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bessere Schulbildung aber macht denkfähig und vor dem Denken, auch dem einfachen Denken des gemeinen Mannes, schwindet der Wunderglaube, auf welchen das römisch-katholische, wie das orthodor-protestantische Lehrsystem aufgebaut ist. Daher der Ruf : Religionsgefahr! Es gibt aber eine Religion, - und so viel wir wissen, hat Christus sie gelehrt, welche den Menschen die Erkenntniß der Wahrheit und die Liebe zu den Mitmenschen ohne Rücksicht auf ihr Bekenntniß zur heiligen Pflicht macht. Wolte Gott, sie wäre die Religion Aler! Aber jene genannten Priester sind gewohnt, das Wesen einer Religion in dem zu suchen, was die Konfessionen trennt; auf die konfessionellen Unterschiede legen sie viel mehr Werth, als auf die gemeinsamen Ueberzeugungen; diese legtern nennen sie geringschäßig eine Allerweltsreligion, und das Streben nach einein konfessionslosen Religionsunterricht, der die religiösen Schranken, die stets ein Uebel gewesen sind, entfernen soll, gilt ihnen gleichviel, wie

Entchristlichung der Schule“ oder die Einführung eines „eidgenössischen Antichristenthums“.

Am Bemühendsten aber ist die Thatsache, daß ein bedeutender Theil der Lehrerschaft sogar gegen die beabsichtigte Verallgemeinerung guten Schulunterrichts Front macht. Gerade hier meint man, sollte ein solches Streben auf's Allerfreudigste begrüßt werden. Aber was sollen wir denken, wenn aus Lehrermunde sogar von einer „Bildungspest“ gesprochen wird ? Wollen sie denn verurtheilen, was sie - vielleicht durch staatliche Mittel — selbst sich angeeignet haben und was zu verbreiten ihr eigenster Beruf ist? Oder wollen sie nur einen Theil der Bevölkerung damit bevorzugt wissen, den andern aber die Bildung vorenthalten, als ob sie, wie der Branntwein, ein Gift für sie wäre ?

Wir mögen den Gründen der Gegner nachgehen und ihre Flugblätter prüfen, soviel wir wollen, wir erkennen in ihrem Streben einen Zug nach rückwärts, einen Widerwillen nicht bloß gegen den jeßt in Frage stehenden Schulsekretär oder gegen ein zu hoffendes Schulgesetz, sondern gegen die bereits errungenen und in der Bundesverfassung niedergelegten Prinzipien. Darum ist ihr Verhalten, ob sie es wollen oder nicht, ein rückschrittliches, ihr Ideal ein hinter 1874 liegendes Bild der Vergangenheit.

Wir aber wollen vorwärts ! Darum legen wir ein freudiges fa in die Urne. Der Schritt, der gethan werden sod, ist doch wahrlich kein Sturmschritt, sondern ein sehr kleiner ; es handelt sich wahrlich um keine Unbesonnenheiten oder Ueberstürzungen. Was seit Jahrzehnten von den besten Freunden des Volkes angestrebt worden ist, und was in den acht Fahren, seit es in der Bundesverfassung steht, noch nicht ausgeführt werden konnte, das ist keine Frucht voreiligen Stürmens. Endlich, endlich einmal eine That nach den Millionen von Worten und den unzähligen Verhandlungen!

