Ҿ˹˹ѧ
PDF
ePub

Die offene Thüre ber Buße.

11

eure Buße nicht annehmen? Jona hatte gerufen: Noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen. Da aber Gott jahe ihre Werke, daß sie sich belehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn des Übels, das er geredet hatte, ihnen zu thun, und that's nicht (Jona 3, 10).

Die Buße Manasse's habe ich angenommen und sollte eure Buße nicht annehmen? Er lag in Ketten und rief seine Gößen an. Es war vergeblich. Da gedachte er des Bottes, von dem sein Vater ihm gesprochen, und schrie zu Ihm um Hülfe. Aber die Engel des Dienstes hatten die Fenster des Himmels verschlossen, damit sein Gebet nicht vor Gott tomme. Denn ste sprachen: Sollte für den, der in den Tempel Gottes ein Gößenbild gestellt, noch kaum sein zur Buße? Aber der Heilige, ges lobt sei Er, sprach: Wenn ich seine Buße nicht annehme, muß ich allen Bußfertigen die Himmelsthür zuschließen. Und Er machte unter dem Thron der Berrlichteit eine Öffnung. Da tam Manasse's Gebet vor Ihn und Er erhörte es (2 Chron. 33, 11--13).

Die Buße Fechonjas habe ich angenommen, und follte eure Buße nicht annehmen? Jeremia hatte gesprochen: So wahr ich lebe, spricht der HErr, wenn Jechonja ein Siegelring wäre an meiner rechten Hand, so wollte ich dich doch abreißen. Er wird das Glück nicht haben, daß jemand seines Samens auf dem Stuhl Davids siße und in Suda herrsche (Ferem. 22, 24. 30). Aber groß ist die Kraft der Buße. Selbst einen Gottesbesdluß, ja einen Gottesíchwur hebt sie auf. Denn zu Zechonja's Entel sprach der HErr: Dich, Serubabel, Sohn Sealtiel, will ich nehmen, und will dich wie einen Siegelring halten; denn ich habe dich erwählet, spricht der HErr Zebaoth (Haggai 2, 24).

So tehre denn um, Israel, zum þErrn deinem Gott. Denn nicht ist es mit Ihm, wie mit Menschen. Wenn ein Mensch den andern öffentlich beschimpft, und will ihn dann unter vier Augen begütigen, so erhält er die Antwort: Öffentlich hast du mich beleidigt und willst mich unter vier Augen begütigen? Gehe, hole

12

Urteil über Rab Rahana's Brebigt.

die Männer, vor denen du mich beschimpft hast, dann will ich mich begütigen lassen. Nicht also Gott. Auf der Gasse lästert und schmäht Ihn der Mensch; Er aber spricht: Thue nur Buße zwischen mir und dir, so will ich dir vergeben.“

Das war Rab Kahana's Bußtagspredigt. Sie sollte ihre Hörer in Vertrauen auf Gottes sündenvergebende Gnade stärken und ebendadurch zu einer herzlichen Buße freundlich locken. Wir wissen nicht, welchen Erfolg sie gehabt hat. Aber das wissen wir: der Mann, der so reden konnte, wußte etwas von der rechten Art der Buße. Er war in Sorge, ob nicht die Sünde seines Voltes so groß sei, daß es thöricht genannt werden müsse, wollte man noch auf Gottes Vergebung hoffen. Sollte wirklich, meinte er, dem in die Sünde tiefverstridten Israel der Weg zum Gnadentthrone noch offen stehen? Wir Christen erinnern uns, wenn wir in ähnlicher Lage sind, wenn unsre Sünde uns größer scheint, als daß sie uns vergeben werden könnte, des Schächers, dem unser Herr Jesus das Paradies verheißen hat auf die demütige Bitte hin, die in seinen legten Stunden den Lippen des Verbrechers ents quoll. Rab Kahana sucht im Alten Testament nach Beispielen, in denen das Erbarmen Gottes auch dem größesten Sünder gegenüber fich thatsächlich manifestirt hat. Rain, Ahab, Manasse, Fechonja, die Männer von Anathot und Ninive gehören wohl zu den Sündern vor anderen. Wenn ihnen Gnade zu teil ward, denkt Rab Kahana, so ist Gottes Erbarmen auch noch für Israel vorhanden, und, wenn es nur bußfertig vor seinen Gott tritt, ist es sicher, keine Fehlbitte zu thun. Sollte Rab Kahana sich getäuscht haben? Seine Schristauslegung mag nicht immer die rechte gewesen sein. Aber wenn er sich getäuscht hat, so doch nur darin, daß er gemeint haben mag, die Größe des göttlichen Erbarmens wirklich erfaßt zu haben. Eben von diesem Erbarmen sagt ja der Prophet (Jesaia 55, 8. 9): „Meine Gedanken find nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HErr; sondern, so viel der Himmel höher ist, denn die Erde, so find auch meine Wege höher denn eure Wege, und meine Ges

