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Fris Berting bleibt blaß imd erregt als Dichter und Mensch eigentlich kein persönliches Interesse. Diejen Mangel möct,te ich darauf zurückführen, daß Wilhelm von Polenz die anderen Gestalten aus dem Leben genomimen, nach Modell gearbeitet jat. Berting aber ist eine erdachte und konîtruirte Figur. Die Gabe der leberisvollen und schöpferischen Gestaltung aus dem Juern heraus vermöge der Phantasie besigt Polenz aber nur in beschränkter Weise, während er in hohem Maße über die Fähigkeit verfügt, die Menschen des Lebens Zug für Zug in ihrem imersten Wejen zu begreifen.

Aus des Dichters ganzer Lebensstellung möchte ich es mir auch er!lären, daß er feineswegs gewillt ist, den Naturalismus als ausschließlich ästhetisches und formales Problem aufzujasjen. Er sieht in ihm eine Geistesrichtung und Geistesverfassung imd, jo betrachtet, verwirft er ihn: ..Seine Mängel liegen für mich im Geistigen. Er ist Oberflächenfunst, daher das Milient jeine Force und das Seelische feine Kenonce. Gewisie Erscheinungen hat er begriffen, jolche, 311 denen scharfe Sime gehören: alles Physiologische zum Beispiel. Der Metaphysik gegenüber verjagt er. Seine Kunstwerke haben Breite imd doch feinen Horizont. Mir ist beim Naturalismus immer zu Muthe, wie in einem großen Saale mit allzu niedriger Decke. Er hat keine Höhe des Glaubens und feine Tiefe des Fühlens, will feine haben. Seine Dranien fennen nicht große, einfache Probleme, die doch nach Hebbel das A ud o jind der Tragödie. Sie dringen nicht vor bis an die Wurzel des wahrhaft Erichitternden, zum Ethus; darum reißen sie nicht fort, begeisterni, entflammen nicht, sondern verstimmen mur.“ (Zweiter Band, S. 1SS.) Dieje Worte legt Polenz bezeichnender Weije dem Verjasjer der , Deutschen Persönlichkeit" in den Mund.

Ich habe einen organisch aufgebauten, erichöpjenden ujjag über Wilhelm von Polenz schreiben wollen. Ich habe nur versucht, eine Grundlinie für einen jolchen Quaj!! ziehen. Die Lejer werden es merken, wenn sie es nicht schon vorher aus eigener Senntniß gewußt haben: Polenz ist ein Dichter von liraft und Eigenart, in hohem Maße auch besonders werth, von Mämern gelesen zu werden.

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Das schönere Geschlecht. Novellen. Preis 5 Warf. - Traum im

Süden. Preis 2 Marf. Beide Bücher von (Georg Freiher ri von Ompteda im Verlage von Fontane & Co., Berlin 1902.

Was ich, einleitend, über Wilhelm von Holenz gejagt habe, ließe sich in gewisjer Beziehung auf den Freiherr von Ompteda amenden. Auch er ist teine reine Literaten und Methetenjeele, ondern in manichjacher vinjicht literarisch bestimmt und individualisirt durch den Beruj, dem er ursprünglich angehört hat. Er ist Djfizier gewesen. Dementsprechend ist er eine männliche, traftvolle, durch und durch tüchtige, nüchterne und doch warmherzige Perjönlichfeit, tapfer genug, um alle Fährlichkeiten des Lebens zu schauen und sie vorurtheilslos zur Darstellung 311 bringen. Es ist ziemlich möglich, von Ompteda als Novellisten zii reden, ohne Maupassant zu erwähnen. Ompteda ist nämlich der erfolgreiche lleberjejer der Manpassantschen Werfe. Es wird aber ein Mann wie Ompteda keinen Autor überseben, dem er sich nicht zum Theil wenigstens wahlverwandt fühlt. Und in der That ist es zuzugestehen, das von allen denen, die in Deutschland Novellen schreiben, Ompteda am ehesten ein Qurecht darauf hat, mit dem Franzojen in einem Athen genannt z11 werden. Beide verstehen es, jede Kleinigkeit des Lebens, die vor fie tritt, fünstlerisch zii vertiefen und zur Novelle zu verdichten, Beide haben die Gabe, jene Kleinigkeiten sich vom Hintergrunde einer Weltanschaung abheben zi1 lassen und jo zu einem Gejep des Lebens in Beziehung zu jeßen. Weltanschauung darf hier aber nicht in Sime eines den Dichtern zum Bewußtjein gefommenen und mit Bewußtsein verwandten philojophischen Systems verstanden werden. Es handelt sich vielmehr um eine organische Weltaufjasjug, um eine Total stimmung, die mir gefihlsmäßig vorhanden ist und bei der literarischen Darstellung der Lebensvorgänge unbewußt zum Ausdruck gelangt, wie eine Begleitung, die mitklingt und von der sich die Lieder des Lebens melodisch abheben. Der Unterschied zwischen Maupasjant und seinem deutschen Ueberjetzer und Nebenstück liegt — möchte ich jagen, im Gesundheitsziıstand. Onipteda ist einer pessimistischen Lebensauffasjimg feineswegs immer fern, aber er ist doch eine geschlosjene, robuste Natur, feineswegs gewillt, am Leben zu zerbrechen, wohl aber immer bereit, das Leben mit der Feder zu stellen, wie der Soldat mit dem Säbel allen Fährlichkeiteit entgegenitritt.

