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Fünfter Jahrgang.

Ne 12. Samstag, 25. März 1882.

Schweizerisches Proteflantenblatt

Herausgeber:
Pfr. 2. Altherr u. Pfr. E. Jinder in Basel, Pfr. Biou in Zürich.

Wir sollen nur nicht in Sinn nehmen, daß der heilige Geist gebunden sei an Jerusalem, Nom, Wittenberg oder Basel, an deine oder eine andere Person. In Christo allein ist die Fülle der Gnade und Wahrheit.

Decolampad an Suther.

Erscheint jeden Samstag. Man abonnirt auf jedem Postamt der Schweiz und des Auslander. Preis per Vierteljahr franko zugesandt 1 Fr. Wer das Blatt in Basel gratis erhalten will, kann dasselbe in der Vereinsbuddruderei, Spalen 3, abholen.

Zwei Gräber.

In einem alten, schönen Liede heißt es:

Mein Gott, ich weiß nicht, wie ich sterbe,
Dieweil der Tod viel Wege hält;
Dem Einen wird das Scheiden herbe,
Sanft geht ein And'rer aus der Welt,
Doch, wie du willst! Gib nur dabei,
Daß ich wohl zubereitet sei!

Lebhaft haben mich die legten Tage an diese Worte erinnert. Ich ließ mir erzählen von einer unlängst verstorbenen, hochbetagten und hochverehrten Mutter und Großmutter. Zu Ehren ihres achtzigsten Geburtstages war ein Familienfest angeordnet, zu welchem eine Anzahl älterer und jüngerer Hausfreunde geladen war. Feder derselben trug in gebundener oder ungebundener Rede das Seinige bei, um die Gefeierte zu ehren, und aus Aller Munde floß die Hochachtung vor dem nach vielen glüdlichen, arbeitsvollen und auch schmerzensreichen Jahren errungenen, friedlichen und glücklichen Alter. Vier der Enkelkinder traten vor die greise Großmutter hin, in sinniger Weise kostümirt und die vier Jahreszeiten darstellend, von denen jede der Jubilarin ihre Gabe bringt; es war ein Tag, wo sich erfüllt, was in der Schrift vom tugendsamen Weibe gesagt ist: „Ihre Söhne kommen empor und preisen sie selig. Sie wird gerühmt werden von den Früchten ihrer Hände ; und ihre Werke werden sie loben in den Thoren.“ Kurze Zeit nach diesem freudigen Familienfest sammelte fich derselbe Kreis wieder, und dies Mal um die Reiche der Greisin. Ein leichter Tod hatte sie hinweggeführt aus dem Lande der Lebendigen; alt und lebenssatt war sie eingeschlafen, wie das Kind, das nach des Tages Arbeit und Spiel seine Ruhe findet. Solch' ein Tod erscheint uns natürlich, schön und friedvol.

Dieser Tage stand ich am Grabe einer früh vollendeten Freundin; auf den Herzen aller Leiðtragenden lag daß drückende Gefühl eines unerwartet hereingebrochenen Schrednisses. Die Verstorbene hatte sich seiner Zeit aus einfachen, ländlichen Verhältnissen heraus mit seltenem Eifer zur geachteten Stellung einer Sekundarlehrerin emporgearbeitet und es durch ihre Pflichttreue so weit gebracht, daß sie in ihrer Gemeinde als nahezu unentbehrlich galt in den verschiedensten Angelegenheiten. Wer sie näger kannte, mußte sie hochschätzen um ihrer idealen Geistesrichtung und des Verständnisses und der Begeisterung willen, mit der sie die speziellen Fragen ihres Berufs, sowie die allgemeinen Fragen, die die Zeit bewegen, aufzufassen und zu beurtheilen verstand. Aber mitten in die schönste Wirksamkeit hinein kam der unerbittliche Tod. Und wie? Bei der Operation eines diphtheritiskranken Kinde8, zu der sie auß theilnehmender Liebe ihre Hilfe zugefágt hatte, 30g sie sich eine Blutvergiftung zu. Eine kleine, sonst nicht beachtenswerthe Wunde an der Hand kam mit dem, bei der Operation entfernten Krankheitsstoff in Berührung und diese kleinste aller Ursachen genügte, um die hingebende Martha auf'8 Todbett zu werfen. Und all die herrlichen Geistesgaben, und aller fröhliche Humor, und aller hochstrebende Idealismus, und Atles, was sich in der noch jugendlichen Seele regte und sich noch zur segensreichen That hätte entfalten können, versank in die Nacht des Körper- und Geistesleidens, das schließlich nach mehrwöchentlicher Dauer sein Ende in der einsamen Zelle des Frrenhauses fand !

