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historiker und Kritiker. Als Quelle der gedrängten Darstellung treten die Briefwechsel mit Creuzer und den Brüdern Grimm in den Vordergrund. Einer werthvollen Zujammenstellung jänmtlicher Besprechungen aus Görres Feder in den Heidelberger Jahrbüchern 1808 folgt die Erörterung der altdeutschen Studien, die sich an Glöckles miserable Abschriften aus den damals noch vatifanijchen Handschriften der Palatina anlehnen. Der Antheil an dieien Studien war ihm durch seine politischen Bestrebungen erweckt worden. Später verdrängte der Eifer in firchlich-apologetischer Tagespolitik dieses Interesse. Zu der Sammlung der Volfebücher bot Brentanos prachtvolle Sammlung jeltener alter Manuskripte und Drucke das ergiebigîte Material.*)

Es ist heut nicht schwer, über den Mangel Görresscher Lurellenkritik, ja philologischer Schulung überhaupt sich bedauernd zu ergehen; zu den Pjadfindern und Weglveijern gehört er doch. Freilich ist er Lachnamns vollstes Gegenbild. Aber, du lieber Gott, Goethephilologen und Schererjdüler und Mitarbeiter am Euphorion waren die Anfänger der deutschen Philologie eben noch nicht, war auch, um einen unendlich fleißigen, jedem unentbehrlichen und fast von jedem gehänjelten Mann zu nennen, Friedrich Heinrich von der Hagen nicht, und was ließe sich aus Hans Ferdinand Massmanns Terten wunderlich Misverstandenes zu Hauf bringen! Ju allen Ehren philologische Akribie und bibliographische Eraktheit, aber Sinn für das volksmäßig Poetische hatten sie schon und haben sie vor heutiger kühlkritischer Behandlung zum Theil noch voraus. Alles war ja frisch ent= decktes Neuland, man untersuchte noch nicht, woraus der Humus desselben möchte zujammengeschwemmt sein. Es ist daher billig, mit Franz Schulz (1. S. 95 Anm.) Werth auf das „Gegenvartsinteresse“ beider Freunde zu legen, das Brentano zum opferbereiten Bücherjanımler werden ließ, und auf dem Görres' ganzes Voltsbuch beruht.

Es ist gewiß richtig, Görres ging oft in der Tendenz, das Verachtete und Verkannte zu retten und wiederzubeleben, über das vernünftige Maß hinans, er ist aber ebenso gewiß unter die ersten und wirtsamsten Anreger desjen zu zählen, was wir heut als „Volfskunde“ preijen und pflegen. Als den yöhepunkt literarhistorischer Leistungen erflärt Schultz die Abhandlung über das Faustbuch. (Nr. 35 der Volksbücher.) Auch die Apofryphen als wichtige Urkunden der Mythengeschichte zu erkennen, war doch verdankenswerth.

Im Jahre 1809 gab Görres jeine Rezension des Wunderhorns, ein wohlverdientes Lob des unermeßlich weit wirkenden Buches, das bekanntlich auch Goethe mit wohlwollendem Interesje Stück für Stück gejegnet hat. Bei diesem Anlaß konnte Görres seinem Uerger über Vosjens schulmeister

*) Meujebachs noch großartigere Sammlung ward der Wisjenschaft erst nach

seinem Tode zugänglich. Bab er auch den Freunden, Lachmann und den Grimm, gern briefliche Ausfunft oder neckte sie durch kritische (Vlojien, jo weigerte er doch auch einem Ilhland die Benugung seiner Liedersammlungen. lich-anmaßliche „Zeitmessung der d. Sprache“ Luft machen. Das ujelige Büchlein, dem wir die ganze Platenische Seiltänzerei wesentlich verdanken, gegen dessen thörichte Forderungen wir den armen Goethe noch heute in Schutz zu nehmen haben, beruht auf völliger Unkenntniß deutscher Betoningsgejepe und ist auf Jahrzehnte hinaus das römische Protrustesbett unserer Lyrif geworden.