Der Traum im Süden“, der wohl als Erzählung zu charakterisiren wäre – der Titel schweigt sich darüber aus — giebt ein Liebesverhältniß, in dem sich dic Charaftere durch die Interschiede des norddeutschen und italienischen Milieus gegeneinander abheben. Das hübsch ausgestattete Buch ist angenehm zu lejen, gehört in literarischer Hinsicht aber nur zur kleinen Münze, die Ompteda geprägt hat und im Publikum kuriren läßt. Ausgezeichnete Eisenbahnlettire, die jedermam – Jimg id ult, Männlein und Weiblein

in die Hände fallen darf und in diese!! Sinne bestens empfohlen jei.

Die Overbecks Mädchen. Roman in zwei Bänden. Preis 8 Mart.

Wenn Früchte reifen. Novellen. Preis 3,50 Marf. Beide
Vücher von Mar Grad im Verlage von Fontane & Co., Berlin 1902.

Der Verfasser ist eine Danie. Der Roman hält sich auf der imglücklichen Mitte zwischen literarischer Leistung und dem, was die Familienblätter lieben. Die Overbecks Mädchen sind Zwillinge, Töchter eines norddeutschen Gutsbejibers, die ihren Namen Tine und Marion entsprechende realistische und romantische chickjale zu erleiden haben. – Die Novellen - Wenn Früchte reifen - jind entichieden literarischen Gepräges. Mit großen Temperament amb leuchtender Phantasiekraft werden hier Stücke Natur zu lebendigster Darstellung gebracht.

Mar Lorenz.

Theater-Korrespondenz.

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Deutsche Thalia". Diese , deutsche Thalia" joll ein „Jahrbuch für das gesammte Bühnenwejen" sein. Der jegt vorliegende erste Band umfaßt 552 Seiten. (Verlag von Wilhelm Braumüller, f. u. f. Hof- und Universitäts-Vuchhändler, Wien und Leipzig.) Herausgeber ist Dr. F. Arnold Mayer in Wien. Nach dent Willen des Herausgebers holl es sich darum handelii, „weiteren Leserfreijen, Gelehrten und Ungelehrten, Schaffenden und Genießenden ein ernstes, auf wissenschaftlicher Grundlage ruhendes Organ für das Theater, für seine Geschichte, Kritik, Praxis endlich zu schaffen.“ Die „wissenschaftliche Grundlage“ glaubt sich der Herausgeber dadurch zu sichern, daß er hervorragende Literatur-Professoren ziir Mitarbeiterschaft herangezogen hat, von denen besonders Köster-Leipzig und Stoch - Breslau genaint jeien. Der vorliegende erste Band enthält in fünf Abschnitten Ges ichichtliche Beiträge, Das Theater der Gegenwart (Kritischer Jahresbericht über deutsche Bühnen, Theater der Fremden), Die Praxis der Bühne und Verivandtes, Nefrolog, Die Literatur des Theaters im Jahre 1901. Es handelt sich hier aljo um ein in größtem Stile angelegtes wissenschaftliches und fritisches Zentralorgan für das gejammte europäische und im Besonderen deutiche Theaterwejen.

