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an. Er hielt sogar Tischgenreinschaft, aß und trank mit Zöllnern und Sündern. Und als die Theologen deshalb zum Zwecke der Verdächtigung mit Fingern auf ihn zeigten: „Dieser nimmt die Sünder an!" da erzählte er die Gleichnisse vom verlorenen Schaf, vom verlorenen Groschen und vom verlorenen Sohn und gebot damit auch den Seinigen die Hirtenpflicht, verlorene Menschenseelen zu suchen und zu retten.

Wie erfüllen wir diese schwere Hirtenpflicht der rettenden Liebe? Die Antwort lautet: indem wir in geduldigem und demüthigem Sinne diejenigen suchen, welche unserer Obhut anvertraut sind.

Wir sollen den Verlorenen nachgehen, die unserer Obhut anvertraut sind. In unserm Gleichniß wird nichts davon erzählt, daß der Hirt das verlorene Schaf eines fremden Hirten gesucht habe. Er hat genug Arbeit, bis er das seinige wieder gefunden hat und dankt herzlich seinem Gott, wenn ihm nur das gelingt. Darum wollen wir nichts gemein haben mit jener zudringlichen Bekehrungssucst, welche in fremde Häuser eindringt, sie zu bekehren, noch ehe das eigene Haus bekehrt ist; welche andern Eltern bange macht um das Seelenheil ihrer Kinder, während die Kinder der Bekehrer und Bekehrerinnen es gar sehr nöthig Hätten, daß die Eltern zu ihrer Beaufsichtigung zu Hause wären. Wir wollen nichts gemein haben mit dem blinden Bekehrungseifer derjenigen, welche unberufen von außen her in eine Stadt kommen, seit Alters gerühmt um ihres kirchlichen und christlichen Sinnes willen und nun zu ihr reden, als ob es eine Stadt voll unbekehrter Heiden, ein häßliches Sodom und Gomorrha wäre, während doch diese Stadt in allen Jahrhunderten große Opfer für die christliche Erziehung ihrer Einwohner in wohlgeordneten Schulen und Kirchen gebracht hat, heute noch bringt und gewiß zu größeren Opfern völlig bereit ist, wenn sie nothwendig werden sollten. Aber denen, die Gott uns anvertraut hat, wollen wir als treue Hirten in Geduld und Demuth nachgehen. Ihr wisset es, was es heißt, ihr christlichen Väter und Mütter, ihr Freunde und Erzieher der Jugend allzumal, einem Kinde nachgehen und es suchen. Ihr wisset, daß das nicht eine Aufgabe ist, die nur bei ganz außerordentlichen Fehltritten nöthig wird, sondern die zu eurer tagtäglichen Eltern- und Erzieherarbeit gehört. Täglich ist ja euer Kind in Gefahr, in die Frre, verloren zu gehen, indem es dem tropigen, selbstsüchtigen Herzen nachwandelt statt der Stimme der Pflicht und des Gewissens; täglich müsset ihr es darum suchen und immer wieder suchen. Ihr wisset, was es heißt einem Kinde nachgehen und es suchen, ihr Väter und Mütter, die ihr vielleicht unter euern Kindern ein Schmerzenskind besißet, das durch schlimme Gewöhnungen, Neigungen und Charakterfehler euerm Herzen im Blick auf die Zukunft angst und bange macht; die ihr täglich dieses Kind suchet mit Reden und Schweigen, mit Seufzern und Thränen, mit Bitten und Gebeten, mit Freundlichkeit und mit Strenge, hingebender Liebe und harter Züchtigung. O werdet nicht müde im Werke der Liebe und wenn die Geduld end auszugehen droht und ihr mißmuthig die Hand von euerm Kinde abziehen und zu ihm sprechen wollt: „da siehe du selbst zu !“ da faltet die Hände, Geduld von euerm Gott zu erflehen und denket dabei in Demuth der Geduld, die Gott mit euch hatte, bis euer Herz und euer Leben sein eigen war. Wenn aber die Laft euern Schultern und enerm Herzen zu schwer werden will, da rufet die Hülfe der Lehrer und Seelsorger euerer Kinder herbei, die alle Zeit bereit sind, des Hauses Arbeit zu ergänzen, freilich sich alle Zeit bewußt, daß an Gottes Segen und Gnade Alles gelegen ist.

