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VORREDE.

Philosophia simillimum
mundo spectaculum.

SENECA. Die letzte Periode in der Geschichte der Naturwissenschaft bietet dem philosophischen Betrachter ein interessantes, hocherfreuliches Schauspiel. Er sieht, wie eine immer steigende Anzahl ihrer geistvollsten Vertreter es unternimmt, aus der gewaltigen Summe von Einzelerkenntnissen die letzten philosophischen Resultate zu ziehen und so zu einer allgemeinen Weltanschauung zu gelangen. Bedeutungsvoll ist in dieser naturwissenschaftlichen Speculation der fortschreitende Gang der Entwicklung. Die zuerst gewagten Versuche, die Demokritischen und Epikurischen Lehren zu erneuern, werden van vielen Forschern bald aufgegeben: man findet im Systeme Spinoza's die Wirklichkeit treuer gespiegelt; doch auch die Weltauffassung dieses erstaunlichen Mannes erscheint nicht Allen von Einseitigkeiten völlig frei: der Zweckbegriff wird als eine objective Kategorie der Natur erkannt, und man wird sich der nothwendigen Idealität aller unserer Erkenntnisse bewusst. So sehen wir innerhalb der Naturforschung den philosophischen Entwicklungsprocess zweier Jahrtausende in kürzestem Zeitraume wiederholt.

Nichtsdestoweniger begegnen uns zuweilen noch heutzutage gerade von Naturforschern Ansichten und Urtheile über die „Philosophie“, die in Erstaunen setzen. Bei philosophischen Untersuchungen die auch auf Deren Theilnahme hoffen, empfiehlt es sich daher noch immer, zunächst den Begriff der Philosophie, von dem man ausgeht, festzustellen; und dies wird um so mehr erforderlich, je weiter man sich hierbei von noch vielverbreiteten Anschauungen entfernt. KANT identificirte die Philosophie ohne weiteres mit Metaphysik; und da die Quellen einer metaphysischen Erkenntniss, ihrem Begriffe nach, nicht empirisch sein

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können; so sollte auch, jener charakteristischen Gleichsetzung gemäss, alle philosophische Erkenntniss „lauter Urtheile a priorió enthalten. „So weit Begriffe a priori ihre Anwendung haben,“ sagt der Königsberger Weisė, „So weit reicht der Gebrauch unseres Erkenntnissvermögens nach Principien und mit ihm die Philosophie.“ Apriorische, d. h. aller Erfahrung vorausgehende Bestimmungen können aber nur durch Analyse der die Erfahrung erst möglich machenden Geisteskräfte gefunden werden; und so

war KANT's ,,Kritik der reinen Vernunft“ in der That eben das, als was er selbst Locke's Hauptwerk gekennzeichnet hat: eine durch Induction gewonnene „Physiologie des menschlichen Verstandes.“ KANT'S Nachfolger konnten sich nicht mit der, ihrer Ansicht nach, nur propädeutischen Grundlegung einer Philosophie, die der unsterbliche Denker in seinen Kritiken hinterlassen, begnügen : sie gingen von dem volleren Begriffe der Philosophie als einer wissenschaftlichen Weltanschauung aus. Indem sie aber ihrem grossen Vorgänger in dessen Auffassung der Philosophie als a priorischer Wissenschaft folgten, ward ihnen die Philosophie nothwendig eine „apriorische Construction des Universums.“ Nun ist es allerdings, wie EDUARD ZELLER sagt, dessen Schüler zu sein der Verfasser die Ehre hat, ist allerdings ein erhebender Gedanke, dass der menschliche Geist alle Wahrheit von Anfang an in sich selbst trage; dass er nur in sich zu blicken, nur seines eigenen ursprünglichen Inhalts sich bewusst zu werden brauche, um das Wesen und den Zusammenhang aller Dinge zu erkennen, Es ist eine verlockende Verheissung, wenn der Philosoph uns verspricht, von Einem Puncte aus, ohne fremde Beihülfe, einzig und allein durch die innere Nothwendigkeit der Sache, auf dem Wege einer immanenten dialektischen Entwicklung, das Weltganze vor unseren Augen entstehen zu lassen. Könnte dieses Versprechen gelöst werden, so würden wir von dem Zusammenhange, dem Wechselverhältniss und den Bedingungen alles Seins eine Einsicht erhalten, wie sie auf keinem andern Wege zu erreichen wäre. Aber dass es gelöst werden kann, dafür ist selbst HEGEL den Beweis schuldig geblieben, so grossartig auch sein System angelegt, mit so viel Geist und dialektischer Kunst es aus

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geführt ist.“ Diese Wissenschaft wäre für Götter, nicht für Menschen!

