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Im Uebrigen ist es allerdings wahr, daß unsere Schwestern für eine besondere, seelsorgerliche Thätigkeit in unserer Anstalt nicht instruirt werden. Wir überlassen das dem Taft, dem Gefühl und Glaubensstand der Schwester, in welch' lepteren wir uns keine Eingriffe erlauben. Wir überlasjen es ferner den betreffenden Gemeindepflegern, beziehungsweise Predigern, unter denen sie thätig sind, ihnen in dieser Beziehung besondere Anweisung 311 geben. Was wir unsern Schwestern hierüber zu sagen haben und worauf wir sie verpflichten, das fasse ich in folgende drei Grundsätze zusammen.

Erstens: jede ridytige Krankenpflege ist zugleich direkt oder indirekt auch eine Seelenpflege, eine Art von Seelsorge. Mit andern Worten : jede richtige Art von Pflege wird auch auf das Gemüth, die Seele des Franken und seiner Umgebung einen beruhigenden, stärkenden, erheiternden Einfluß ausüben. Wir behandeln ja selbstverständlich die Menschen nicht wie ein Stück Viel, sondern als ein beseeltes, mit Gemüthsbedürfnissen, Seelenkräften, Willensregungen ausgestattetes Wejen; ohne direkten Appell an dieje seelische Natur des Menschen, ohne Zuspruch, Ermunterung, Tadel kann weder der Arzt, noch die Schwester, und diese noch weniger als jener ihr Amt verwalten. Eine Schwester, die nicht in dem angedeuteten Sinne auch für die Seele des Kranken sorgt, ist weder eine Schwester, noch eine Krankenpflegerin.

In manchen Fällen wird die Schwester den Eindruck haben, daß ihr Wort und Zuspruch nicht ausreicht, um bei dem Kranken die beruhigende und besjernde, fein Seelenleben läuternde und kräftigende Wirkung zu erzielen, welche wünschenswerth ist, sei’s zur Genesung, sei's zum Sterben ihres Pflegebefohlenen. In diesem Falle wird sie gern zum Seelsorger ihre Zuflucht nehmen. Für diesen Fall gilt der zweite Grundsatz, den wir unsern Schwestern einschärfen, obgleich derselbe beinahe selbstverständlich sein sollte:

Wenn der Kranke des Seeljorgers bedarf und nach ihm verlangt, so hast du nicht deinen Seelsorger zu veranlassen, ihn zu besuchen, sondern den seinigen ; der Kranke hat sich nicht nach deinem Standpunkt, nach deinen Sympathien und Antipathien zu richten, sondern du nach den seinigen.

„Heute Morgen“, so schrieb eine Schwester in ihr Tagebuch, „ging ich traurig an meine Arbeit. Eindrücke von. Unfriede und Streit waren vom gestrigen Tage in meiner Seele geblieben; es arbeitet sid, immer schlecht ohne Freude im Herzen. Mein lieber Vers: „Was hier kranket, seufzt und fleht, wird dort frisch und herrlich gehen“, wie oft richte ich inich an dir auf, wenn ich hier nur Armuth und Gebrechen sehe, Gebrechen an Körper und Seele! Heute hatte ich eine schöne Freude.

Vor einigen Tagen besuchte ich zum ersten Mal den Arbeiter R., ich fand ihn schwer krank und in traurigster Lage. Ein schmußiges, feuchtes Zimmer, schlecht gemacytes Bett; er selbst mit einer alten, grob wollenen, Joppe bekleidet, mit Schweiß bedeckt, in schwerer Athemnoth, Druckwunden am Kreuz, die ihn schmerzten. Seine schmutzige Frau sah ziemlich gutmüthig aus, klagte aber laut über die Last, die der Kranke ihr madhe. Am schmuzigen Tisch jaß ein Beamter, der ein Protokol über einen „nuzlojen Pfändungsbefehl“ aufnahm. Hier war für mich keine Arbeit, denn die

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gesunde Frau war da, die den Mann betten, das Zimmer reinigen konnte. Ich machte sie darauf aufmerksam, daß sie beides thun und für frische Luft sorgen müsse. Ich besorgte dem Kranken ein reines Betttuch, weiße reine Hemden, vor denen die abscheuliche, wollene Joppe verschwinden mußte, Pflaster für die Wunden, ein Luftkissen, Milch, Fruchtfaft und Fleischbrühe.

„Bei einem nächsten Besuch lag der Kranke viel behaglicher da und ich wurde freundlid von ihm als „liebe Schwester“ begrüßt. Als ich sah, daß er Vertrauen zu mir gefaßt, fragte id) ihn, wie er über die Art seines Leidens denke und ob er auf Besserung hoffe ? Er sagte, daß er wenig Hoffnung habe. Womit trösten Sie sich denn im Leiden und Sterben ? fragte idihn. „Ich

el höre gern Gottes Wort“, – antwortete er, - aber leider bin ich selten zur Kirche gegangen; ich hatte keinen schwarzen Rock anzuziehen, nun mag meine Frau den Pastoren gar nicht bitten, zu kominen, id bin katholisch.“

„Nach Hause gekommen, schrieb ich an den betreffenden Prediger, daß ein Glieb seiner Gemeinde zum Tode krant darniederliege und nach den Tröstungen seiner Religion sich sehne. . .

