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Milch und Honig, und das ist wohl zu beachten. Einen besseren Prüfstein aber haben wir am Kultus. Als typische Götterspeise gilt in Israel weder Milch noch Honig, sondern Blut und Fett. Denn nur diese Dinge spendete man der Gottheit. Milch wurde bei den Israeliten überhaupt nicht zu Libationen verwendet1. Die Darbringung des Honigs ist, wie man aus Ez. 1619. Lev. 211. II. Chr. 315 schließen darf, »aus einem palästinischen Kult in den Jahvekult zeitweilige eingedrungen, aber wieder ausgeschaltet worden« (STADE). Wir müssen hier demnach mit einem fremden Einfluß rechnen, der sich aus den folgenden Erwägungen noch wahrscheinlicher machen läßt.

Jes. 7a1ff. wird eine Schilderung des verödeten und verarmten Landes in der eschatologischen Zeit (an jenem Tage) gegeben: Man hält sich eine kleine Kuh und zwei Schafe; die unerschwinglich teueren Weinstöcke verschwinden; das ganze Land wird voll von Dornen und Disteln; auf die Berge, die sonst dem Ackerbau dienen, treibt man Stiere und Schafe. Mitten dazwischen heißt es: Denn Sahne und Honig wird essen jeder Übriggebliebene im Lande (V. 22). Im jetzigen Zusammenhange können Sahne und Honig nur die Speise des Nomaden bedeuten und als Zeichen der Armut aufgefaßt werden. Das ist sehr auffällig; denn, wie wir im Vorhergehenden gesehen haben, hat das Land, in dem Milch und Honig fließt, allezeit und mit Recht als ein Typus des Reichtums gegolten, einerlei woher die besprochene Redensart stammen mag. Überdies ist auch für den Beduinen Milch und Honig keineswegs die alltägliche, kärgliche Nahrung und keineswegs für ihn charakteristisch, sondern auch ihm dient die Kombination von Milch und Honig (oder Honig und Wasser) >zur Bezeichnung des Überflusses« (GOLDZIHER). Schon einem Glossator kam der jesajanische Text sehr unwahrscheinlich vor. Er glaubte, wenigstens die Sahne anders erklären zu müssen, als es der Zusammenhang fordert, und fügte darum hinzu: Und geschehen wird es, ob der vielen geronnenen Milch ist man Sahne (V. 22). Damit ist er dem alten Sinn um ein gut Stück näher gerückt, wenn er ihn auch nicht ganz getroffen hat. Man sieht, der Zug stand fest, die Überlieferung war gegeben: »Die Übriggebliebenen der neuen Zeit essen Honig und Sahne«. Die Späteren verstanden ihn nicht mehr, sie suchten sich damit abzufinden, indem sie ihn umdeuteten, bald so bald anders. Für uns, die wir die Parallelen überschauen, kann die ursprüngliche Meinung nicht zweifelhaft sein. Wenn die Übriggebliebenen Sahne und Honig essen, so sollen sie dadurch als Teilnehmer am Göttermahle dargestellt werden. Aus Jes. 256 baben wir bereits (vgl. o. S. 134) dieselbe Anschauung kennen gelernt, nur sind hier die ausländischen Speisen des Mythus durch inländische ersetzt worden. Sahne und Honig sind durch Fettspeisen und Hefenweine verdrängt.

1. Doch vgl. W. R. SMITH S. 167 Anm. 327 zu Ex. 23 19. 34 26.

2. Über die anderslautende Notiz des Theophrastos vgl. BÜCHLER ZATW XXII S. 202 ff.

Wer den göttlichen Trank trinkt und die göttliche Nahrung kostet, wird göttlich, wird vergottet. Die Unsterblichkeitsspeise, die sonst nur den Göttern vorbehalten ist, wird dann den Sterblichen gereicht und macht sie unsterblich. Nach griechischem Glauben kommt den im glücklichen Jenseits wohnenden Geistern die Speise der Götter zu. In einem Zauberbuche .... wird angeordnet: Nimm die Milch mit dem Honig und trink davon ..., dann wird etwas Göttliches in deinem Herzen sein« (USENER S. 192). In Israel wird das zwar nirgends gesagt und mag in historischer Zeit nicht mehr behauptet sein, ursprünglich aber ist es als notwendige Folge mit der Ursache gegeben. Man begnügt sich später damit, die körperliche und geistige Vollkommenheit (vgl. o. 8. 204) und die Heiligkeit des neuen Israel zu erwarten (Jes. 43. 6212. Jo. 417). Jerusalem wird dann heißen die Stadt Jahves, das Zion des Heiligen Israels (Jes. 60 14). Die Israeliten werden Priester Jahves (Jes. 616) oder heiliger Same (Jes. 613) genannt. Unreine dürfen die heilige Stadt nicht mehr betreten (Jes. 521); denn jede Unreinheit wird entfernt (Zach. 131ff.). Ja, selbst die Leichenfelder und Totentäler (Jer. 31 40), die Roßschellen und Töpfe in Jerusalem und Juda, die bis dahin in höchstem Maße unrein waren, werden dem Jahve der Heerscharen geheiligt (Zach. 1421). Zwar gilt schon das gegenwärtige Israel als heilig, aber doch nur in abge

