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gäbe, daß doch der Eine ihn vom Andern oder jeder von Beiden ihn von einem Dritten entlehnt habe. *)

Der Gebrauch des Wortes läßlich", der S. 115 erörtert wird, hat wohl in der Heimathsprache des Dichters seine Wurzel. Aehnlich braucht Rückert, auch ein Franke aus Schweinfurt, das Wort lässig für bequem Diejer jehut sich in Berlin) nach jeinem lieben Neuseß und

Aus den häßlichen Stuķerfrack

Zu der läßlichen Gärtnerjack'. Wer so wie Goethe aus freiem Drange wie ex officio um Alles und Jedes sich zu fümmern hatte, der bedarf zur Selbstbehauptung eines starken Zusages dessen, was wir den „Nehrmichnichtdran“ nennen. Das spiegelt sich in der hochentwickelten , Terminologie der Judifferenz“ (vergl. S. 112.). Zum Abschließen eines lästig werdenden Gespräches diente ihm wohl ein .. Das ist ja sehr schön",

Man hat gezählt, daß der Terminus „Neigung“ allein in den Wahlverwandtschaften sechzig Mal begegne. Die Auffassung des Sittlichen selbst scheint mehr und mehr in das Grau der Siantischen Pflichtenlehre überzugehen; unsittlich ist der Mangel an Selbstbeschränkung, Subordination an sich schon sittlich, der aus ihr heraustretende schon moralijch, wogegen wir freilich auf jo manches Durchbrechen dieser Schranken hinzuweijen haben. In höherem Sinne sittlich) ist das Genialische, es überhöht das bloß Sittliche, wie das einfach Gute das vom Dichter doch geforderte Edle (Edel sei der Mensch). Man darf jagen, wenn die Gegenfäße Tasjo und Antonio wieder die zwei Seelen in der einen Brust bedeuten, parallel dem Faust und Mephistopheles, jo scheine in des Dichters persönlicher Haltung in Weimar mehr und mehr die negative Nuance herausgefehrt worden zu sein. Die IIrfunden für dieje Wandelung liegen in den Briefen und Zettelchen an die Stein. **)

Ju der „geistigen Gruppe" (S. 123 f.) wird von Boucke fruchtbar der Begriff des „Wahren“ entwickelt. „Das Wahre muß gleich genußzt werden, sonst ist es nicht da" (Sprüche in Þr. 928). Das hängt mit der hohen Schäßung desjen zusammen, was Goethe das Aperçit nannte.

Stereotype Wendungen sind „Wirkung in die Ferue", auch wohl .heitere Wirkung in die Ferne", bei ungestörter Nontemplation und Vermeidung der „Gegenwart“, die doch auch „derb, rein, ganz wahr“ sein fam. Der ..Ferne" geiellt sich der recht fpezifisch Goethiche Begriff der . Folge“.

Sehr hübsch ist die Ausführung über die gespenstermäßige Wirfung der Goethischen Kunst, das Vergangene im Gegenwärtigen und dieses wie

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*) „Liebe und Geist ist eine und dasselbe unter verschiedenen Namen“, lejen

wir eben wieder im „Ardinghello“, Bd. IV, 130 der prachtvollen InselAusgabe. Das ist ganz im Sinne Goethes gejagt. llnd jchon Dante wußte:

Amore e cor gentile sono una cosa. **) Neuerdings von Jul. Wahle herausgegeben.

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ein Vergangenes in eins zu sehen. „Alle Liebe bezieht sich auf Gegenwart.“

Eine seltjame, immerhin geistreiche Verkennung pasjirt dem Verfasser, wenn er in dem bekannten Gedichte „Gegenwart“ (Hempel I, 40: Alles fündet dich an!) eine Feier der Gegenwart Gottes zit erkennen glaubt. Es gehört ganz in den Suleifacyklus, wie denn Mariana von Willemer das Original mit der wichtigen Variante des Tertes in der dritten Strophe beja:

Singst du dem himmlischen Dom, statt

Wenn du im Tanze dich regst."

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Als Hymnus auf die Sonne dürfte man das Gedicht wohl allenfalls fassen, da ja das „tönende Licht" eine Goethen geläufige Formel ist, aber die Sunne ist eben selber Symbol der thätigen Liebe und der Geliebten selbst.*) Nach dem Abdrucke bei Creizenach ist es am ,13. März, Abends zehn Uhr“ niedergeschrieben, aber sicherlich nicht 1813, sondern erst 1815, was sich aus Goethes Briefe vom 26. Oktober 1815 (Crz. S. 69 oben) deutlich ergiebt. Danach war es ziterst Suleika, die nach dem jüdischen Stalender datirt hatte, was u Goethe seinerseits mit dem aus dem Divan gehobenen Gedichte that: „Im Jahr der Welten“ u. 1. w.