„Und nun kommt meine Freude : als ich heute Morgen die Kellerwohnung meines armen Kranken betrat, war dieselbe festlich schön. Auf dem weiß bedeckten Tisch stand das Kruzifir zwischen zwei Lichtern, der Geistliche stand am Bett und grüßte mich mit den Worten: „Ich danke Ihnen, daß Sie mir geschrieben; die Augen des Leidenden aber strahlten vor Freude.

„Hier hatte ich wenig oder nichts gethan und doch große; innere Befriedigung geerntet. Gott helfe mir, daß ich lerne, meinen leidenden Mitmenschen treu und eifrig zu dienen!

» Zwei Tage später sah ich meinen Kranken zum letzten Mal – im Sarge !"

Hat die Schwester in diesem Falle korrekt gehandelt ? Ich denke : ja; ich glaube, sie würde ihrem Vorgehen analog gehandelt haben, wenn der Sterbende ein Israelit, ein Lutheraner oder ein Freidenfer gewesen wäre. In jedem Falle wird sie aber auch den Grundsag beherzigen, welcher die Ergänzung des vorhergehenden ist:

Nufe feinen Geistlichen herbei ohne oder gegen den Wunsch des Kranken oder seiner Angehörigen. Du würdest ihn dadurch nur aufregen, und deine Pflicht ist es, jede Aufregung und Beängstigung des Kranken zu vermeiden. Aerzte denken in dieser Beziehung in der Regel anders, als Pastoren. Die Schwester, als Mittlerin zwischen beiden, wird bei einigem Taft leicht das Nichtige treffen, und der Geistliche ebenso, wenn er kein unverständiger Eiferer ist.

Anser Glaube. Es will nie Alles flappen auf dieser Welt. Jung hat man gute Bähne, aber nichts zu beißen; älter geworden hätte man wohl zu beißen, aber nun fehlen die Zähne. Während die Leidenschaft zu Thaten drängt, fehlt uns das Recht dazu; später haben wir das Recht, aber dann ist die Leideuschaft entflohen. Der verstorbene Bißius sagte einmal: Und wenn die Orgel gut wäre, so ist der Organist schlecht. Wer auf ein längeres Leben zurückschaut, wird bestätigen, daß dem so ist. Die Orgel ist bato heiser, die Zeitlage gedrückt, aber des Fatalste sind die schlechten Organisten, sind wir Menschen selber. Wir befinden uns mitten in einer stark rückläufigen Bewegung, weg vom Ideale, dem Fleisch und der massiven Sinnlichkeit zu, und das auf allen Gebieten. Den Ton gibt die Kirche an, in welcher das Streben nach sinnlichen Effekten, schnellen Bekehrungen, Blut- und Wundertheologie sich stark bemerkbar macht. Ein Echo dieser religiösen Verwilderung ist die Politik mit ihrem Rückwärtsdrängen zu überlebten Formen, zu Zunft und Zopf, Prügel- und Todesstrafe. Ein ähnliches Echo ist spürbar auf dem Boden der Kunst; davon kann man sich in jedem Musiksaal überzeugen, wo Einfachheit und Tiefe der Melodie bescheidenen Applaus ernten, dagegen fabelhafte Technik und das sinnenaufregende Chanson-Genre des Entzückens, besonders auf dem hohen Balkon, ganz sicher sind; ebendas bezeugt auch ein Besuch bedeutender Gemäldegallerien, in denen das möglichst derb gemalte Fleisch, Folterscenen und allerhand blutrothe Schauerlichkeiten über das still und einfach Schöne triumphiren. Und vollends in der Literatur herrscht eine große Furcht vor Gedanken, die Vorliebe für möglichst realistische Schilderungen des Lebens, wie es ist, voraus seiner Nachtseiten. Die Menschen sind aufgeregt, ihre Nerven überreizt, es ist ihnen bald nichts mehr „starf“ genug. Renner der Geschichte wollen in all Dem Anzeichen grober, gewaltsamer, blutiger Lösungen der großen Fragen unserer Zeit sehen, es seien Vorübungen des sich unbehaglich fühlenden Menschengeschlechts zu einer Tragödie, wie die vor bald hundert Jahren in Paris begonnene eine gewesen ist.

