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aber wird dieser, an sich ganz verständliche, Gedanke in eine hochmythologische Form gekleidet: Ich (Jahve) lagere mich zum Schutz meines Hauses als Wache, daß keiner hin und her den Weg darüber nimmt, und kein Gewalthaber soll ferner über sie kommen (Zach. 98). Während nach Gen. 324 der Gottesgarten vom Kerub oder vom Flammenschwert behütet wird, spielt hier Jahve selbst die Rolle des Kerub. Zach. 29 wird die Sicherheit Jerusalems dadurch gewährleistet, daß Jahve ihr als Feuermauer dient. Wahrscheinlich sind diese Bilder ein letzter, nicht mehr verstandener Nachklang einer alten mythischen Anschauung, wonach das Götterland oder das Paradies gegen Riesen, Dämonen oder sonstige Wesen abgesperrt wird. Bald steht die Gottheit bald ein Kerub bald ein Engel Wache, bald wird eine hohe Mauer oder Feuerwand aufgeführt, die man mit dem Himmel selbst identifiziert hat. Eine ähnliche Vorstellung setzt schon der babylonische Schöpfungsmythus voraus, der von Marduk nach der Tötung Tiâmats erzählt: Er stellte ihre Hälfte auf, machte sie zur Decke, dem Himmel, schob einen Riegel vor, stellte Wächter hin und befahl, ihre Wasser nicht mehr herauszulassen! Am Himmelsdach befindet sich eine mit Riegeln versehene Tür. Aufgabe der Wächter ist es, den Weg zu versperren, hier zwar nicht den äußeren Feinden, sondern den über dem Himmel ruhenden Wassern. Als göttliche Türhüter vor Tempeln und Palästen fungierten bei den Babyloniern bekanntlich die gewaltigen Stier- und Löwenkolosse, die den Dämonen den Eingang verwehren sollten und die man mit den kanaanitischen Keruben identifiziert hat.

Die Mauer ist mit dem Paradiese verbunden II Hen. 6510: Und es wird ihnen eine große, unzerstörbare Mauer sein und das helle und unverwesliche Paradies, ohne daß eine klare Vorstellung aus diesen Worten zu gewinnen wäre. Deutlicher ist Apk. Joh. 21 12f., wo Jerusalem, wie GUNKEL gezeigt hat, als Gottesstadt geschildert wird: Sie hat eine große und hohe Mauer und zwölf Tore, und auf den Toren zwölf Engel ... Drei Tore von Osten, drei von Norden, drei von Süden, drei von Westen. Diese Mauer war ursprünglich einmal der Himmel selbst. I Hen. c. 34 z. B. kennt noch je drei Himmelstore in den vier Richtungen, aus denen die Winde blasen. Eine Variante zu den zwölf Toren der Mauer sind ihre zwölf Grundsteine, die mit allerlei Edelsteinen verziert sind (V. 19). Die Zwölfzahl ist eine spätere, wenn auch alte (vgl. Ez. 483off.) Zutat, die wohl irgendwie auf die zwölf Tierkreiszeichen zurückgeht (GUNKEL). Ursprünglich kommt es nicht auf die Zahl an. Der Himmel als das Reich der Lichter und Lichtgötter funkelt und glitzert wie Diamanten und Perlen. So wird das neue Jerusalem schon Jes. 5411f. beschrieben: Siehe, ich fasse in Bunterz deine Steine und werde dich gründen in Sapphiren, und werde Rubine machen zu deinen Zinnen und deine Tore zu Karfunkelsteinen und deine Einfassung zu Edelsteinen (vgl. Tob. 1316f.).

1. Keilinschriftl. Bibl. VI, 1 S. 30f. Z. 138 ff.

§ 21. Der Rest. JOHANNES MEINHOLD: Studien zur israelitischen Religionsgeschichte. Bd. I. Der heilige Rest. Teil 1. Elias, Amos, Hosea, Jesaja. Bonn 1903.