1. Warum ? weiß ich nicht.

schwächtem Sinne, die vollkommene Heiligung, die bald mehr rituell, bald mehr sittlich gedacht wird, geschieht erst am Tage Jahves.

Jes. 715 endlich heißt es von der Nahrung des Immanuel: Sahne und Honig wird er essen, um die Zeit, wo er weiß, das Böse zu verschmähen und das Gute zu wählen. Wiederum haben wir frappante Parallelen in der griechischen Mythologie: »Das Zeusknäblein wird auf Kreta durch Milch und Honig ernährt. Dem kleinen Dionysos netzt Makris, als Hermes ihr ihn gebracht, die trockene Lippe mit Honig. Und den jungen Achilleus zieht Cheiron mit Milch, Mark und Honig auf« (USENER S. 178f.). Jesaja hat diese Nahrung, wie aus V. 16 und 21 ff. hervorgeht, als Nomadenspeise gedeutet, obwohl sie durchaus nicht für den Beduinen typisch ist. Aus diesem Grunde müssen wir annehmen, daß der besprochene Zug ihm überliefert war und von ihm, vielleicht absichtlich (vgl. § 13f.), vielleicht unabsichtlich, ins Gegenteil verdreht worden ist. Jedenfalls ist er ursprünglich nicht für eine Schilderung geschaffen, die bestimmt war, die Verarmung des Landes und der Einwohner zu zeichnen. Er konnte auch schwerlich in dieser Weise verwandt werden, wenn er damals noch lebendig war.

Von verschiedenen Gesichtspunkten aus sind wir dazu gedrängt, die Erwähnung von Milch und Honig in den eschatologischen Weissagungen für außerisraelitischen Ursprungs zu halten. Man könnte sich begnügen, auf die Kanaaniter zu rekurrieren, wenn deren Religion als ein einheimisches Gewächs zu betrachten wäre und weiter keine Mittel zur Rekonstruktion der Geschichte zur Verfügung ständen. Hier aber dürfen wir babylonische Herkunft mit Wahrscheinlichkeit behaupten. Denn in Babylonien galt Honig als Götterspeise und dort spielte er eine Rolle im Kultus. In babylonischen Ritualtexten wird häufig ein Gemisch aus Honig und Dickmilch genannt, das namentlich bei der Weihe neuer Götterbilder gebraucht ward (KAT: S. 526). Von dort scheinen der Ritus und die damit verbundenen mythischen Vorstellungen nach Arabien, Palästina, Ägypten und Griechenland gewandert zu sein.

Ein zweites Schema lautet: Die Wüste wird in einen Baumgarten verwandelt. Es unterscheidet sich von dem vor

1. Vgl. GUNKEL: Genesis2. S. 31 f.

hergehenden namentlich darin, daß das korrespondierende Glied fehlt, d. h.: Hier wird nicht Jerusalem oder Palästina oder sonst ein Ort vorher erst zu einer Wüste gemacht, sondern die Wüste ist bereits da. Israel wird in sie hineingeführt, und nun beginnt der Wechsel der Szenerie. Dies zweite Schema ist mit Vorliebe von Deuterojesaja benutzt und an vielen Stellen behandelt worden. Aus der Fülle der Belege mögen einige herausgegriffen werden: Ich will öffnen auf kahlen Hügeln Ströme und inmitten der Täler Quellörter, will machen die Wüste zum Wasserbecken und dürres Land zu Wasserquellen. Ich will geben in die Wüste Zeder, Akazie, Myrte, Ölbaum, will setzen in die Steppe Zypresse, Ulme und Buchsbaum (Jes. 41 18—20). Nicht haben sie ge in Wüsten ließ er sie wandern, Wasser aus dem Felsen ließ er ihnen rinnen, und spaltete den Stein, daß die Wasser flossen (Jes. 4821). Denn in Freuden sollt ihr ausziehen, und in Frieden sollt ihr geleitet werden. Die Berge und Hügel sollen ausbrechen vor euch her in Jubel, und alle Bäume des Feldes in die Hände schlagen; statt Dorngestrüpp wird die Zypresse wachsen, und statt Nesseln wird die Myrte sprieben; und es wird dem Jahve werden zum Ruhm und zum ewigen, unvertilgbaren Zeichen (Jes. 55 12f.).

