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haben dürfte, selbst wenn es mit der Ernährung seiner Bevölkerung noch unterhalb der Norm der mindest konsumirenden Länder Europas bleiben wollte. Soll diese Norm erreicht werden, jo bedürfte es von Rechts wegen des Getreideimports. Dieses klägliche Resultat der rujjijchen Landwirthschaft besteht, trozdem in Rußland auf den topi der landwirthschaftlichen Bevölkerung ein größerer Landantheil entfällt, als mit ganz wenigen Ausnahmen in irgend einem anderen Lande der Welt, und trotzdem daß weder die klimatischen Verhältnisse, noch die Bodenqualität sich wesentlich von dem anderswo festzustellenden Durchschnitt unterscheiden. Freilich erntet man von derselben Landfläche, auf der der Russe jeine fläglichen 22,4 Bud erzielt, in Belgien 88, in Norwegen 81,4, in den Vereinigten Staaten 58,3, in Deutschland 49,6 Pud Getreide.

Hat man sich diese Situation mit ihrem abnormen, ja für Rußland schlechthin verzweifelten Charakter voll vergegenwärtigt, und macht sich nun an die Betrachtung der Ziffern, welche die rujnische Getreideausfuhr repräsentiren, so ergiebt sich ein förmlich Entjeßen erregender Eindruck. Es wurden aus Rußland erportirt:

1885 260,0 Mill. Bud, im Werthe von 209,3 Mill. Rubel 1886 338,7

270,0 1887 519,2

407,8 1888 518,2

418,1 1889 412,7

337,1 1890 455,3

389,3 1891 166,2

162,9 1892 315,2

250,9 1893 611,3

392,4 1894 628,0

362,0 18:95 495,1

300,2 1896 495,9

332,7 1897 503,3

409,4 1898 359,1

261,5 1899 396,2

295,7 1900 440,9

325,0 Im Ganzen also in 16 Jahren rund 7 Milliarden Bud im Werthe von 6 Milliarden Nubcl.

Diese ungeheure Getreide menge hat ein Volf her: geben müssen, das, wenn es jie jelber zu seiner Nahrung behalten hätte, damit noch nicht einmal so viel Brot hätte esien dürfen wie der Deutsche oder Franzoje. Ich

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glaube, es wird nun wohl auch dem hartnädigsten Optimisten in russijchen Dingen flar werden, was für unglaubliche Opfer die Aufrechterhaltung der Zahlungsbilanz gegenüber dem Auslande und der Währung unter dem gegenwärtigen System Witte dem russischen Volke kostet. Ich erinnere nochmals ausdrücklich daran, was ich schon mehrfach in den Jahrbüchern" betont habe: daß der Getreideerport aus Rußland unter diesen Ilmständen natürlich nur durch jene verzweifelte staatliche Maßregel erzwungen werden kann, die Bauern durch Eintreibung der Steuern sofort nach der Ernte zum Verkauf desjenigen Getreides zu nöthigen, dessen sie von Rechts wegen bedürften, um bis zur nächsten Ernte zu leben. In Folge dieses Systems sind erstens bei eintretenden Nothjahren so gut wie gar keine Verpflegungsvorräthe im Lande vorhanden, und zweitens wird ein Zustand, den man je nach Belieben als Hunger, Mangel, Interernährung, oder wie man sonst will, bezeichnen mag, bei einem großen Theil der Bevölkerung, abgesehen von den Monaten unmittelbar nach der Ernte, zu einem chronischen. Natürlich wird ein Mensch, den man dauernd auf zwei Drittel oder drei Viertel der normaler Weise für ihn erforderlichen Nahrung herunterfekt, um dejjentwillen nicht Hungers sterben, aber die Summe der durch ein solches Verfahren bei ihm fortgesetzt sich häufenden Schädigungen wird sich so lange in mehr oder minder latenter Weise vergrößern, bis schließlich bei gegebener Gelegenheit eine Scatastrophe erfolgt. In diesem Zustande befinden sich gegenwärtig die Getreidegebiete Rußlands. Sie hungern, hier mehr, dort minder; ein Jahr empfindlicher, das andere minder hart; hungern thun sie aber fortgesett. Ein Blick auf die Sterblich feitsziffern Rußlands zeigt denn auch unwiderleglich die Folgen der bestehenden Zustände. Die Sterblichkeit Rußlands wird unter allen Ländern, über die eine Statistik eristirt, nur von der zentralamerikanischen Republik Honduras, von den Fidichi-Inseln und von der weißen Bevölkerung im niederländischen Indien übertroffen. Die jährliche Sterblichkeitsziffer auf das Tausend der Bevölferung ist 3. B. in Preußen (1873–1886) 25,7, in Holland 22,6, in Franfreich 22,4, in Desterreich 30,9, während sie im europäischen Rußland beträgt:

