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vernichtet, so ist die Wiederkehr des Paradieses überflüssig – oder die Menschen müssen auferstehen zu einem neuen Leben. Der Auferstehungsgedanke ist in der späteren apokalyptischen Eschatologie ein richtiges und organisches Bindeglied zwischen Unheil und Heil und in ganz anderer Weise als die Restidee geeignet, beide mit einander zu verknüpfen. Auch wenn man der Ansicht ist, daß alle psychologischen Ableitungen der Auferstehungshoffnung, die man versucht hat, von Grund aus ver. fehlt sind und daß sie vielmehr in uralten Zeiten entstanden sein muß, so wird man sie dennoch dem älteren Israel nach allem, was wir wissen, absprechen müssen. Eine andere Frage ist die, ob das Volk, von dem Israel die Eschatologie übernommen hat, den. Mittelgedanken der Auferstehung kannte. Diese Frage läßt sich heute weder bejahen noch verneinen. Sicher ist nur das eine, daß Israel den ursprünglichen Mittelgedanken, welcher Art er auch immer gewesen sein mag, vergessen hat. Unheil und Heil, zwei stark beschädigte Säulen, sind die allein übriggebliebenen Reste des alten Tempels und zeugen noch von der entschwundenen Pracht.

$ 22. Die Echtheit der Zukunftshoffnungen.

HERMANN GUTHE: Das Zukunftsbild des Jesaja. Leipzig 1885. FRIEDRICH GIESEBRECHT: Beiträge zur Jesajakritik. Göttingen 1890. H. HACKMANN. Die Zukunftserwartung des Jesaja. Göttingen 1893. PAUL Volz: Die vorexilische Jahveprophetie und der Messias. Göttingen 1897. W. NOWACK: Die Zukunftshoffnungen Israels in der assyrischen Zeit (Theol. Abhandlungen für H. J. HOLTZMANN). Tübingen 1902. T. K. CHEYNE: Introduction to the book of Isaiah. 1895 (deutsch von BÖHMER 1897).

Man hat versucht, aus den vorexilischen Prophetenschriften einen großen Teil der Stellen auszumerzen, die von der Heilseschatologie handeln, und sie für exilisch oder nachexilisch zu erklären. Von der Inkonsequenz, durch die einige Verse dem Seziermesser der Kritiker glücklich entgangen sind, will ich nicht reden, da man das Versäumte ja nachholen kann. Wohl aber darf man verlangen, daß die Negation ergänzt werde durch die positive Entstehungsgeschichte aller der Tatsachen, die oben § 18—21 aufgezählt sind und die noch hinzukommen. Abgesehen von ein paar Notizen, die durchaus ungenügend sind, hat sich bisher niemand die Mühe gemacht, den vorhandenen

Stoff zu sammeln und seinen historischen Werdegang aufzuzeigen 1.

Um die Entstehungszeit der Heilseschatologie zu bestimmen, geht man gewöhnlich von der Frage aus, ob die heilseschatologischen Partieen von dem Verfasser stammen, in dessen Buche sie überliefert sind, oder ob sie an der Stelle und in dem Sinne stehen, die der Autor ihnen zugedacht haben mag. Diese Frage ist leichter aufgeworfen als beantwortet. Sie kann hier nur gestreift, nicht erschöpfend behandelt werden, da die Komposition der prophetischen Schriften und der Stil der prophetischen Reden bisher noch nicht genügend untersucht sind, obwohl sie dessen dringend bedürfen. Ohne sich auf Kleinigkeiten einzulassen, ist es lohnend, sich mit den großen Gesichtspunkten auseinanderzusetzen, die man gegen die Echtheit vorgebracht hat. Denn teilweise stützt sich die Kritik auf falsche Axiome.