Mein Gott, ich weiß nicht, wie ich sterbe,

Dieweil der Tod viel Wege hält ! Es liegt nun einmal im Menschengemüth, auf folche Erlebnisse hin zu fragen: Warum? Warum dort der sanfte Tod nach wohlvollbrachtem, reichlich ausgemessenem Tagewerf, und warum hier der schrille, schreckliche Abbruch einer eben so hohen und edlen Wirksamkeit? Die Frage nach dem „Warum“ ist dem menschlichen Geiste eingepflanzt, sie ist der natürliche Ausdruck des Wissenstriebes, das Bedürfniß, sich mit dem ewigen Urgrund aller Dinge in's Einverständniß zu feßen; nur darin fehlen wir, daß wir die Antwort auf diese Frage aus Aberglauben oder aus Bequemlichkeit ganz anderswo suchen, als da, wo sie liegt.

Es ist eine oft gehörte Phrase, die sich bei solchen Anlässen besonders gerne breit macht: „Wir stehen hier vor einem dunkeln Räthsel, welches zu lösen wir nicht im Stande sind.“ Das ist aber, beim Lichte betrachtet, wirklich nicht viel mehr als eine Phrase. Denn warum in dem einen wie in dem andern der oben angeführten Fälle der Tod eintrat, ist kein Räthsel, sondern eine sehr deutliche Sache: Dort die natürliche Altersschwäche, hier die allerdings feltene, aber darum nicht minder natürliche und begreifliche Blutvergiftung.

Viel besser ist die religiöse Sprachweise, welche einfach sagt, Gott hat es so gewollt. Aber nun stellt sich sofort der herkömmliche Gottesbegriff ein und fragt eben: Warum hier so und dort anders ? Weil er meint, Gottes Walten müsse nach einer Schablone bemessen werden können und müsse begreifbar und genau so weit erkennbar sein, als der Mensch es in seinem Belieben findet. 3a, gewiß ist es Gottes Wille, was geschieht, aber dieser Wille ist so anders und so viel höher, als der unsere, daß wir eben nicht staunen und nicht zweifeln dürfen, wenn er von dem unsern abweicht. Zu seinem Willen gehört eben auch das Gefeß, daß kein Mensch weiß, wie und wann er stirbt, „dieweil der Tod viel Wege hält“.

Wir wollen nur nicht meinen, daß der Werth eines Menschenlebens sich bemesse nach der Länge oder Rürze desselben. Er bemißt sich nach der Kraft und Energie, mit welcher der Einzelne sich seiner Pflicht unterzogen und für das Wohl der ihm Anvertrauten gearbeitet hat. Das ist auch die rechte „Vorbereitung" auf's Sterben.

Doch, wie du willst! Gib nur dabei,

Daß ich wohl vorbereitet sei. Ich weiß wohl, daß Viele bei diesem Vorbereitetsein ihre doginatischen Vorstellungen vom Jenseits und Gericht im Auge haben und nur Diejenigen als recht „vorbereitet“ betrachten, welche noch vor ihrem Ende sich zu dem apostolischen Glaubensbekenntniß bekehren. Als ob sich die Unsterblichkeit vergla u be n“ ließe! Als ob die lezten Tage und Stunden des oft bewußtlosen Krankent entscheidender wären, als die Tage der gesunden, freien Wirksamkeit! Mir scheint: die wahre Vorbereitung ist jederzeit die redliche Pflichterfüllung im Leben, und so viel ich bisher beobachten konnte, sind stets Diejenigen am vorbereitetsten gestorben, welche ihr Leben lang am treuesten ihre Pflicht gethan. Ronnten sie'& im Leben, so können sie's auch im Sterben. Und wenn sich ein Leben so schließt, wie das der genannten Greisin, die sich am Lebensabend freuen konnte ihrer langen, segen8reichen Thätigkeit, oder wie das der genannten Lehrerin, die zwar nach kurzer, aber nicht minder segensreicher Arbeit scheiden mußte, und die in ihren klaren Stunden vor dem Ende noch Alles bis in's Einzelste für den Fall ihres Todes ordnete, - dann fann man sagen: Selig sind die Todten, die im Herrn sterben!

Fahre wohl, treue Seele! ind in diesem Blatte, das du so gern gelesen, stehe geschrieben, was du selbst kürzlich einer befreundeten und früh verblichenen Mutter nachgerufen:

Das ist ein Weh, so schwer und namenlos ;
Wie vieles hätte man sich noch zu sagen!
Wie oft um seinen Rath wär' noch zu fragen,
Der treue Mund, der sich auf immer schloß!
Wo bleibt in solchem Dunkel noch ein Licht?
Doch ja - das Auge nur emporgehoben!
Die Mutterseele regnet noch von oben;
Denn sterben kann so treue liebe nicht.

L.

