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Trümmer, schwarzgeraucht vom Brande, während doch schon durch die lande leise geht ein stilles Bau’n“, und die Getreuen sich von Christus sagen lassen: Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert. Das sind die Zeiten des zerstoßenen Rohrs und des glimmenden Dochts, im öffentlichen Leben wie in den einzelnen Seelen.

Wie viel hängt nun dran, wer dies zerstoßene Nohr und den glimmenden Docht in die Hände bekommt! Kommen sie in robe, ungeschickte, selbstsüchtige Hände, übernehmen die Mächte des Materialismus und die aufgeregte Gesellschaftsmasse die Heilung der Zeit dann wehe uns, denn dann wird unter Zank und Geschrei und Blutvergießen das schon zerstoßene Rohr, das unsere dermaligen Zustände darstellt, vollends zerstoßen, gedrückt, gebeugt und zulegt gebrochen, und unter wildem Lärm und Barbarei wird dann der Docht, der die gute Sitte und das Licht der Wahrheit und Bildung in der Nacht der Unwissenheit und Rohheit noch darstellt, und der schon nur noch schwach glimmt, durch ungeschickte Hülfsversuche zerfasert, zerdrückt, ausgeblasen und vollends verlöscht. Es mag nicht mehr viel Rütteln erleiden.

Aber wenn zunächst nur das gelingt, daß alle diese Gefahren nicht eintreten, daß das zerstoßene Rohr nicht zerbrochen und der glimmende Docht nicht ausgelöscht wird: damit wäre schon viel gewonnen. Und wenn vollends ein Geistgesalbter käme, eine geübte sanfte Hand, welche das Rohr aufrichten, schüßen, pflegen, heilen und in kräftiges Wachsthum bringen könnte; wenn Einer käme, der so recht von Gott erwählet wäre als sein Knecht, so recht ein Gottgeliebter, an dem Gott Wohlgefallen hat, so recht ein Friedefürst und Heiland von Gottes Gnaden, zu heilen die zerschlagenen Herzen, zu erquicken die Mühseligen und Beladenen und die unruhigen Seelen zi1 beruhigen, Einer von dem man getroft sagen dürfte: Was er euch saget, das thut, Einer der in aller Demuth sagen könnte: Der Geist des Herrn ist auf mir, derhalben er mich gesalbt hat und gesandt zu heilen die zerstoßenen Herzen, - dann könnte der bang zweifelnde Fromme unserer Zeit getrost sterben, dann könnte der greise Vorfämpfer einer bessern freien Zeit im Frieden fahren, dann könnte unsere Zeit wieder aufathmen und Zutrauen gewinnen auch über bange Tage; denn unsere Augen hätten den Heiland gesehen, welchen Gott bereitet hat allen Völkern. Das wäre ein Heiland, ein Befreier, ein Mensdensohn vou Lieb und Macht. Das wäre der Heiland für unsere Zeit.

Und ist er’s nicht, wo man ihm folgt, dem Menschensohn Jesus Christus von Nazareth ? Ist nicht sein Geist der Geist der Liebe und der Sanftmuth, der Kraft und der Zucht, der einzig mögliche, der einfache, der ersehnte Helfer, zwar verkannt heute wie einst. Ist nicht er's, der das lösende Wort gesprochen und besiegelt hat, das lösende Wort für alle Zeiten und selig bindend für die Ewigkeit: Sind wir nicht Brüder allzumal und haben Einen Vater ? Ist nicht das eben das selige Geheimniß des Evangeliums, daß der Edelste und Heiligste zugleich der demüthigste Rnedit Gottes war und daß sein Geist Alles neu macht, neu vor Alem und freudig das alte liebloje, freudeleere Herz und damit das ganze Leben? Heute wie einst ist es eben eine einfache Glaubenswahrheit: Euch ist der Heiland geboren Christus, der Herr in der Stadt Davids. Heute wie einst überwindet dieser Glaube die Welt: Christus Jesus ist uns von Gott gemacht zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung; die unvergleichlich entwicklungsfähige Frucht des Geistes. Heute wie einst werden je die Weisesten durch den Stern geführt nach Bethlehem. Heute wie einst liegt die Lösung aller schwebenden bangen Fragen, die Erneuerung der Welt, in dem Geist Jesu Christ selig ist wer an seiner Einfachheit nicht Anstoß nimmt, in dem Vielerlei der Zeitströmung, den verwirrenden Dogmen, das Eine was noth ist, findet und festhält. Unserer Zeit Heiland ist Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. lind die Völker werden immer mehr auf seinen Namen hoffen. Wohl jedem, dessen Stürme sich gelegt haben vor dem sanften und mächtigen Worte dieses Mannes ! Wohl uns und unserer Zeit, wenn sie, von blinden Blindenleitern sich abwendend, die schmerzende, aber heilende Hand des Arztes leidend, aufgerichtet wird und sich erneut fühlt an Haupt und Gliedern!

