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schöpft, ist der Apokalyptiker außerdem — nicht ausschließlich! – an die schriftliche Fixierung der Eschatologie durch die Prophetie gebunden. Was WELLHAUSEN als das Wesen der Escha. tologie im Allgemeinen bezeichnet hat (vgl. o. S. 152), ist zwar in dieser Allgemeinheit falsch, trifft aber zu im Besonderen auf den Charakter der apokalyptischen Eschatologie. Das hängt notwendig zusammen einmal mit der epigonenhaften, unproduktiven und unschöpferischen Art der Apokalyptik, zum andern mit der damals beginnenden Wertschätzung und Kanonisierung der prophetischen Schriften. Was sie an Weissagung enthielten, mußte, wenn es noch nicht geschehen war, in Zukunft sich erfüllen. Da war jeder Buchstabe, jedes Jota von Wichtigkeit Während die Propheten kraft ihres Genies mit suveräner Hoheit über der Tradition standen und mit ihr nach freiem Ermessen schalteten, beugten sich die Apokalyptiker demütig, ja sklavisch unter den Stoff. Jenen Recken gegenüber erscheinen sie als schwächliche Zwerge. Dort herrscht blühendes Leben, hier graue Theorie, und nur ganz selten spürt man den warmen Pulsschlag ihres Lebens, im übrigen zehren sie von der Ver. gangenheit. Die Propheten wissen sich von Gott gesandt und treten kraft eigener Machtvollkommenheit vor das Volk. Der Apokalyptiker sucht die Autorität, die er selbst nicht besitzt, künstlich zu gewinnen, indem er sich in den Glorienschein fremder Persönlichkeiten hüllt und durch ihren Mund redet. Schon am Stil sind beide zu unterscheiden. Während der Prophet als wirklicher Dichter die Situation festhält und ein konkretes, anschauliches Bild entwirft, dessen Einzelzüge ein harmonisches Ganze bilden, ist die apokalyptische Dichtung stets kompilatorischer Natur. Unstimmige, heterogene Elemente werden mit einander vereinigt und bunt durch einander gewürfelt. Dieser krause und wirre Charakter verliert seinen bizarrphantastischen Anstrich auch dann nicht, wenn das Drama der Endzeit, wie es mitunter geschieht, in verschiedene Akte zerlegt wird. Die Systematisierung der Einzelheiten ist ebenfalls bis zu einem gewissen Grade ein unterscheidendes Merkmal der apokalyptischen von der prophetischen Eschatologie.

§ 16. Die Katastrophen. HERMANN GUNKEL: Kommentar zur Genesis?. Göttingen 1902. S. 233 ff. Forschungen Heft I.

Wir haben gesehen, daß die am Tage Jahves stattfindende Katastrophe fast durchweg mit palästinischen Farben gezeichnet ist. In Palästina erlebten die Israeliten gewaltige Feuersbrünste, Orkane, Erdbeben, Heuschreckenplagen und anderes, und darum konnten sie, ja mußten sie das kommende Unheil so ausmalen, wie sie es taten. Einzelne Schrecken, die sie aus eigener Erfahrung wenig oder gar nicht kannten, von denen sie nur durch Hörensagen wußten, mochten sie in das Bild einschieben, ohne daß es sich darum merklich veränderte. Sein palästinischer Charakter blieb dennoch im Großen und Ganzen gewahrt.

In diesen Rahmen fügt sich nur die eine Tatsache nicht, die für das ursprüngliche Wesen des Tages Jahves von entscheidender Bedeutung ist: seine universale Natur. Der Glaube an eine Weltkatastrophe ist durchaus nichts Selbstverständliches, und man muß sich hüten, so nahe es liegen mag, ihn allein psychologisch abzuleiten. Gewiß ist eine Vergröberung realer Ereignisse ins Riesenhafte und Phantastische denkbar, aber eine Projizierung ins Kosmologische wird damit nicht erklärt. Wenn bei uns an der Meeresküste eine gewaltige Flut eintritt, so verfällt niemand auf die Idee, die Erde gehe zu Grunde. Mögen auch Häuser und Dörfer zerstört werden, man weiß, daß das Wasser über eine gewisse Höhe niemals hinausdringen wird. In einem Lande wie Deutschland kann überhaupt der Gedanke an eine große Naturkatastrophe irgend welcher Art nicht aufkommen, da wir seit uralter Zeit niemals eine solche erlebt haben. Theorieen über das Weltende können nur dort entstehen, wo man die Entfesselung der Elemente, die alles zerschmetternde Gewalt der Naturkräfte in ganz anderer Weise beobachten kann als bei uns. Zentralamerika mit seinen Vulkanen ist ein günstigerer Boden für solche Erzeugnisse der Phantasie, und wenn wir in Mexiko eine ausgebildete Eschatologie finden1, so ist das begreiflich, da Eruptionen wie die des Mont Pelé wohl die Ahnung eines Erduntergangs hervorzurufen vermögen. In