in 7 Gouvernements . . unter 25
10

25-30
12

30—35 11

35-40 10

40--47

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.

Die mittlere russische Sterbeziffer ist 34,8; sie gestaltet sich aber in den Gouvernements, die öfters von Mißernten betroffen werden, folgendermaßen: Nischnij - Nowgorod

37,4 furst

37,5 Tambow

37,5 Rjajan

39,3 Drel .

39,9 Simbirst

40.1 Tula.

42,4 Samara

43,3 Pesna

44,5 Saratow

44,6 Woronesch

46,1

.

.

.

Aehnliche Berhältnisse herrschen z. B. in den Gouvernements Smolensk, Kaluga, Wladimir, wo das Defizit an Nahrungsgetreide auch in normalen Erntejahren ständig, aber das Volk zu arm ist, um sich genügend Brot zuzukaufen. Dagegen erscheinen in den wenigen Provinzen, die reichliches Getreide und eine wohlhabende Bevölkerung besißen, Sterbeziffern, die selbst unter jo günstig gestellte europäische Staaten herabgehen oder ihnen gleichkommen wie Frankreich und England. Die baltischen Provinzen haben eine Sterbeziffer, die zwischen 20 und 21 auf Tausend liegt; die wirklich reichen Stornprovinzen Cherson, Taurien und Besjarabien weisen 25,4, 27,3, 28,0 auf (Italien 28,7).

Angesichts des ganzen bisher beigebrachten Ziffernmaterials könnte es nur noch die absichtliche Verblendung wahr haben wollen, daß der russische Getreideerport sich noch längere Zeit auf ähnlicher Höhe wird halten fönnen wie heute. Mit seinem Sturz wird aber auch die russische Zahlungsbilanz, die schon jezt erschüttert ist, unrettbar vernichtet. Damit ist das ganze von Herrn von Witte aufgebaute Währungssystem zerstört, denn wenn Rußland kein Getreide mehr erportirt, so hat es nichts weiter um seinen Verpflichtungen gegenüber dem Aus: lande gerecht zu werden und muß sein Gold in Zahlung geben. Damit aber wird aus der Wirthschaftskrisis die wirthschaftliche Katastrophe.

Herr von Witte sorgt jetzt mit Eifer dafür, daß in die europäische, namentlich die franzöjiche Presje, schönfärberische Darstellungen der russischen Finanzlage gelangen, und ich machte auch bereits auf den schwersten Schuß aufmerksam, der kürzlich nach dieser Richtung hin abgefeuert worden ist, die Aufsätze des „befannten französischen Nationalöfonomen" Sergall in der „Revue économique et financière“, die jetzt eben unter dem Titel „Une enquète sur les finances Russes“ in Paris erschienen sind. Aus diesem Buche, das nichts weiter enthält, als eine mit fritiklojen Deklamationen und Verherrlichungen der wirthschaftlichen Lage Rußlands verbrämte Paraphrase der Witteschen sogenannten Rechenschaftsberichte zum rujjijchen Budget, ist im Finanzministerium in St. Petersburg ein Ausziig hergestellt worden, und an alle großen russischen Blätter mit dem Wink, ihn abzudrucken, verschickt worden. Dieser Artikel, der das Programm des Systems Witte so enthält, wie verr von Witte die Sache im Auslande gern angeschaut sehen möchte, bewegt sich in folgenden Gedankengängen. In Rußland habe es sich (zu Beginn der Aera Witte) um die Aufgabe gehandelt, von dem Ausgangspunkte „eines armen Fiskus in einem armen Lande" an das Ziel der Bereicherung sowohl des Fiskus als auch des Landes zu gelangen. Da die Privatinitiative in Rußland hierzu nicht ausreichte, jo mußte der Staat eintreten und vor allen Dingen Geld schaffen, um die neue Wirthschaftsaera heraufzuführen. Ilm große finanzielle Ressourcen auf dem Wege verstärkter Besteuerung anzusammeln, dazu sei das Volk zu arm; so habe denn das Finanzministerium einen anderen Weg eingeschlagen oder eigentlich zwei, nämlich: „Die Hebung der Rentabilität des fiskalischen Landbesißes“ und „die Schassung einer industriellen Domäne, die dem Staat reiche Erträge abwirft“. Iinter dem einen versteht Herr von Witte die rücksichtslose Ausholzung aller durch ihre Lage an den Verkehrswegen der Erploitation nur irgend zugänglichen Staatswaldungen; unter dem anderen die Verstaatlichung der Eisenbahnen. Von diesen beiden Dingen nun, fahren verr Stergall und der russische Finanzminister unisono fort, sei alles gegenwärtige Neil in Rußland gekommen und alles zufünftige noch zu erivarten.

