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zur Gottesstadt geworden, in der Engel und Entrückte die Freuden des Paradieses genießen. Die Psalmen setzen eine dritte Entwicklungsstufe voraus: Die Bilder der himmlischen Gottesstadt und des himmlischen Gottesgartens sind auf das irdische Jerusalem übertragen, die Gottesberge in den Berg Zion umgewandelt. Ein Bewußtsein ihres Ursprungs scheint nicht mehr vorhanden; sie werden als ehrende Epitheta gebraucht, um von Zion das Herrlichste und Schönste auszusagen, was der Dichter Mund zu künden vermag. Das verhältnismäßig junge Heiligtum auf dem Zion ist wohl nicht das erste gewesen, auf das die Attribute der Gottesstadt und des Gottesberges angewandt sind. Wir dürfen vermuten, daß es zum Stil verloren gegangener Hymnen gehörte, die Kultstätten Jahves hier auf Erden als Spiegelbilder des himmlischen Tempels darzustellen, nach dessen Muster sie ja auch gebaut sein sollen, wie GUNKEL vermutet hati.

Neben den ehernen Bergen und den Bergen wird als dritter mythischer Wohnort der Gottesberg im äußersten Norden genannt. So heißt es in einer Drohung gegen Babel: Du freilich gedachtest in deinem Herzen: Gen Himmel will ich steigen, hoch über die Gottessterne erheben meinen Thron und mich niederlassen auf dem Versammlungsberg im äußersten Norden (Jes. 14 13). Darf man diese Idee mit den vorher skizzierten organisch verbinden? I Hen. 255 verbietet es, da der Paradiesbaum, der auf dem siebten Berge wächst, erst am Tage des großen Gerichtes nach Norden verpflanzt werden soll. Darnach wäre also der siebte und höchste Berg, der zwischen den dreien nach Osten und den dreien nach Süden steht, nicht im Norden zu suchen. Seine Lage wird niemals genauer bestimmt; wenn man die geographischen Notizen des Henochbuches weiter verfolgt, so wird man meist ein klares Bild nicht gewinnen. Auch die eben zitierte Angabe ist in sich unverständlich. Nach dem Wortlaut müßte der Berg zwischen Süden und Osten d. h. im Südosten liegen, was wenig wahrscheinlich ist. In solchen Fällen darf man stets vermuten, daß zwei Vorstellungsreihen

1. Wir haben drei Vorstellungen, die meist unverbunden neben einander stehen, die aber ursprünglich zusammengehören: 1) Götterberge, 2) Göttergarten, 3) Götterstadt. Wer ibre Zusammengehörigkeit nicht zugeben will, mag sie auseinander halten. Forschungen zar Rel. 1. Lit. d. A. u. NT. 6.

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mit einander vermengt sind, die auseinander zu wirren unsere erste Pflicht ist. Wenn ein Berg in der Mitte, drei nach Osten und drei nach Süden liegen sollen, so ergänzt man unwillkürlich drei weitere je im Norden und im Westen (vgl. die Parallele Apk. Joh. 21 13). Diese Idee von zwölf Bergen, die um einen in der Mitte gelegenen gruppiert sind, geht nicht auf die sieben Planeten, sondern auf die zwölf Tierkreise zurück. Übrigens ist die Tatsache, daß der Paradiesbaum nach Norden verpflanzt werden soll, im letzten Grunde kein Gegenbeweis, sondern der stärkste Beweis dafür, daß das Paradies eben im Norden lokalisiert ist; denn der Apokalyptiker hat diesen Zug nicht zu verdrängen vermocht. Auch I Hen. 773 wird es dort vorausgesetzt: Und die vierte Weltgegend, welche Norden heißt, wird in drei Teile geteilt ... der dritte mit dem Garten der Gerechtigkeit. Der Gottesberg und das Paradies liegen demnach für die spätere Anschauung neben der andere herlaufen im Norden.

