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Auf dieselbe Entstehungszeit lassen die Verse, wie mir scheint, auch sonst mancherlei Beziehungen im einzelnen erkennen, zunächst der Vers 24:

Drum hab' ich mich der Magie ergeben ..“ sowie die weiteren Verse von 49–56, worin der Held von magisch-alchymistischen Instrumenten umgeben geschildert wird. Denn sie stellen cffenbar den unter Fausts Maske verborgener Dichter selber dar, wie er dem Berichte in Dichtung und Wahrheit zufolge im Jahre 1769 in dem mit einem chemischen Apparat ausgestatteten Giebelzimmer seines väterlichen IIauses mit magisch-alchymistischen Studien und Experimenten beschäftigt weilte. Auch die Verse 29—31:

Dass ich erkenne, was die Welt

Im Innersten zusammenhält stehen in Beziehung auf Göthes eigene Forschungen aus jenem Jahre, die auf Entdeckung der „aurea catena Homeri,“ des mystisch-phantastischen Bandes, welches die Natur in allen ihren Teilen verknüpfen sollte, gerichtet waren. Auf seine ihm damals zum Bewusstsein kommende Neigung, das, was

er selber gelehrt war, sofort anderen vorzudocieren, wovon in Dichtung und Wahrheit berichtet wird, mag es endlich zurückzuführen sein, wenn er im Monolog als Professor auftritt, während die Sage Faust nur als Scholastikus erscheinen lässt.

Die unverkennbaren Beziehungen auf das Leben des Dichters aus dem Jahre 1769, welche sich sonach

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in dem Monolog vorfinden, lassen uns annehmen, dass
der letztere im Anschluss an die in demselben darge-
stellten Verhältnisse geschaffen wurde. Schon hier
tritt das eigentümliche Verfahren hervor, welches Göthe
bei der Schöpfung seines Faust verfolgt hat, indem er
einen selbsterlebten Stoff in den Rahmen der alten
Volkssage kleidete. Er legt hierbei den Gang des
ans dem Marlowschen Faust geflossenen deutschen
Volks- und Puppenspiels zu Grunde. Dem letzteren
speziell scheinen die vier ersten Verse des Monologs:

,Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und, leider! auch Theologie

Durchaus studiert mit heissem Bemüh'n.“ nachgebildet zu sein. Denn auch dort sagt sich der Held in den Eingangsworten von der Beschäftigung init den Wissenschaften der verschiedenen Fakultäten los, deren Resultatlosigkeit er erkannt hat. Mit dem Volksschauspiel stimmt ferner der weitere Verlauf des Monologs überein. Die Verzweifelung an dem Erfolge der wissenschaftlichen Forschung treibt ihn hier wie dort aus dem Studierzimmer heraus, um in der einsamen Natur mit Hülfe der magischen Mächte zu der Erkenntnis des innern Wesens der Dinge, welche die Wissenschaft ihm nicht zu bieten vermag, durchzudringen.

Hiernach erscheint die Tendenz des Faustischen Strebens dem Vorgange des Volksschauspieles ent

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sprechend zunächst auf Befriedigung des Erkenntnisdranges gerichtet. Die Worte V. 29–30:

„Dass ich erkenne, was die Welt

Im Innersten zusammenhält bezeichnen somit das Thema des ältesten Planes der Dichtung. Dieser Gang des Monologs, welcher in den Anfangsversen desselben deutlich hervortritt, wird aber mit dem die Beschwörung der magischen Geister vorführenden Abschnitte von V. 77 bis zum Ende der ganzen Partie unterbrochen. Derselbe lässt das Trachten des Helden eine ganz andere, nämlich auf praktische Bethätigung gehende Richtung nehmen. Göthe giebt dem Gedichte hier somit, wie wir weiter unten noch näher nachzuweisen haben werden, eine von dem Verlaufe des Volksstückes abweichende Wendung. Nun hat bereits Scherer, Göthe-Jahrbuch von 1885, S. 259, auf Grund einer kritischen Untersuchung dargethan, dass die letzteren Verse mit den unmittelbar vorhergehenden in keinerlei logischem Zusammenhange stehen. Schon die Verse 75–76:

„Ihr schwebt, ihr Geister, neben mir;

Antwortet mir, wenn ihr mich hört!“ sind unvereinbar mit den früheren, welche Fausts Absicht aussprechen, ins Freie hinauszufliehen, und dienen augenscheinlich nur dazu, um äusserlich einen Übergang zu den folgenden herzustellen, der eigentlich keiner ist. Scherer vermutet deshalb, dass die Verse, welche des Helden Flucht vorbereiten, ursprünglich in diesem

Zusammenhange fremd gewesen seien und vielmehr die Einleitung zu einem älteren Plane gebildet haben, ohne indes auf diesen Gedanken näher einzugehen. Ich finde nun ein Element von dem Plane, welchen jene Verse einzuleiten bestimmt erscheinen, in der Spaziergangsscene. Dieselbe war zwar noch nicht in der im übrigen die älteren Scenen veröffentlichenden Fragmentausgabe von 1790 enthalten. Den Freunden Göthes waren aber auch ungedruckte ältere Teile aus dessen Manuscripten beka.int (s. Düntzer, Göthes Faust, I, S. 82). Dass hierzu der „Spaziergang“ gehört haben muss, dürfte schon aus dem hier zu beachtenden Fehlen der Figur des Mephistopheles zu schliessen sein. Göthe hat bekanntlich 'zur Zeichnung der letzteren seinen Freund, den Kriegsrat Merck aus Darmstadt, als Vorbild benutzt. Diesen lernte er aber erst im Verlauf des Jahres 1771 kennen. Da nun diese Figur, welche in alle andern Scenen, mit Ausnahme der mit dem „Spaziergange“ zusammenhängenden, hineinspielt, hier noch fehlt, so muss die letztere Scene zu den Teilen gerechnet werden, welche als in dem bezeichneten Jahre bereits concipiert vorauszusetzen sind. Dies folgt auch daraus, dass die Scene sich, wie im Nachstehenden gezeigt werden soll, ihrem Thema nach an die 1769 geschaffenen Verse des Monologs anschliesst. Die zwischen dem Monolog und der Spaziergangsscene befindlichen Partieen „Ge. spräch zwischen Faust und Wagner“ und der zweite

Monolog sind nachweislich späteren Ursprungs. Auf den letzteren werden wir uns unten näher einzulassen haben. Das erstere setzt Göthes Beschäftigung mit den 1774–75 erschienenen theologischen Schriften Herders voraus. Im ganzen dürfte dasselbe nämlich den Eindruck zur Darstellung bringen, welchen der Dichter aus jenen von der Herderschen Art der theologischen Forschung gewonnen hatte. Nicht zufällig scheint er sich hier mit leidenschaftlichem Eifer auf die Seite des Pfarrers zu stellen, der, statt sich bei seinem Vortrage scenischer Mittel zu bedienen, unmittelbar aus dem lebendigen Urgrund der Seele schöpft. Der Pfarrer ist nämlich offenbar Herder selbst, von dessen , Erläuterungen zum Neuen Testamente“ Göthe im Mai 1775 begeistert schreibt: „Gott weiss, dass das eine gefühlte Welt ist! Ein belebter Kehrichthaufen, deine Art zu fegen und nicht etwa aus dem Kehricht Gold zu sieben, sondern den Kehricht zur lebendigen Pflanze zu palingenesieren.“ Die Figur Wagners insbesondere scheint der Scene „Spaziergang vor dem Thore“ entnommen zu sein, welche als schon früher geschaffen vorausgesetzt werden muss, bei der spätern Behandlung des Gedichtes aber vorläufig wegblieb. Auch der dort V.651-56 geschilderte Famulus schwärmt für diejenige Art der Forschung, welche, der produktiven Kraft der eigenen Seele bar, sich genügen lässt, eine fremde Gedankenwelt in sich aufzunehmen. Der Dichter macht nun diese Figur in unserer Scene zum Repräsentanten der geistlosen, am

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