O du selige, o du fröhliche,
Gnadenbringende Weihnachtszeit!
Welt ging verloren, Christ ist geboren,
Freue dich, freue didy, o Christenheit!

G. L.

Gedenket an euere Lehrer!
(Zur Erinnerung an I. G. S cho ch. +)

Letzten Sonntag den 17. Dezember fand in Zürich wieder eine sogen. stille oder Civilbeerdigung statt; eine kleine Anzahl eingeladener Freunde begleiteten, von der Thalstraße aus, einen der tüdtigsten Lehrer, die ich kennen gelernt habe, direkt nach dem Todtenacker auf die Rehalp, an der schönen Kirche vorbei. Diejenigen würden sich sehr täuschen, welche vermuthen wollten, das sei wahrscheinlich wieder ein Religionsfeind und Kirchenverächter, vielleicht gar ein Nihilist gewesen — nein, mit der stillen Be: erdigung dieses Mannes hat es eine andere Bewandtniß. Ich bin mit vielen Hunderten, die jeßt als Kaufleute, Handwerker, Aerzte u. s. w. in aller Herren Länder zerstreut leben, sein Schüler gewesen, und wenn einer derselben dies Gedenkblatt in die Hand bekommt, so wird es ihn an ein bedeutsames Stück seines Jugendlebens in der appenzellischen Kantonsschule,

jenem alten Hause erinnern, das wie eine Arche Noah in der Trogener Niederen liegt.

Joh. Georg Schoch, der still begrabene Mann, übernahm die Direftion dieser Kantonsschule im Jahr 1857, wo sie ziemlich herabgekommen war. Er hatte damals etwas über 40 Jahre und kam von der berühmten Erziehungsanstalt Hofwyl her, wo er 15 Jahre lang des Herrn Emanuel von Fellenberg Schüler, Anstaltslehrer und vertrauter Privatsekretär gewesen. Das war sein Seminar, in weldiem der hochbegabte Jüngling durch Selbstunterricht, lebendigen Verkehr mit hervorragenden Schulmännern und den Söhnen höherer Stände nicht nur eine ungewöhnliche wissenschaftliche Bildung sich aneignete, sondern auch vor Allem aus die seltene Kunst lernte, mit jungen Leuten, namentlid, mit verwöhnten und verbildeten Früchten moderner Kultur richtig umzugehen, sie durch seine mächtige Intelligenz und sittliche Energie aus Weichlichkeit und Verschrobenheit aller Art herauszureißen. Seine Uebernahme der Kantonsschule und des damit. verbundenen Pensionats inaugurirte ein schnelles Gedeihen der Anstalt nach außen und innen, das sie vor ihm nie erlebt und von dem sie nach seinem Weggang ebenso schnell wieder auf das normale Mittelmaß zurücksank. Ich weiß manches Elternhaus diesseits und jenseits des Ozeans und der Alpen, das nie bereuen wird, ihm den Sohn, sehr Häufig ein Sorgenkind der Familie, anvertraut zu haben, denn über der Thür seiner Erziehungsanstalt durfte das Wort stehen, das id, in Arbon über der Hausthür eines Arztes las: Hier wird man gesund!