Der menschliche Geist ist ja nicht mit einer Anzahl geheimnissvoller, orakelartiger Vermögen ausgestattet: er hat keine „intellectuale Anschauung des Absoluten“, kein Organ für übersinnliche Wahrnehmungen und Offenbarungen; er findet sich sogar bei seinem Eintritt in die Welt alles Vorstellungsinhaltes ganz bar, und nur sehr allmählich gewinnt er denselben mit Hülfe seiner Sinne und der gestaltenden Kräfte der. Phantasie und des Denkens. Und erhalten wir, so fahren wir mit ZELLER fort, „alles unser Wissen durch die Beobachtung, Verknüpfung und Bearbeitung dessen, was uns in unserer äusseren und inneren Erfahrung gegeben ist, so wird auch unser philosophisches Wissen von keiner anderen Grundlage ausgehen können“ 1).

In Folge solcher Ueberschätzung der reinen Speculation, wie sie sich in jenen aprioristischen Weltschöpfungen ausspricht (denn über die Natur philosophiren heisst, nach SCHELLING, die Natur in Gedanken schaffen), war Decennien lang ein bedauerlicher Zwiespalt zwischen Naturwissenschaft und Philosophie eingetreten; und erst die letzten Jahre haben uns aus dieser unnatürlichen Entfremdung erlöst. „Wie zwei Liebende“, sagt FRIEDRICH ZÖLLNER, „nach langem Schmollen, an äusserer und innerer Erfahrung bereichert, endlich ihr beiderseitiges Unrecht erkennen und, von unwiderstehlicher Sehnsucht ergriffen, sich zum ewigen Bunde die Hände reichen: so verkünden der Gegenwart tausend warnehmbare Zeichen den herannahenden Tag der Versöhnung!“ 2)

Der Gedanke, man müsse auf Kant zurückgehen, war für diejenigen Denker sehr naheliegend, welche sich weder der Richtung eines FICHTE, SCHELLING und HEGEL, noch eines HERBART oder SCHOPENHAUER anschliessen konnten. In der That ist nun dieses neubelebte Studium der Kantischen und Vorkantischen kritischen und erkenntnisstheoretischen Werke, neben den umfassenden histo

2

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1) EDUARD ZELLER, Ueber die Aufgabe der Philosophie und ihre Stellung zu den übrigen Wissenschaften. Heidelberg, 1868. S. 6f.

2) J. C. F. ZÖLLNER, Veber dic Natur der Kometen. Lcipzig, 1872, S. LXX,

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rischen Forschungen, ein Vorzug der Philosophie unserer Zeit: aber es scheint dem Gange aller geschichtlichen Entwicklung zu widersprechen, wenn man sich auf Kantischem Grund und Boden dauernd wieder niederlassen will und die späteren Wege der Philosophie einfach als verloren achtet. Die Geschichte unserer Wissenschaft zeigt, dass fast stets auf jene ausschliesslich auf das Subjective gerichteten Zeiten philosophischer Selbstbesinnung längere Perioden gefolgt sind, in denen der Geist sich auch der objectiven Welt wieder zuwandte; und jene Zeiten der ausschliesslichen Vertiefung in das Innere können uns daher nur als Durchgangsstadien, wenn auch als nothwendige und segensreiche Durchgangsstadien, der philosophischen Entwicklung erscheinen.

Der Begriff der Philosophie, von dem ich daher ausgehen muss, ist der einer umfassenden, wissenschaftlichen Welt- und Lebensanschauung; und bin ich darin in Uebereinstimmung mit dem berühmten Verfasser der „Philosophie der Griechen.“ EDUARD ZELLER sagt: „Ich betrachte ... die Philosophie als eine rein theoretische Thätigkeit, d. h. als eine solche, bei der es sich nur um das Erkennen des Wirklichen handelt . . Ich sehe in ihr . . . ein methodisches, auf die Erkenntniss der Dinge in ihrem Zusammenhange mit Bewusstsein gerichtetes Denken . . . . Ich finde endlich ihren Unterschied von den anderen Wissenschaften darin, dass diese alle auf die Erforschung eines besonderen Gebietes ausgehen, wogegen die Philosophie die Gesammtheit des Seienden als Ganzes in's Auge fasst“ 3). Wie der Geist schon im allgemeinen von GIORDANO BRUNO 4) und LEIBNIZ ein „lebendiger Spiegel des Universums" genannt wird, so gebührt diese Bezeichnung in einem eminenten Sinne dem philosophischen Geiste. Das Auge als „reines Weltauge" hoch und stolz emporgerichtet, nicht mit dem ängstlich zur Erde und ihrem Futter ge

3) E. ZELLER, Die Philosophie der Griechen. I. Thl. 3. Aufl. Leipzig 1869. S. 6.

4) Auch Bruno nennt in seiner Schrift de imaginum, signorum et idearum compositione ad omnia intentionum, dispositionum et memoriae genera die Seele einen lebendigen Spiegel, in dem das Bild der natürlichen und der Schatten der göttlichen Dinge sichtbar wird.

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