Wie es in Wirklichkeit um die angeblich so ertragreiche ,,industrielle Domäne der Staatseijenbahnen in Rußland bestellt ist, habe ich bereits das vorige Mal gezeigt. Mit dem „gesteigerten Ertrag" der Staatsforiten ist es gleichfalls Schwindel.

Das Wittesche Naijonnement geht nun weiter. Die große Menge fremden Siapitală, die zur Verstaatlichung der Bahnen und zur Erweiterung des Staatsbahnnepes ins Land gezogen ist, habe (immer unter der, wie wir gesehen haben, grundfalichen Vorausjebung, daß die Einnahmen aus dem Staatsbahnbetriebe die Zinsen und die Amortisation des geliehenen Napitals decken) eine gewaltige Vermehrung des in Rußland vorhandenen Kapitals und in Verbindung mit den gleichsfalls recht stattlichen Beträgen des direkt zu diesem Zweck herangezogenen ausländischen Geldes einen mächtigen Aufschwung der russischen Industrie bewirkt. Auf diese Weije sei nun, zumal im Zusammenhang mit der Durchführung der Goldwährung das gesammte rujjijche Wirthschaftsleben auf feste Füße gestellt und in eine Bahn aussichtsreicher Entwicklung gebracht worden.

Scharapows und Butmis Kritik haben nun freilich für uns schon sehr viel von diesem Nimbus zerstört. Ich erinnere bloß daran, was Scharapom über die eigenthümliche Methode in der Berechnung des Werthes der russischen Fabrikation von Baumwollwaaren mitgetheilt hat, wonach man im russischen Finanzministerium den Werth der gesponnenen Garne und der aus ihnen hergestellten Gewebe ganz unbefangen addirt hat. Ich erinnere ferner daran, daß schon die Thatsache des im Verhältniß zu den kolossal emporgeschraubten Verbrauchssteuern viel zu langsam angewachsenen Moniums an Masjenartikeln ein sehr bedenkliches Licht auf die Behauptung wirft, das Wirthschaftsleben Rußlands befinde sich im Ganzen in aufwärtsgehender Entwicklung. Jest nun, wo wir in unserer Untersuchung der bäuerlichen Getreideproduktion denjenigen faktor, von dem das wirthschaftliche und finanzpolitische Wohl und Wehe Rußlands faftisch abhängt, in der ganzen Trostlosigkeit seines Zuitandes aufgedeckt haben, werden uns nicht nur die irreführenden Behauptungen und auf direfte Täuschung berechneten Schönfärbereien des russischen Finanzministers unbeeinflust lassen, sondern wir werden sogar direkt an der Möglichkeit zweifeln, bei einem solchen Stande der Agrarwirthschaft Nußland überhaupt mit irgendwelchen Künsten 311 wirthschaftlicher Blüthe zu bringen.

Erinnern wir uns zunächst daran, dass für Nußland von cinem Erport an Industrieprodukten auf absehbare Zukunft hinaus in gar feiner Weije die Rede sein kann. Die rustiche Industrie ist alio, um zuir Blüthe zu gelangen, so gut wie ausschließlich auf den inneren Marft angewiejen. Dieser innere Marft wird im Wesent lichen durch die breite Waile der bäuerlichen Bevölferung gebildet.

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