Ein oft angeführter Grund ist der, daß der Zusammenhang mit dem Vorhergehenden und Folgenden lose sei. Das ist richtig, aber nicht richtig ist es, einen solchen überhaupt zu erwarten. Die schriftstellerische Art der Prophetenbücher erkennt man am besten, wenn man sie vergleicht mit der Art eines Demosthenes oder Cicero. Diese haben lange, logisch durchdachte, kunstreich zusammengefügte Reden komponiert und stilisiert, zu denen auch wir mit Bewunderung emporblicken. Die prophetischen Schriften sind zum größten Teil aus kurzen, zusammenhanglosen Sprüchen zusammengesetzt, da man zwei, drei Sätze, vier, fünf Verse keine » Rede« nennen kann. Sie ähneln am ehesten den Evangelien, die uns Fragmente, abgerissene Worte aus der Lehrtätigkeit Jesu mitteilen, die wenige, freilich goldene Körner aus seinem reichen Schatze uns aufbewahrt haben. Wer hier straffe Gliederung verlangt, wer noch wie einst von einer » Bergpredigt« Jesu spricht, die Matth. c. 5 ff. überliefert sei, legt einen falschen Maßstab an diese Literaturgattung an. Die einzelnen Prophetenbücher sind verschiedenen Charakters. Während Jeremia und Ezechiel mitunter längere Zusammenhänge bieten, die sich über mehrere

1. HÜHNS Buch ist kaum einmal eine Materialiensammlung zu

nennen,

Kapitel erstrecken, so wird man bei Amos, Hosea, Jesaja und wie sie alle heißen, hald hierin bald dorthin geführt. Kaum hat man einige Verse gelesen, so wird man plötzlich, ehe man es sich versieht, in eine völlig andere Situation versetzt. Jedes Wort des Überganges, jede Verbindungslinie fehlt. Ohne Vermittlung werden die disparatesten Dinge lose an einander gegereiht. Ob die Propheten jemals » Reden« in unserm Sinne gehalten haben, ob sie selbst die bruchstückartigen Notizen gesammelt und in irgend ein Gefüge gebracht haben oder ob das durch ihre Schüler geschehen ist, das alles sind Fragen, die bier nicht beantwortet werden können. Jedenfalls müssen die Beobachtungen über Zusammenhangslosigkeit, die man bei den heilseschatologischen, speziell den messianischen Weissagungen gemacht hat, verallgemeinert und auf breiterer Basis von neuem angestellt werden. Es wird sich dann zeigen, wie wenig sie geeignet sind, um über Echtheit und Unechtheit zu entscheiden.

Daneben wird oft die Schwerfälligkeit des Ausdrucks und die Mangelhaftigkeit des Rhythmus und des Paral. lelismus gerügt. Auch dieser Vorwurf trifft nicht die heilseschatologischen Stellen allein, sondern überhaupt die prophetischen Schriften als Ganzes. Wir dürfen nicht ohne weiteres annehmen, daß die Reden der Propheten wörtlich so gelautet haben, wie sie in unserem Texte stehen. Teils mögen die Verfasser selbst sie überarbeitet und prosaischer gestaltet haben, teils mochten ihnen Andeutungen und Anspielungen genügen, um in ihren Lesern Gehörtes oder längst Bekanntes wachzurufen; denn ihre Bücher waren für die Zeitgenossen, nicht für die Nachwelt bestimmt. Teils aber haben auch spätere Exegeten und Abschreiber den Text gemodelt. Einen Parallelismus zu verunstalten, eine bildliche Redewendung durch eine prosaische zu ersetzen oder zu ergänzen, machte ihrem Gewissen keine Sorge, da sie den Begriff der philologischen Akribie sowenig wie den des literarischen Eigentums kannten. Mehr oder minder frei haben sie alle mit dem überlieferten Text geschaltet, ihn überarbeitet, verbessert, ergänzt, gekürzt, bereichert, erklärt, wie es ihnen bona fide recht erschien. Darum werden wir dem Texte mit grundsätzlichem Mißtrauen gegenüberstehen und mit der Skepsis, daß wir nur selten die Worte, sondern im besten

Falle die Gedanken des ursprünglichen Autors zu erwarten haben.

Noch weniger beweisen einzelne Ausdrücke, zumal wenn sie wenigen Versen entnommen sind. Auch hier haben die Schreiber – nicht nur in den heilseschatologischen Partieen, sondern überall – nach eigenem Belieben geändert, eine unmoderne Phrase durch eine moderne verdrängt, ein ihrem Geschmack nicht zusagendes Bild umgedichtet, genau so wie es noch heute mit unsern Gesangbuchliedern geschieht. Die Prophetenschriften waren Erbauungsbücher, die in den Synagogen vorgetragen wurden, die als historische Urkunden nichts galten, sondern die nur wegen ihres ethisch-religiösen Gehalts in Ansehen standen. Darum war der Buchstabe wenig, der Gedanke die Hauptsache. So notwendig und bis zu einem gewissen Grade unentbehrlich sprachliche Untersuchungen sind, so vorsichtig muß man doch in ihrer Verwertung sein. Es kann nicht oft genug wiederholt werden, daß sie für sich allein gar nichts beweisen; sie dürfen höchstens als Bestätigung für ein anderweit gewonnenes Resultat dienen, und auch nur dann, wenn sie in Massen zur Verfügung stehen und wenn genügendes Material zur Vergleichung vorhanden ist.