Der Freiheitskämpfer Zubas von Gamala.

13

danken denn eure Gedanken." Und Paulus, ber Apostel Seju Christi, enthüüt das von Ewigkeit her verborgne Geheimnis der göttlichen Liebe, wenn er spricht: „Darum preiset Gott Seine liebe gegen uns, daß Christus für uns gestorben ist, da wir noch Sünder waren."

Judas von Gamala.

Vortrag am Jahresfeste der Lausißer Prediger-Gesellschaft in

Leipzig am 12. Dec. 1882.

Bon Alfred Körner *).

Als wir vor einem Jahre zu gleicher Festfeier hier verjammelt waren, da war es ein großer Brophet in Israel mit seinem Kämpfen und Leiden, der das ernste Wort zu ernstem Werte uns reden sollte. In jene Zeit wurde unser Bli& gelenkt, wo über Suda's davidisches Königtum das Verhängnis hereinbrach, welchem das auserwählte Bolt troß aller prophetischen, göttlichen Warnung in eigner Verblendung entgegeneilte. Und aus dem Bilde des

*) Dieser unvergeßliche vielversprechende junge Theolog, geb. am 27. Dkt. 1862 in Dresden, wurde uns am 4. Juli 1884 in Leipzig durch frühen Tob entriffen. Er war ein eifriger Jünger der Wissenschaft und besonders vertraut mit der hebräischen Sprache, der er mit liebender Begeisterung fich hingab, doll jugendlicher Frische und rastlos vorwärts drängenden Strebens, aber zugleich auch fromm und gottergeben, so daß er auf seinem Krankenlager, welches ihn von seinem Berufsziele zurücverschlug, wie ein sanftes Lamm geduldig litt und ohne Bangen und Murren den eigenen Willen dem göttlichen opferte. Wie viel Nachrufe an liebe Heimgegangene enthält schon diese unsere Zeitschrift! Sie ist auch in dieser Beziehung eine Saat auf Hoffnung, eine Ezechiels-Weissagung (37, 4–6) über den Totenađer nicht nur Jsraels, sondern auch unserer uns voran durch das rote Meer hindurchgezogenen Lieben. Der leßte Predigttegt unseres sel. Körner war Pf. 122: „Unsre Füße werden Mehen in deinen Thoren, Jerusalem!" Dort wartet er unser.

14

Der Prophet unb ber Fanatiker.

selbstverschuldeten Unglüds trat die Prophetengestalt eines geres mia *) hervor, der mitten in dem allgemeinen Schmerze die Milde eines liebenden, mitfühlenden Herzens mit dem Ernst prophetischer Begeisterung zu einem bewundernswerten, wahrhaft erbauenden Charakter vereinigte.

