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Fünfter Jahrgang.

No 50. Samstag, 16. Dezember 1882.

Sdweizerisches Proteftantenblatt

Herausgeber:
Pfr. A. Altherr und E. Linder in Basel, Pfr. Bion in Zürich.

Wir sollen nur nicht in Sinn nehmen, daß der heilige Geist gebunden * sei an Jerusalem, Nom, Wittenberg oder Basel, an deine oder eine andere Person. Ju Christo allein ist die Fülle der Gnade und Wahrheit.

Decolampad an şuther.

Erscheint jeden Samstag. Man abonnirt' auf jedem Postamt der Schweiz und des Auslandes. Preis halbjährlich franko zugesandt 2 Fr. Wer das Blatt in Basel gratis erhalten will, kann dasselbe in der Buchdruưerei I. Frehner, Steinenvorst. 12, abholen.

Ein Adventwerk. Die Zukunft der protestantischen Kirche wird sehr verschieden beurtheilt. Die römische Kirche prophezeit laut ihren baldigen Zusammenbruch und ladet die gläubigen Protestanten ein, in ihren "alleinseligmachenden Schoß zurückzukehren. Unter ihren eigenen Anhängern begegnet die protestantische Kirdie vielerorts einer eiskasfen Gleichgültigkeit, welche den besten Geistlichen die Arbeit für die Stiche verleidet, daß sie aussieht, wie eine Nachthütte im zerstörten Weinberg. Unter diesen Umständen nimmt die Begeisterung für das geistliche Amt zusehends ab. Es-sind in den Kantonen Graubünden, Thurgau, Zürich und Bern dato über 40 Pfarreien vakant, zu deren Beseßung die Leute fehlen, und wenn eine Gemeinde noch so klein ist, sie will sich nicht entschließen, mit kleinen Nachbargemeinden sich zu vereinigen, was in so mancher Hinsicht das Allerbeste wäre. Unter dieser wachsenden Noth leidet die pietistische Richtung am wenigsten, denn aus ihren Kreifen entschließen sich noch am meisten junge Leute zur Theologie. In gefährlicher Weise steigert sich dagegen der Pfarrermangel für die freisinnige Richtung, und im Lauf einiger Jahre haben Dußende von liberalen Gemeinden, weil ihnen keine andere Wahl blieb, Pfarrer entgegengesegter Richtung gewählt, in Bünden dankt man Gott sogar für einen Chrischonabruder. Es ist das ein erfreulicher Beweis, daß die Gemeinden noch lieber irgend einen, als gar keinen Gottesdienst wollen. Aber, wenn das länger jo fort geht, muß das religiöse Leben und in Folge dessen das geistig sittliche Leben überhaupt den schwersten Schaden nehmen. Freiwillige vor! Warum will keiner deiner Söhne, lieber Leser, sich zum Dienst der protestantischen Kirche entschließen ? Hat denn keiner einen klaren Verstand, ein warmes, für Gott und Vaterland begeistertes Herz, dem es als großer und Heiliger Beruf erschiene, das

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Evangelium Jesu Christi unter den Menschen zu verbreiten, mit seinen Kräften ewigen Lebens das mühselige Erdenbasein zu verklären und zu weihen ? Du sagst, das Haupthinderniß sei das zehn Jahre lange Studium, die unerschwinglichen Kosten desselben. Ich kenne aber Leute, die sind vor Jahren einfach ihrem mächtigen Triebe gefolgt und sie haben erfahren where is a will there is a way, aus den armen Knaben sind jeßt herzlich beglückte Land- und Stadtpfarrer geworden. Und siehe, jetzt gibt es überdieß eine Langstiftungr zum Andenken an das früh gefallene Haupt der kirchlichen Reform gegründet. Diese Stiftung verfügt schon über ein Vermögen von circa 60,000 Franken. Aus ihr sind im Jahr 1881 wieder 25 Jünglinge auf Gymnasien und Hochschulen unterstüßt worden, davon fallen 12 auf den Kanton Zürich, 9 auf St. Gallen, 6 auf Graubünden, 3 auf Bern, 2 auf Baselstadt, je 1 auf Glarus, Thurgau und die Waadt. Der Geldpunkt ist also auch für einen Mittellosen keine wirkliche Abhaltung mehr. Es liegt nur noch daran, daß ein braver Sohn von Herzen sprechen könne : Wir glauben an ein Gottesreich! und daß er sich entschließe, zu sagen! Ich will in seinen Dienst! Die Zukunft der protestantischen Kirche fordert solchen Entschluß. Gott will es.