„Geh' nach und suche die verlorenen Kinder dieser Zeit!“ Das gilt aber nicht bloß den Eltern, das gilt auch der ganzen christlichen Gemeinde. Sie hat ein großes Haus vol verirrter, verlorener Menschenkinder. Da sind verwahrloste Knaben und Mädchen ärmer als arme Waisen, weil ihre Eltern gewissenlose Eltern sind. Da sind so viele Charakterlose, die allen fittlichen Halt verloren haben und nun wie schwankende Rohre hin- und Hergeworfen werden von den Begierden und Leidenschaften ihrer Seelen; da sind, ach unsere Zeit ist so reich an solchen Armen, da sind so viele zerrissene Herzen, zerfallen mit den Menschen, zerfallen mit sich selbst, ohne Glauben an die Liebe Gottes und an die Liebe der Menschen; da sind so Viele, die geheim oder öffentlich die Faust ballen wider alle menschliche und göttliche Ordnung und dem Gott im Himmel wie dem Menschen auf Erden fluchen: Alle diese sind verirrte, verlorene Kinder der christlichen Gemeinde. Sie hat Elternpflichten und Bruderpflichten an ihnen zu erfüllen. Sie muß ihnen nachgehen und sie suchen, bis sie wieder Frieden finden und festen Grund an der Seite ihrer Brüder, am Herzen ihres Gottes. Es wird freilich viel Geduld nöthig sein, alles Mißtrauen, alle Verbitterung, allen Grol, allen Neid, alle Bosheit, alle niedrige Gesinnung zu überwinden. Ich wundere mich nicht, wenn Hunderte ohne Glauben an einen Erfolg von dieser Arbeit sich abwenden und die unglückseligen Armen ihrem Schick sal überlassen. Aber wir ernsthafte Christen dürfen nicht also handeln. Wir müssen diese verlorenen Kinder suchen mit Vertrauen, mit Glauben, mit Nachsicht, mit Freundlichkeit, mit Güte; wir müssen im privaten Verkehe wie durch öffentliche Einrichtungen, durch Anstalten, durch Hebung der Volksbildung, durch Weckung gesunden religiösen Lebens, curch freundliche Theilnahme an ihrem Wohl und Wehe den bessern Menschen in ihnen wieder wecken, den glimmenden Docht wieder zur hellen Flamme anfachen, wenn er nicht ganz erlöschen soll. Ein guter Eidgenosse hat das schöne Wort gesprochen: Jedes sittlich verwahrloste Kind sei ein Vorwurf gegen unser republikanisches Vaterland! Wohlan denn, gehen wir ein Jeder in seinem Kreise und nach seinen Kräften den Verlorenen nach und sorgen wir dafür, daß das Vaterland diesen Armen auch wirklich zum Vater werde !

Und was wird der Lohn dieser erfüllten Hirtenpflicht rettender liebe sein ?

