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worbene, neue, wahrere und der frommen Betrachtung keineswegs unzugängliche Weltansicht zu verleugnen? Ist doch der Stifter unserer Religion felbst, so viel wir wissen, der Wundersucht seiner Zeitgenossen viel mehr entgegengetreten, als willfährig gewesen. Sein Evangelium lautete: Thut Buße, ändert euren Sinn, das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Vom Wechsel der Weltbilder, welcher ja auch mit heute noch nicht abgeschlossen ist, ist dieses Evangelium der religiö8-fittlichen Menschenerneuerung wirklich unabhängig.

Die Feindseligkeit, mit welcher die herrschende Kirche fast durchgängig der unabhängigen Naturforschung und der Verbreitung ihrer Resultate im Volt entgegengetreten ist, war also in der Sache nicht begründet und hat thatsächlich nur Vorurtheil und Groll auch auf der andern Seite geweckt. Die ganze antikirchliche Wissenschaft der Gegenwart hat aus diesem Fehler der Kirche Nahrung gesogen, der Materialismus, der Bessimismus und was der verwandten Strömungen mehr sind. Wir Ade wissen, wie tiefe und umfassende Wurzeln diese Lehren im Bewußtsein des Volkes geschlagen haben. Und doch scheinen sich auch hier tröstliche Aussichten zu eröffnen. Kommt doch mehr als ein Bekenntniß von den früheren Vorkämpfern des materialistischen Gedankens und legt Zeugniß dafür ab, daß sich ein Umschwung vorbereitet, wo nicht schon vollzogen hat (Vgl. S.24—27). Das tiefere Eindringen in die Natur, speziell in die Bedingungen des organischen Lebens hat zu dem Gegentheil der erwarteten Resultate geführt; man verzweifelt daran, die Welt jemals aus Kraft und Stoff allein zu erklären*, und mehr als das: man fängt an, auch die Religion wieder als ein berechtigtes Gebiet menschlichen Geisteslebens anzuerkennen. Sehr überzeugend scheint dem Verfasser ein Wort, welches erst kürzlich an der Hamburger Chemiker-Versammlung (5. September 1881) von berufener Seite gesprochen wurde:

„Es nehme die Naturwissenschaft von der Religion ihren Gott und glaube nicht, ihn durch sich selbst erseßen zu können, und die Religion sträube fich nicht dagegen, in ihre Darstellung das von der Naturforschung erklärte Weltgesetz anfzunehmen, so werden Religion und Naturforschung nicht mehr entgegengesetzt sein, sondern verschiedene Seiten einer tiefen und organischen Weltansicht, und die Religion wird nicht mehr nöthig haben, die Vernunft unter den Glauben gefangen zu nehmen, weil das Glauben zum Schauen geworden und die Vernunft sich gebunden hat.“ Es ist ja nicht das erste Mal, daß die Zeit große Umbildungen des religiösen Denkens von der

*) Verfaffer verweilt befouders bei Duboi 8-Reymond's įlingst erschienener Schrift über „die steben Welträthsel“ und bei Ernst Hädel's Lehre von den beseelten Atomen.

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christlichen Welt fordert. Wenn aber die unversieglichen Lebensmächte des Christenthums sich noch jedesmal behauptet haben gegen Kampf und Zweifelsnoth und aus den Zeiten vermeintlicher Gefahren nie ohne einen neuen Zuwachs von Recht und freudiger Zuversicht hervorgegangen sind, so dürfen wir hoffen, daß auch der gegenwärtige Streit zu gutem und segensreichem Ende führen werde: zu einer friedlichen und fruchtbaren Durchdringung der heut noch feindlichen Gegensäße Christenthum und moderne Weltanschauung.

Fürwahr eine schöne, lohnende Aussicht, aber noch ist der Weg weit. Und fast will es uns bedünken, als halte der Verfasser diese Aufgabe unserer Zeit und die Ansiedlung des religiösen Bedürfnisses im Sinn der neuen Weltanschauung für leichter, als sie ist.

Noch mancher Stein liegt im Weg, noch frostig sieht es aus zwischen den kahlen Grundmauern, und noch viel beste Arbeit des Kopfes und Herzens ist von Nöthen, - wir nennen z. B. nur das Gebiet des Vorsehungsglaubens, — damit es dem Menschengemüth wieder warm und wohnlich werde, wie in der alten Heimat.

Desto beherzigenswerther ist des Verfassers Mahnwort an alle christlich Liberalen, daß sie dem Werk nicht fern bleiben und zugleich weiter kämpfen um Existenz und Gleichberechtigung in der christlichen Kirche. Hoffnungslos scheint uns dieser Kampf trokdem und alledem nicht. Selbst auch die Rechtgläubigsten unter unsern Gegnern sind ja doch auch in ihrem eigenen inneren Leben nicht ganz unberührt geblieben vom Andrängen der neuen Erkenntnisse. Auch äußerlich schon ist mancher Fußbreit vom alten Glaubensbestand preisgegeben, ohne daß irgend Jemand von einer Schwächung der religiösen Straft des alten Glaubens reden darf. Menschen, welche um der „Bibelgläubigkeit“ willen die Bibel auch für ein Gesegbuch naturwissenschaftlicher Wahrheit halten, gehören und das ist eine sehr tröstliche Thatsache — doch auch unter den Positivsten der Positiven zu den seltenen Vögeln.