Zu der S. 145 1. behandelten Gruppe „Verhältnis - Theilnahme Förderung Wohlwollen würde man gern noch „ Mitarbeit“ gestellt sehen. Die negative Gruppe dreht sich um den Begriff des „falschen“ als Achie (S. 155 f.).

Der Verfasser bietet einige Zujäße zu R. Meyers Kubrit , Dumpt. Dumpjheit“. **) Eine Weiterwirkung der positiven Nuance der Dumpfheit wäre vielleicht nicht umschicklich in dem Parsifal-Ideal Wagners, dem „ reinen Thoren“ zu erblichen gewesen und man wäre dabei auf die uirsprüngliche, von der Sprache selbst gewollte Gleichung: dumpf-dumm imd tumb-jung geführt worden. Goethe zwar wird es nicht gewußt haben, daß sprachlich Dumpfheit nichts anderes ist als Jugenddrang, wie Alter mit wîsheit identisch sei, aber jachlich traf er’s. Nebenbei mag erimert sein, stumpf“ und „stumm“ jind genau in demselben Identitäts und Diffenzirgsverhältnisie (S. 160 Anm.).

Zu S. 148 bemierke ich, geärgert hat sich Goethe doch schwer über die Aufnahme des Werther, bejonders über das Berliner ?c. Hundezeug“! (. J. G. 3, 71 in dem Briefe an Gustchen Stolberg vom 6. März 1875).

*) Wie in G.s Tagebüchern das Zeichen O die Stein bedeutet. **) Auch Kücert ist der Gebrauch des Wortes nicht fremd, 3. B. Weish. d.

Brahm., Buch VII Nr. 90, w „dumpjer Sinn“ für den thierischen Justinft gebraucht ist, während an anderer Stelle Tumpfheit dem Sinn gegenübergestellt ist, wie verbheit der Milde. (V. 19). S. 159 iunchreibt Bouce nicht übel das Wort mit „etwa tiengejiihltes, stammend ausgedrüdtes. Mit den zum Ileberdrug häufigen Läblichfeiten ,artig“ und ähnlichen wollen wir uns nid)t auihalten.

Die Klage über das vermißte Echo empfänglicher Menschen, welcher deutsche Dichter hätte sie nicht ausgesprochen? Hatte Goethe, was auch Platens Trost war, schon zur Wertherzeit (an Kestner) das Publikum als „eine Heerd Schwein“*) erkannt (I. G. 3, 45 und G. Ihrb. II, 475). so wirkt doch des alten Herren Neußerung, literarische Einwirkungen blieben mehr und mehr unbekannt (1. 6. Shrb. XXII S. 33, an Conta) um so schmerzvoller, als man sich eingebildet hatte, Goethen, den Siebzigjährigen, als Alleinherrscher auf dem deutschen Parnaß zu betrachten. „In der Jugend, lesen wir dort, erringt man sich, durch persönliche Zudringlichfeit und leidenschaftliches Vorlesen, erfreulichen Beyfall, das Alter trennt uns nach und nach von empfänglichen Menschen, selten kehrt ein Klang und Ton, den man aussendet, lebhaft und ergößlich zurück. Der Dichter jandte gleichzeitig die leßten Bogen der „Zahmen Xenien“ an den bewährten Freund, deren Ueberschrift eigentlich eine contradictio in adjecto enthalte.

Im September 1816, fast genau vier Jahre vorher, hatte Goethe geschrieben: „Das Rechte ist immer sich jelbst gleich, unbedingt und ewig. Daß aber die Zeit es anerkennte und, was sehr Noth thäte, zu ihren vielfach bedrängten Zwecken es nußte, das ist ein anderes **), dessen auch jelbst die Götter nicht Herr zu seyn scheinen.“

