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bannten Blicke des Thieres, losgelöst in freier Musse von den nur zu oft in den Schlamm der Erde niederziehenden Sorgen um's tägliche Brod, strebt in seiner höchsten Efflorescenz der menschliche Geist, seiner überschüssigen, unbeschäftigten Kraft die edelste Verwendung zu geben durch Gestaltung eines objectiv wahren Bildes unserer zugleich so schönen und so räthselhaft medusenartigen Welt, in die er sich nun so mit einem Male, zu seiner Verwunderung, versetzt findet.

Beim ersten Auftreten der Wissenschaft unter den idealischen Genien der Hellenen, wo Jeder in sich selbst fast alle Erkenntniss erst zu produciren hatte, oder sich doch leicht das von Andern schon Vorgearbeitete aneignen konnte, fand der edle Trieb, ein Abbild unsrer Welt zu gestalten, eine verhältnissmässig leichte Befriedigung. Der Philosoph vereinigte in sich alles Wissen seiner Zeit, das er, um ein Ganzes zu gewinnen, durch poetische Phantasien ergänzen und ästhetisch abrunden musste. Bei fortschreitender Entwicklung der Menschheit, nach der Chrysaliden - Periode des Mittelalters, wuchs die Summe von Erkenntnissen, welche mehr und mehr selbst durch die „Noth des Lebens“ gefordert wurden, stetig

immer schwieriger ward daher nicht nur ihr Zusammenfassen in Einem Geiste, sondern auch ihre einhellige Bewältigung. In unserm Jahrhunderte nun vollends ist die wissenschaftliche Schatzkammer von einem so üppigen Reichthum an Einzelerkenntnissen angefüllt, dass selbst der begabteste Geist nur einen kleinen Theil davon sich anzueignen vermag. - In diesen Schranken der mensch

. lichen Natur liegt der Grund davon, dass zu unsrer Zeit eine „umfassende Weltanschauung“, die doch in Einem Kopfe Platz haben und „aus Einem Stücke“ sein soll, d. i. Philosophie, nicht die Summe der einzelnen Wissenschaften sein kann. Eine Verwandlung der Philosophie in Encyklopädie, wonach die Positivisten streben, wäre ihre Vernichtung; - sie geben wohl eine farbig glühende Fülle von Strahlen der Erkenntniss: doch fehlt die sammelnde Linse zur Gewinnung der Focal- Wissenschaft Philosophie. Aber wie sollte der Mensch durch alle Fortschritte der Wissenschaft nur dahin gebracht sein, auf die Befriedigung seines

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höchsten Interesses: eine umfassende Einsicht in unsre Welt und unser Leben zu erlangen, und sich dadurch zum edelsten und würdigsten Genusse seines geistigen Daseins aufzuschwingen, verzichten zu müssen! Zwar arbeiten alle reinen, d. h. theoretischen Wissenschaften an dem grossen Werke, eine Erkenntniss der Welt und des Lebens zu gewinnen; aber jede derselben beansprucht in ihrer Vereinzelung für sich die volle Kraft des sich ihr widmenden Forschers, und lehrt doch nur einen kleinen Theil des Ganzen erkennen,

, ja vermag selbst ihre eignen Grundbegriffe nicht zu rechtfertigen.

Philosophie wird nun oft als die allgemeine Wissenschaft von den Grundbegriffen und -Gesetzen aller einzelnen Wissenschaften definirt; und man kann sich der Sache nach damit wohl einverstanden erklären: aber ihr Ziel ist doch nicht bloss diese Ergänzung der Special-Wissenschaften, sondern sie will uns ebendadurch ein universelles Verständniss der Welt eröffnen und die letzten und wichtigsten Aufschlüsse über unser gesammtes Leben ertheilen. Daher ist der Würde und Hoheit der Philosophie die Definition als „umfassende, wissenschaftliche Welt- und Lebensanschauung“ weitaus angemessener. Aus diesem Begriffe ergiebt sich ihre Verpflichtung, in steter Verbindung mit den Einzelwissenschaften zu bleiben; denn indem diese in ihrer allmählichen Entwicklung von der Philosophie die Lösung immer neuer, bedeutungsvoller Probleme verlangen, erweitert sich der Horizont der Philosophie selbst; und ferner treten, zumal in den Naturwissenschaften von Zeit zu Zeit Theorien auf, welche direct von eminenter Wichtigkeit für die Philosophie sind.