Nicht der gleichen begeisterten Aufnahme hatten sich die 1817 erschienenen altdeutschen Volfs- und Meisterlieder zit erfreuen, wiewohl die Zeitgenossen duldjamer waren, als das heutige Lejer sein können. Es wird schon gut gemesjen sein, wenn unsere Preisjchrift faum ein Drittel des Gebotenen als wirklich volksthümlich gelten läßt, und dem Sammler wird mit Recht die Verwischung aller klaren Grenzlinien zum Vorwurf gemacht. Gleichwohl ist es doch nur ein Zeugniß der Hast, mit welcher sich Görres über die durch das Verdienst Niebuhrs und Fr. Wilkens nach Heidelberg zurückerlangten 850 vatifanischen Handschriften herstürzte (1816), wenn die Auswahl so übel gerathen ist. Seine theoretische Erkenntniß, zu der er schon gelangt war, ist viel unanfechtbarer, als diese Terte der sogenannten Manassejchen Sammlung ahnen lassen. Schade, daß Schult sich die schöne Umschreibung hat entgehen lasjen, die Görres dort (Einleitung S. XX) von dem Begriffe des Volfsmäßigen giebt. Ich jetze die Stelle her, da sie als ein weiteres Zeugniß für Görres „virtuoje Sprachbeherrschung" (1. S. 139) gelten darf:

„Es ist nämlich der durchgreifendste Charakter des Volksmäßigen, daß wie das Volt jelbst als ein Gemeinbegriff erscheint, auch nur das Gemeinbegriffliche ihm zujagt ind in ihm wurzelt. Alles, was jonderheitlich und bloß einer Persönlichkeit eigenthümlich erscheint; Alles, was eindrähtig und eintönig mir in einer abjonderlichen Fajer der inneren Resonanz widerflingt; Alles, was ausweichend aus dem großen Strome menschlicher Gefühle nach oben oder seitab nur in einer jabrikmäßigen Künstlichkeit sich gefällt; so wie alles Verdumpste und leberspannte, das Beides, weil es über die Grenzen des Organs hinausfällt, nicht mehr tönt, das geht unbeachtet an ihm vorüber, weil es nichts damit anzufangen weiß und das Wert darum gern auf seinem Werthe beruhen läßt. Was aber selbst Strom, nicht bloß Tropje ist; was das ganze Gemüth oder eine Region desselben tüchtig zu jasjen weiß; was jeine starken tielaufenden Wurzeln hinunter in die Brust einchlägt und nicht bloß einen nackten Ton, sondern die ganze Folge mit flingender Attorde weckt; was jedem etivas jein und geben kann, und wie das fallende mamma in der Wüste jeden nach jeinem Geschmace und in jeinem Verlangen jättigt, das wird schnell von Mund zu Mund, von Herz zit Herz getragen, es wird voltsmäßig und imverwüstlich, weil es fortan den armen einzelnen Lebent entflohen und in das unsterbliche Gejanımtleben aufgenommen ist."

Die schon von Bodmer in Betreff der Minepoesie erlangte Erfenntniß der Vorbildlichkeit der provenzalischen und französichert) Poesie fand allerdings sehr schwer Gehör. A. W. Schlegel hatte darin eine „nationale Verjündigung“ erblicken wollen, und ähnlich ungläubig verhielt sich sogar Jacob Grimm (der überhaupt gewisse autochthonische Vorstellungen ungern preisgab).

Görres war in der That der Anforderung nicht gewachsen, die er sich hier gestellt hatte. Willkürliche Eingriffe in die Orthographie hätten die zünstigen Philologen ihm verzeihen müssen, er schonte aber auch Sprachchaß und Wortform nicht, ohne daß er doch verneuhochdeutschen wollte, die gräuliche Unsitte, die bald einriß. Dabei wimmelt das Liederbuch von Misverständnisjen und Verlesungen ohne Sim und Verstand. Die Grimm und Freund Meusebach schonten ihn.

Auch in Küdjicht der Heldensage kann der heutige Germanist lediglich mitleidiges Wohlwollen für die gute Absicht befunden. Seite 61: ,So chwanst er vom Falschen zum Wahreii tastend hin und her, bald alles durcheinanderwerfend, bald zu schroff scheidend." (Zum Beijpiel dem Norden das Mythische, Deutschland die Heldensage ausschließlich 311= weilcid.)

Die Brüder Grimm hatten Anlaß genug, ihm dankbar zugethan zu bleiben. An deutsche Barden glaubten sie ja nicht mehr.