1. Vgl. MÜLLER: Amerikanische Urrel. S. 513 ff.

Palästina aber fehlen und haben, soweit wir aus historischer Zeit wissen, tiefwühlende Naturerschütterungen (abgesehen von Erdbeben) vollständig gefehlt.

. Wir sind daher gezwungen, für fremdländischen Ursprung der Idee eines Weltunterganges zu plädieren (GUNKEL: Forschungen S. 21). Die Israeliten haben sie von irgend woher entlehnt, nicht direkt, sondern indirekt durch die Vermittlung der Kanaaniter. Denn der Mythus muß in Palästina uralt und dort längst bekannt gewesen sein, ehe die Israeliten einwanderten, weil er fast ganz und gar akklimatisiert und in ein durchaus palästinisches Kolorit getaucht ist. Die ursprünglichen Farben sind übermalt und bis auf einige Pinselstriche verwischt. Er hat eine ähnliche Geschichte erlebt wie der Tiâmat-Mythus, der, aus Babylonien nach Kanaan importiert, hier ein völlig anderes, nur in wenig Zügen treues, Gesicht gewonnen hat.

Im alten Israel kannte man zwei Katastrophen, eine in der Vorzeit: die Sintflut, eine in der Endzeit: den Tag Jahves. Für die Erklärung haben wir bisher zwei Faktoren konstatiert: Erstens die Naturanregung; denn nur in Ländern, die von furchtbaren Naturumwälzungen heimgesucht werden, kann der Glaube an Weltuntergänge entstehen. Zweitens die Lust zu fabulieren, die jedem Menschen innewohnt; denn die Phantasie liebt es, die Dinge, die aus der Gegenwart sei es in die Vergangenheit sei es in die Zukunft projiziert werden, in riesenhaftübertriebener Ausschmückung zur Darstellung zu bringen. Seit Jeremia ist ein dritter Faktor nachweisbar, die Periodentheorie, die seitdem unauflöslich mit der Eschatologie verknüpft ist. Es fragt sich, ob diese Verbindung damals zuerst vollzogen wurde oder ob sie älter oder gar ursprünglich ist.

Jeremia hat zum ersten Male die Dauer des Exils auf 70 Jahre bemessen (2511. 2910). Wie kommt er dazu? Reine Willkür ist ausgeschlossen; denn nichts zwang den Propheten, überhaupt eine Zahl zu nennen. Es bleibt nur die Annahme übrig, daß die Zahl siebzig überliefert war. Mit Recht faßt man 70 als eine ungenaue Variante zu der Zahl 72 auf. „Daß ... diese Zahl ursprünglich astronomischer Herkunft ist, von der Einteilung des 360 tägigen Jahres in 72 Tagfünfte (hamuštu = Woche) ausgehend, hat zuerst WINCKLER: Altor. Forsch. II S. 98 ff. gezeigt und später noch durch viele Beispiele im Ein

zelnen belegt« 1. Ob Jeremia diese Bedeutung der Zahl gekannt hat, ist aller Wahrscheinlichkeit nach zu verneinen, da man von 72 resp. 70 » Wochen“ oder „Perioden«, aber nicht von ebenso vielen Jahren« zu hören erwartet. Man wußte damals wohl nur noch, daß diese Zahl eine Weltperiode bezeichnete, während der genauere Charakter dieses Zeitraums verloren gegangen war. Jeremia hielt also das Exil für eine Weltkatastrophe und berechnete darum seine Dauer auf 72 Zyklen d. h. ein Jahr. Da das Exil keine Weltkatastrophe war, so konnte Jeremia schwerlich erstmalig auf den Gedanken verfallen, mit ihm Zahlen zu verbinden, die für Weltperioden maßgebend waren. Man wird sich vielmehr vorstellen müssen, daß diese Verknüpfung schon vorher erfolgt war im populären Glauben, als man noch nicht an das bestimmte historische Ereignis, sondern noch an eine wirkliche Weltkatastrophe dachte.