Mehr freilich als der Kantonsidule kam des Mannes geistige Eigenart der damit verbundenen Erziehungsanstalt zu Gute. Denn jene war in ihrer Entwicklung durch die Kleinheit des Kantons und durch die Kargheit der Mittel natürlich gehemmt, sie hatte Mühe, sich über die bessern Realschulen des Landes wesentlich zu erheben. Immerhin wird es den Einsichtigern unter denen, welche die Schule in den Jahren 1857—75 gefannnt und Hunderten von Männern des Appenzellerlandes unvergessen bleiben, weld einen frischen Lebenshauch die Seele des Direktors seinem Unterricht verlieh. Nidit das, was er uns in Kechnen und Lesen, Geometrie und Englisch lehrte, sondern unendlich vielmehr, wie er uns lehrte, wie er die Trägen aufrüttelte, die Ungelenken in Fluß brachte, die Zuchtlosen bändigte, die Weichlichen hart schmiedete, wie er die Energie weckte und luftreinigend als ein Gewitter alle faulen Dünste unserer geistigen Athinosphäre aus Schulzimmer und Turnhalle und Schlafjaal vertrieb, dieser Geist und Leben weckende, sittlich bebende und veredelnde Einfluß seiner Perjönlichkeit wird Allen unvergeßlich bleiben bis ans Ende der Tage. Er war kein öder Stundenhalter ums Geld, kein bloßer Miethling für Staatsgehalt, in seiner Seele brannte und seinen schmächtigen Leib verzehrte das heilige Feuer eines Lehrers und Erziehers von Gottes Gnaden. Er hat natürlich sein Ziel so wenig wie irgend Jemand an allen Schülern erreicht, aber die von ihn weg in ihr Verderben gingen, werden über seinem Grabe sich sagen: Du hast auch inir helfen wollen, aber ich hab nicht gewollt!

Doch was der Mann an der Kantonsschule nur theilweise erreichte, das wurde die Erziehungsanstalt ganz: sein Werk und das Kind seines

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Geistes. Hier stand ihm die vor kurzem heimgegangene Gattin ebenbürtig zur Seite: ein wundersames Gemisch von außerordentlicher Strenge und grenzenloser Güte, eine Verkörperung des Geistes, den der Apostel einen Geist der Kraft, der Zucht und der Liebe nannte, ohne deren Hingebung das Haus nie seinen guten Namen erworben hätte. Es war ein bescheide nes Haus dort am Schattenhang des Dorfes Trogen, enge Gänge, schmale Treppen, kleine Fenster, buckelige tannene Böden; aber es sind viel moderne, prunkvolle Pensionspaläste, in denen keine Ordnung und keine sittliche Zucht, keine solche Mutterliebe und kein so männlich edler Geist lebt, wie in jenem alten Haus auf dem Niederen Grund. Es muß ja freilich in allen solchen Anstalten mehr oder weniger „nach der Uhr“ gehen, Aufstehen, Essen, Lernen, Spielen, Baden, Schlafengeben; aber so mit Leib und Seele von früh bis spät, von Anfang bis Ende des Jahres selber dabei und mitten drinne stehen werden in solchen Anstalten nicht viele Vorsteher wie „Herr Schoch und Frau Schoch". Sie hat außer an Sonntagen sich kein Buch zu lesen und keinen Brief zu schreiben erlaubt, und vor ihm war den ganzen Tag über, zwischen Aufstehen und Schlafengehen, in und außer dem Haus, auf dem Turnplay und im schattigen Wäldchen kein Mensch kaum eine Viertelstunde sicher. Bald hier und bald dort tauchte die lange schunächtige Gestalt mit dein fliegenden schwarzen Haar auf und fuhr mit gefürchteter Stimme in Alles, was irgendwie nicht in der Ordnung. Lehnte irgendwo Einer mit den Händen in der Tasche berum, fo faßte ihn die Hand des Direktors; hatte sich ein Anderer während den Pausen in den Winkel hinter die Büder gemadít, so segte ihn die gleiche Hand an die frische Luft unter die Menschen; kaum hatte sichy's ein Dritter am heißen Mittag im Schatten recht bequem gemacht, so war der „Lazzaroni“ entdeckt — lebendig, am hellen Licht, in Spiel und Bewegung wollte Schoch die jungen Leute haben. Er selbst hat in seinen vorgerückten Mannesjahren noch wie ein Jüngling in Turnen und Ballspiel den Herrensöhnen es vorgemacyt, was junge Kraft vermögen soll. Dem bequemen, faulen, dunkelmausigen Wesen spürte er nach bis in alle Ecken hinein, er war der Sturmwind und gelegentlich auch ein milder Thau, das allgegenwärtige Gericht in seinem Hause. Es klingt mir noch in den Ohren, wie er überall gegen das Fleisch und die ordinäre Sinnlichkeit“ publice et privatissime predigte, gegen ödes Schwagen, Wirthshausgehen und das in Ost und West so beliebte Jassen; er fegte solche Dinge wie Spinngewebe mit kräftigem Bejen überall weg, er verlangte von seiner Umgebung einen höhern Ton als der gewöhnliche, und unzählige Mal hat er der versammelten Knabenschaar, in der sich manch ein Sohn großer Kaufleute fand, zugedonnert, sie sollten ihm nur keine „Krämerseelen“ werden! Körperliche Strafen fekte es im Jahr höchst selten einmal, und waren sie nur bei besondern Anlässen eine Art „pädagogischen Sakraments“, das Monate lang nachwirkte: aber die gemeinsame Andacht, mit welder jeder Tag anfing und schloß, und die der Mann nur in den seltensten Nothfällen der Frau überließ, wußte alle wichtigern Vorkommenheiten für die ganze Gesellschaft nugbar zu machen. Es waren nur ein paar Bibelsprüche oder kurze religiöje Lieder, die uns vorgelesen wurden, aber die Auswahl derselben richtete sich nach den Tageserlebnissen ein; in