A.

Maria und Martha. Von Herrn Pfarrer Böhringer in Basel erscheint soeben das 1. Heft einer Reihe von Lebensbildern christlicher Frauen, das in sehr anziehender Weise Wesen und Schicksale der Monifa, Mutter des Kirchenlehrers Augustin, schildert. Die später nachfolgenden Hefte sollen behandeln: Elisabetha, Landgräfin von Thüringen, Jungfrau von Orleans, Elisabetha Fry 2c. Den Titel der vorliegenden und noch zu erwartenden Lebensbeschreibungen rechtfertigt der Verfasser mit folgenden schönen Worten :

„Maria und Martha ! - Es ist ein Stilleben der schönsten Art, an das uns diese zwei Namen erinnern. Sie verseken uns in ein kleines Dörfchen in der Nähe von Jerusalem, in dem der Herr so gerne Einkehr hielt, um auszuruhen von des Tages Mühen und Kämpfen in dem stillen Frieden eines Hauses, darin einträchtig ein ihm treu ergebenes Schwesternpaar schaltete und waltete. In der Liebe und Verehrung für den Herrn waren beide Schwestern einander gleid), so verschieden auch sonst ihre Art und ihr Wesen war. Die eine, die ältere, Martha, ist die geschäftige, praktische, die diensteifrig hin und her eilt und ihren Gast vor Allem aus durch leibliche Erquicung ehren will. Die andere, die jüngere, Maria, ist die sinnige und mehr beschauliche, die sich zu den Füßen des Herrn sett, um aus seinem Munde zu hören Worte des ewigen Lebens und die denn auch das Lob erhält, daß sie das bessere Theil erwählt habe.

Maria und Martha ! Das sind aber nicht bloß zwei Frauengestalten aus vergangener Zeit, in ihnen spiegelt sich vielmehr die Eigenthümlichkeit der weiblichen Natur : einerseits die tiefe Empfindung und zarte, innige Hingabe an das Ewige und Göttliche, andrerseits der praktische, häusliche Sinn und das rastlose Wirken und Sorgen um die irdischen Geschäfte. Beides aber muß beisammen sein, um das ächte Weib zu schaffen im Sinn - und Geiste des Christenthums. Es gibt Frauennaturen, die vollständig aufgehen in den tausend kleinen Mühen und Arbeiten des täglichen Lebens, die nur Interesse haben für ihre häuslichen Pflichten und irdischen Angelegenheiten, fleißige, gewissenhafte Marthanaturen, denen aber aler Sinn abgeht für das Jdeale, jeder Zug nach oben, alle tiefe und innige Religiosität, denen darum das Eine fehlt, das Noth thut und das gerade die Schönheit des weiblichen Gemüthes ausmacht. Und es gibt hinwiederum Frauennaturen, denen die alltäglichen Geschäfte und Sorgen zu gering und zu wenig fromm erscheinen, in deren Augen nur die Beschäftigung mit dem Ewigen und Göttlichen einen Werth hat, die darum über ihren Gottesdiensten und Betstunden ihre allernächsten Pflichten, Haushalt und Kinder, vergessen,fromme Marienseelen, denen aber das fehlt, was die Frömmigkeit gesund erhält und fruchtbar macht für das Gottesreich auf Erden. Marthadienst ohne Mariensinn, das schafft geistlose, gemüthloje Sklavenarbeit, Mariensinn ohne Marthadienst, das schafft frankhafte, unpraktische Frömmlerinnen: Eines darf nicht ohne das Undere sein, Eines muß das Andere ergänzen.