Bilder aus dem deutschen Kirchenleben.

1. 3n der Provinz Brandenburg wurde inter dem Vorsig des Generalsuperintendenten Dr. Mögel eine Kirchen- und Schulvisitation abgehalten. In hergebrachter Weise wurden in einem Orte die Hausväter und Hausmütter um einen Altar versammelt. Dann wurden sie einzeln gefragt, ob

fie beten, täglich beteten, stündlich beteten. Jede Frage mußte beantwortet werden, und so mußte Feder vor allen Umstehenden das innerste Heiligthum seines Herzens erschließen und seine Stellung zu Gott öffentlich bloßlegen. Wahrlich, solcher Zumuthung gegenüber muß man die katholische Ohrenbeichte noch zart nennen.

(Preuß. Lehrer-Ztg.) 2. Ein Mann, der Bibeln und Traktätchen verkauft, kommt in ein Bauernhaus. Es hat soeben, nach langer Dürre, angefangen zu regnen. Kaum auf seinem Plaß in der Stube, frägt der Rolporteur die Hausfrau, ob sie anch dem lieben Gott für den Regen gedankt habe. Die verdugte Hausfrau frägt: Wer sind Sie denn eigentlich ? Habe ich Sie darnach gefragt? Wie darauf der Frömmler über den Hochmutheteufel anfängt, fagt die resolute Frau zu ihm: „Sehen Sie einmal, wir halten es so. Freunden zeigen wir Riften und Rasten, Bekannten das Haus, Gott das Herz, und aufdringlichen Fremden, wie Sie einer sind, die Thür!“ Zur Nachahmung empfohlen.

(Evang. Gemeindebote.) 3. Die orthodore lutherische Kirchenzeitung in Leipzig fordert in jüngster Zeit ihre Anhänger zu Gebeten für die Kirche auf. Es steht diesen Leuten, welche die gute evangelische Kirche mit ihrem katholischen Glaubenszwang immer ärger verwüsten, wirklich gut an, für das Opfer ihres geistlichen Understandes zu beten. Dabei berufen sie sich auf ein Wort Martin Luther'8, das dem Aberglauben des Mittelalters zu verzeihen, heute aber entweder Dummheit oder Heuchelei ist, und sagen: „Der Christ ist vor Gott höher geachtet, als die ganze Welt, daß Gott der Welt um seinetwillen Alles gibt und erhält, was sie hat, daß, wo nicht Christen wären, fo hätte keine Stadt noch land Friede, ja es würde auf einen Tag, was auf Erden ist, Alles durch den Teufel verderbt werden. Daß aber noch Rorn auf dem Felde wächst und die Leute genesen, ihre Nahrung, Friede und Schuß haben, das haben sie Ables den Christen zu danken.“ (Deutsch. Protest.-BI.)

4. An die Katharinenkirche zu Osnabrück wurde vor zehn Jahren ein liberaler Pfarrer gewählt, aber von der firchlichen Oberbehörde in’8 Glaubensgericht genommen und seine Wahl als ungültig erklärt. Zehn Jahre lang hat die Gemeinde den Nothstand gelitten und um ihr Wahlrecht tapfer gekämpft. Vor Ostern soll nun die Neuwahl stattfinden aus vierzehn meist orthodoxen Kandidaten, die sich gemeldet haben. Wählt die Gemeinde, der langen Quälereien müde, orthodor, so wird man die frühere Wahl als ein leeres Strohfeuer erklären und jubeln. Wählt sie liberal, so wird die Haße von Neuem losgehen und der Gewählte wieder nicht bestätigt werden. So behandeln die Gläubigen, wo sie in der Macht sitzen, das Recht der Gemeinde. Die Intoleranz gehört zu ihrem Wesen; sie sind rührig und eifrig auf ihren Vortheil bedacht, rücksichtslos bis zum Aeußersten und klug, wie die Kinder der Welt, wissen sie die Gunst der staatlichen Gewalt auszubeuten. Man muß sie schließlich fast den Besuiten an die Seite stellen und darunter schreiben: „Was sich gleicht, das findt sich wieder, wenn'& fich sonst auch gründlich haßt, weil der Bruder ihm zuwider, der, wie er das Wort nicht faßt.“ Aber der viel schwerere Vorwurf trifft die ungeheure Mehrzahl jener deutschen Männer, welche, weil sie die Religion lediglich als Privatsache ansehen, vom kirchlichen Leben die Hand abgezogen und in unseliger Verblendung durch Gleichgültigkeit und Trägheit die Macht in Hände gelangen ließen, deren Alleinherrschaft immer verhängnißvoller zu werden droht für den Bestand der evangelischen Kirche !"

