflösung der Gesellschaft die Stärkung der Widerstandskraft, der Selbstbeherrschung, der Geduld und des Leidensmuthes. Es gibt zwei Wege, die dazu führen. Die Strafgeseße der Kriegsheere sind mit Blut geschrieben, aber sie werden dennoch übertreten. Auch mit den schärfsten Strafen ist es schwer, eine Söldnerschaar in Zucht zu halten. Aber ein Heer, das von Heiliger Begeisterung für seinen Gott, seine Freiheit und sein Vaterland erfüllt ist, fügt sich willig der Zucht und wenige Vergehen kommen in seiner Mitte vor. Hingabe also für solche edleren Güter der Geisteswelt schafft Ehrfurcht vor Sitte und Recht, und solche Hingabe blüht und reift nur aus der ungebrochenen Ueberzeugung, daß es besser sei, Alles, Hab und Gut, ja selbst das Leben zu verlieren, um die Wahrheit und Tugend sich zu erhalten. Mit einem Worte: Die begeisterte Hingabe stainmt aus dem ächten, lebendigen Glauben an das Göttliche und Ewige ! In allen Zweifeln und Anfechtungen dürfen wir diesen Glauben, dieses Vertrauen, diese Freudigkeit in Gott nicht ver

lieren, sonst würden wir auch Schaden nehmen an unserer Seele, an der sittlichen Kraft, welche der Versuchung widersteht. Darum sagen wir nochmals : Wir müssen Frieden machen mit Gott und wir finden ihn nur aus dem Glauben, der durch die Liebe thätig ist. „Drum edle Seele entreiß' dich dem Wahn und den himmlischen Glauben bewahre.“

Oder können wir es nicht ? Soll der Zweifel siegen und uns Gottvertrauen und Frieden rauben? Ja, wenn wir Gott suchen weit hinter den Wolken nur, oder ihn herabziehen in's sündige Treiben der Menschen, so bleibt uns Alles räthselhaft. Aber er ist ja in uns als das Gute, das Vollkommene in dem Unvollkommenen, er ist Recht und Geseß, Richter und Kächer.. Dem Menschen läßt er die Wahl zwischen Tugend nnd Laster, zwischen Gottesnähe und Gottesferne, zwischen Himmel und Hölle in seiner Brust. Wehe dem Menschen, durch welchen Aergernisse kommen, aber sie werden immer fomnien, Kummer, Leiden und Tob, - wie von den blinden Mächten der Natur, so auch von der frevelnden Hand verblendeter Menschen. Sie müssen uns treffen können, denn wer nicht Schmerz empfindet, fühlt auch keine Freude und welches Geschöpf nicht Böses thun kann, vermag auch nichts Gutes zu wirken. So hat Gott den Mensdyen frei geschaffen, daß der Eine heranwächst zu einem Engel des lichts und der Andere zu einer Schreckgestalt aus der Hölle. Der Eine erlöset seine Brüder, der Andere bringt sie um, der Eine mit Gott, der Andere wider Gott, aber keiner macht seine Rechte und Gerichte zu Schanden, feiner bereitet eine Grube, ohne selbst hineinzufallen. Dürfen wir mit Gott hadern und sprechen : Warum thust du also ? hadern, mit Gott, daß er die Welt nicht besser geschaffen, da wir doch keine Bessere einzurichten rermöchten, da wir Sünde und Schmerz nicht zu verbannen wüßten, ohne unsere Freiheit aufzugeben und zu Geschöpfen herabzusinken, die nicht wissen, was gut und böse, was Luft und Schmerz, was Tag und Nacht sei, die ihr Dasein in dumpfem Traumleben dahin brüten müßten. Können wir hadern, daß Gott zum Lichte den Schatten schuf, da wir doch ohne Schatten auch von einem Lichte nichts wüßten ? Können wir nicht zu der geistigen Höhe des Dulders im alten Testamente uns aufschwingen: „So wir das Gute von Gott empfangen haben, sollen wir denn nicht auch das Böse annehmen?“ Vergessen wir Christen Den, der dem Kreuzestode nahe, sich in heißem Gebete Frieden mit Gott errungen, obwohl er von den Menschen das größte Unrecht erlitt? Auf dieser Höhe des Glaubens und der Ergebung verstummt die Klage und der Zweifel, wir können Frieden machen mit Gott, wenn wir wollen!

Osprechet : Wir wollen es, wir geloben es! Wir wollen Alles hin

wegthun, was uns von Gott trennt. Ein ernstes Wort tönt herüber aus dem alten Testament: ,,Euere Missethaten scheiden euch von euerem Gott!“ Wie deutlich vernehmen wir heute an diesem frisch aufgeworfenen Grabhügel einer Ermordeten das Edjo dieses Strafwortes. Wie furchtbar Predigt uns derselbe von menschlicher Verworfenheit und von dem Abgrund jenes Lasters, das kein Erbarmen, keine menschliche Rührung mehr kennt, das keine Schranke, keine Grenze der Ruchlosigkeit mehr hat. Da spricht wohl Mancher leise zu sic): Ich danke dir Gott, daß ich kein solcher Verbrecher bin.

Aber laßt uns hinblicken auf die Sünden, die gleichsam die Vorstufen für das Verbrechen sind, bei Menschen, für die wir Verantwortlichkeit haben, binblicken auf die eigenen Gedanken. Ein Jeder, der Zorn und Haß gegen seinen Bruder hegt, wird ja des göttlichen Gerichtes sduldig. O, daß wir eingedenk werden, wie oft so wenig zur Thatsünde fehlt. Wie viele Menschen sind erfüllt von jener Gewinnsucht, deren Auswuchs das gegenwärtige Verbrechen ist. Ja der Geiz ist die Wurzel unzähliger Utebelthaten und seine Sklaven sinken von Stufe zu Stufe unter die Menschlichkeit hinab. Beuget Euch vor dem heiligen Gotte in ernster Buße, daß er die Schuld tilge und Frieden mache mit unserm sündigen Geschlechte. Ja, thut ein ernstes Gelübde: wir wollen nicht mehr so gleichgültig sein gegen das Heilige, so träge in der Selbstüberwindung, so begierig nach mühelosem Erwerb und leichtem Genuß! Wir wollen es unsern Kindern einprägen, wir wollen unsere Freunde und Bekannten mit Bitten und Fleben dazu anhalten, ein froinmes und gewissenhaftes Leben zu führen in Gottseligkeit und Genügsamkeit! Solch eine sittliche Wiedergeburt in Glauben und Leben würde unser Volt retten vor den Versuchungen und Gefahren unserer Zeit.

Ja, daß doch von diesem Tage voll Todesleid eine solche Erneuerung der Herzen ausginge, daß der Schrecken nicht aus uns wiche, bis wir geläutert, gebessert und geheiligt wären, daß ein neuer Geist anfinge zu wehen durch diese Gemeinde und weit hinaus durch's Land: Der Geist der Straft, der Liebe und der Selbstbeherrschung! Dann käme uns der wahre, volle Frieden mit Gott.“

Großartige Wohlthätigkeit. Unsere Nachbarstadt Mülhausen im Elsaß sah jüngst ein seltenes und rührendes Familienfest. Der Besitzer des größten dortigen Etablissement, durch seine humane Fürsorge für seine Arbeiter weit berühmt, Abgeordneter im deutsden Reichstag, Jean Dollfuß, 84 Jahre alt, feierte seine diamantene

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