Ich weiß nicht, ob sie Recht behalten. Aber soviel merkt auch der einfachste Verstand: es kann nicht lange mehr so gehen, wie es jezt ist. Die Wasser der Noth dürfen nicht mehr viel höher steigen, so wird der Zustand von Hunderttausenden unerträglich, und dann müssen Entscheidungen kommen, die zuerst das Uebel zu vermehren scheinen, aber das Heilmittel wenigstens verborgen in sich tragen. Dieses Heilmittel suchen wir in nichts anderem als in einem recht verstandenen Christenthum, ob man ihm auch vielleicht einen andern Namen geben mag. In der nie ganz er: gründeten Wahrheit, daß wir Menschen Kinder Gottes und unter einander Brüder sind, in dieser durch das Leben und Sterben Jesu der Menschheit unverlierbar eingepflanzten, in seiner Person verwirklichten Wahrheit erblicken wir den Heiland, der da war und ist und kommt, die Wahrheit, deren organisches Wachsthum die bisherige Geschichte des Menschengeschlechts darstellt, die Wahrheit, welche durch alle Revolutionen vergangener Zeiten nur immer deutlicher geworden ist, und die aus allen Kämpfen und Stärinen der Gegenwart und Zukunft nur immer leuchtender hervorgehen kann, die, To wahr Gott ist, nie Lügen gestraft, sondern immer nur leuchtender in Erfüllung gehen wird. Dieser Glaube ist der Fels, auf dein wir stehen, das Zelt, unter dem wir ruhen, das Schwert, mit dem wir kämpfen, und der Friede, in dem wir Alles überwinden.

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Zwingli's Tod und dessen Beurtheilung durch Zeitgenossen, von A. Eridion, Direktor des theologischen Studienstifts in Straßburg. Am 1. Januar 1884 werden es 400 Jahre, seit Zwingli in der Hütte zu Wildhaus geboren worden ist und am 11. Oktober 1881 waren es 350 Jahre, seit der Held auf dem Feld bei Cappel fiel und die Katholiken in ihrer Wuth den Leichnam des Edeln geschändet haben. Es gab damals keine Zeitungen, welche das verhängnißvolle Ereigniß den Zeitgenossen mitgetheilt hätten. Aber in zahlreichen, meist noch ungedruckten lateinisden und deutsdien Briefen von Freunden und Feinden Zwingli's findet sich ihre namenlose Bestürzung und ihr Schmerz oder auch ihre Schadenfreude lebendig ausgesprochen. Auszüge aus solchen Briefen bietet der liebe Verfasser in der angezeigten Schrift, außerordentlich fleißig ind schön zu einem Ganzen verwoben. Wir möchten jedem Leser anempehlen, sich diese Schrift“ zu verschaffen. Sie ist ein spredjender Beleg für Zwingli's Größe, der an evangelischer Freisinnigkeit, an Klarheit und Einsicht die übrigen Mitarbeiter am Reformationswerk überragte, wie die Berge seines Vaterlandes die Höhen der übrigen Länder". Die Schrift weckt zwar auch wehmüthige Gefühle, weil sie die Gemeinheit offenbart, mit welder katholische Zeitgenossen und stellenweise auch der leidenschaftliche Luther das unglückliche Ende Zwingli’s beurtheilen. Aber dann freut es uns wieder hoch, daß ein elsässischer Pfarrer der lutherischen Kirche unserm Sdweizer geredyt wird, ja dem Heldenmann pietätsvolle Begeisterung weiht. Shm sagen wir herzlichen Dank für seine schöne Gabe !

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Danksagung. Seit vielen Jahren besteht in Bajel ein Frauenverein, der außerordentlich segensreich wirkt, besonders durch Verabreichung von Krankenkost, Anstellung von wackern Krankensdywestern und namhafte Beiträge an die freiwillige Armenpflege für Spital und Landaufenthalt. Zur Seite dieses ältern Vereins sind in allen vier Kirchgemeinden junge Frauenvereine getreten, die besonders für Ausstattung der Armen mit Kleidungsstücken arbeiten. Diese vier Vereine haben über Weihnachten ihre Bescheerungen abgehalten, wobei im Münster 80, zu St. Peter 80, zu St. Theodor 115 und zu St. Leonhard 267 Angemeldete, , ohne Unterschied der Ridytung, bedacht worden sind. Allen Gebern herzlichen Dank und den Empfängern Gottes Segen zu der kleinen Gabe ! Basler Kirchenzeddel Sonntag den 31. Dezember. Münster St. Peter St. Leonhard

St. Theodor Morgenpredigt 9 Uhr | Stocmeyer Miville Brändli Arnold Kinderlehre

JE&lin 11

A. Linder ( Wirth

Altherr Th), Barth Abendpredigt 5

Preiswerk Böhringer Roth
Abends
6

E. Linder
Neujahrstag 1883.
Morgenpredigt 9 Uhr | Stockmeyer Miville Altherr Barth
Abendpredigt 3 Wirth

A. Linder Brändli

A. Wenger Dru& und Erpedition von §. Frehner, Steinenvorstadt 12, Basel.

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