Diese ganze Auffassung der Philosophie und aller Wissenschaften, als zunächst bloss die Welterkenntniss bezweckend, sei un praktisch?! Ganz gewiss! und kann man nichts Traurigeres sehen, als wenn selbst sog. Gelehrte (diesseits und freilich noch weit mehr jenseits des Canals) sich mit der Phrase gefallen: die Wissenschaft solle praktisch werden. Man hat es dem ARTHUR SCHOPENHAUER sehr übel genommen, dass er behauptete: der Intellect sei, wie bei allen Thieren, so auch beim Menschen, eigentlich zum

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Futtersuchen bestimmt; auf naive Weise verräth es sich aber oft genug, dass dies sogar die herrschende Ansicht ist. Denn nicht nur wundert sich die grosse Menge über die, Fichtisch zu reden, widernatürliche Gemüthsstimmung", wie wirklich Einer für und in der Wissenschaft allein leben kann, und scheint dem LAMETTRIE Recht zu geben, welcher ganz ernstlich meint: c'est peut-être par une espèce d'abus de nos facultés organiques, que nous sommes devenus savans; sondern man muss auch von, Vertreter der Wissenschaft sein wollenden Männern den „praktischen Nutzen“ derselben als das Höchste preisen hören. Dieser prosaisch - nüchterne, praktische Geist scheint in England fast allgemein zu herrschen und der ,,Platonische Eros daselbst nicht viele Bekenner zu haben; denn nicht nur ein JOHN STUART MILL) und HERBERT SPENCER 6) huldigen jenem „Utilitarismus“: selbst ein Max MÜLLER hat sich dieser Richtung anbequemen müssen"). Nur um so entschiedener aber muss der Erbe des Hellenischen Geistes, der Deutsche im Herzen Europa's, seinen hohen Begriff von wahrer Wissenschaft festhalten!

Die Utilitaristen gleichen jenem Jünglinge in Schiller's Gedicht, der von Archimedes in die „göttliche Kunst“ der Mathematik eingeweiht werden wollte, weil sie „so herrliche Frucht dem Vaterlande getragen“:

„Göttlich nennst du die Kunst? Sie ist's, versetzte der Weise;
Aber das war sie, mein Sohn, eh' sie dem Staat noch gedient.
Willst du nur Früchte von ihr, die kann auch die sterbliche zeugen;

Wer um die Göttin freit, suche in ihr nicht das Weib.“

Ihrem Wesen nach soll die Wissenschaft völlig so unpraktisch sein wie die Kunst, - freie, brodlose Kunst! ,,Alle wahre Wissenschaft“, sagt ALEXANDER VON HUMBOLDT, „strebt nach dem Golde der Wahrheit; das andre Gold findet sie nebenbei.“ Durch

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5) Es erklärt sich hieraus auch das Urtheil über Plato in Stuart Mill's Autobiographie.

6) HERBERT SPENCER, First Principles. III. Ed. London, 1870. p. 19:. As it is the function of common observation to serve for the guidance of conduct ; so, too, it is the guidance of conduct the office of the most recondite and abstract inquiries of Science.

3) Vy1. Max Müller, Lectures on Language. II. Ed. London, 1862. p. 9.

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Wissenschaft und durch Kunst gelangt der Mensch zur höchsten Intensität und ebendamit zum höchsten und edelsten Genuss seines Bewusstseins, d. i. seines Daseins; er wird, wie Schiller sagt,

„Erquickt von ruhigeren Freuden,

Die im Genusse nicht verscheiden;" und Wissenschaft wird herabgewürdigt, wenn sie nur zum Mittel für niedere Zwecke gemacht wird! Was wohl auf jenem utilitaristischen Standpuncte eine Wissenschaft wie Astronomie soll, oder die vergleichende Sprachkunde? Wozu die Kunst?