dieser Orgel fehlte kein Register, vom süßen Flötenton bis zum erschütternden Donner. Und mit welcher Gewalt las der Mann vor! Hörst du es nicht heute noch deutlich, mein alter Schulkamerad, wie er am bösen Tag etwa aus den Sprüchen Salomos las: „Gehe hin zur Ameise, du Fauler, siehe ihre Weise an und ferne ! “

Und dieser Mann hat sich die Mitwirkung der Kirche an seinem Grabe verbeten? Ich war anfangs auch erstaunt darüber, denn seine sittliche Strenge steht über allem Zweifel; er war vollkommen unterrichtet über den Segen der Religion für den Einzelnen wie für die Gemeinschaft; unter den zahüosen Büchern, die er mit dem Stift in der Hand und die Stube aufund abwandelnd las, fehlte auch das auf religiösem Gebiet Einschneidende nicht; ich weiß aus vielen intimen Unterhaltungen, wie fern seiner Seele der ordinäre Unglaube, besonders der lärmende war; aber Fühlung mit der glaubenden und anbetenden Gemeinde in politischer und kirchlicher Hinsicht hatte er wenig, ihm erschien, was unter ihm stand, leicht als „Quark“. Er hat, obwohl von Geburt ein Appenzeller, sein Leben lang schriftdeutsch gesprochen, im Dialekt verkehrte er blos mit Hausknechten, Mägben und Bauers leuten. Seine ganze erzieherische Arbeit war. auf Verstand und Willen gerichtet, wobei die Bildung des Gefühls wohl etwas zu kurz kam, es erschien ihm gar zu schnell als Sentimentalität. Er hat sich selbst von unten heraufgearbeitet, war ein self made man und sein Zuruf war unser tägliches Brot: help yourself! Hingegen daß die Kraft, sich zu helfen, selbst wieder Geschenk und Gnade Gottes ist, das mochte sein Herz nicht To lebendig fühlen als Viele. In unsern Betten hörten wir ihn Nachts oft noch stundenlang die Geige spielen, und er spielte, wie sein ganzes Weseu war, vou Feuer, aber er spielte für sich, nie für uns! Selbst wenn er beim Becher Wein saß und gemüthlich aufthaute, wollte er guten Wein und gewählte Gesellschaft, denn auch bei solchen Anlässen zog er gern irgend eine geistreiche Schrift aus der Tasche und las daraus vor. Es gibt wenig Schuťehrer oder Pfarrer, die mehr und Besseres lasen als er; „Del in seine Lampe gießen“ nannte er das; aber von den massenhaften wissenschaftlichen Werken, die er in allen modernen Sprachen verschlang, ist der Gemeinschaft durch seine eigene sdhriftstellerische Arbeit fast nichts zu Gute gekommen. Er war gewissermaßen ein Aristokrat des Geistes und der Bildung und damit stimmt überein, wie er seine Forderung einer stillen Beerdigung begründet hat: „ich will nicht, daß jeder Beliebige hinter meinem Sarg ter gehe und Theilnahme heuchle, die er nicht empfindet

, sie schwaßen doch gewöhnlich nur dummes Zeug mit dem Nachbar.“ So war er. Das Recht, auf seine eigene Façon selig zu werden, er hat es Andern gegönnt, gönnen wir es ihm auch. Ich sah ihn, nachdem er an seinem 68. Geburtstag das Leben ausgehaucht, auf seinem Todbett liegen, noch im Tode jugendlich. Ich konnte es dem Lebenden leider nicht mehr, nur noch dem Todten fagen: du hast Vielen Gutes gethan und mich hast du aus dein Staube gezogen! Gott vergelte es dir !

Es wäre nicht nach seinem Sinn, über ihm ein einzig Wort der Klage um ihn anzuheben. Was er von uns verlangt, ist, daß wir ihm an Geistes

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