Der Gedante ist bedeutjant ind ichön. Die vorliegende Ausführung läßt jo gut wie alles zu wünschen übrig. Es besteht ein klaffender Zwiejpalt zwischen dem, was geboten werden sollte und was thatsächlich geboten wird. Es besteht außerdem eine fatale Jufongruenz jämmtlicher einzelnen Partien 311 einander und endlich weist das gebotene Thatsachenmaterial jo starfe Lücken auf, daß unter solchen Umständen auf die Herausgabe von etwas, das noch gar nicht fertig ist, besser verzichtet worden wäre. Um auf jolche Lücken jogleich hinzuweijen: In dem „Sritischen Jahresbericht über deutsche Bühnen“ werden die Städte Berlin, Berit, Breslau, Leipzig, München, Prag, Stuttgart, Weimar, Wien, Zürich und Bajel behandelt. Es fehlen z. B. Dresden, Hamburg, Frankfurt a. M., Köln. Dieses Fehlen bedeutet eine im so größere Lücke, als gerade die drei zuerst genannten Städte bemüht sind, ein von Berlin unabhängiges ind möglichst originales Theaterleben zu führen. Dijjeldorf hätte, in vinjicht auf die dort statt findendent flajlichen Festspiele über deren Werth ich persönlich übrigens kein llrtheil habe – auch behandelt werden müsjen. Toch solche Lücken lassen sich schließlich im ziveiten Bande ausfüllen. Meine Bedenken sind prinzipieller Natur und beziehen sich in der Hauptsache auf den bereits erwähnten Gegenjay zwischen Gewolltem und Erreichtem. Sie richten sich aljo gegen das Prinzip des ganzen, in ersten Augenblick so schwerwiegend und bedeutungsvoll scheinenden Unternehmens.

Der Schwerpunft des Werfes liegt zweifellos in den „fritischen Jahresberichten“. Sie sollen eine höchste Justanz für deutsches Theater wesen sein; sie sollen nicht nur Stücke kritisiren, sondern auch das Publikuni, und sie sollen sogar auch und im Besonderen eine Kritik der Kritik bieten. Die Herren, die hier schreiben, sind feine gewöhnlichen Nritifer, jondern gewissermaßen die von der Souveränität des Herausgebers bestellten Generalobersten der Kritik.

Herr Professor Nöjter ist es, der der „Thalia“, als ihr Proteftor, eine „Einleitung“ vorausschickt. Es ist das wirklich ein schöner, von großen Gesichtspunkten ausgehender Artikel, der auf die umjer Theaterleben hauptsächlich angehenden Probleme mit Verstand und Schärfe hinweist wid die prinzipielle Narstellung und Löjung diejer Probleme für die „Thalia" als eine von ihr 311 bewältigende Aufgabe in upruch nimmt.