(Deutsch. Brotbl.) Während Hofprediger Stöcker im ganzen Lande herumreisen darf mit seinen agitatorischen Vorträgen hat der Kultusminister den liberalen Pastoren Kühl und Wolff das Halten von Vorträgen in öffentlichen Versammlungen untersagt. Daß hier mit ungleicher Elle gemessen wird, ist für Federmann mit Händen zu greifen. Und doch ist das preußische Abgeordnetenhaus über die Beschwerde der Gemaßregelten zur Tagesordnung übergegangen. Als Vorwand diente, es sei eine innerkirchliche Angelegenheit, und der Antrag auf Abweisung kam von einem jener Nationalliberalen, welche in ihrer aufgeklärten Gleichgültigkeit die Kirche den Fanatikern preisgeben, wie einst Pilatus Jesum der Pharisäerschaft.

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Zürich. Das vom Verein für freies Christenthum ausgegangene Projekt, in Hier eine Bildungsanstalt für Krankenpflegerinnen zu errichten, geht nun, nachdem die vielen und schwierigen Vorarbeiten bis zu einem gewissen Punkte erledigt sind, rasch seiner Verwirklichung entgegen. Die bisher geflossenen freiwilligen Beiträge haben die Summe von einhunderttausend Franken schon bedeutend überschritten und noch ist die Sammlung bei Weitem lange nicht beendigt, ja in einem großen Theil del Rts. Zürich und in der Ostschweiz erst begonnen worden. Es darf mit ziemlicher Sicherheit darauf gerechnet werden, daß bis zum 1. Juli, auf welchen Zeitpunkt die Eröffnung der Anstalt in Aussicht genommen wird, die finanzielle Grundlage derselben vorderhand eine verhältnißmäßig gesicherte sein werde. Die definitive Erwerbung geeigneter Lokalitäten steht nahe bevor, eine tüchtige Oberin ist gewählt, und ehe noch eine bezügliche öffentliche Ausschreibung stattfand, haben sich bereits manche, für den Beruf von Krankenpflegerinnen begeisterte und sehr geeignet erscheinende Persönlichkeiten gemeldet. So steht zu hoffen, daß das unternommene Wert, welches sich, und gewiß mit Recht, vieler und immer wachsender Sympathien erfreut, bald zu Nuß und Frommen unseres Volkes seine segensreiche Wirksamkeit beginnen werden könne.

Drud und Erpebition: Vereinsbuchbruderet, Spalenvorstadt 3, Basel.

Fünfter Jahrgang.

N. 10. Samstag, 11. März 1882.

Schweizerisches Proteftantenblatt

Hera u$ geber:
Pfr. 2. Altherr u. Þfr. 6. Jinder in Basel, Pfr. Bion in Zürich.

Wir sollen nur nicht in Sinn nehmen, daß der heilige Geist gebunden sei an Jerusalem, Rom, Wittenberg oder Basel, an deine oder eine andere Person. In Christo allein ist die Fülle der Gnade und Wahrheit.

Decolampad an Suther.

Erscheint jeden Samstag. Man abonnirt auf jedem Postamt der Schweiz und des Aus. landes. Preis per Vierteljahr franko zugesandt 1 fr. Wer das Blatt in Basel gratis erhalten will, kann dasselbe in der Vereinsbuchdruđerei, Spalen 3, abholen.

Zur Erinnerung an Desor.

II.

Bei den Vorträgen, welche der firchlich-liberale Verein in Neuenburg veranstaltete, bildete Desor'8 gastliches þaus das Absteigequartier der oft weither berufenen Redner, ,was mich“, sagt Desor, „natürlich nicht sehr be: liebt machte unter den vornehmen, aber mir dafür im Schweizerland viel Sympathie eintrug." Er war in der wichtigen Zeit der Revisionsarbeiten Präsident des schweizerischen Ständerathes und schreibt den 6. April 1873 an Frau Parker: „Es ist eine Eigenthümlichkeit unserer kleinen Republik, daß ein Mann von einigem guten Willen und freier Zeit sehr bald mit Arbeit überladen wird. Es ist mir aber lieber zu viel, als zu wenig. Ich vergesse darüber niemals die glüclichen Tage, in denen ich Ihre und Barker$ Gesellschaft genoß und mich an seinem edlen Lebenswerk erfreute. Nie werde ich den Segen vergessen, den ich aus seinem Umgang gezogen, und die religiösen Reformen hier zu land weden mir besonders lebhaft die Erinnerung an ihn. Es ist mir nicht bekannt, wie man in den Vereinigten Staaten über ihn und sein Werk denkt, aber in unsern kirchlichen Kämpfen ist er der Führer, dem wir folgen. Mehr als einer unserer unitarischen Prediger kennt kein höheres Ziel, als in seinen Fußstapfen zu wandeln. Vor Allem lang in Zürich, das geistige Haupt der schweizerischen Kirchenreform, stellt ihn fast auf eine Linie mit den Bropheten. Ich hatte vor einigen Tagen das Glüd, Fräulein Carpenter kennen zu lernen, eine edle Seele, die, ebenfalls von Parker angeregt, sich trop threr fiebenzig Jahre

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