Sie die , Dumpfheit", an deren Stelle im Alter auch wohl die „Dunkelheit" tritt (3. B. 36, 244 „eine kleine Druckschrift zeigt noch heute von unserer damaligen fruchtbaren Dunkelheit) oder Dumpijinn (jo G. Ihrb. 3, 692) (Ich trage noch nach: 10. März 1777, bei Funck S. 75, 23: „Die garstige Selbstgefälligkeit ohne Trang und Fülle und Dumpfheit.“) – jo ward für den alten Dichter „trüb" und die Trübe“ ein viel gebrauchter terminus. Galt ihm doch die Trübe als ein Urphänomen, desjen Wichtigkeit für seine Theorie der Farben befant ist. Es ist etymologisch interessant, daß unser Wort blau, für das die Lateiner eigentlich fein Wort, fein genaues Deckwort haben, weshalb mittellateinische Chronisten Truppen mit blauen Waffenröcken in armis blaueis marichiren lassen, dem lateinischen pallidus entspricht, und die pallida mors mag Goethen vorgeschwebt haben, wenn er das Sterben als das Erblasjen des lepten Abendrothes, des Seelenlichtes, bezeichnet. Die Italiener haben zwar das französische bleu als blù aufgenommen, gebrauchen jedoch zumeist eine ganze Skala homerijcher, jinnfälliger Varianten, celeste, ceruleo, azzurro, turchino, livido.

**) Es ist am Ende, auch bei weniger stumpfsinnigen Nationen, nie viel anders

gewesen. Doch wollen wir unsern Sackvoll Würdigungen des lieben Publikums, des ineptum ingens monstrum hier lieber nicht ausschütten,

denn es ist empfindlich und sehr verhätịchelt. **) Vielleicht hatte ihm vorgeschwebt, was er an anderer Stelle zitirt, das apd

logische Sprichwort: Das ist ein anderer si rebe, jagte der Teufel, da hatte er seine Großmutter in der Neuje gejangen. S. auch Höjer 8. Aujl. S. 185 Nr. 1934, wozu sich noch Dähnert, Plattd. W.-B. S. 252 stellt.

Wir übergehen die Lieblingswörter ,abfurd" (S. 170), „abstrusa, „wunderlich“, „problematisch“, „fraßenhajt“, „ll“ (eine mulle Epoche) denten flüchtig auf die hübsche Erörterung der „Wohlwollenden“ und der „Miswollenden“, zu denen Böttiger, Nopebuie, und leider, wie sich immer deutlicher zeigt, Herder gehören *) — wir werden es bald bei näherer Betrachtung der Briefe Jean Pauls an jeine Gattin und Freund Christian Otto noch viel klarer erkennen und empfehlen bejonders die übersichtliche Tabelle (180), endlich die übliche Rekapitulation (186 bis 199).

Bevor wir an den thevretischen Theil des Werkes treten, mag us noch die Benierkung einen Augenblick aufhalten, der Goethische Wortichaß der Proja jei (1806) längst in Rubriteit erstarrt gewesen und der Stil habe seine Geschmeidigkeit verloren gehabt, als der poetische Stil immer noch in hohem Maße, ja erstaunlich entwicklungsfähig war. wollen imd fömen hier nicht unterjuchen, welchen Autheil an der lepteren Thatjache die Gewöhmmg Goethes gehabt haben möge, mit allen poetischen Entwürfen haushälterisch umzugehen (gemäß seinem guten Rezept , Aeltestes bewahrt mit Treite“) mir die Zustimmung im Allgemeinen zu diesem scheinbar harten ud pietätlojen lartheil dürfen wir nicht unterdrücken. Ja, jollten wir nach stilistisch-ästhetischen Maßstäben mesen, jo würde der Altersepoche Goethes, die nach der jittlichen Seite jo Herrliches zeitigte, jeine eigene, ju oft begegnende Formel „wunderlich" **) zukommen. Wie viel ganz jeltjam knorriges hat z. B. Goethe jogar noch in den Divan gepackt, von den letzten Partien des zweiten Fausts ganz zll geschweigen. Duch ehe mir ein anderer zuvorkomme, will ich mir selber den Einwand machen: es handelt sich dabei auch im Strophen, die dastehen, wie mit dem schwersten Schmiedehammer zijammengeschweißt, an denen die Kunst des Cijeleurs verloren wäre, die aber das alte carmina pangere und umjer „Verje schmieden“ im eigentlichsten Sinne rechtfertigen. Im Allgemeinen wird wohl gelten dürfen, man hatte ihn und er hatte sich gewöhnt, 311 glauben, Alles was er biete und wie er es biete, inter dem doch gefährlichen Einflusje des Distirens, jei eo ipso klassisch. Es gehört mit 311 dem Fluche der Berühmtheit, der Alleinherrichaft.