Die Wahrheit wunderbarer als die Dichtung.

So lange der Menschheit das gesekmäßige Wirken Gottes verborgen war, erdichtete sie jene Wunder, von denen die Bücher aller Religionen vol sind. Aber viel größer, als diese erdichteten Wunder sind die Wunder der Ordnung, die uns täglich umgeben. Charles Kingsley, einer der merkwürdigsten Pfarrer, welche je der Erdboden trug, ein Mann, der als Dichter und Philanthrop, Romanschreiber und Naturforscher einen großen Namen hat und dabei bis zu seinem im Jahr 1875 erfolgten Tod eine arme Bauerngemeinde pastoricte, sagte einst in einem Vortrag über ein Stück Rohle Folgendes:

,,Ein Diamant! Nichts Geringeres! Wir können die Rohle im Feuer als ein mittleres Stadium einer langen Reihe ansehen, deren Ausgangspunkt das lebendige Holz des Waldes, deren Endpunkt der Diamant ist, dürfen deshalb auch unbeschadet bei der Einbildung verweilen, daß jeder Diamant vermuthlich einmal in ferner Vergangenheit ein Theil einer wachsenden Pflanze gewesen. Eine seltsame Verwandlung, die uns wundersamer, poetischer erscheint, je länger wir sie betrachten. Die Roble im Feuer, der Tisch, an welchem ich stehe, aus was bestehen sie ? Aus Gasen und Sonnenstrahlen, mit einem geringen Prozentsatz von Asche oder erdigen Salzen, welche kaum nennenswerth sind.

Gase und Sonnenstrahlen! Wunderlich, aber wahr. Das Leben der wachsenden Pflanze, doch wer sagt uns, was Leben ist ? bemächtigte sich der Gase in der luft und im Boden, in der Rohlensäure, in der atmosphärischen Luft, im Wasser, – denn auch das ist gashaltig. Sie trank dieselben durch ihre Wurzelfasern ein, sie athmete sie durch die Boren ihrer Blätter ein, damit sie sie zu Saft und Anospe, Blatt und Holz verarbeitete. Aber noch ein anderes Element mußte die Pflanze hinzunehmen, ohne welches kein Destilliren und Verarbeiten vor sich gehen konnte. Sie mußte Sonnenstrahlen trinken, mußte sie absorbiren, in sich begraben, – nicht mehr als Licht und Wärme, sondern als unsichtbare, chemische Kraft, welche Menschenalter in der Holzfaser eingeschlossen bleibt.

So ist es. Lord Lytton hat uns in einem reizenden Lied gesagt, Wind und Strahl hätten die Rose geliebt. Aber die Boesie der Natur ist noch schöner, als die des Menschen. Wohl lieben der Wind und der Sonnenstrahl die Rose, oder vielmehr nimmt die Rose den Wind und Strahl und baut aus ihnen beiden, kraft ihres eigenen, inneren Lebens, ihre wundervollen Blüthenblätter, ihre Farbe, ihren Duft. Was dann? Die Rose stirbt; der Baumstamm stirbt, vergeht zu Pflanzenfasern, wird begraben und verwandelt sich in Roble: aber die Pflanze kann ihr Werk nicht ganz ungeschehen machen. Selbst im Tode und der Verwesung vermag sie die Sonnenstrahlen nicht frei zu geben, welche sie in ihrem Zellgewebe gefangen hält. Die Sonnenkraft muß bleiben, Jahrhundert um Jahrhundert, unsichtbar aber wirksam, und verwandelt ihre Kerkerzellen, oder setzt sie vielmehr in Stand, vom Menschen verwandelt zu werden, so wie er alle die vielfältigen Produkte der Rohle gewinnen will: Coke, Petroleum, mineralisches Bech, Gas, Theer, Benzole, zarte Anilinfarben und was noch Alles, wenn der Tag der Erlösung kommt.

Der Mensch gräbt die todtscheinende schwarze Masse aus der Erde und wirft sie in's Feuer. Eine Spiße, ein Atom derselben erwärmt sich, bis sie zu glühen anfängt: die Temperatur, in der sie zu einer Verbindung mit Sauerstoff fähig wird. Da erwacht sie aus dem Schlummer von Fahrhunderten zu dem Bewußtsein ihrer eigenen Kräfte, ihrer Bedürfnisse, die ganze Masse Atom für Atom erfaßt ein verzehrender Hunger nach dem Sauerstoff, den sie im Schooß der Erde so lange entbehrt hat. In jede Bore schlürft sie ihn und brennt. Der Zauberbann von Fahrhunderten ist gebrochen. Die Sonnenkraft sprengt ihre Kerkermauern, lodert wieder als Licht und Hiße in die freie Luft empor und wird in einem Augenblick

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