Der kritische Jahresbericht über deutsche Bühnen, der einen wesentlichen Theil dejjelbert (des Jahrbuches) bildet, wird dem Dichter und dem Theaterdirektor, dem Literarhistoriker, dem Siritifer und jedem Freunde der Nuut das Material 31 großen fachlichen Auseinandersetzungen über die Grundfragen, Aussichten und Schäden dramatischer Siimst bieten.“ Wie jehen um in Wirklichkeit die großen jachlichen Auseinanderjepingen über die Grundfragen ll. 1. 1v. aus, die in diesem Bande geboten werden? Ich nehme als Beispiel den Bericht über Berlin. Er ist einer der längsten und ausführlichsten. Er behandelt auf jechsundzwanzig Seiten Bühnen, Direktoren, Schauspieler, Publifum, Nritiker, giebt in der Einleitung einen geschichtlichen Rückblick über die Entwicklung der Berliner Theaterverhältnije und bietet eine Neritif der großen Zahl von Novitäten zweier Spieljahre das alles auf jechsiundzwanzig Seiten! Hind diejer Bericht - ich wieder hole es ist einer der längsten und ausführlichsten. Wie fan es da zlı „großen jachlichen Auseinanderjebungen“ fonmen! Ju dem Ganzen findet sich nicht ein einziger wiener Gedanke, nicht ein einziger originaler Gesichtspuutt. Das Ganze steht und ich übertreibe damit feineswegs be stimmt nicht höher als die theatralischen Kücfjchauen, die der „Verliner Lokal-Anzeiger“ jährlich einmal in die Jahreswende zi1 bieten pflegt. llavortheilhaft von diesen unterscheidet sich aber der Bericht der „Thalia“ durch eine garnicht durch bejondere Originalität gerechtfertigte Subjektivität wid Parteinahme des Iirtheils. Ich fann mich nicht enthalten, zur Begründung meines Urtheils ein paar Beispiele anzuführen. Ueber Gerhart Hauptmanns „Michael Kramer" wird ausgeführt: „Sein Michael Kramer enthält vielleicht das dichterisch Neinste und Tiefste, was der Poet je geschaffen hat. Aber dieser wundervolle Schlußaft mit seinem gewaltigen øyninis auf den Tod, auf die jühnende und läuternde Macht des Sterbens, erscheint für die Bühnenwirkung z11 lyrisch gedacht, nicht unmittelbar dramatisch empfunden. Zudem gegen diesem aufwärtshebenden Finale drei jo bedeutungslose und leere Atte vorauf, wie sie Hauptmam niemals vorher aus Bühnenlicht gestellt hat. So war denn auch schon aus dem ichwankenden Erfolg des Premièrenabends zu ersehen, daß diejem Werk keine nachhaltige Wirkung blühen könnte." Das ist alles. Eine weitere Probe: „, Björnjons Doppeldrama „Ueber unsere Kraft“ konnte nach endlicher Ueberwindung der Zensurschwierigkeiten durch die Aufführung des zweiten Theils vervollständigt werden. Ueber den rein künstlerischen Werth dieses Werkes mag man noch jo skeptisch denken. Aber als ein führer Eroberungszig in das Land sozialer Probleme stellt es an Nerven und Geist der Hörer Anforderungen, deren erzieherischer Werth (was geht das die Nerven an?) nicht überjehen werden darf. Deshalb mag man getrost den ruchlosen Gedanken bei Seite schieben, daß mur das stofflich, Spannende“ diejes Dynamitstücks in Lindaus geschickter Inszenirung das Publikum gefangen nahm.“ Ist es un solcher Urtheile willen wirklich nöthig gewesen, ein Generaloberstamt der Kritik einzurichten?

Hier drängt sich von selbst die Frage auf: Von welchem Standpunkte und von welcher Grundlage aus wäre denn überhaupt in einem Jahrbuch, wie es die „Thalia“ jein will, Kritik zu üben? Gerade diese Frage ist für die „Thalia“, die doch auch eine Nritif der Kritik geben will, eigentlich die wichtigste. Es wird von den Autoren des Jahrbuchs mehrfach und doch nirgends in befriedigender Weije dazıl Stellung genonimen. Bejonders an die Berliner Theaterkritit werden derbe Hiebe ausgetheilt. Professor Röster ist der Ansicht, daß uns heute eine Revision der Theaterfritit sehr vonnöthen sei. Er findet folgende Mängel: „Oft ein schnöde wißelnder Ton, oft ein gequälter Geistreichthum, oft ein hanebüchenes Absprechen, oft ein Lallen und Stammelii, das uns nichts weiter kundgiebt, als die Kathlosigkeit des Kritifers. Tausend Stilarten dazıt; die Säße bald breiweich und zäh aneinander flebend, bald hart, trocken und bröckelig. Erperimente auch hier, wohin man sieht ... Bisweilen das ernste Gefühl einer Verantwortlichkeit, oft gar einer Sendung; bisweilen aber die dreiste Anmaßung, als fönne jie die Meister meistern. Eine Slevision der Kritit, die diese Blätter planen, wird gut thun." Wejentlich anders als Professor Köster, sieht der Verfasser dee Berliner Berichts, Herr Dr. Monty Jacobs, die Aufgabe des Kritikers an. Er proklamirt den kritischen Impressionismus und radikalen Subjeftivismus. Dieje Nritit „jeßt ihren Stolz daran, dem Sunstwerk eine möglichst differenzirte Empfänglichkeit gegenüber z11 stellen.“ Sein Ideal sieht er in Alfred Kerr. Ich habe gegen Gerrn Sterr gar

Breußische Jahrbücher. Bd. CIX. Heft 2.

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