Psychologisch kann diese Hoffnung nicht erklärt werden. Gewiß mochte dem nach Palästina Heimkehrenden der Zug durch die Wüste als ein schrecklicher Gedanke vor den Augen stehen, aber durfte ihm nicht der Trost genügen, Jahve werde ihn sicher durch alle Fährlichkeiten hindurchgeleiten? Wozu brauchte er die phantastische Erwartung auf eine Umwandlung der Wüste in ein herrlich-schönes Land? Überdies ist der Gedanke mythischer Natur: Jahve wird erscheinen und unter seinen Füßen quellen Ströme aus der Erde und schießen Bäume aus dem Boden hervor. Solche mythischen Motive können nicht von einem Dichter des Exils zum ersten Male geschaffen, sie können nur aus der Tradition übernommen sein. Woher die Farben stammen, mit denen diese Bilder gemalt sind, erkennt man am deutlichsten aus Jes. 513, wo der Verfasser das erste Schema benutzt hat: Denn Mitleid hat Jahve mit Zion, Mitleid mit all ihren Trümmern, und er wird macheni ihre Wüste wie

1. Lies by DUHM.

Eden und ihre Steppe wie Jahves Garten. Es heißt nicht einfach: Das Paradies kehrt wieder, sondern eine Zeit kehrt wieder, wo die Wüste oder das verwüstete Jerusalem göttergleich sein wird. Hier liegt ein Stil vor; die neue Zeit, an deren Schwelle Deuterojesaja zu stehen sich bewußt ist, wird mit den Farben Edens, des Götterlandes, geschildert 1.

Vergleicht man dies zweite Schema mit dem ersten, so könnte man geneigt sein, es deshalb für sekundär zu halten, weil das erste Glied, die Katastrophe, fehlt. Dieser Irrweg ist gefährlich. Wenn auch bestimmte Schemata aufzuweisen sind, die wir heute als Abstraktionen aus den konkreten Schilderungen der Schriftsteller entnehmen, so muß man sich dennoch hüten, alles »schematisieren« zu wollen, als ob nur Ein Schema vorhanden wäre. Für die israelitische Eschatologie ist grade die Fülle der Schemata bezeichnend, die neben einander herlaufen, sich berühren, und die in bunter Mannigfaltigkeit variieren. Neben der Theorie: Palästina wird zu einer Wüste und diese Wüste zu einem Fruchtland gemacht, steht die andere, eng verwandte, aber doch etwas modifizierte: Die Wüste selbst wird in der kommenden Neuzeit paradiesesgleich werden. Von einer Katastrophe ist in diesem Zusammenhange keine Rede, sie darf auch nicht ergänzt werden. Wir dürfen sogar diese zweite Theorie für die ältere erklären. Denn einmal ist sie mythischer Natur. Sie beruht im letzten Grunde auf der Anschauung von der Wiederkehr des Paradieses. Und ferner wird auch die Wiederherstellung Palästinas, wenigstens teilweise, mit den Farben des Paradieses gemalt. Nach der herkömmlichen Auffassung verläuft die Entwicklung der Heilseschatologie so, daß die Propheten zunächst eine in poetisch gehobener Sprache gehaltene, aber doch mit realen Zügen ausgestattete Fruchtbarkeit Palästinas verkünden (erstes Schema), daß aber später die Heilsweissagungen einen immer stärkeren mythischen Anstrich zeigen (zweites Schema). Von dieser Ansicht beherrscht, haben die Exegeten alle mythischen Stellen aus den früheren Propheten gestrichen. Das ist ein willkürlicher Gewaltakt. Die überlieferten Tatsachen erklären sich nur, wenn man die beiden

1. Deuterojesaja ist von Späteren vielfach nachgeabmt. Vgl. besonders Jes. c. 35.

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