Maria und Martha ! Beide zusammen bilden das christliche Frauenideal. Das Arbeiten muß durch das Beten, die Sorge um das Viele der Welt durd) die Versenkung in das Eine, Ewige, Göttliche geweiht und vertieft werden, aber auch der fromme, religiöse Sinn muß fruchtbar sein für das Leben und sich praktisch erweisen durch die That. So will es das Christenthum, und dessen zum Zeugnisse führt uns die Geschichte eine Reihe edler Frauengestalten vor, die religiöse Begeisterung und innige Frömmigkeit mit hingebender Arbeit an der Menschheit, den idealen Sinn der Maria mit dem praktisdjen Geschicke der Martha verbunden haben, ja die gerade aus ihrer religiösen Wärme und Tiefe die Kraft geschöpft haben, schwere, ernste Lebenspflichten zu erfüllen.“

A.

Die Schwestern vom rothen Kreuz.

II.
Als Gehülfin des Armenpflegers.
Wie dient die Gemeinde Schwester zweitens dem Armenpfleger ?

Vergegenwärtigen wir uns einige Fälle, wie sie gerade vor unsrer Erinnerung auftauchen. In diesem Hause ist die Mutter krank, sie ist schwindsüchtig; schwach und leidend fißt sie da von Woche zu Wodye; statt der gehofften Besserung fühlt sie ein stetes Abnehmen ihrer Kräfte, bis sie gänzlich arbeitsunfähig ist. Der Mann ist durch seine tägliche Arbeit in Anspruch genommen; er verdient 15 Mark die Woche, damit soll er mit seiner kranken Frau und fünf Kindern auskominen. Seit Woden hat er in den wenigen freien Stunden, die seine Arbeit ihm läßt, den Haushalt nothdürftig besorgt; er hat gethan, was er konnte, und doch ist Álles verkommen und die Kranke blickt vertrießlich auf den Schmuß und die Unordnung um sie her, auf die schreienden Kinder, denen sie keine Wartung zu Theil werden lassen kann.

Was thut die Schwester in solchem Falle ? Sie sorgt zunächst für das persönliche Wohl der Kranken, für deren Neinlichkeit, ein gut gemachtes Bett, für Schußmittel gegen Druckwunden, für reine Wäsche, Stärkungsmittel und Erfrischungen : Fleisch, Mild), Eier und dergl. Auch ein bequemer Lehnstuhl wird der Kranken gebradit und wollene Decken, damit sie sidy behaglich fühle in den wenigen Stunden, wo sie außer Bett sein darf.

Nun fann aber die Schwester nicht den ganzen Tag in demselben Hause bleiben. Sie hat eine Reihe Kranker zugleich zu versorgen. Damit aber die Schwindsüchtige in der Zwischenzeit nicht verlassen ist, nicht das alte Elend wiederkehrt, wird eine ältere, arme Frau zu Hilfe genommen, welche sich jeden Tag für einige Stunden zur Instandhaltung des Hauswesens einfindet und froh ist dadurch, etliche Mark in der Woche zu verdienen, die ihr aus der Kasse der Gemeindepflege vergütet werden. Die Schwester darf sich nun darauf beschränken, von Zeit zu Zeit vorzukommen und nach dem Rechten zu sehen. Sie freut sich, daß Alles nun ein anderes Ansehen bekommen hat. Die Kranke hat Kube, sie sieht nun freundlich und ergeben aus. leichter wird es ihr nun, ihr Herz abzuwenden vom irdischen Jammer und es zu erheben zu dem, der audy sie je und je geliebt hat und bald zu sich ziehen wird aus lauter Güte.

Freilich nicht immer wird die Schwester freundlid, aufgenommen, wenn sie in die Häuser kommt und es sich angelegen sein läßt, den Leuten vor Allem frische Luft und reines Wasser angedeihen zu lassen. „Wat willt se hier ?“ schnaubte einmal ein alter Mann dieselbe an, als er sah, daß sie Miene machte, seine Franke Frau zu waschen, was sehr nothwendig war ; dat deiht nich nödig, dat kost blot Sepen und Handok !" (Seife und Handtuch). Sie ließ sich indeß nicht irre machen und sah nach beendeter Ärbeit, wie der Alte seine theure Lebensgefährtin mit Wohlgefallen betrachtete, als er sie sauber daliegen sah. Die Sache schien ihm zu behagen, Am nächsten Tage bezeugte er die bessere Meinung, welche er von der Schwester bekommen hatte, auf eine eigenthümliche Weise. Er kam ihr nämlich mit Seifenwasser, Handtuch und Nasirmesser entgegen und bat freundlich: „Swester, roseert se mi hüte wol en bäten ?“ Sie freute sich über das Vertrauen des Álten, obgleich es ihr nicht möglich war, seinen Wunsch

zu erfüllen.