Auch heute nun soll es eine Zeit nationalen Schmerzes in Israel sein, worauf wir Herz und Uuge richten, die Zeit, wo das Joch römischer Oberhoheit das jüdische Voll seinem nahen Untergang zuführte. Und wiederum soll eine Heldengestalt, in dieser Schmerzenszeit erzeugt, uns besonders nahe treten, die freilich an fittlicher Größe und heilsgeschichtlicher Bedeutung mit Jeremia fich nicht entfernt messen tann: statt des Brophetengeistes waltet hier ein wilder Fanatismus, statt der Demut eines Fes remia: „Derr, ich tauge nicht zu predigen, denn ich bin zu jung“ herrscht hier die Verwegenheit des politischen Aufrührers. Ja, wenn Zeremia dem stilen Monde gleicht, der das Nachtgewölt segenverheißend mit seinem Schein durchbricht, so ist Judas von Samala denn ihm gelten unsere Worte — wie eine nächtliche Feuersbrunst, welche ein unheilfündendes Licht in die Dunkelheit hinausstrahlt.

Und dennoch wollen wir an diesen Mann, der uns im voraus don mehr dämonisch als göttlich anzubliden scheint, mit dem Interesse und mit der Liebe herantreten, welche schon die Zeit seines Auftretens allein uns abgewinnen muß: ists doch die Zeit, wo bald der Morgenstern und nach ihm die Morgensonne einen neuen Tag verkünden sollte -- es sind die Rinderjahre Jesu Christi und seines Vorläufers Johannes des Täufers, in welche das Bild Juda's von Gamala uns hineinweist. Doch nicht an eine streng historische und kritische Behandlung dieses Mannes und seiner Geschichte darf ich heranzutreten wagen – denn nur eine umfassende Renntnis auf Grund des Studiums aller Quellen würde ja dazu befähigen aber das andere will ich versuchen, ein

*) Der Bortragende war ber jebige Candidat B. 3. Küling.

Der göttliche Lebensgrund des Voltstums Israels.

15

Charakterbild jenes Judas' von Gamala im Zusammenhang mit der Lage seiner Zeit und seines Volkes zu zeichnen, um von seiner Person als dem lebendigen Mittelpunkte aus auf das Leben in 3srael am Beginne der neutestamentlichen Zeit einen Blick zu werfen.

Und zwar wollen wir zunächst die geschichtlichen und geistigen Grundlagen jener Zeiterscheinung uns vor die Augen führen, dann auf Judas von Gamala selbst und die Bildung seiner Partei unser Augenmerk richten, um endlich noch einem Wort über die geschichte lichen Früchte Raum zu geben.

Es ist zu jeder Zeit ein schwieriges Problem gewesen und ifts auch heute noch in nicht geringem Grade, die religiösen und nationalen Faltoren eines Volkslebens zu einer innerlich begründeten und nach außen fördernden Einheit zu verbinden. Und die Aufgabe der Versöhnung beider Prinzipien gewinnt an Schwierigteit, je enger beide von der Kindheit eines Voltes an verjdwistert waren; denn je genauer die Verbindung des religiösen und nationalen Gedankens ist, desto leichter wird eine Schwankung des einen auch den anderen zu erschüttern drohen. Ein Beispiel hierfür in großem Maße weist die Weltgeschichte auf in der Entwidlung und in dem Verfau des israelitischen Voltes, wo wie nirgends anderwärts das ganze nationale Leben auf einem von Gott gestifteten religiösen Grunde ruhte. Und daß dieser religiöse Grund wirklich der Lebensgrund des ganzen Volkes war und nicht dem politischen Leben als nachträgliche Stüße erwuchs, das hat die Geschichte selbst allem Zweifel zum Troll erwiesen, indem auch in den Zeiten nationalen Elends, ja politischer Vernichtung nur das Gefeß und die Verheißung die Quellen waren, aus denen der bessere Teil Israels neue Kraft schöpfte. Denn hätte das Volk Israel den fremdländischen geistigen Einflüssen nur ein Nationalbewußtsein entgegenzuseßen gehabt, es wäre sicherlich, wenn nicht durch die ihm mehr verwandte babylonische und perfische Kultur, fo doch durch die ganz neue und ganz andersartige Geistesmacht des Bellenentums seiner Eigentümlichteit vers

« ͹˹Թõ
 »