Jes. 14 13 ist nicht mit Bestimmtheit zu datieren (wahrscheinlich nachexilisch), sodaß wir aus dieser Stelle nicht entscheiden können, wann die beiden genannten Vorstellungen zum ersten Male auftauchen. Über den Ort des Paradieses geben Gen. 2 und 3 keine einheitliche Auskunft. Nach 28 glaubte man es im fernen Osten, nach 324 im fernen Westen, nach 2 10ff. im fernen Norden an der Quelle von Euphrat und Tigris (GUNKEL). Der Westen könnte genuin palästinisch sein, sofern das Paradies jenseits des (Mittelländischen) Meeres gesucht wurde. Die beiden anderen Himmelsrichtungen müssen aus fremder Tradition stammen, da im Osten Kanaans die große Wüste sich dehnte, in der oder hinter der ein Paradies schwerlich angenommen werden konnte. Der Norden weist in Verbindung mit Euphrat und Tigris direkt auf babylonischen Ursprung. Der Gottesberg im äußersten Norden kann ebensowenig israelitischem Glauben entstammen. Denn der Berg Jahves, auf dem er sich mit seinen Engeln treffen könnte, ist im Süden zu suchen, mag man nun an den Sinai oder an den Zion denken. Heilige Berge im Norden kennen viele Völker, aber sie haben stets ganz bestimmte Namen und liegen nicht, wie Jes. 1413 vorauszusetzen scheint, über den Sternen. Nur von den Babyloniern wissen wir, daß der Himmelsgott Anu am Nordhimmel lokalisiert wurde (KAT: S. 352).

Wann ist diese Idee nach Palästina gekommen? Im Alten Testamente begegnet sie uns zum ersten Male sicher bei Ezechiel. Die Berufungsvision schildert, wie ein Sturmwind von Norden her heraneilt (14). Die neuesten Kommentare nehmen an, bei Ezechiel »sei die Ekstase in dem Augenblick eingetreten, wo er tatsächlich einer Windsbraut gewahr wurde, die von Norden heranzog« (BERTHOLET; ähnlich KRAETZSCHMAR). Aber mit welchem Recht macht man einen dicken Strich hinter dem Nordwind und hält ihn für eine reale Tatsache, die ganze übrige Beschreibung hingegen für Vision ? Entweder ist das Ganze Vision oder das Ganze schriftstellerische Einkleidung. Wer wie BERTHOLET und KRAETZSCHMAR zwischen einzelnen Teilen der Schilderung genau unterscheiden will, ob sie real oder visionär sind, hat die Pflicht, jedesmal seine Vermutung durch den Text zu begründen. Da dies nicht geschieht und da die Worte keinen Anlaß dazu geben, so dürfen wir die erwähnte Behauptung als ungerechtfertigt ansehen. Überall sonst im Alten Testamente erscheint der Wettergott Jahve, wie oben gezeigt ist (vgl. S. 20 ff.), aus Süden oder Osten. Der Nordwind ist in Palästina weder ein Sturmwind noch überhaupt in irgend einer Weise charakteristisch. Folglich handelt es sich hier um den Einschlag einer fremden mythischen Idee, die niemand bei einem Manne wie Ezechiel für unmöglich halten darf, dessen Buch von Mythen vollgepfropft ist. Man erinnere sich nur an die nach fremdem Muster gezeichneten Gestalten Jahves und der Kerube im ersten Kapitel! Der Umweg freilich dürfte sich nicht empfehlen, den viele ältere Kommentatoren machen: Weil Jahve bei der Exilierung des letzten Davididen Jerusalem verlassen habe, darum habe er seinen Sitz im mythischen Norden genommen. Eine solche Pedanterie und theologische Schulung dürfen wir einem Ezechiel nicht zutrauen. Er kannte den Gottesberg im Norden und ließ deshalb Jahve von dorther kommen. Die Sturmwolke Jahves gehört zum alten, längst typisch gewordenen Stil der Jahvetheophanien, hinter der man nichts Reales vermuten darf.