Wir wollen vorwärts hauptsächlich aus drei Gründen: Einmal muß eine bessere und allgemeine Schulbildung unsere Bürger fähig machen, ihr Recht, zu wählen und zu stimmen, das ihnen der demokratische Staat gesichert hat, mit Urtheilsfähigkeit auszuüben. Sodann ist eine solche genügende Bildung auch eine Förderung der sozialen Verhältnisse. Se länger, je mehr tarirt man den Menschen nicht mehr nach seinem Geldsack, sondern nach seinem Kopf und nach seinem Charakter und betrachtet einen guten Schulunterricht als ein besseres Kapital, als den todten Besitz. Und endlich aus religiösen Gründen. Denn das ist wahrlich nicht das Zeichen wahrer Religion, wenn von Konfession zu Konfession Schlagbäume aufgestellt sind, die Schweizer und Schweizer trennen. Unser Ideal ist ein solches Zusaminensein, wo der eine zum andern nicht sagen lernt : ,,Dein Glaube ist nicht mein Glaube“, wohl aber : ,,Dein Gott ist mein Gott!“

Item, wir halten mit dem ewig wahren Worte Heinrich Zschokke's : „Volksbildung ist Volksbefreiung“.

1.

Zur Todesstrafe. Wo über den Mord in Glattfelden geredet wird, kann man sicher sein, in Bezug auf die Mörderiu sagen zu hören, um die wäre es doch nicht schade, einen solchen Unmenschen sollte der Staat nicht noch auf seine Kosten füttern und nach ausgestandener Haft wieder frei herumlaufen lassen, wie das bereits mit einigen Mördern geschehen. Dieses Úrtheil ist gewiß mehr als begreiflich, es ist wohl das Urtheil weitaus der meisten rechtschaffenen Leute, und es soll uns gar nicht wundern, wenn unter dem peinlichen Eindruck dreier scheußlicher Mordthaten, die rasch nacheinander auf dem Boden des Kantons Zürich geschehen sind, auch dieser Kanton dem Beispiel von Uri, Appenzell J.-Rhd. und Luzern nachfolgt und die Tadesstrafe wieder gestattet. Diejenigen, welche trozdem die Wiedereinführung der Todesstrafe für keinen Gewinn halten, weil sie weder abschreckt, noch bessert, sollen sich nur gestehen, daß sie fast überall in der Minderheit sind. Ueber diese Sache denken Leute einer und derselben politischen oder kirchlichen Richtung sehr verschieden. Unter den Gegnern der Todesstrafe finden sich auch strenggläubige Christen, dagegen sind viele Freidenker und Radikale dafür, init den Mördern ganz kurzen Prozeß zu machen. Praktisch liegt an diesem Für oder Wider nicht außerordentlich viel, denn sehr viele, die im Prinzip die Todesstrafe gestattet haben wollen, sind es ganz zufrieden, wenn selbst nad den abscheulichsten Morden das richterliche Nr: theil auf Todesstrafe auf dem Wege des Begnadigungsrechtes in lebenslängliche Haft umgewandelt wird.

2.

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Fünfter Jahrgang.

No 49. Samstag, 9. Dezember 1882.

Sdweizerishes Proteflantenblatt

Herausgeber:
Pfr. A. Altherr und E. Linder in Basel, Pfr. Bion in Zürich.

Wir sollen nur nicht in Sinn nehmen, daß ber heilige Geist gebunden sei an Jerusalem, Nom, Wittenberg oder Basel, an deine oder eine andere Person. In Christo allein ist die Fülle der Gnade und Wahrheit.

Decolampad an Suther.

Erscheint jeden Samstag. Man abonnirt auf jedem Postamt der Schweiz und des Auslandes. Preis halbjährlich franko zugesandt 2 Fr. Wer das Blatt in Basel gratis erhalten will, kann dasselbe in der Buchdruckerei J. Frehner, Steinenvorst. 12, abholen.

Im Advent. Bekanntlich ist die alte kirchliche Eintheilung des Jahres eine andere, als die bürgerliche. Das „Kirchenjahr“ beginnt mit dem ersten Adventsonntage, d. h. mit dem vierten Sonntage vor Weihnachten, mit dem Sonntage, welcher die Vorbereitungszeit auf das Weihnachtsfest einleitet. Diese Jahreseintheilung ist nun freilich veraltet, aber es liegt ihr ein schöner Gedanke zu Grunde. Wann eigentlich Christus geboren wurde, weiß Niemand, aber die alte Christenheit hat seinen Geburtstag auf denjenigen Tag verlegt, an welchem die Tage sich wieder zu verlängern beginnen, eine sinnige Andeutung davon, daß mit dem Evangelium Jesu das Licht wieder über die Finsterniß zu triumphiren begann. Und die Adventzeit? Sie ist das alljährlich wiederkehrende Denkmal der Thatsache, daß gerade in den dunkelsten Zeiten die Hoffnung der Christen ihre größte Berechtigung hat und am lebendigsten ihre Schwingen entfaltet.