Mit schonender Nachricht muß auch dem Lohengrin (1813) hegegnet werden. Görres war damals ganz auf Gloeckles Abichrift angewiesen, eines Mannes, von dem er selber sagte: „von Geburt ein Schwein, von Erziehung ein Bruder Lüderlich.“ Doch die eigene Unzulänglichkeit im Lejen altdeutscher Terte kommt hinzu. Bedenken wir, daß unser heutiges Philologengewissen von Görres und seiner Zeit nicht wohl zu fordern stand, daß man mit ihm in der Hast, das eben frisch Entdeckte zi1 heimsen, nicht von der Stelle gefommen wäre.

Ilnd zeigt nicht noch den Zeitgenossen die Thatsache, daß man ganze Handichristen photographisch herausgiebt, wie wenig man der gelehrten Sunt doch eigentlich traut? Freilich spielt hierbei moderne Bibliophilenvererei stärker mit, als wissenschaftliches Bedürfnis. Der Verjasjer verdweigt nicht, daß ja auch A. W. Schlegel und Rojenfranz die Lebericházung des jüngeren Titurels mit Görres theilten. Heute stehe is das Gedicht vielleicht zu tief im Werthe (S. 177).

Von diesem aus ist der Weg zur Schäßig der mächtigen 21regungeit gegeben, welche die Senntniß der Baukunst und weiter der mittelalterlichen Kunst überhaupt Görres verdankt. War er doch der erste, der den Anstoß zur Vollendung des Mölner Donies gab.

Görres plante eine universelle Sagengeschichte. Sie wäre zweifellos von athemverjeßender Phantastik geworden. Das bedeutet ja dem grundguten ehrlichen Sierl*) gegenüber gewiß nicht ohne Weiteres Flunferei, denn dazu würde der animus fallendi nachgewiesen werden müssen, und davon fann wohl nicht die Rede sein, eher würde man den späteren Görres für etwas übergeschnappt gelten lassen. Ich meine, daß Menschen des engen Gesichtskreises. wie ihn L. Tieck hatte, nicht kompetent wären, über die angeblichen Verstiegenheiten der Görresichen Kombinationen zil urtheilen, dazu wären umfassendere Renner der Weltliteraturen, etwa wie Felir Liebrecht und Reinhold Köhler, befähigt gewesen. Wer jelber jemals sich auf dieses methodisch noch jo wenig geschüßte Gebiet gewagt hat, ja wer mur der deutschen Mythologie Jacob Grimms oder R. Simrocks fichere positive Lehren abzugewinnen trachtete, bei denen das ,, es scheint", .es wäre auch denkbar“ und ähnliches Ahnen auszuscheiden wäre, der wird zur weitesten Toleranz fähig sein, wie sich bedürftig vorkommen. Ohne Phantasie ist hier in der That gar nichts zu wollen. Hat doch der wahrlich nicht phantastisch angelegte J. Hr. Voß – im Lerilogus, wenn ich nicht irre — auf die absolute Phantasielosigkeit der Leute gescholten, welche im Sternbilde des Wagens nicht ganz deutlich den Bären sehen, wie er sich nach dem bogenspannenden Jäger Orion angstvoll umsieht! In eine Sternfarte hineinzeichnen läßt sich viel, es lehen am Himmel, das ist etwas mehr verlangt. Und im rein Etymologischen, das der Mythenforschung unentbehrlich und nächstverwandt ist, geht doch gar oft Jacob Grimm ähnliche Phantasiewege, über die Milchstraßen der Möglichkeiten. Man kann sogar fragen, was wäre selbst alle historische Darstellung ohne Phantasie? Was weiß denn ein Mensch vom andern Menschen, fragte Goethe einmal. Weimar, Auf. Mai 1902.

*, 918 ihn im Oftober 1811 Arnim in koblenz wiederjah, schrieb diejer, er jei

und bleibe ihm „ein brav Kerl, der zlı gut ist, im angestellt oder gelobt zu werden."

Franz Sandvoß

(Xanthippus).

Die Heilung des Orest in Goethes Iphigenie. Von Dr. Hans

Laehr, dirigirendem Arzte der Heilanstalt Schweizerhof zu Zehlen

dorj. Berlin, G. Keimer. 1902. 86 S. gr. 80.