Ezechiel berichtet 44ff., wie Jahve ihm befohlen habe, eine bestimmte Zahl von Tagen auf der linken Seite unbeweglich zu liegen und so symbolisch entsprechend einer ebenso langen Zahl von Jahren die Verschuldung Israels zu tragen, sich dann auf die rechte Seite zu legen und dasselbe für Juda zu tun. Der massorethische Text nennt als Zyklen 390 + 40, die LXX teils 190 + 40, teils 150 + 40. BERTHOLET und KRÄTZSCHMAR bevorzugen die kleineren Zahlen der LXX, da sie glauben, der Prophet erzähle hier wirklich Erlebtes. Ich halte mich an die massorethischen Angaben, weil sie mir erklärlich scheinen, und nehme an, daß dem Ezechiel genau so wie dem Jeremia eine feste Zahl überliefert war, und zwar 430, die er auf beide Reiche verteilte (390€+ 40). Ganz analog verhält es sich mit dem chronologischen System der historischen Bücher. Das Gerippe bildet die Zahlsumme (480 = 12 x 40), die unregelmäßig mehr oder weniger nach Belieben in Einzelposten aufgelöst wird. Vermutlich ist die Zahl 430 entstanden durch die Verschmelzung zweier verwandter Traditionen. Die eine redete von 360 » Tagen«, die andere von 70 » Wochen«. Als man das Wesen des betreffenden Zeitraums vergessen hatte, zu dem diese Zahlen gehörten, konnten sie mit einander kombiniert und

1. KAT3 S. 634 f. Dort weitere Literatur; vgl. übrigens auch GUNKEL zu Gen. 17.

Forschungen zur Rel. u. Lit. d. A. 1. NT. 6.

gehabt" Ezechiel berdieser Verein

addiert werden. In dieser Vereinigung d. h. als Summe werden sie dem Ezechiel bereits vorgelegen haben, da er keinen Grund gehabt hätte, die Zahlen 360 + 70 zu ändern, zumal wenn Jeremia bereits von 70 Jahren geredet hatte. Eine Übereinstimmung der beiden Propheten in diesem Punkte ist durchaus nicht notwendig, da kein Dogma über die Dauer des Exils sie band. Wir haben keinen Anlaß, jene Überlieferung aus dem Buche Jeremia zu streichen (WELLHAUSEN, SMEND), nur deshalb weil Ezechiel einer anderen Tradition gefolgt ist. Wenn meine Auffassung richtig ist, handelt es sich übrigens nicht einmal um zwei verschiedene Traditionen, sondern beide besagen ursprünglich dasselbe: Der durch die Weltkatastrophe hervorgerufene Zustand dauert 360 Zyklen = 70 Zyklen = 1 Jahr. Jeremia und Ezechiel haben also diese mythischen Weltzahlen auf die Geschichte Israels und Judas gedeutet.

Wir haben gesehen (vgl. S. 65ff.), wie nach populärem und prophetischem Glauben das eschatologische Unheil auch als eine Wiederholung der Sintflut aufgefaßt wurde. Wenn Deuterojesaja 549 die Tage nach dem Exil mit den Tagen Noahs nach der Flut vergleicht, so beruht dies nicht auf einer geistreichen Spielerei, sondern auf der festen Überzeugung dieses Mannes, daß Exil und Sintflut, die Katastrophen der Endzeit und Vorzeit, in ihrem innersten Wesen verwandt sind. Aus dem Exil selbst ist diese Ansicht völlig unbegreiflich; denn es war keine universale, sondern eine partikulare Begebenheit. Damals handelte es sich um die Menschheit, hier um Israel. Wie konnte der Verfasser auf den seltsamen Gedanken verfallen, beides auch nur in Parallele zu setzen? Das ist nur begreiflich aus der Umbiegung einer längst bekannten, jedermann geläufigen Tradition. Nur wenn das Exil als identisch galt mit der großen Katastrophe der Endzeit, konnte es mit der Sintflut parallelisiert werden. Jene Identität aber ist nicht aus den Tatsachen und Ereignissen abgeleitet und ableitbar, kann also nicht damals zum ersten Male entstanden sein; sie beruhte vielmehr auf einer alten Theorie, und diese Theorie behielt man bei, trotzdem die Tatsachen und Ereignisse ihr nur ziemlich wenig entsprachen.

In diesem Zusammenhange ist es für die Bestätigung unserer These nicht nur von Interesse, daß außer der israe

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