Die Hoffnung der Christen! Jawohl, denn wer ein glaubensfreudiger und hoffnungsreicher Christ ist, kann in dem, was vergangen ist und hinter ihm liegt, niemals die ganze und volle Offenbarung der göttlichen Gedanken erkennen. Einen Anfang wohl, einen Reim, welcher eine reiche Entwicklung verspricht, aber niemals eine fertige, ein für alle Mal abgeschlossene Offenbarung. Seine Augen richten sid), bei aller Anerkennung und Dantbarkeit für das, was bereits geschehen, doch stets auf das, was noch kommen foll; er ist nie zufrieden mit der Gegenwart, er sehnt sich nach bessern Zuständen, und er glaubt an solche, weil er weiß, daß in den in die Welt geworfenen Grundgedanken des Evangeliums der Anstoß zu einer ewigen Bewegung enthalten ist. „ Advent“, d. h. das fortwährende kommen des Gottesreiches, ist der Glaube und das Streben des wahren Christen. Und je dunkler die Zeit, um so lebendiger, je weniger die Zeitumstände eine solche Weiterentwicklung des Guten und Wahren zu begünstigen scheinen, um jo fester ist seine Ueberzeugung : ,, Es muß doch Licht werden!“ je brohender die der Fortentwiklung des Gottesreiches feindlichen Gewalten ihr Haupt erheben, um so mehr erhebt der Christ auch sein Haupt und blickt über den jammer der Gegenwart prophetisch hinweg auf eine bessere Zeit. Advent“ ist das Loosungswort der hoffnungsfreudigen Christenheit.

Es kommt aber sehr darauf an, welche Vorstellung man von dem Kommen des Gottesreichs habe. Mag auch sonst, wo nur der freudige Glaube vorhanden ist, die Vorstellungsform mehr oder weniger gleichgültig sein, hier ist sie es wahrlich nicht. Es gibt eine Denkweise vom Christenthum, welche als ihr Hauptelement und als wesentlichen Bestandtheil der Offenbarung das Wunder ansieht und deshalb kein anderes Kommen des Gottesreiches, als durch ein übernatürliches Eingreifen göttlicher Hand erwarten kann. Und es gibt wiederum einen Adventsglauben, welcher in der natürlichen Entwicklung der Dinge allein die bauende und regierende Hand Gottes erblickt und ein Kommen des Gottesreiches ohne Wunder hofft. Jente wird ewig getäuscht sein und diese wird ewig Recht behalten. Und es ist doch wahrlich nicht dasselbe, ob man sich fortwährend täusche oder nicht.

Die erstere, wundersüchtige Vorstellung war diejenige der Zeitgenossen Jesu. Genährt durch die überlieferten Prophetenworte, welche je länger, je mehr buchstäblich verstanden wurden, erwartete man damals eine Wunderthat ersten Grades, ein Zerreißen des Himmels, ein Herabkommen der ganzen Engelwelt und in ihrer Mitte die Erscheinung des Messias als eines Alles in Besiß nehmenden und die ganze Welt umgestaltenden Königs. Ein Nepräsentant dieser Richtung war selbst noch Johannes der Täufer. Obgleich er, verschieden von den übrigen Schriftgelehrten, auf Sinnesänderung drang und die bloße Abstammung von Abraham als eine reine Zufälligkeit gering schäşte, konnte er doch nicht umhin, von dem neu auftretenden Jesus irgend eine wunderbare That als Bezeugung seiner Messiasstellung zu erwarten. Aus seinem Gefängniß schaute er sehnsüchtig nach solchen Zeichen“ aus und ungeduldig ließ er Jesus fragen: „Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines andern warten ?“ Der gute Mann täusdite sich; es geschah kein Wunder, denn das, worauf ibn Jesus in seiner Antwort hinwies : ,, Die Blinden fehen, die Lahmen gehen, die Todten stehen auf“ u. s. w. ist doch zu deutlich von der inneren geistigen Umwandlung zu verstehen, welche durch die Verkündigung des Evangeliums bewirkt wurde.