Wo die Propheten die Katastrophe des Tages Jahves schildern, reden sie meist weder von der Rettung eines Einzelnen noch eines Volksteiles, sondern veranschaulichen im Gegenteil durch mehr oder minder drastische Beispiele die völlige Vernichtung der Nation. So sagt Amos: Wie der Hirt dem Munde des Löwen zwei Beinchen oder ein Ohrläppchen entreißt, so werden die Kinder Israels gerettet (312). Die Fetzen, die er behält, sind nicht der Rede wert. Gefallen ist, steht nicht mehr auf, die Jungfrau Israel, liegt hingestreckt auf der eigenen Flur, keiner richtet sie auf. Denn so spricht Jahve: Die Stadt, die zu tausend ausrückt, wird hundert übrig haben, und die zu hundert ausrückt, wird zehn übrig haben (Am. 52f.). Der Nachdruck wird nicht darauf gelegt, daß einige dem Verderben entrinnen, sondern wie wenige ihm entgehen. Der Gedanke an den Rest ist nicht erhebend, sondern niederschmetternd. Was bei der Katastrophe übrig bleibt, verdient kaum, Rest genannt zu werden. Mögen die Israeliten in den Himmel, in die Seol, oder ins Meer flüchten, Gottes Arm trifft sie überall. Und wenn sie vor ihren Feinden her in die Gefangenschaft wandern, 80 befehle ich dort dem Schwerte, sie zu würgen (Am. 9 iff.). Wie sollte da auch nur einer mit dem Leben davonkommen? Und gleich Amos die übrigen Propheten! Ephraims Menge wird den Vögeln gleich verfliegen, sodaß es keine Geburt, keine Schwangerschaft, keine Empfängnis mehr gibt. Getroffen ist Ephraim, ihre Wurzel ist verdorrt, Frucht setzen sie nicht an. Auch wenn sie Kinder zeugen, töte ich die Lieblinge ihres Leibes, und wenn sie ihre Kinder groß ziehen, mache ich sie verwaist, menschenarm, ja wehe auch ihnen, wenn ich von ihnen weiche! (Hos. 911. 16. 12). Das ganze Land soll verwüstet und verödet werden, und ist noch ein Zehntel darin, so muß es wieder ins Feuer, wie die Eiche und die Terebinthe, an denen beim Fällen ein Wurzelstamm blieb (Jes. 611ff.). D. h. »Wenn auf einer Neurodung die Bäume gefällt sind, macht man die Wurzelstümpfe, deren Ausgrabung zu viel Zeit kosten würde, durch Feuer unschädlich« (DUHM). Es soll also schlechterdings nichts gerettet werden. An jenem Tage wird es sein, wie wenn man Ahren liest im Tale Rephaim, und übrig daran bleiben eine Nachlese wie beim Olivenklopfen, zwei, drei Beeren in der Spitze des Wipfels, vier, fünf in den Zweigen des Fruchtbaumes (Jes. 176f.). Die Ernte, die der große Schnitter hält, ist gewaltig.

Genau so ist es an den Stellen, wo die Weltkatastrophe geschildert wird: Fortraffen will ich alles von der Erde, spricht Jahve, fortraffen will ich Menschen und Vieh, fortraffen die Vögel des Himmels und die Fische des Meeres (Zeph. 12). Ich schaue, und siehe, es gibt keine Menschen und alle Vögel des Himmels sind entflohen (Jer. 425). Denn so wird es sein inmitten der Erde, mitten unter den Völkern, wie beim Olivenklopfen, wie bei der Nachlese, wenn vollendet die Lese (Jes. 24 13). Grauen, Grube und Garn über dich, Bewohner der Erde! Und geschehen wird es, der flieht vor dem Grauen, fällt hin zur Grube, und der aufsteigt aus der Grube, wird gefangen vom Garn (Jes. 2417f. vgl. Jer. 4843f.). Wer dem einen Verderben glücklich entronnen ist, wird sicher in das andere gestürzt. Eine Ausnahme wird nicht zugelassen, die ganze Menschheit geht zu Grunde, sie muß es, weil die Gitter von der Höhe her geöffnet sind und die Grundfesten der Erde erbeben; in Trümmer zertrümmert sich die Erde, in Splitter zersplittert sich die Erde (Jes. 24 18f.). Aber mit diesem Gedanken wird nicht Ernst gemacht; denn im Folgenden existiert nicht nur der Berg Zion

und Jerusalem (24 23), sondern auch alle Völker sind vorhanden, denen Jahve ein köstliches Mahl bereitet (256).

Und so ist in weitaus den meisten Fällen keine Vermittlung zwischen Unheil und Heil nachweisbar, nur an einigen Stellen ist es anders. So heißt es z. B. Jes. 1 25: Ich will meine Hand wider dich ausstrecken, will läutern im Schmelzofeni deine Schlacken und all deine Bleistücke entfernen. Es ist übertrieben, wenn STADE behauptet: »Jesaja hat von Anfang an die tröstliche Gewißheit nicht gefehlt, daß Jahve einen Rest übrig lassen wird, der sich zu ihm zurückwendet, wiewohl er das in seiner Berufungsvision nicht ausspricht, überhaupt nirgends sagt, wie sich das vermittelt« (Bibl. Theol. I S. 225). Hier haben wir einmal eine solche Vermittlung: Israel soll nicht gänzlich vernichtet, sondern geläutert werden. Die schlechten Elemente werden beseitigt, nur die guten bleiben zurück und bilden den Kern des neuen Volkes. Ein ander Mal heißt es: Siehe, die Augen des Herrn Jahve richten sich gegen das sündige Reich, daß ich es von der Oberfläche der Erde vertilge. Doch will ich das Haus Jakob nicht ganz und gar vertilgen, sagt Jahve (Amos 98).

