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CARPENTIER

Kein Unbefangener, der nur halbwegs mit den Wegen der Mythenbildung vertraut und zugleich der fortschreitenden Erschließung der altorientalischen Sagenquellen einigermaßen gefolgt ist, wird heute mehr zweifeln, daß das äußere Leben Jesu mit Ausnahme weniger historisch wohl zureichend beglaubigter Züge der Leidensgeschichte ein Gewebe von Legenden ist. Aber was von diesen Legenden nicht berührt wird und sich nirgends in ihren mythologischen Vorbildern wiederfindet, das sind die Aussprüche und Reden Jesu, wie sie in den synoptischen Evangelien überliefert sind.

Wundt, Völkerpsychologie II 3 S. 528.

Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.

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Einleitung Wenn der Verfasser in den neu entbrannten Streit über die „Christusmythe“ mit dieser Broschüre vom assyriologischen Standpunkt aus eingreift, so glaubt er zu solchem Vorgehen nicht nur einiges Recht zu haben, sondern er fühlt sich dazu durch seine frühere Forschungsbetätigung in dieser Richtung bis zu einem gewissen Grade direkt verpflichtet. Hatte ich es doch in meinem Teil der Neubearbeitung von Schrader, Die Keilinschriften und das Alte Testament, im Jahre 1902 zum ersten Male unternommen, das für die Christologie des Neuen Testaments voraussichtlich in Betracht kommende babylonische Material in größerem Zusammenhange vorzuführen, nachdem bis dahin nur wenige vereinzelte Andeutungen, insbesondere von Gunkel, von Winckler und von mir selbst, in dieser Richtung geäußert worden waren. Darauf folgten dann erst die Schriften von Gunkel, Zum religionsgeschichtlichen Verständnis des Neuen Testaments, 1903, und von A. Jeremias, Babylonisches im Neuen Testament, 1905, in denen neben allerlei anderen das Neue Testament betreffenden religionsgeschichtlichen Problemen auch der Zusammenhang mancher Punkte der Christologie mit babylonischen Vorstellungen, von jedem der beiden Verfasser natürlich je in seiner Weise, erörtert wurden. Noch neueren Datums wenigstens in ihrer ausführlichen Darlegung – sind die Aufstellungen Jensens über den Zusammenhang des Lebens Jesu mit dem babylonischen Gilgamesch-Epos in seinem Buche Das Gilgamesch-Epos in der Weltliteratur, Bd. I, 1906 1. Man wird es daher verständlich finden, wenn ich in den durch Drews' Buch, Die Christusmythe, 1909, hervorgerufenen neuen Streit wenigstens insofern meinerseits eingreife, als ich das bei dieser Kontroverse in Betracht kommende babylonische Material in einer auch für weitere Kreise zugänglichen und verständlichen . Form eineut vorlege. Ich bitte dabei zugleich, den Inhalt dieser: Broschüre als eine vorläufige Abschlagszahlung betrachten: zu wollen an Stelle der Behandlung jener Fragen durch mich in der in Vorbereitung befindlichen neuen Auflage von „Keilinschriften und Altes Testament“ bzw. „Keilinschriften und Bibel“ (wie der neue Titel lauten wird), dessen Erscheinen aus allerlei Gründen sich leider immer von neuem wieder verzögert hat. Zuvörderst aber einleitungsweise einige Bemerkungen allgemeinerer und prinzipieller Natur.

Drews hat in seinem Buche, trotz zahlreicher zum Teil sogar recht starker Entgleisungen im einzelnen, ohne Frage in geschickter und beredter Weise die Resultate der Forschungen von Theologen, Religionshistorikern und Orientalisten zur „Christusmythe“ zusammengefaßt. Freilich in den Schlußfolgerungen, die er aus dem verwerteten Material zieht, werden ihm auch solche Forscher, die sonst eine ganz freie Stellung diesen Fragen gegenüber einnehmen, vielfach nur sehr bedingt folgen können. Und ein besonders schwacher Punkt in seiner Position bleibt ohne Zweifel seine nach dem Vorgange anderer aufgestellte Behauptung von der vollständigen Ungeschichtlichkeit der Person Jesu. Denn mag man über das Mehr oder Weniger an geschichtlichem Gehalt in der Überlieferung vom Leben Jesu durch die Evangelien und sonstigen Schriften des Neuen Testaments so oder so urteilen – die Person Jesu (auf den Namen kommt es dabei nicht an, der könnte allenfalls unhistorisch sein) als Begründers des Christentums aus der Geschichte einfach streichen zu wollen und an ihre Stelle nur ein Gemeindekollektiv zu setzen, erscheint doch als unstatthafte Hyperkritik und führt, anstatt die vorliegenden Anstöße und Unebenheiten in der Überlieferung zu beseitigen, nur zu einer Unzahl neuer Ungereimtheiten und unlösbarer Rätsel. Ich möchte, ohne selbst weiter in die

Debatte über diese schwierige Frage einzugreifen, für die Geschichtlichkeit der Person Jesu an dieser Stelle nur auf das Urteil von zwei philosophischen Fachgenossen von Drews aus neuester Zeit hinweisen, die beide gewiß nicht dem Verdachte ausgesetzt sind, etwa aus theologischer Voreingenommenheit zu ihrem Urteile gelangt zu sein, nämlich einmal auf Wundt in seiner Völkerpsychologie II 3, S. 528 f. (vgl. das daraus dieser Broschüre vorgesetzte Motto), sowie S. 716 f., und sodann auf Hermann Schneider, den Verfasser von „Kultur und Denken der alten Ägypter", in seinem demnächst erscheinenden, mir bereits im Manuskript zur Einsichtnahme zugänglich gewesenen Buche ,,Kultur und Denken der Babylonier und Juden“, wo der Genannte in dem von Jesus handelnden Abschnitte gleichfalls, und zwar nicht hauptsächlich wegen der relativ doch nicht so ganz ungünstig liegenden äußeren Bezeugung, als vielmehr vor allem aus inneren religionsentwicklungsgeschichtlichen Gründen durchaus an der Geschichtlichkeit der Person Jesu festhält. Durch jene aus seinem engen Anschluß an v. Hartmann wohl erklärliche, aber darum nicht minder unhaltbare Ansicht von der völligen Ungeschichtlichkeit der Person Jesu als Begründers des Christentums hat sich Drews nicht nur etwa bei dogmatisch befangenen, sondern auch bei sonst sehr frei denkenden Forschern stark um die Wirkung seines Buches gebracht. Es wäre aber recht bedauerlich, wenn, wie es leider bereits den Anschein hat, infolge jener Überstürzung der Kritik in dieser einen Hinsicht, in den Kreisen der liberalen Theologie eine gewisse Einschüchterung Platz griffe und so nun auch die wirklich berechtigte historische Kritik in der Leben-Jesu-Forschung wieder von neuem einen Rückschlag erlitte. Denn - das ist wenigstens meine wissenschaftliche Überzeugung und ebenso gewiß diejenige zahlreicher heutiger Forscher und überhaupt vieler modern denkender Menschen – auch beim Festhalten an der historischen Gestalt Jesu kann das Bild, das uns das Neue Testament von Jesus bietet, nur in sehr beschränktem Maße auf histo

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