Und so haben sich seither alle Diejenigen getäuscht, welche das Kommen des Gottesreiches auf dein Wege übernatürlicher Ereignisse erwarteten. Es hat eben niemals solche gegeben und wird niemals solche geben. Es ist zwar ganz begreiflich, wenn die Wundersucht eben Wunder sucht und zu sehen glaubt in Dingen, welche vom herkömmlichen Gang der Dinge abweichen. Wenn Christus ehemals Wunder gethan hat, warum sollte er deren aus seinem hohenpriesterlichen Heiligthum herab nicht jetzt noch thun können, ja thun müssen ? Daher die Leichtigkeit, mit welcher heutzutage wieder künstlich gemachte Gemüthseffekte oder Aenderungen in der Lebensweise, ja in der Stimmabgabe bei Wahlen als „Wunder“ gerühmt werden. Aber diese Dinge erweisen sich in der Regel bald nachher als augenblickliche Rührungen oder als durch Drängen und Zwang bewirkte Nachgiebigkeiten, immerhin als Täuschungen. Mögen noch so oft Massenerweckungen in Szene gesegt werden, das Reid Gottes kommt nicht durch Wunder und Zeichen; wer darauf wartet, wird sich jederzeit getäuscht sehen und wird niemals eine freudige Anerkennung des gegenwärtigen Lebens und Strebens gewinnen können. Seine leßte Hoffnung wird stets nur die sein, auf ein baldiges Weltende und auf ein Strafgericht über Alles, was nicht mit der altkirchlichen Weltanschauung stimmt. Das ist aber keine fröhliche Adventshoffnung.

Die wahre Adventshoffnung ist die Anerkennung des göttlichen Wirkens in dem natürlichen Gang der Entwicklung. Das hat Jesus in jenem Worte deutlich ausgesprochen: „Die Blinden sehen, die Lahmen gehen, die Todten stehen auf; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert !“ Ja, wenn wir diese Geisteswirkungen des evangelischen Wortes und des christlichen Geistes als Wunder bezeichnen wollen, dann freilich geschehen Wunder alle Tage und Stunden. Die Ausbreitung des Christenthums, die Umgestaltung menschlicher Verhältnisse, Geseke und Sitten durch die christliche Gerechtigkeit und Liebe, die vorwärts strebende, bildende und heiligende Macht christlicher Gesinnung, die Veredlung des Familienlebens, der Kindererziehung, der sozialen Verhältnisse, - alles das ist alsdann ein Wunder, aber ein soldjes, das begreifbar und glaubwürdig ist, weil es sich nachweisen, weil es sich sehen läßt, -- dann ist auch die Adventshoffnung, d. h. die freudige Hoffuung auf eine fortwährende Weiterentwicklung des christlichen Sinnes und Lebens keine trügerische und der Gedanke an die Zukunft ist dann frei und rein von jeglichem Pessimismus. Man sieht, was schon geworden ist durch das Evangelium, und erblickt in unabsehbarer Perspektive, was noch werden wird durch dasselbe. Keine Zeit ist fertig mit den Aufgaben des Gottesreiches ; niemals darf man stille stehen und sagen: es ist genug ; immer stellen sich neue Aufgaben.

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