Ich weiß wohl, daß wir Christen einfach unsere Pflicht zu thun und keinem Lohne nachzufragen haben. Den Hirten dürfte der Gedanke, daß er das verlorene Schaf vielleicht nicht mehr finden werde, vom suchen nicht zurückhalten. Und keine Mutter wird aufhören, ihr verirrtes Kind zu suchen, auch wenn ihr oft der Gedanke der Vergeblichkeit durch die Seele zittert. Wer sich verwahrloster, innerlich verfallener Menschen annimmt, der muß sich im Gegentheil von vorneherein auf viel Undank, auf viel Aergerniß und Herzeleid gefaßt machen. Denkt euch nur einmal als Hausvater oder Hausmutter hinein in eine Anstalt von dreißig bis vierzig, sozusagen von der Straße aus materiellem und sittlichem Elend aufgelesener Knaben, denket euch einmal hinein in die Lage eines Gefängnißgeistlichen, der mit Trok, Stumpfsinn, Heudelei unsägliche Kämpfe zu bestehen hat. Einen vollständig mit Unkraut überwucherten Garten in einen Blumengarten zu verwandeln, ist ein schweres Stück Arbeit. Aber wie ? wenn uns Gottes Güte einen Lohn darbietet, sollten wir ihn hochmüthig zurück= weisen? Ihr habet es alle schon gesehen jenes liebliche Bild von dem Hirten, der mit dem wiedergefundenen Schäflein auf den Schultern nach Hause eilt. Freude, seligste Freude strahlt aus dem Antliß, aus jeder Bewegung ; es ist dir, du müssest mit ihm springen und jubiliren. Und nun, ihr Eltern! wenn ihr einen Sohn, eine Tochter, welche in jugendlichem Leichtsinn einen Irrweg gingen, als gerettetes Gotteskind wieder an's jubelnde Herz drücken könnet, ist das nicht auch ein Freudenfest schöner, als alle Geburtstagsfeste und Weihnachtsfeste, die ihr schon gefeiert habet ? Ist das nicht ein Liebeslohn süßer und köstlicher, als Alles, was Gott euch für euere Liebe geben kann. Möchte es nicht für uns Seelsorger der köftlichste Lohn sein, wenn es uns gelingt, mit unserm schwachen Predigtwort einen Sünder von seinem Jrrwege zu bekehren oder im KonfirmandenUnterricht einen Sohn, eine Tochter zu wecken, daß sie brechen mit der Thorheit der Jugend und dem Herrn ihr jugendlich Herz zu eigen geben ? Lieber Mèitchrist : wenn du durch Nath und That nur einen Menschen in deinem Leben errettet, ihn vielleicht aus der Nacht gottverlassener Verzweiflung erlöst hast, wird diese That nicht als ein Silberblick dich begleiten dein Leben lang ? Menschenfreunde, Mitchristen, Mitbürger : Wenn wir durch vereinte Liebesarbeit auf gemeinnüßigem, sozialen, pädagogischen und kirchlich-religiösen Gebiete manchem Gott und Menschen verlassenen Menschenkinde die Leuchte himmlischen Lebens im Herzen entzündet haben, ist das nicht seliger Lohn? Und wenn der Gerettete dir die stille Hand drückt und mit Thränen dir dankt, dir und andern nun durch seinen Wandel zum Segen gereicht, wenn du, da du den andern suchtest und fantest, für seinen Gott auch deinen Gott noch besser fandest, ist das nicht seliger Lohn? Und wenn einst unser lektes Stündlein kommt und wir anklopfen an den Pforten der Ewigkeit, da wird der seligste Lohn dir zu Theil, sofern du diese Hirtenpflidyt rettender Liebe getreu erfüllt haft: der Vater vol Gnade und Erbarmen wird dich an sein Herz ziehen und sprechen : du hast viel geliebt, darum wird dir auch viel vergeben!

D. B.

Vorwärts oder rückwärts ? So oft wichtige Fragen unser Volk bewegen und es sich um eine grundfäßliche, tiefgreifende Entscheidung handelt, gruppiren sich die ist so mannigfaltigen Standpunkte und Parteien nach und nach in zwei Lager, in ein fortschrittliches und ein rückschrittliches. So steht es heute mit der Frage um den eidgenössischen Schulsekretär. Da heißt es nicht mehr: wollen wir einen Beamten mit 6000 Franken Besoldung mehr oder wollen wir ihn nicht ? Sondern: wollen wir in der geistigen Bildung unsrer schweizerischen Jugend einen Schritt vorwärts thun oder nicht? Die Einen sind dafür, – die Andern dawider, die Leßtern allerdings init dem kaum verhehlten Hintergedanken, auch den Artikel 27 der Bundesverfassung überhaupt auszumerzen.