Wir wollten noch einen Blick auf das , Theoretische“ werfen (S. 190 bis 311 Ende). Dem Verjajjer kam es darauf an, die Rejultate der Semasiologie, d. i. der Lehre von der Bedeutung der Wörter, unter möglichster Scheidung des generellen und des in unserem Falle wichtigerent *) Die wahrhajt vornehme Gejinnung Goethes gegen sie ist S. 179 mit Fug

betont. **) Ich erinnere daran, daß das Wort an sich zunächst gar keinen Tadel aus

spricht, wie denn die alte Sprache den allmächtigen Gott als den „Wunderaere“ zu bezeichnen fein Bedenken trug. llnd seine Perfe sind und „zli wunderlich und zu hoch.“

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individuellen Prozesses des Bedeutungswandels, also einer philologischen Arbeit, zu verbinden mit der Literaturwissenschaft, um daraus Licht auf die Erkenntniß der Künstler-Individualität fallen zu lassen. Längst sprach man ja von Wortbedeutungen im Sinne“ sagen wir z. B. Spinozas, Leibnißens, Kants, Hegels u. A. „Wie aber heute Philologie und Literaturwissenschaft überhaupt mit immer mehr Bewußtsein in einander arbeiten, jo dürfte sich auch der Versuch lohnen, die Resultate der Semasiologie für die literarhistorische Forschung zu verwerthen.“ (S. 192.) Man muß sich also bewußt sein, damit an die Grenze desjen gelangt zu sein, was scheinbar persönliche Willfür, im Grunde jedoch nur Idiosynkrasie, eben Individualität ist, die ihren eigenen Gefeßen gemäß handeln muß. Gewiß ist das die Aufgabe und so kann man sogar wagen, zu fixiren, wie Goethe gewisse allerheutigste Begriffe, z. B. etwa Niepsches, würde ausgeprägt oder umschrieben haben, was nicht denkbar wäre, handelte es sich dabei um Willkür. Goethe hat, behaupte ich, kein einziges Wort eigentlich gemacht, und man jollte es überhaupt nicht, wie die najeweijen Modernsten pflegen. Worte, lebendige Worte einer ausgebildeten lange gewachsenen Sprache, lassen sich verkennen, mißbrauchen, verdrehen, aber sie lassen sich nicht todtschlagen und so denn auch nicht machen.*) Wir fönnen historisch ihr Wachsthunt, ihre Kinder und findeskinder, ihre Ausartung und oft ihren Abgang verfolgen. Ich wiederhole, was ich im Eingang gejagt, daß mir der „Versuch" Bouches, den ich als eine höchst werthvolle Vorarbeit zu einem dereinstigen „Goethe-Wörterbuche“, mit dem man sich jedoch Zeit lassen mag, betrachte, aller Ehren werth gilt. So sind hier höchst interessant die Ausführungen über Goethes Eulogismus. Wem jedoch S. 197 gesagt wird, dieser Eulogismus werde in Betreff des Freundes Jean Paul um so verdächtiger“, wenn man sich an Goethes herbe Kritiken über Jean Paul aus den neunziger Jahren erinnere, jo muß ich erinnern, daß es dessen gar nicht bedarf, um hier gar nichts „verdächtig“ zu finden. Man braucht nur in den von Boucke selber angezogenen Noten zum Divan eine Seite weiter**) zil lejen, um den ganzen Eulogismus als boshajte Jronie zu erkennen, in der Schranke natürlich, innerhalb der Goethe überall boshaft hätte sein können. Man jagt sich zunächst: „Das ist ja auffallend wohlwollend“, bald aber ,ach jo!" Das ironische Wort „dieser Freund“ hätte eine besondere Erörterung unter den Prägnanzen verdient. Ich glaube, man darf annehmen, daß eben die Erfahrungen an Jean Paul und an der umglaublichen Beliebtheit

*) Das deutsche Lexikon weiß, wenn wir von der Kunstsprache Hegels u. a.

absehen, von einem merfwürdigen Homunfulusworte, der Erfindung eines Chemifers und Physifers, van Helmont in Brüsjel, gest. 1644, das sich durchsejte. Es ist das Wort Gas, das sich durch fast internationale flangvolle Einsilbigkeit, aber auch die beabsichtigte Anlehnung an das lateinisch)

griechische chaos der gelehrten Welt sogleich empjahl. **) Nämlich Hempel 4, 289 unten. Preußische Jahrbücher. BD. CIX. Heft 3.

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