Mit derselben mythischen Anschauung wird es zusammenhängen, wenn Ez. 92 betont wird, die Engel zögen vom oberen Tore heran, das nach Norden gewandt sei. Sicherer ist Ps. 483: Schön erhebt sich, die Wonne der ganzen Welt, der Berg Zion an den äußersten Enden des Nordens, die Stadt des großen Königs. Diese dem Wortlaut nach höchst merkwürdige Aussage, die von Jerusalem zunächst absolut unverständlich ist, läßt sich nur begreifen durch die Übertragung einer fremden Idee auf Zion. Da Zion der Berg Jahves ist, so hat ihm der Psalmist das Attribut eines anderen Jahveberges als ehrendes Prädikat beigelegt. Wie alt muß diese Redensart gewesen sein, wie lange schon im Umlauf sich befunden haben, wenn sie so abgeschliffen und nichtssagend geworden ist, daß sie in solcher Weise verwertet werden kann! Häufiger wird Zion dasselbe für die Zukunft in Aussicht gestellt. In der eschatologischen Zeit soll Zion zum höchsten Berg der Erde werden (Jes. 22. Mch. 41. Zach. 14 10). Die Vermutung GUNKELS dürfte nicht zu kühn sein, daß der höchste Berg eben der des Nordens sei, auf dem ursprünglich die himmlische Stadt des großen Königs lag (vgl. Apk. Joh. 2110). In diesen Zusammenhang gehört ferner auch Ez. 28. Der hier vom Propheten benutzte, schon von GUNKEL rekonstruierte Mythus handelte von einem wundervollen und weisen Geschöpfe Gottes, das auf dem heiligen Gottesberge wohnte. Ohne Fehl war es vom Tage der Schöpfung an, bis ein Frevel an ihm erfunden ward. Ob seiner glänzenden Schönheit überhob sich sein Herz. Da ward es vom Gottesberge verstoßen und auf die Erde geworfen. Diese Züge, die auf den König von Tyrus nicht passen, die im Hinblick auf ihn nicht gedichtet sein können, beziehen sich ursprünglich auf ein Lichtwesen, das inmitten feuriger Steine auf dem himmlischen Gottesberge wandelte 1.

Mit Ausnahme Ezechiels sind alle erwähnten Stellen undatierbar. Es ist wenig wahrscheinlich, daß die Idee von dem Gottesberge im Norden erst durch ihn in Palästina bekannt geworden sein sollte. Dagegen spricht einmal die große Häufigkeit, mit der dies Motiv auftritt, sodann die Tatsache, daß es als völlig abgegriffene Münze ausgegeben wird. Sogar in den Kultus ist es eingedrungen. Wenn Lev. 111. 618 vorgeschrieben wird, das Brand- und Sündopfer solle auf der nach Norden gerichteten Seite des Altars geschlachtet werden, so haben wir es hier mit einer kultischen Neuerung zu tun, die Ez. 40 39 noch nicht vorausgesetzt wird. Sie wäre gewiß nicht durchgesetzt oder überhaupt einzuführen versucht worden, falls sie noch von ferne an Mythologie erinnerte. Ursprünglich aber liegt sicher etwas Mythologisches zu Grunde, und schon EWALD bat die Heiligkeit der Nordseite mit dem Gottesberg im Norden kombiniert. War dieser Zusammenhang kurz nach dem Exil schon vergessen, so kann die mythologische Vorstellung nicht erst durch Ezechiel bekannt geworden sein. Genau so wie man schon in vorprophetischer Zeit das Paradies im Norden (Gen. 2 10ff.) gesucht hat, genau so wußte man von einem Jahveberg im Norden.

1. Der novellistische Stoff dieses Mythus erinnert lebhaft an die oben besprochene Geschichte von der »übermütigen Zeder«.

Die Israeliten haben diese Idee aus Babylonien bezogen durch die Vermittlung der Kanaaniter. Aus phönikischen Inschriften erfahren wir von einem Baal 70x, der in mehreren theophoren Eigennamen erscheint?. BAETHGEN (S. 22) hat diesen Gott wohl mit Recht als den Baal des Nordens gedeutet und zur Erläuterung auf Jes. 1413 verwiesen: er ist derjenige Baal, welcher auf dem heiligen Götterberge im Norden thront«. Man könnte vermuten, daß es sich hier um einen beliebigen Lokalgott handle. Aber dagegen spricht die weite Verbreitung dieses Gottesnamens und seine, wie es scheint, hohe Stellung. »Im Gebiet des Stammes Gad lag eine Stadt Zaphon (Jos. 1327), in Ägypten in der Nähe des roten Meeres das bekannte Baal Zephon. Diese beiden Namen können nicht von einander getrennt werden und verhalten sich als Ortsnamen wie Meon < oder Beon Num. 323 > zu Baal Meon« (BAETHGEN). Die Keilinschriften berichten von einem tyrischen Gott Ba-al-sa-pu-nu, der neben dem Beeroaum genannt wird, von einem Gebirge im Libanon und einer Stadt in Südpalästina desselben Namens (KATS. 357. 479). Für die Erklärung dieses Tatbestandes gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder ist die babylonische Idee von dem Götterberg im Norden vor alter Zeit in Palästina eingedrungen; man erinnere sich an den Berg Nebo, der seinen Namen zweifellos nach dem babylonischen Gotte Nabû führt. Während aber nach babylonischer Anschauung Anu auf dem

1. Vgl. Lidzbarski Hdb. S. 239 [? 703] 58a punisch; S. 234 70% 73% und 70% 7a phönikisch.

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