Eine Vermittlung ist ferner da vorhanden, wo das Volk Israel, nachdem es von dem Unheil betroffen ist, sich zu Jahve bekehrt und Buße tut. Wie Gomer, das verstoßene, untreue Weib Hoseas, viele Tage ohne einen Mann sitzen soll, so sollen auch die Kinder Israels lange Zeit ohne König, Opfer und Bilder bleiben. Darnach werden sie umkehren, werden Jahve, ihren Gott, suchen und voll Furcht hineilen zu ihm (Hos. 33ff.). Man beachte wohl den Ausdruck! Es heißt nicht: »Diejenigen, die sich bekehren, werden geseguet werden«, sondern wie das Unheil so ergeht auch das Heil in gleicher Weise über Gesamtisrael. Dieselbe Anschauung haben wir aus Hos. 2 16ff. kennen gelernt: Israel soll in die Wüste zurück; dort wird ihm Jahve ins Herz reden, und dann wird es nach Palästina heimkehren.

An den meisten Stellen aber, die heilseschatologische Schilderungen enthalten, fragt man vergebens, woher das neue Volk stammt, dessen paradiesisches Glück beschrieben wird. Ist denn Israel durch die Katastrophe nicht vernichtet? Ist die Welt

1. Lies a mit CLERICUS.

nicht zu Grunde gegangen? Ist ein Teil gerettet, und warum grade dieser Teil? Man kann ja, wenn man Phantasie genug besitzt, mitunter die Verbindungslinien ziehen, aber das Typische ist eben, daß sie von den Propheten oft nicht ausdrücklich gezogen werden. Es geht uns hier mit der Unheils- und der gewöhnlich darauf folgenden Heilseschatologie, als hätten wir zwei Trümmerfelder vor uns; beide sind getrennt und liegen doch nahe beieinander. Manche Spuren deuten auf einen ursprünglichen Zusammenhang, aber sie sind zu sehr verwischt, als daß wir sie mit Sicherheit verfolgen könnten. Erwägen wir die oben zitierten Verse, wonach Israel bis auf den letzten Mann und die Welt bis auf die Fische des Meeres vertilgt werden soll, so scheint uns eine Heilseschatologie so gut wie unmöglich. Darin bestärkt uns noch die prophetische Ethik, die sich mit großem Eifer bemüht, dem Volke den Sittenspiegel vorzuhalten. Man hat oft den Eindruck, daß sie ungerecht urteilt. So sagt Jeremia einmal in ungeheurer Übertreibung: Streift umher auf den Straßen Jerusalems und suchet doch und gebet acht, und suchet auf ihren Plätzen, ob ihr jemand findet, ob einer ist, der Recht tut, der nach Treue strebt, so will ich ihr vergeben (Jer. 51). Und trotzdem verkünden die Propheten eine Heilseschatologie! Wir müssen uns mit dem Auseinanderklaffen von Unheil und Heil innerhalb der prophetischen Eschatologie abzufinden suchen. Um diesen Tatbestand zu erklären, bleibt allein die Möglichkeit, daß die Propheten die Heilseschatologie ebenso wie die Unheilseschatologie aus den populären Anschauungen übernommen und in dem fragmentarischen Zustand belassen haben, der ihnen in Israel vielleicht seit lange, vielleicht seit immer geeignet hat. Grade bei überlieferten Ideen, die jedermann geläufig sind, kann man oft beobachten, wie wenig selbst kritische Geister sie durchdringen und sie zu einem organisch-lebendigen Ganzen verbinden.

Demgegenüber wird man auf den eigentümlichen Mittelgedanken hinweisen, mit dessen Hülfe sich die Propheten oft bemüht haben, die Kluft zwischen Unheil und Heil zu überbrücken: Der Rest oder die Entronnenen (Jes. 42. 1020. 3731) oder die Übriggebliebenen (Jes. 43. 10 2off. 1111. 16. 285) ist der Ehrentitel derer, die gewürdigt sind, ins Buch des Lebens1 ein

1. Die klassischen Parallelen sind jetzt gesammelt bei LUDOVICUS

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