Das alte beliebte Aufjagthema, da ist es wieder einmal! Der Titel des Verfassers machte mich erst besorgt, es möchte sich um eine psychopathische Studie handeln, aber nachdem ich das Schrijtchen, zum Trost int diejen gräulichen Pfingsttagen, doch durchgelesen habe, gebe ich ihm gern das Zeugniß, es sei, wie sich gebührt, eine rein ästhetische Würdigung der berühmten Dichtung imd als solche eine recht brave gescheidte Arbeit, etwas jpitfindig hie und da, aber das ist wohl durch das Thema bedingt. Der Verjasjer erkennt als das Heilende oder Sühnende, in Anlehnung an ein befantes Wort Goethes, die „reine Menschlichkeit“, deren Trägerin und Verniittlerin Iphigenia ist. Dieser Begriff war natürlich auf den Kreis Herderscher Ideen zurückzuführen und daraus zu umschreiben. Dabei ist vielleicht noch zu wenig Gewicht darauf gelegt, daß die Zurückführung auf rein menschliche Vorgänge und Einflüsse (vgl. S. 60) doch ihre Grenze in der gegebenen Fabel, der mithischen Perikope gleichjam, hat und ewig behalten wird. Zum Glück der Poelie zwar.

Und jo bleibt dem, das ist das Schickjal aller solcher Schulerörterungen, das Jrkommenjurable dennoch bestehen. Was sollte der Dichter wohl anfangen, wenn er sich auf plane Gleichungen angewiesen fände?

Der Streit der Meinungen beweist also in der That nicht sowohl, das Goethe wie Moebius jagte, unflar gewesen, als vielmehr, daß jeine Dichtung wie noch mehr der erste Faust, das Produkt jener ,reinen Tumpfheit“ ist, die er jo oft als höchste göttliche Gabe pries. Nur jo fonnte schmerzvoll Erlebtes phantastischen Figuren in den Mund gelegt, eine befreiende Katharsis wirken. Vom Zauber des mythischen Urgrundes jelber umnebelt und berauicht, in einem göttlichen Wahnsinn (eix uavia) vollzieht sich das Schaffen des Dichters. Diese schöne Dumpjheit aus der Iphigenie herauszuflügeln ivird Steinem ganz gelingen. Sie ist das, was die Fiomantifer das Mystische genannt haben, wie wir eben bei Gelegenheit der Franz Schulzischen Görresstudien gelernt haben. Es ist schon aller Ehren werth, daß dem Psychopathifer der Dichter nicht schon als jolcher und eo ipso frant erscheint.

„Götter, die zu Rache und Muttermord auffordern“, scheinen zwar dem Berjasjer nicht in das Goethische Drama zu gehören, man wird sie als mythisch gegeben gleichwohl gelten lassen müssen, vielleicht jogar betonen, wenn einmal das Thema jo gestellt würde: was veranlaßte wohl den alten Goethe dazu, seine Dichtung als zu ungriechisch abzulehnen? Ter Verfasser deutet auch diese Frage an, wo er sehr richtig von unbewußter Einwirkung christlicher Anjchauungen handelt (S. 52 ff.). Ziar nicht im Sinne der Dogmatik und der Lehre von der Wiedergeburt und göttlichen Gnadenwirkung - daran hatte Mathias gedacht, — aber doch gewiß im Sinne des Herderschen Humanismus, der, darf man wohl jagen, den dogniatijden Inhalt des Christenthunis in ganz analoger Weije verflüchtigt hat, wie die Philojophie Platos und seines größeren Schülers Aristoteles das episch-mythische Gewebe der griechischen Religion, auf dem doch die Tragödie als Festipiel des Kultus immer noch ruht, indem sie die Dichter verleitet, ethische Probleme in forensisch - rabulistischer Advokatenmanier gleichjan zu zerfajern. Hätte Goethe gar bedauert, dem Euripides nicht näher geblieben zu sein, um ja jein antifes Ideal getreuer zu gestalten? Tann mögen wir uns um jo lieber an der nun einmal endgiltigen Iphigenie von 1787 genügen lassen. Weimar, 20. Mai 1902.

Franz. SandyoB

(Xanthippus).

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