Man muß sich über die starke Opposition gegen den Bundesbeschluß wundern, ja dieselbe kann einen ganz traurig machen, wenn man bedenkt, wie klein eigentlich der Schritt ist, welcher gethan werden soll. Zunächst nur eine Untersuchung, ob und wie weit die Kantone den im Artikel 27 aufgestellten Vorschriften nachkommen. Was dieser Artikel verlangt, ist nur das, was jedem wahren Freund des Volkes am Herzen liegt, was die Kämpfer für eine gute Volksschule schon seit hundert Jahren und länger gewünscht haben: eine gute, unparteiische, allen Kindern zukoma mende und den religiösen Frieden fördernde Staatssdule. Manche Kantone haben zum Theil schon, was die Bundesverfassung verlangt,

warum sollten sie den Andern die Wohlthat nicht auch gönnen? Und die, welche sie noch nicht haben, nun die sollten erst recht dafür stimmen! Aber so ist es nicht. Eine wuchtige Masse stemmt sich dagegen und wendet alle Mittel auf, um die geplante, bessere und allgemeinere Bildung zu verhindern.

Wenn es nur die Unwissenden im Schweizerland wären, so könnte man es begreifen. Sie verstehens halt nidyt besser. Aber es ist eine fast erschreckend große Zahl von Gebildeten dabei, die selber die Wohlthat einer Schulbildung, und nicht etwa bloß einer „genügenden Primarschulbildung“, genossen haben, fein gebildete, vornehme, reiche Leute, dazu viele Geistliche und eine auffallend große Zahl von Lehrern.

Es ist aber immer so gewesen. În dem langen, mühsamen Kampf um die Volksschule gegenüber den Prirat- und Sonder- und Ständeschulen wurde stets eine auffallend aristokratische Sprache geführt von Seiten der Gegner. Die Aristokratie will eben keine geistige Hebung des gesammten Volkes, weil sie allein regimentsfähig sein will und um ihrer Vorrechte willen wünschen muß, daß ein großer Theil des Volkes zur Unwissenheit und Abhängigkeit gezwungen sei. Der alte Gedanke an eine Unterscheidung in zwei Klassen, in Herren und Sklaven, taucht immer wieder auf, wo es sich um Hebung der Voltsbildung handelt

. Was hat nicht Pestalozzi von den angesehensten Männern seiner Zeit als Antwort auf seine begeisterten Vorschläge hören müssen ? Zwei Beispiele! Die im Jahre 1810 zur Prüfung der Pestalozzischen Anstalt in Yverdon niedergesetzte Kommission sagte unter Anderm: „Es wäre eitle Bemühung, in unsern Landschulen alle Mittel vereinigen zu wollen, welche ihnen Eifer und Wohlwollen zudenken möchten. Der Erfolg würde dabei nicht groß sein. Es ist wohlgethan, wenn wir uns für die Landschulen der Kenntnisse und der Erweiterungen enthalten, deren Bedürfniß der Landmann nicht fühlt. Was soll ihm unsere Hohe Wissenschaft, unsere tiefe Forschung ? Sie würde ihn nur beunruhigen, nur eine Beere in's Herz bringen, welche bei seiner Lebensweise ewig unausgefüllt bliebe.“ In ähnlicher Weise schrieb der damals hochangesehene Landanımann Zellweger von Trogen an Pestalozzi: „Jd bin kein Feind der wahren Aufklärung ; aber man kann auch zu viel thun. Zu viele Lehranstalten sind einem Lande schädlich. Eine allzu große Menge Menschen entziehen sich dadurch der Handarbeit, und doch ist diese Erde dazu da, daß sie bearbeitet werde. Und durch wen? Durch die Menschen, deren Körper darnach eingerichtet ist. Unter den besser Geschulten gibt es auf 50 nicht 10, die zu nüßlichen Mitgliedern der Gesellschaft werden ; die mehrsten werden zu schlechten, schädlichen Schriftstellern, Advokaten, Projektenschmieden, gefehlten Kaufleuten und was der Menge Menschen mehr ist, die täglich ünheil in der Welt stiften, und das warum? Weil sie aus ihrer natür: lidhen Lage herausgerissen worden sind. Das ist die Sprache der Aristokratie zu jeder Zeit gewesen.

Warum aber treffen wir nnter den Gegnern so viele Geistliche, römische und protestantisch-orthodore ? Ich kann keinen andern Grund finden, als den, daß sie für ihre dogmatisch-konfessionelle Religion fürchten. Zu dieser braucht es vor Ållem Glauben und zwar blinden Glauben. Eine

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