Die unsre Frage berührenden Worte KEPLER'S am Anfange seines Prodromus dissertationum cosmographicarum (1596) sind so schön, dass man mir ihre Anführung gestatten wird. Quid necesse est, fragt der unsterbliche Forscher, divinarum rerum usus instar obsonii nummo aestimare? Nam quid quaeso prodest contri famelico cognitio rerum naturalium, quid tota reliqua astronomia? Neque tamen audiunt cordati homines illam barbariem, quae deserenda propterca ista studia clamitat. Pictores ferimus, qui oculos, symphoniacos, qui aures oblectant: quamvis nullum rebus nostris emolumentum afferant. Et non tantum humana, sed etiam honesta consctur voluptas, quae ex utrorumque operibus capitur. Quae igitur inhumanitas, quae stultitia, menti suum invidere honestum gaudium, oculis et auribus non invidere? Rerum naturae repugnat, qui cum his pugnat recreationibus. Nam qui nihil in naturam introduxit, Creator optimus, cui non cum ad necessitatem, tum ad pulchritudinem et voluptatem abunde prospexerit: is mentem hominis, totius naturae dominam, solam nulla voluptate beaverit? Imo uti non quaerimus, qua spe commodi cántillet avicula, cum sciamus inesse voluptatem in cantu, propterea, quia ad cantum istum facta est: ita nec hoc quaerendum, cur mens humana tantum sumat laboris in perquirendis hisce coelorum arcanis. Est enim ideo mens adjuncta sensibus ab Opifice nostro, non tantum ut seipsum homo sustentaret, sed etiam, ut ab iis, quae, quod sint, oculis cernimus, ad causas quare sint et fiant, contenderemus: quamvis nihil aliud utilitatis inde caperemus. Atque adeo ut animalia cetera corpusque humanum cibo potuque sustentantur : sic animus ipse hominis vegetatur, augetur et adolescit quodammodo cognitionis isthoc pabulo.

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In obigen Erörterungen über den Begriff der Philosophie und ihre Stellung zumal zur Naturwissenschaft liegt die Rechtfertigung des Gegenstandes dieser Schrift. Die LAMARCK - DARWIN’sche Entwicklungstheorie ist, wie schon oft mit Recht geltend gemacht worden, für die allgemeine wissenschaftliche Weltanschauung von einer so hohen Bedeutung, wie von anderen naturwissenschaftlichen Theorien nur die Copernicanische. Vielleicht wird es mir im Folgenden gelingen, die philosophische Bedeutung unserer Lehre für einige Hauptpuncte in das rechte Licht zu setzen; und werde ich dankbar benutzen, was mir schon vorgearbeitet ist. Eine erschöpfende Darstellung vermag ich nicht zu geben, denn un nouveau principe est une source inépuisable de nouvelles vues (VAUVENARGUES); andrerseits aber muss ich gleich an dieser Stelle einem Einwande zuvorkommen, den vielleicht mancher Leser gegen einzelne Theile dieser Schrift erheben könnte. Es mag Manchem scheinen, als ob ich mich nicht immer streng an den Gegenstand unserer Betrachtungen gehalten habe, sondern zuweilen abgeschweift bin; aber dies ist in der That nur scheinbar. Es liegt in der Natur der Sache, dass, wenn ich die Consequenzen unserer Theorie z. B. für die Moral und für die wissenschaftliche Behandlung moralischer Probleme zu verfolgen habe, dies nicht so verstanden werden darf, als ob ich lauter Neues und Unerhörtes aufzustellen hätte; sondern die Aufgabe wird in diesem Falle die sein, zu untersuchen, welche Anschauungsweise allein einem denkenden Geiste eigen sein darf, der die Entwicklungstheorie für eine Wahrheit hält. Mit anderen Worten: man wird festzustellen haben, welcher moralphilosophischen Ansicht durch die neue Lehre der Sieg in Aussicht gestellt wird. Und zugleich wird dem Verfasser die Pflicht obliegen, die etwaigen entgegenstehenden wissenschaftlichen und moralischen Bedenken zu beseitigen. Kurz, es wird nicht viel weniger verlangt werden müssen, als einen gedrängten Grundriss der durch unsre Theorie geforderten Ethik aufzustellen. —

Während KantsS) astronomische und LYELL's geologische

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8) Zur Rechtfertigung obiger Bezeichnung der sog. LAPLACE'schen Theorie brauche ich mich nur zu beziehen auf J. C. F. ZÖLLNER’s Photometrische Untersuchungen. Leipzig 1865. S. 230,

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