Lassen Sie nun zu der täglichen Pflege, welche jedes Jahr und namentlich jeder Winter und jedes Frühjahr für die armen Leute mit sich bringt, noch besondere Unglüdszeiten, wie sie auch nicht ausbleiben, hinzukommen,

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so wird Ihnen sofort einleudsten, wie viel eine Gemeindeschwester als Dienerin der Gesundljeitspolizei und Armenpflege leisten und sich nützlich machen kann. Es war vor zwei Jahren, in den Tagen der Uebersdwemmung. Wochen lang waren Hunderte von Menschen in unserer Stadt so sehr von allem Verkehr abgeschnitten, daß man nur zu Schiffe oder auf schmalen, schwankenden Brettern zu ihnen gelangen konnte. Ganze Straßen mußten ausgeräumt werden. Die schönen, schattigen Spaziergänge unseres Bürgerparks hatten sich plötzlich in Kanäle verwandelt; die Menschen, welche außerhalb desselben in der Niederung wohnten, mußten auf Schiffen aus ihrer gefährlichen Lage, aus den Häusern und Rammern, in denen die Gegenstände des Haušraths in wilder Unordnung umhersdwaminen, herausgeholt werden. Die Befürchtung, daß Sumpffieber und andere ansteckende Krankheiten in den überschwemmten Stadttheilen sich entwickeln, war keine geringe. Nur durch ein energisches Einschreiten unserer Gesundheitspolizei fonnte die Gefahr beseitigt werden. Auf gebrechlidem, improvisirtem Stege, in Wind und Regen, bei inangelhafter Beleuchtung, sah man die Gemeindesdhwestern nach den Wohnungen der Uebersdwemmten eilen, um im Auftrage des Arztes die Temperatur zu messen; sobald verdädytige Fieber sich zeigten, wurden die Kranken in's Hospital gebradyt. Die Uebrigen unterstüşte man durch Arznei, Wein, Nahrungsmittel und Kleidungsstücke. fam ich“, erzählt die Schwester, ,, in ein Haus, wo Mann und Frau krank darniederlagen, beide so kraftlos, daß sie das Bett hüten mußten, auch einander keine Handreichung leisten konnten. Sie selbst, sowie ihre Umgebung waren in großer Unordnung; das Zimmer kalt, auf dem Tisch ein Gewirr sdmutiger Sacjen, bestaubte Eßwaaren u. dgl. Niemand Hatte hier Hand angelegt zum Reinigen und Ordnen. Die beiden Patienten waren redyt mürrisch und befanden sich dabei in jenem Zustande der Apathie, wo man schließlich Alles brunter und drüber gehen läßt, im Gefühle, von Gott und von der Welt verlassen zu sein. Ich heizte ein und verschaffte mir warmes Wasser, um sogleich mein Reinigungswert an Menschen und Sachen zu beginnen. Ich verbettete die Stranken, machte ihnen eine schmack hafte Suppe, lüftete das Zimmer und hatte die Genugthuung, zu sehen, wie mit der äußeren Ordnung und der besseren Luft auch eine bessere Stimmung bei den Leutchen einkehrte. „Wie behaglid) liegen wir jetzt da“, – sagten jie, ,, es ist doch eine gute Sache, daß sich jemand um uns bekümmert.“ Nachdem ich es so weit gebradit, fonnte ich die beiden der Sorge einer Nachbarin überlassen, die jetzt erst, nachdem ich das Meine gethan, auch ihrer Christenpflicht inne wurde, und jo dunkel aud die Nacht und so sdhwankend der Steg, auf dein id, meinen Rückzug antrat, so hell war mein Gemüth im Bewußtsein, wenigstens etwas lidt in ein paar dunkle Herzen hineingeleitet zu haben.“

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Offener Brief über die soziale Hülfe“. Eine obligatorische Kranken- und Begräbnißversicherung erscheint Ihnen also auch als große soziale Hülfe, aber Sie fürchten, es werden sich deren

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