Überdies ist eine andere Erwägung sehr nützlich. Wir haben auf Schritt und Tritt gesehen, daß die Propheten die heilseschatologischen Ideen nicht selbst erdichtet, sondern vorgefunden haben in einer älteren Tradition, sei es mündlicher sei es vielleicht gar schriftlicher Art. Der Inhalt ist sicher nur bis zu einem gewissen Grade ihr originales Eigentum, wie weit es die Form ist, können wir heute nicht wissen. Wenn wir aber bedenken, wie verhältnismäßig viele mythische Elemente in den wenigen heilseschatologischen Stellen enthalten sind, dann werden wir die Möglichkeit nicht leugnen dürfen, daß sie auch im Ausdruck an ihre Vorläufer sich angelehnt haben können. Das Material, mit dem sie arbeiten, ist längst fest ausgeprägt, die Formeln sind technisch, die Benennungen typisch,

ial zur Vergleichdere Erwägung

die Prophet

1. Um Mißverständnissen vorzubeugen, betone ich, daß damit weder über den Unwert oder Wert der LXX noch über den der Metrik irgend etwas ausgesagt sein soll. Meine Skepsis ist in textlicher Beziehung sehr stark.

Forschungen zur Rel. a. Lit. d. A. u. NT. 6.

die Ideen undeutlich geworden. Wie soll man denn erwarten, die Phrasen und Redewendungen der jesajanischen Messiasstücke, um deren Originalität es sich vor allem handelt, an späteren Stellen oder in anderen Zusammenhängen wieder anzutreffen, da sie völlig isoliert sind und in einzigartiger Weise von Dingen reden, die nirgendwo sonst berührt werden?i Der Heilseschatologie haftet in viel größerem Maße der ursprünglich fremde Charakter an, während die Unheilseschatologie mehr israelitischen Geist atmet und stärker in Palästinisches Kolorit getaucht ist.

Der wichtigste Einwand, der gegen die Echtheit der vor. exilischen Heilseschatologie erhoben ist, geht dahin, daß Prophetie und Heilseschatologie sich durchaus ihrem innersten Wesen nach ausschließen. Dieser Einwand ist nur bis zu einem gewissen Grade berechtigt. Die den Propheten von Gott verliehene Aufgabe war, vor allem das drohende Ende Israels zu weissagen, das unerbittliche Verhängnis im Voraus zu prophezeien und das Volk darauf vorzubereiten. Kurz, die ältere Prophetie hat hauptsächlich die Unheilseschatologie zu ihrem Gegenstande. Wenn sie nun ihrer Bußpredigt die Spitze abbrach, indem sie dennoch einen günstigen Ausgang erwartete, so war das vielleicht ein pädagogischer Fehler, eine politische Utopie und vor allem ein Widerspruch in sich. Denn »eine bedingt ausgesprochene Weissagung ist gar keine Weissagung, sondern hölzernes Eisen« (SMEND : S. 191). Allein ob logisch, pädagogisch und politisch falsch, um die Tatsachen kommen wir damit nicht herum. Es steht unumstößlich fest, daß Jesaja dem sich bekehrenden Rest (Šear-jašub) die Segenszeit verheißen hat. Der Restgedanke ist ein aus der volkstümlichen Heilseschatologie aufgenommener Fremdkörper in die ältere Prophetie, deren Kern die Unheilseschatologie ist. Seine Rezeption ist wohl begreiflich. Die Propheten überragten als gewaltige Männer, von Jahves Geist erleuchtet und getrieben, alles Volk um eines Hauptes Länge, aber sie waren auch Patrioten, die ein inniges Mitgefühl hatten mit dem Geschick ihrer Nation. Da ist es nur zu verständlich, daß sie, wenn nicht immer so doch bisweilen, ihre Hoffnung und ihren

1. Wir werden darauf unten zurückkommen.

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